Konsumentenfrust

07. Dezember 2017 15:06; Akt: 07.12.2017 15:06 Print

Das sagen die kritisierten Branchen zur Ärgerliste

Zu den grössten Ärgernissen der Konsumenten gehören dieses Jahr die Billag-Mehrwertsteuer oder der Diesel-Skandal. Die Reaktionen auf die Kritik.

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Dicke Post – unerlaubte Inkasso-Forderungen. : Probleme mit Internet, Festnetz, TV, Radio und Mobiltelefonie. Aggressive Werbeanrufe. : Allgemeine Vertragsprobleme, etwa wegen Garantie oder Lieferung. Der VW-Abgasskandal. Rückforderung der unrechtmässig erhobenen Mehrwertsteuer durch die Billag. Steigende und intransparente Kosten der Bank-Dienstleistungen sorgten laut der Allianz der Konsumentenschutz-Organisationen für Ärger. Viele Beschwerden betrafen den «Zuschlag Schweiz», also dass internationale Unternehmen in der Schweiz die Preise für ihre Produkte deutlich höher ansetzen als in anderen Ländern. Keine Ware bei Vorauszahlung oder unverhoffte Zollkosten: zwei der häufigsten Gründe für Beschwerden im Bereich Online-Shopping. Die Krankenkassenprämien steigen auch kommendes Jahr deutlich, entsprechend viele Meldungen gingen bei den Konsumentenschützern zu diesem Thema ein. Zudem fallen im kommenden Jahr Rabatte bei Kollektiv-Zusatzversicherungen weg, was für höhere Prämien sorgt. Rund sieben Prozent aller Beschwerden betrafen das mobile Telefonieren. Beanstandet wurden etwa nicht nachvollziehbare hohe Roaming-Kosten, Gebühren oder kundenunfreundliches Kleingedrucktes. VW hat bekanntlich bei den Abgaswerten von Dieselmotoren geschummelt. US-Kunden erhielten deshalb eine Entschädigung. Die Besitzer der rund 129'000 betroffenen Fahrzeuge in der Schweiz gingen dagegen leer aus. Platz vier der Rangliste belegen unerlaubte Inkassoforderungen. Wer seine Rechnung zu spät bezahlt, bekommt von Firmen neben einer Mahnung vielfach auch eine Forderung für den Verzugsschaden. Doch solch Forderungen werden oft zu Unrecht erhoben. Beispiele für diese Kategorie umfassen etwa vermeintliche Gratisabos von Dating-Plattformen, die aber versteckte (Abo-)Kosten mit sich bringen. Ein anderes Beispiel sind Online-Routenplaner, die nach den Ferien Geld fordern und mit rechtlichen Konsequenzen drohen. Hersteller weigern sich, die Reparaturkosten zu übernehmen, da es sich um einen selbstverschuldeten Schaden handelt. Zwischen Januar und November 2016 gingen bei der Allianz der Konsumentenschutz-Organisationen 3656 Beschwerden zu diesem Thema ein. Wie im Jahr zuvor führten auch 2016 die unerlaubten Werbeanrufe die Ärgerliste der Konsumenten-Organisationen an. Gut ein Fünftel der Beschwerden betraf dieses Thema.

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Doppelt so viele Beschwerden wie im Vorjahr gingen zwischen Januar und November bei den Schweizer Konsumentenschützern ein. Die Rangliste führen die Klagen über die Rückerstattung der Billag-Mehrwertsteuer an. Doch was sagen die betroffenen Branchen? 20 Minuten hat nachgefragt.

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• Billag-Mehrwertsteuer

Allein 19'000 Anfragen entfielen auf die Mehrwertsteuer, die der Bund zwischen 2005 und 2015 zu Unrecht auf der Billag-Rechnung erhoben hatte. Dies hatte das Bundesgericht 2015 festgestellt. Konsumentenschützer fordern die automatische Rückerstattung, der Bund hat eine diesbezügliche Klage ans Bundesgericht weitergezogen.

Das sagen die Billag und der Bund: Auf Anfrage verweist die Billag auf ihre Auftraggeberin, das Bundesamt für Kommunikation (Bakom). Dort heisst es, man werde über das weitere Vorgehen informieren, sobald ein Urteil des Bundesgerichts vorliege. Die Billag verrechnet seit Mai 2015 die Mehrwertsteuer nicht mehr.

• VW-Abgasskandal
Die Abgas-Manipulationen deutscher Autohersteller, darunter Volkswagen, sorgen auch in der Schweiz für rote Köpfe. Ein Grund laut Konsumentenschutz: Der Marktwert der Fahrzeuge sei um 15 Prozent geschrumpft.

