Voluntourismus

31. Januar 2017 05:44; Akt: 31.01.2017 07:49 Print

Falsche Waisen sollen junge Helfer anlocken

von F. Lindegger - Junge Reisende wollen im Ausland Freiwilligenarbeit leisten und der lokalen Bevölkerung helfen. Doch der Voluntourismus ruft auch Betrüger auf den Plan.

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Durch Kambodscha reisen und dabei drei Wochen Englisch unterrichten, auf einem Backpack-Trip durch Mittelamerika in Costa Rica bei einem Projekt zum Schutz von Schildkröten mitarbeiten. Ferne Länder bereisen und dabei Gutes tun – der sogenannte Voluntourismus liegt im Trend. Immer öfter arbeiten vor allem junge Menschen freiwillig im Ausland. Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit inzwischen bis zu zehn Millionen Personen jährlich gegen zwei Milliarden Dollar ausgeben, um das Reisen mit einer sinnvollen Tätigkeit zu verbinden. Doch statt der lokalen Bevölkerung zu helfen, trägt man oft unbewusst dazu bei, dass Leute ausgebeutet werden und sich angebliche Hilfsorganisationen bereichern.

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Die Sendung «Mise au Point» des Westschweizer Fernsehens RTS zeigt in ihrer jüngsten Reportage die perversen Auswirkungen auf, die das Geschäft mit Freiwilligen in Kambodscha hat. Bei einer grossen internationalen Agentur, die solche Einsätze vermittelt, lässt sich etwa für drei Wochen in einem Waisenhaus in Kambodscha mit Kindern arbeiten. Dafür müssen 1100 Dollar bezahlt werden – Flug nicht inbegriffen. Rund 30 bis 40 Prozent des Betrags streiche die Agentur ein. Das Waisenhaus schliesslich setze vom restlichen Geld pro Woche nur rund fünf Dollar für die Kinder ein.

Tausende «falsche Waisen»

Dass das Geschäft mit Waisenhäusern einträglich sein kann, haben lokale Anbieter erkannt. In den vergangenen acht Jahren verdreifachte sich die Zahl solcher Institutionen in Kambodscha. Innerhalb von 30 Jahren stieg die Zahl der Waisen im asiatischen Land von 7000 auf 47'000. Gemäss dem Kinderhilfswerk Unicef verfügen aber rund 85 Prozent der Waisen noch mindestens über einen Elternteil. Die Eltern geben sie oft in der Hoffnung auf ein Einkommen in ein Waisenhaus weg. Die Kinder werden dann dafür benutzt, um potenzielle Helfer anzulocken, die für die Arbeit mit den angeblichen Waisen bezahlen.

Die Problematik mit «falschen» Waisenkindern betrifft nicht nur Kambodscha, sondern auch etwa Nepal. Doch auch falls man tatsächlich mit Waisenkindern arbeitet, kann das für die Kinder unerwünschte Auswirkungen haben. Etwa weil die Bezugspersonen ständig wechseln. «Wer bei einem Einsatz täglich mit einer fixen Gruppe von Kindern arbeitet, muss sich bewusst sein, dass man nach wenigen Wochen nicht einfach wieder gehen kann», sagt Flavia Frei vom Kinderschutz Schweiz. Kinder würden Vertrauen fassen, das nicht einfach missbraucht werden dürfe. «Längere Einsätze sind sicher sinnvoller als dreiwöchige, wenn man mit Kindern arbeitet», so Frei. Bei der Wahl des Anbieters sei deshalb zu klären, ob er Massnahmen zum Schutz der Kinder festgelegt hat.

«Einfach helfen wollen reicht nicht»

Grundsätzlich müssten sich Interessierte vor einem Einsatz gut überlegen, was die Motivation ihrer Freiwilligenarbeit im Ausland sei. «Einfach helfen wollen reicht nicht», sagt Frei. Auch die Frage, ob man für den Einsatz überhaupt qualifiziert sei, müsse man sich stellen. Zudem könne sich die geplante Tätigkeit negativ auf die lokale Bevölkerung auswirken. «Vielleicht nehme ich jemandem den Job weg. Diese Fragen gilt es im Vorfeld gut abzuklären.»

