Swiss Life Select

22. März 2016 14:30; Akt: 22.03.2016 14:30 Print

Schon Bewerber müssen ihre Freunde ködern

von V. Blank - Eine 20-Minuten-Leserin bewirbt sich beim Finanzberater Swiss Life Select – und ist schockiert, wie aggressiv sie Kunden anwerben sollte. Für die Firma ist das «branchenüblich».

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Die Erwartungen von 20-Minuten-Leserin R.K.* waren hoch, als sie das Stelleninserat sah: Ein «Job für Quereinsteiger» mit «unbegrenztem Verdienstpotenzial» – das klang für die damals arbeitssuchende Schweizerin vielversprechend. Bei der Stelle handelte es sich um einen Job als Finanzberaterin bei Swiss Life Select. Die Firma bietet nach eigenen Angaben eine «allumfassende Finanzplanung und eine lebensbegleitende Finanzberatung». Es geht um den Verkauf von Versicherungen, Vorsorge- und Anlageprodukten oder Hypotheken.

Doch nach der ersten Euphorie kam schnell die Ernüchterung. Nach ihrer Bewerbung wurde K. von Swiss Life Select informiert, dass sie vor einer definitiven Zusage mehrere Coaching-Kurse während ihrer Freizeit besuchen müsse. Was sie dort erlebt habe, habe sie schockiert, sagt K. zu 20 Minuten: «Ich wurde aufgefordert, die Namen von 200 Freunden, Bekannten und Verwandten aufzuschreiben, die ich für ein Verkaufsgespräch kontaktieren sollte.» Sie habe sich dadurch enorm in die Enge getrieben gefühlt, habe die Liste – inklusive Telefonnummern – aber trotzdem erstellt und zum nächsten Kurs mitgebracht.

Exakter Ablauf auf Schweizerdeutsch

Befremdet war die Stellensuchende auch über die Unterlagen, die ihr an den Kursen mitgegeben wurden. Dort wird auf mehreren Seiten detailliert vorgegeben, wie man widerwillige Kunden am Telefon zu einem Verkaufsgespräch überreden kann – etwa dann, wenn der Kunde kein Interesse oder keine Zeit hat oder schlicht «wirklich nicht will».

Gemäss den Unterlagen, die 20 Minuten vorliegen, sollte im Gespräch jeweils der «durchschnittliche Vorteil von 8000 Franken in fünf Jahren» betont werden, den die Kunden dank Swiss Life Select erhalten. In einem «Muster-Kontaktgespräch» gibt es ausserdem einen genauen Ablauf, was der Berater zu sagen hat – auf Schweizerdeutsch («Grüess ech, mi Name isch ...») und mit immer denselben Floskeln («Da wersch mir ja sicher nid bös, oder?»). Zudem wird immer wieder daruf verwiesen, wie viel Geld man sparen kann («... me chönt no chli Geld usehole»).

Dieses penetrante Werben im Freundeskreis hat K. letztlich davon abgeschreckt, die Stelle bei Swiss Life Select anzunehmen. «Als es im Grundkurs darum ging, meine Kollegen tatsächlich anzurufen, habe ich die Sache abgebrochen», so K., «ich wollte sie nicht belästigen und eventuell als Freunde verlieren, nur, um einen Job zu bekommen.»

Modell «höchst bedenklich»

Für den Arbeitsmarktexperten Matthias Gehrig vom Forschungsinstitut Büro Bass ist das Arbeitsmodell von Swiss Life Select bedenklich: «Wenn man im persönlichen Umfeld Finanzprodukte verkauft, können Freundschaften zerbrechen.» Das liege vor allem daran, dass das finanzielle Anreizsystem (siehe Box) die Verkäufer dazu zwinge, möglichst viele Verträge abzuschliessen, die dann vielleicht gar nicht zum Kunden passen. Leidtragende seien die Verkäufer und die Kunden gleichermassen. «Damit Modelle wie das von Swiss Life Select nicht mehr funktionieren, müsste man das Versicherungsvertragsgesetz anpassen», so Gehrig.

«Wir wollen keinen Druck ausüben»

Für Swiss-Life-Sprecher Martin Läderach hingegen ist das Vorgehen der Firma nichts Aussergewöhnliches. «Die Berater von Swiss Life Select gewinnen Kunden auf Empfehlung von bestehenden Kunden, Kaltakquisition ist nicht zugelassen.» Auch die in den Ausbildungsunterlagen beschriebenen Muster-Gespräche würden auf dem Papier «direkter und schnörkelloser erscheinen», als sie in der Praxis seien. Damit Druck auf potenzielle Mitarbeiter aufzusetzen, sei keinesfalls im Sinn des Unternehmens.