Das sagt ein Hersteller: «Die Volkswagen AG bedauert es sehr, Kunden weltweit und auch in der Schweiz enttäuscht zu haben», erklärt Amag-Sprecher Dino Graf. Er betont, dass mit dem mittlerweile bei 95 Prozent der betroffenen Fahrzeuge aufgespielten Software-Update die Kunden ein absolut konformes Fahrzeug hätten. Ein Wertverlust ist laut Graf nicht festzustellen: «Die aktuellen Occasionspreise liegen im oder leicht über dem Marktumfeld.»

• Garantieprobleme: Beispiel Handy
Was tun, wenn der Händler sich weigert, das zersplitterte Handy trotz laufender Garantie zu ersetzen? 12 Prozent der Anfragen entfielen auf solche Garantieprobleme. Laut Konsumentenschutz spekulieren die Händler darauf, dass die Kunden nicht beweisen können, dass es kein Selbstverschulden war.

Das sagt ein Händler: «Die Swisscom schickt defekte Geräte in die von den Herstellern zertifizierten Servicecenter ein», sagt Sprecherin Annina Merk. Die Spezialisten vor Ort beurteilten nach exakten Guidelines des Herstellers den Schaden und liessen der Swisscom ein Gutachten zukommen, ob es sich um einen Garantiefall handle oder nicht. «Auf dieses Urteil müssen wir als Wiederverkäufer vertrauen und geben den Entscheid dem betroffenen Kunden weiter.»

• Aggressive Verkaufsmethoden
Der Ärger über aggressive Telefonwerbung führte letztes Jahr zu den meisten Beschwerden. Dieses Jahr rangieren die unlauteren Geschäftspraktiken auf dem vierten Platz.

Das sagt die Swisscom: «Wir haben bereits letztes Jahr den Filter für unerwünschte Werbeanrufe fürs Festnetz und nun neu auch fürs Mobilfunknetz lanciert», so Sprecherin Merk. Der Filter sei sehr erfolgreich und blockiere mehr als 120'000 unerwünschte Anrufe pro Tag. «Insgesamt konnte der Filter in diesen ersten 12 Monaten über 18 Mio. Anrufe blockieren.»

• Unerlaubte Inkasso-Forderungen
Inkasso-Unternehmen übernehmen die Eintreibung von Schulden für ihre Auftraggeber. Das Problem: Oft verrechnen die Inkasso-Büros zum geforderten Betrag zusätzliche Aufwände und drohen bei Nichtbezahlung mit einem Eintrag im Betreibungsregister.

Das sagt eine Inkasso-Firma: «Wenn ein Konsument eine Rechnung nicht bezahlt, entsteht bei der betroffenen Firma ein Mehraufwand, weil sie das Geld eintreiben muss. Das macht sie entweder selbst oder beauftragt eine Inkasso-Firma», sagt Michael Loss von Intrum Justitia. In beiden Fällen entstehe dem Gläubiger ein Mehraufwand, den sogenannten Verzugsschaden, den das Inkassounternehmen dann einhole. «Dieser Betrag hat nichts mit dem Verzugszins zu tun. Diesen verrechnet der Gläubiger, weil ihm auf den fälligen Betrag durch die Nichtbezahlung der Zins fehlt.» Laut Loss ist es zudem nicht die Absicht der Inkasso-Betreiber, mit der Information zu einer möglichen Betreibung Druck auszuüben, «sondern ganz reale Folgen der Nichtbezahlung aufzeigen zu können». Loss: «Es trifft aber zu, dass in einigen Briefen noch veraltete Formulierungen verwendet werden, die diesen Anschein machen können. Wir sind daran, dies weiterzuentwickeln.»

(pam)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Verfasser am 07.12.2017 15:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arroganz kommt vor dem Fall

    Ich lese im Kommentar, dass alle betroffenen Stellen sich elegant aus der Affäre manövrieren und alles bis auf wenige Ausnahmen, beim alten bleibt.

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  • Marc am 07.12.2017 15:39 Report Diesen Beitrag melden

    Verzugsschaden

    Herrn Loss schlage ich vor noch einmal Art. 106 OR zu lesen und sich gegebenenfalls erklären zu lassen. Wobei ich sicher bin, dass er informiert ist und dass es der Intrum Justitia egal ist. Denn solange sie irgend ein Verzugsschaden verrechnen können machen sie es auch. Hoffe es wehren sich alle Betroffenen oder lassen sich helfen.

