«Agile Organisation»

01. September 2017 05:48; Akt: 01.09.2017 07:45 Print

So funktioniert das Arbeiten ohne einen Chef

In zehn Jahren soll die Hälfte der Swisscom-Angestellten ohne klassische Chefs arbeiten. Ein Experte erklärt, in welchen Branchen das Modell Sinn macht.

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Die Angestellten der Swisscom-Abteilung Softwareentwicklung programmieren ohne klassische Chefs, seit der Telecomriese die Abteilung komplett umgebaut hat. Demnach werden klassische Führungsaufgaben wie Meetings leiten oder Personal rekrutieren auf verschiedene Mitarbeitende verteilt. Laut «Blick» ist die Abteilung nicht die einzige, die bei der Swisscom bereits nach einer sogenannten «agilen Organisation» geführt wird.

Innerhalb der Firma sind es bereits 1500 der 18'000 Angestellten. Und bis in zehn Jahren soll gar die Hälfte der Mitarbeiter in «offeneren» Strukturen arbeiten, in denen sie sich selbstständiger organisieren können, wobei die Swisscom betont, es gebe auch da weiterhin Personen mit Chef-Rollen, die etwa «Strategien festlegen oder Budgets sprechen und steuern».

«Chefs müssen lernen, sich nicht einzumischen»

Auch bei der SBB, die ihre Informatikabteilung ohne klassischen Chef nach «agiler Methode» führt, zieht man ein positives Fazit: «Mitarbeitende können ihre Kompetenzen direkt und wirkungsvoll einbringen. Dafür braucht es keine Anweisung durch einen Chef.» Die Zusammenarbeit in kleinen, selbstorganisierten Teams strebe man längerfristig konzernweit an.

Für die bisherigen Chefs sei die Umwälzung jedoch nicht ganz einfach gewesen, wie SBB-Sprecher Oli Dischoe sagt: «Sich nur noch um das Was zu kümmern und nicht um das Wie, fällt vielen Vorgesetzten nicht leicht.» Sie müssten lernen, Verantwortung zu delegieren, ohne sich bei der Umsetzung einzumischen.

Noch weiter geht das Modell der Holokratie, das bei der Swisscom in der Personalabteilung bereits umgesetzt ist: Abteilungen werden dabei in sogenannten Kreisen organisiert. Innerhalb des Kreises können sich die Angestellten gleichberechtigt entscheiden. Zwar gibt es in diesem Modell keinen direkten Chef mehr. Ohne Hierarchie funktioniert es aber auch hier nicht: Jeder Kreis muss über seine Arbeit dem ihm übergeordneten Kreis Rechenschaft ablegen.

Auch die Webagentur LIIP hat dieses Modell bereits umgesetzt. «Entscheidungswege sind viel kürzer, weil Autorität verteilt und nicht nach oben kumuliert wird», erklärt die Firma. Dies sei gerade im Umfeld der schnelllebigen Internet- und Mobile-Softwareentwicklung von kapitalem Vorteil.

Ziel der Swisscom sei «extrem ambitioniert»

Personal-Experte Matthias Mölleney begrüsst es, dass mit Swisscom ein gewichtiger Arbeitgeber auf neue Arbeitsformen setzt. Dies zeige, dass sich Firmen zunehmend Gedanken machten, wie sie in der digitalisierten Arbeitswelt bestehen und Talente anlocken könnten. Bis in fünf bis zehn Jahren jedoch die Hälfte der Mitarbeiter entweder in eine Holokratie oder eine «agile Struktur» überzusiedeln, hält Mölleney für «extrem ambitioniert».

Mölleney vergleicht das holokratische Modell mit einer Wohngemeinschaft: «Auch dort gibt es keinen direkten Vorgesetzten, und trotzdem wird der Putzplan eingehalten.» Die Vorteile des holokratischen Organisationsmodells sieht er darin, dass die Angestellten mehr mitbestimmen können, wodurch die Motivation steige.

Arbeiten ohne Chefs passt nicht für alle Angestellten

Im Gegenzug fordere das Modell von den Angestellten eine grosse Eigenständigkeit, viel Disziplin und Verantwortungsbewusstsein. Deshalb entspreche diese Organisationsform auch nicht jedem Angestellten. «Jemand, der acht Stunden im Büro sitzt und Ende Monat seinen Lohn auf dem Konto haben will, tut sich sehr schwer mit der Holokratie.»