Waren auch Sie auf einem Hilfseinsatz in den Ferien und haben Problematisches erlebt? Schreiben Sie uns


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Iceman422 am 31.01.2017 06:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hier kann man auch helfen

    Das ist ja genau das Problem, man glaubt gutes zu tun und bewirkt nicht annähernd was man glaubt. Aber man kann zu Hause dann erzählen wie toll man ist, weil man da unten geholfen hat. Es hat übrigens auch hier genügend Möglichkeiten Menschen zu helfen.... ja es gibt auch hier Menschen die Hilfe benötigen und ich rede nicht mal von Geld. Aber das ist halt nicht hipp..... und nicht cool genug.... schade...

  • hul am 31.01.2017 06:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Profitgier total oder total naive Touristen

    Das wundert mich gar nicht und war zu erwarten.

  • Shaka freak am 31.01.2017 06:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    helfen ist gut aber

    danke für den Artikel das ist nämlich ein sehr wichtiges thema.... immer mehr junge wollen irgendwo was helfen das ist ja soweit gut.... aber eben dan wird man ausgenutzt und fördert den ganzen schlammassel nur noch mehr.... Informiert euch gut und investiert und hilft in langfristige projekte... auch wie schon erwähnt wichtiger punkt.... die bezugspersonn eines weisenkindes soll sich nicht immer ändern das kann gravierede folgen haben für die zukunft des kindes.... ich bin seit erdebeben in nepal vor ort immer wieder tätig und helfe beim wiederaufbau mit finanziellen mittel... ich hab genug oft erlebt wie schnell das geld in die falschen hände kommt... wenn man nicht alles gut kontrolliert...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Welltea am 31.01.2017 07:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es ist traurig, aber wahr...

    ..seit ich ein Kind bin, und das sind gute 40 Jahre mittlerweile, sehe ich noch diese Spendenaufrufe der UNICEF etc. vor mir! Was ist seitdem passiert?! Nichts. Es wurde nur noch schlimmer. Tragisch.

  • Sugar Renolds am 31.01.2017 07:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gratis? Never!

    Wie blöd müssen junge Menschen sein, die in Elendsviertel gratis arbeiten gehn? In Asien kann man Kinder mieten oder einfach weiterreichen und es muss einfach sagen: "Hab keine Eltern"! .. und schon fallen die unbedachten "Freiwillen Arbeitskräfte" rein.

  • Monika am 31.01.2017 06:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hilfsmöglichkeiten hinterfragen

    einmal mehr gilt hier: Hilfe zur Selbsthilfe. es kann nicht sein dass wir die Verpflichtung von den Menschen dort wegnehmen und aus falsch verstandener Hilfsbereitschaft die Gesellschaft bequem machen.

  • Cimeli am 31.01.2017 06:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Traurige Welt in der wir Leben

    Traurig, es wird auch noch mit Kindern und Armut Geld gemacht. Solange es Menschen gibt, die nur ihren Vorteil und ihre Gier in den Vordergrund stellen, werden wir nie gutes bewirken können. An der heutigen Situation, wie Armut, Hilfe für Waisen und auch in der Asylpolitik, wird viel Geld gemacht. Es sind immer Personen die mehr Macht haben, gegenüber den Bürgern und das auf der ganzen Welt. Der Mensch ist das schlimmste Wesen auf Erden.

  • o.p. am 31.01.2017 06:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    traurig

    Es bricht mir fast das Herz immer wieder lesen und hören zu müssen wie wieder und wieder die jüngsten unter uns ausgebeutet und missbraucht werden für die Interessen (Macht und Geld) der Erwachsenen. Gebt acht auf eure eigenen Kinder und gebt ihnen Respekt, Rücksicht, Selbstbewusstsein und Liebe mit auf den Weg.