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  • E.H. am 07.12.2017 15:42 Report Diesen Beitrag melden

    Bundesaämter sind halt nicht so schnell

    Billag: Unsere Bundesämter arbeiten halt nicht so schnell. Da muss man zum Teil Jahre auf einen Entscheid warten (s. Bakom). Die Beamten sind sich halt nicht gewohnt schneller und länger zu arbeiten.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Blume am 08.12.2017 21:15 Report Diesen Beitrag melden

    Einfach mal nicht konsumieren

    Blablabla, wir sollten endlich einmal pro Woche den None-Konsum einführen damit würden diese Firmen endlich vom hohen Ross etwas runterkommen. Wir haben es in der Hand also los

  • Stefan Kaiser am 08.12.2017 17:08 Report Diesen Beitrag melden

    Arroganz

    Bin gepannt, ob es nach Abschaffung der Billag dann heisst: "Eine nicht mehr existierende Firma kann auch keine MWST zurückzahlen!" Die Arroganz des BAKOMs, mit Steuergeldern den Entscheid des BG zur MWST-Rückzahlung nochmals anzufechten, ist unerhört und ein Schlag ins Gesicht von jedem Gebührenzwangs-Zahler! Und zeigt, dass es eben doch ein Staatsfernsehen ist!!! JA zu No Billag!!!

  • Tom P. am 08.12.2017 12:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Irrtum Justitia

    Die Inkasso-Firma wird scherzeshalber intern von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern so genannt, weil sehr viele irrtümlich angestrebte Verfahren laufen. Die wissen selber auch, dass Vieles nach dem Prinzip Versuch und Irrtum läuft. Man testet einfach mal, ob die Leute sich wehren - und das tun viele Leute in der Schweiz nicht, vor allem ältere Menschen, die sich Jahrzehnte nicht zu schulden kommen liessen. Trauriges Geschäftsmodell.

    • E. Floethenbeyn am 08.12.2017 12:37 Report Diesen Beitrag melden

      Dubiose Methoden

      Die eigentlich in Schweden ansässige Intrum I. macht in der Branche eine ganz schlechte Nummer, teils sind die Methoden nach eigener Erfahrung höchst dubios und verstossen gegen Datenschutzbestimmungen. Z.B. führte die Firma vor einigen Jahren auf per Email versandten Links ihre mutmasslichen Schuldner auf einer Webseite auf, und zwar nicht in einer "indivuellen" Liste, es fanden sich da auch andere Namen. Die Forderung war schliesslich unberechtigt und wurde eingestellt, aber erst auf Androhung einer Anzeige wegen besagter "Internet-Prangerei".

    • Robert Forster am 08.12.2017 15:59 Report Diesen Beitrag melden

      @E. Floethenbeyn

      "Eigentlich in Schweden ansässig" - soll das jetzt heissen, dass es in der Schweiz niemand mehr seine Rechnungen zahlen soll? Oder in Schweden was falsch läuft? Und "vor ein paar Jahren" soll was über die aktuelle Arbeitsweise aussagen? Und "nach eigener Erfahrung"... Sie sind mir ja ein lustiger Vogel - lieber mal kleinen Firmen wie meiner Firma die Rechnung bezahlen, statt Kommentare schreiben, aber ehrlich.

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  • Rigi am 08.12.2017 10:45 Report Diesen Beitrag melden

    Hirn einschalten

    VW war auch vor dem Diesel-Skandal auf Grund x anderer Skandale schon unkaufbar. Abgesehen davon sind VW und alle Submarken im Unterhalt völlig überteuert. Die Ersatzteile x mal teurer als die identischen Teile bei anderen Marken wie Suzuki. Auch in den Pannenstatistiken sind VWs nur Durchschnitt. Die Verarbeitungsqualität in diesem Preissegment von VW hat die Konkurrenz auch längst erreicht. Sehe keinen Grund weshalb man denen noch Geld in den Rachen werfen soll. Das meiste Geld fliesst dann statt in Technik sowieso in Werbung. Der Standard VW Kunde kauft halt eben blind.

    • RR am 08.12.2017 18:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Rigi

      dann kaufen Sie mal ein Ersatzteil bei Toyota... aber bitte stellten Sie einen Defribillator bereit :-)

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  • Fäbl am 08.12.2017 10:37 Report Diesen Beitrag melden

    Inkassofirmen

    Ich zahle grundsätzlich nichts an Inkassofirmen, denn ich habe mit denen keinen Vertrag abgeschlossen. Von daher sehe ich eine solche Forderung eher als eine ungerechtfertigte Bereicherung....

    • Marco am 08.12.2017 13:28 Report Diesen Beitrag melden

      Selberschuld

      So so.... Du hast ein Produkt oder eine Dienstleistung bezogen und nicht innerhalb von 30 Tagen bezahlt? Also für mich ist das Diebstahl! Machst du das im Migros auch so? Gipfeli nehmen und nicht bezahlen weil du gerade kein Geld hast? Übrigens, wenn du nicht zahlst verrechnet die Migros CHF 150.- Untriebsentschädigung, die SBB CHF 180.- Busse und und und.... In der Privat-Wirtschaft heisst das halt Verzugsschaden und kostet leider immernoch viel zu wenig...

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