Analyse

04. Juli 2012 07:09; Akt: 04.07.2012 10:03 Print

Darum geht es im Libor-Skandal

von Lukas Hässig - Gleich drei Topshots der englischen Grossbank Barclays stürzen über die Manipulationen beim Libor-Zins. Es ist der Anfang der grössten Umwälzung im Global-Banking.

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Die englische Grossbank Barclays räumt auf: Drei der wichtigsten Köpfe mussten das Finanzinstitut verlassen. (Bild: Keystone)

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Das hat es in der ganzen Finanzkrise noch nie gegeben. Innert 24 Stunden landen die drei obersten Köpfe eines der grössten und wichtigsten Finanzhäuser auf der Strasse. Der Präsident, der CEO und der oberste Stabschef der englischen Barclays Bank scheitern am Libor-Skandal.

Wer es bisher nicht gewusst hatte, der muss nun erkennen: Der Fall der getürkten Zinssätze mit Auswirkungen auf die unterschiedlichsten Finanz-Produkte ist der Super-GAU für die Industrie. Einen grösseren Crash kann man sich kaum vorstellen.

Libor je nach Gusto

In England hat Libor-Gate zu einem radikalen Wetterumschlag geführt. Waren die Politiker bisher nur rhetorisch hart mit den obersten Bankern, machen sie nun plötzlich Ernst mit Strafen und Verbannung.

Für Barclays-CEO Bob Diamond wurde die Lage aussichtslos. Dass er Amerikaner ist, hat ihm im Moment der höchsten Not auch nicht geholfen. Schon vor dem Libor-Fall galt Diamond als «meistgehasster Banker der City», des Finanzdistrikts von London.

Betroffen vom Libor-Meltdown sind viele Grossbanken von Rang und Namen: die US-Citibank, die englische Royal Bank of Scotland, die kanadische Royal Bank of Canada, die Schweizer UBS. Auch die CS taucht auf dem Radar auf, allerdings weniger prominent. Weil sich die UBS selbst anzeigte und von Beginn weg kooperierte, geniesst sie einen kleinen Schutz.

Anschein von Normalität

Allein das betroffene Volumen ist gigantisch. Kredite und Investments über rund 350 Billionen Dollar sind vom Libor abhängig. Das ist eine Zahl mit 12 Nullen. Libor heisst ausgeschrieben London Interbank Offered Rate. Seit Jahrzehnten melden die wichtigsten internationalen Banken um 11 Uhr englischer Lokalzeit einer zentralen Stelle jenen Zinssatz, zu dem sie von anderen Geldhäusern Kredite erhalten.

In der Krise versuchten die Institute, den Anschein von Normalität zu erwecken. Je tiefer der Zinssatz zur eigenen Verschuldung, desto sicherer die Bank, lautete damals das Motto. Also stellten die betroffenen Finanzmultis möglichst tiefe Sätze ins System. Vor der Krise kam es auch vor, dass eine Bank überhöhte Zinsen meldete, je nachdem, was für die Bewertung der eigenen Position günstiger war.

Wo schauten die Aufseher hin?

Gerüchteweise waren die Manipulationen seit langem ein Thema. Laut dem englischen Wirtschaftsblatt «Financial Times» konnten Händler mit grossen Eigenpositionen ihre Wünsche beim zuständigen internen Libor-Manager anmelden. Erfüllte dieser die Bitten der Frontleute, dann zeigten sich diese erleichtert und schmissen am nächsten Feierabend eine Runde.

Auch für die Regulatoren könnte Libor-Gate zum Desaster werden. Gerüchteweise soll die Bank of England (BoE) als oberste Überwacherin des Finanzplatzes in London längst Kenntnis von den Manipulationen gehabt haben. Doch statt den Hinweisen nachzugehen, liess die BoE den Dingen freien Lauf. Deshalb steckt nun auch die Notenbank im Schlammassel drin.

Der Libor bestimmte die Kosten des Lebens

Das ist umso erstaunlicher, als den Chef-Kontrolleuren selbstverständlich klar sein musste, was auf dem Spiel stand. Der von einem kleinen Club fixierte Libor hatte direkte Auswirkungen auf das Leben der kleinen Bürger. Hausbesitzer mit einer Hypothek, die auf Libor-Plus-Marge beruhte, waren ebenso vom Zins abhängig wie Unternehmer mit Geschäftskrediten, die je nach Libor mehr oder weniger kosteten.

Das System mit wenigen ausgewählten Banken, die untereinander den wichtigsten Preis für Geld festlegen konnten, lud zu einem Murks geradezu ein. Ein enger Kreis von Insidern, eine kleine Manipulation, eine gigantische Wirkung waren die Ingredienzien für «The Biggest Inside Job».

Kommt die Branche jetzt zur Besinnung?

Die Folgen könnten dramatisch sein. Wenn die Stimmung in der politischen Landschaft Englands innert kürzester Zeit kippt, dann sind weitere Schnitte in den Chefetagen der betroffenen Banken und bei den Aufsehern der Finanzmärkte zu erwarten.

Der Libor-Skandal ist von der Wirkung her vergleichbar mit dem Auffliegen des Ponzi-Schemas von Bernard Madoff. Ende 2008, wenige Wochen nachdem der Konkurs von Lehman Brothers die Finanzwelt an den Abgrund gebracht hatte, schickte der 50-Milliarden-Betrug des vermeintlich honorigen Investors Schockwellen durch die weltweite Vermögensverwaltung.