Auch dass schon Bewerber Kunden anwerben müssen, ist laut Läderach sinnvoll: «Die Grundausbildung findet ausschliesslich zweitberuflich statt, damit der Neueinsteiger im bestehenden Arbeitsfeld bleiben kann. So hat er die Chance herauszufinden, ob die künftige Beratertätigkeit zu ihm passt.» Leserin K. ist derweil froh, dass sie sich gegen den Job entschieden hat. Letztlich sei auch das Vergütungsmodell auf Provisionsbasis nichts für sie gewesen.

Dunkle Vergangenheit

Swiss Life Select ging aus dem ehemaligen Finanzdienstleister AWD hervor. Die von Carsten Maschmeyer gegründete Firma wurde 2007 an Swiss Life verkauft. Die AWD-Vergangenheit ist dunkel: Die Firma wurde in Deutschland und Österreich mehrfach von Anlegern wegen Falschberatung verklagt. Angeprangert wurden auch immer wieder die aggressiven Verkaufsmethoden.

*Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Barbara94 am 22.03.2016 15:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ja liebe Swiss Life Select

    Mich wollten Sie unbedingt, da ich jung sei aber als ich im Vertrag drin las, was passiert bei Abbruch der Quereinsteiger-Ausbildung musste ich den Herren sagen ich habe keine 50'000 auf dem Sparkonto. ich habe nichtmal 40Kontakte die ich in 2 Tagen herzaubern konnte. Schlussendlich bin ich froh habe ich dies abgelehnt, da gehts nur um Profit, der Arbeiter ist egal!

  • klare Worte am 22.03.2016 16:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bravo

    ein Dankeschön für diesen Artikel und ein Dankeschön für den Mut der Abzocke zu entsagen. Ganz klar, dass der Aussage der Betroffenen mehr geglaubt werden kann, als derjenigen des Instituts.

  • KMUnternehmer am 22.03.2016 14:44 Report Diesen Beitrag melden

    Teure CEO's wollen Bonis haben.

    .... und erst recht wenn es sogenannt ausländische Fachkräfte sind ! Ich weiss schon warum ich dieser Abzockerbande mit meinem Geschäft, mit dem BVG den Rücken zugekehrt hatte.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Martinho am 22.03.2016 19:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Genau wie damals...

    Das IST AWD. Wurde von Swisslife gekauft.

  • Cavi33 am 22.03.2016 18:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aufgepasst junge Leute

    Das ist klar, jeder neue muss sein engstes Umfeld zuerst abklappern, erst wenn dort alle mit einer Lebensversicherung bedient sind geht es auf die andern. Es ist müssig darüber zu diskutieren ob ein 25jähriger eine Lebensversicherung braucht die dann 20 Jahre Laufzeit hat und die ersten Prämien nur für Provisionen drauf gehen. Fazit: braucht er nicht schade um das Geld und der nicht garantierte Überschuss

  • allwissend am 22.03.2016 18:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    genießen

    Hatte mehrere anrufe von ihnen. habe auch diverse termine gemacht, und den berater immer auf mich warten lassen. nun meden sie sich nicht mehr

  • roll2go am 22.03.2016 18:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    das grosse Geld

    In den 80er Jahren nannte sich das bei einem andern Unternehmen noch Vermögensberater! "...meine Aufgabe besteht darin, Ihnen zu helfen, Ihre steuerlichen Vergünstigungen, auf die Sie einen gesetzlichen Anspruch haben, wahrzunehmen!" - So sollte ich ebenso Unbekannten, Freunden und Verwandten vor allem Lebensversicherungen verkaufen - und so richtig gut verdienen. Nach dem ersten Einführungstag verabschiedete ich mich wieder.

  • Donald am 22.03.2016 18:25 Report Diesen Beitrag melden

    ganz schön viel

    200 Freunde, Bekannte und Verwandte. Ich muss ehrlich sagen, ich würde bereits daran scheitern. So viele Adressen würde ich nicht zusammen kriegen. Was ich mich aber frage, diese Berater werden vor allem für den Verkauf geschult, aber verstehen sie auch wirklich etwas vom Produkt? Ein Anlageberater einer Bank muss ja auch wissen, was eine Kassenobligation, ein Fond usw. ist.