Dass künftig ein Grossteil der Schweizer Arbeitnehmenden in Strukturen ohne Chefs arbeiten werde, glaubt Mölleney nicht. «Das holokratische Modell kann in kreativen Branchen wie Werbeagenturen oder Software-Entwicklern oder bei jungen, innovativen Firmen wie Freitag gut funktionieren», so der Personal-Experte. Solche Firmen würden jedoch auch in Zukunft die Minderheit stellen. «Auf dem Bau oder im Detailhandel, also bei Tätigkeiten mit starren Abläufen, wird es weiterhin traditionelle Hierarchien brauchen», sagt Mölleney.

(pam)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Imfall am 01.09.2017 09:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verantwortung

    Das funktioniert so lange, bis etwas schief läuft. Wer übernimmt dann die Verantwortung? "Ich kann nichts dafür"... kennt ihr das?

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  • Milchshake am 01.09.2017 06:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Chefsache

    Ob mit Chef oder ohne, es wäre so oder so Zeit dass jeder Angestellte wieder mehr in die Eigenverantwortung kommt. Man schiebt jede Verantwortung meistens ab oder weiter so nach dem Motto: Der andere soll schauen und entscheiden.

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  • Rotzbueb am 01.09.2017 08:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Grund...

    ... ist wohl auch, dass so weniger Gehälter für leitende Angestellte bezahlt werden müssen...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • chnüblicheib am 05.09.2017 18:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es funktioniert! Vor 20. Jahren prognostiziert.

    Wenn jedem Mitarbeiter die auf ihn zugeschnittene Chef-Teilaufgabe übertragen wird, welche seinen Fähigkeiten entspricht und ihm viel Spass macht, kann dies viel Begeisterung und Zufriedenheit im Job auslösen. Ja, sogar eine Verbesserung resultieren. Da dies auch eine Kosteneinsparung auslöst, wäre es wichtig dies auch finanziell zu honorieren.

  • Logos am 04.09.2017 13:14 Report Diesen Beitrag melden

    Die Zentrale schaffen.

    Die Chefsrolle soll eine Zentrale von Computer übernehmen. Dann klappt es

  • Toni am 04.09.2017 12:53 Report Diesen Beitrag melden

    Der Bauer

    Klar funktioniert es ohne Chef. Indem man die Mitarbeiter am Unternehmen Beteiligt und die Gewinne Verteilt . Klar es ist dann eine Umstellung, da viele selbst wieder zu denken anfangen müssen und anfangs Unsicher sind. Da die Mitarbeiter motivierter sind und es keine Sklaventreiber mehr braucht, braucht es diese Chefs nicht mehr. Es wird dann aber auch noch geschickte Lenker brauchen wie jetzt, nur werden dann vielleicht manch fähigere eingesetzt.

    • THINK am 04.09.2017 15:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Toni

      Ja, Top US Unternehmen beteiligen die Belegschaft im IT Bereich. Hier in der Schweiz ist man der Meinung das man mit einem Teuerungsausgleich ( es gibt tatsächlich eine Teuerung) Jubelsprünge machen soll. Das soll eine Belohnung für sehr gute Leistungen sein? Wohl kaum, obwohl ich weiss das viele selbst damit schon zufrieden wären. Für viele gibt's nicht mal mehr das.

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  • Daniel Baumgartner am 04.09.2017 10:12 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Kindergeburtstag

    Die meisten Betriebe arbeiten noch auf der Basis von Organisationsformen aus der Zeit der Industrialisierung. Reformen sind dringend nötig. Das hier diskutierte Konzept ist sehr anspruchsvoll. Alle müssen sich an ihrem Beitrag zum Resultat messen lassen sonst funktioniert das nicht. Gut möglich, dass die Chefs daher in einem solchen System deutlich mehr unter Druck geraten was aber nicht unbedingt ein Nachteil für Mitarbeitende und Unternehmen sein muss .....

  • Mona Morgentau am 04.09.2017 07:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nette Idee

    Ja genau! Der Chef kümmert sich nicht mehr um das wie, und wenn dann alles aus dem Ruder läuft, weil einzelne Kreise vielleicht doch nicht so ideal zusammenarbeiten, kommt dann der Liebe Steuerzahler und übernimmt die Verluste! Übrigens wie jedesmal, wenn einer dieser grossen Halbstaatskonzerne einen neuen Oberguru erhält.......