Wie bei Madoff folgt auch beim Libor-Skandal als Quintessenz, dass im Banking keinem vertraut werden kann. Es ist dieser Generalverdacht, der die Branche mehr beschädigt als jeder Milliardenverlust. Trau keinem Banker, lautet die Lehre für viele. Das komplette Misstrauen könnte zum Umdenken führen. Irgendwann hilft nur noch das grosse Reinemachen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Thomas G. am 04.07.2012 09:41 Report Diesen Beitrag melden

    Und traue keinem mit einer langen Nase!!

    Naja wir Wollens mal nicht übertreiben mit solch populistischen Hetzkampagnen gegen das Finanzsystem. Wegen ein Paar schwarzen Schafen so zu dramatisch zu argumentieren... Naja also dann kämen mir viel schlimmere Menschen in den Sinn, welchen man nicht trauern sollte. Über diese werden Beiträge seltsamerweise nur immer beschönigt... ;-)

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  • Mr. Geld am 04.07.2012 10:03 Report Diesen Beitrag melden

    Manipulation der Banken und Staaten

    Kleine Manipulation der Banken - grosse Manipulation der internationalen Politik. Dass Die Banken am Libor um einige Basispunkte (hundertstel prozent) "geschraubt" haben ist zwar verwerflich - doch wer verfolgt nun die USA und die EU welche mit ihrer Geldflut und Marktmanipulation die Zinsen in den Keller geschickt haben? ... allenfalls die "Aufsichtsbehörden"?

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  • Hans Schmidr am 04.07.2012 09:29 Report Diesen Beitrag melden

    Betrug

    Madoff ist im Knast, ich hoffe doch sehr, dass diese "Manipulatoren" im bald gesellschaft leisten.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ce Fi am 05.07.2012 10:06 Report Diesen Beitrag melden

    Kommt die Branche jetzt zur Besinnung?

    Die drei obersten Köpfe landen auf der Strasse... Mitleid zu haben fällt mir schwer, nachdem die Drei jahrelang Millionensaläre und -boni erhalten haben und eine strafrechtliche Verfolgung wohl im Sande verlaufen wird. So lange das so ist, wird die Branche nicht zur Besinnung kommen.

  • E.E. am 05.07.2012 09:09 Report Diesen Beitrag melden

    Räuber in Nadelstreifen

    Manche Banken haben den Liborsatz manipuliert um Profite zu machen. Der Kleine Mann musste diese Profite bezahlt. Die verantwortlichen Banker sind nichts anderes als Räuber in Nadelstreifen, diese Leute gehören weggesperrt und sollten nie wieder als Banker arbeiten dürfen.

    • Supermario am 05.07.2012 14:03 Report Diesen Beitrag melden

      Allez hopp!

      Dann stell doch (in der Annahme, dass du dich hinter das Prädikat "Kleiner Mann" stellst) der Barclays eine Rechnung! Da der Vorgang ja bekannt ist, müsste es dir auch ein leichtes sein, deinen Schaden auf Franken und Rappen zu beziffern! Ein bisschen Courage hinter solche Kommentare gehört dann schon auch dazu!

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  • Heini am 04.07.2012 20:04 Report Diesen Beitrag melden

    Wer ist überrascht?

    Ach - solange einfach immer alles mit Bussen und Rücktritten ad acta gelegt werden kann, ist doch alles i.O. und es kann frei weitergemischelt werden...

    • Ulrich Leuenberger am 05.07.2012 11:48 Report Diesen Beitrag melden

      Baenker = Ganoven?

      Stimmt! Die kleinen haengt man, die grossen Ganoven laesst man laufen!

    • Supermario am 05.07.2012 14:01 Report Diesen Beitrag melden

      Worüber?

      Nein sicher nicht. Warum wohl sind viele Investmentbanken (wie zB RBS oder Commerz) nun unter Staatsfuchtel? Ob hingegen eine vollständige Verstaatlichung des Geldmarktes effizienter und billiger langfristig billiger wäre, wage ich immer noch zu bezweifeln! Wer wäre dann letztlich verantwortlich über Gewinn und Verlust dieses Geschäfts?

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  • ich wars am 04.07.2012 17:05 Report Diesen Beitrag melden

    Sparkonto

    Wenn die Banken beim Staat nahezu gratis Geld bekommen. Was für einen Grund haben dann die Banken noch mir auf meinem Sparkonto einen Zins zu geben, den mann auch so nennen kann. Pensionskassen/Vorsorge machen auch keine Zinsen mehr. Hauptsache die Bonis stimmen.

    • Supermario am 05.07.2012 13:58 Report Diesen Beitrag melden

      Grundkurs in Geldpolitik

      Würde dir wärmstens mal einen Grundkurs über Geldpolitik empfehlen. KEINE Bank erhält vom Staat Geld; dieses wird zu 100% durch die Notenbank "generiert". Zins ist immer der Preis für Geld. Generiert die SNB (ob Note oder virtuell) mehr Geld sinkt logischerweise der Preis (die Zinsen) dafür. Dass die Geschäftsbanken auch keine Zinswunder schaffen können, wenn die Natibank Geld zum Nulltarif verteilt, dürfte dann wohl jedem logisch denkenden Mitbürger einleuchten?

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  • Fat Cat am 04.07.2012 16:19 Report Diesen Beitrag melden

    Die Macht des Gelds

    Die Banken haben die Macht erhalten Geld aus dem Nichts zu erschaffen und dafür Zinse zu verlangen. Diese Macht hat sie verdorben. "Gib mir die Kontrolle über das Geldsystem eines Landes, und es ist mir völlig egal wer da die Gesetzte bestimmt". Nathan de Rothschild Und dies ist schon mehrmals passiert in der Geschichte. Es ist Zeit aufzuwachen.