Facebook-Fiasko

24. Mai 2012 00:49; Akt: 24.05.2012 07:12 Print

Kehrt Zuckerberg der Nasdaq den Rücken?

Der verkorkste Börsengang gibt weiter zu reden: Laut Gerüchten will Facebook die Nasdaq verlassen. Banken hielten kritische Analysen unter Verschluss. Derweil kann der Kurs erstmals zulegen.

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Von 2004 bis 2006 sah Facebook gegenüber MySpace noch ziemlich alt aus. Dann zündete Zuckerberg den Turbo und überflügelte die einstige Nummer 1 Anfang 2008. Die Popularität zeigt sich auch bei den steigenden Suchanfragen bei Google (Bild). Twitter ist mit 140 Millionen aktiven Nutzern gegenüber den 900 Millionen von Facebook im Hintertreffen, aber trotzdem die klare Nummer 2. Seit 2011 wächst Facebook deutlich langsamer, auch in der Schweiz. Das geringere Wachstum zeigt sich auch bei den Suchanfragen nach Facebook bei Google, wie die Grafik zeigt. Vor allem in den USA scheint der Markt gesättigt zu sein. Dafür angelt sich Zuckerberg in Schwellenländern in Asien und Südamerika neue Kunden. Fast drei Millionen Schweizer haben Facebook im März 2012 genutzt. Seit Anfang Jahr hat die Nutzerzahl nochmals um 3,2 Prozent zugelegt. Mark Zuckerbergs Facebook zieht vor allem ältere Semester an. Bei den ganz Jungen (unter 15 Jahren) verliert das Netzwerk massiv Nutzer. Bei den Teens und Twens ist der Plafond erreicht, die Zahlen stagnieren. Im März 2012 war erstmals fast die Hälfte der Facebooker (48 Prozent) über 30 Jare alt. Mit dem steigenden Durchschnittsalter steigt auch die Kaufkraft der Mitglieder, was Facebook noch wertvoller macht. Acht Jahre nach der Gründung gibt es 900 Millionen Facebooker. Ein Schatten seiner selbst: Ende 2007 hatte der Social-Network-Pionier MySpace rund 220 Millionen Mitglieder, Ende 2011 waren es noch 30 Millionen. Der dramtasiche Rückgang widerspiegelt sich auch in den Suchanfragen bei Google. Google+, das soziale Netzwerk von Google, legte Mitte 2011 einen fulminanten Start hin. Inzwischen ist das Interesse der User aber stark gesunken. Konkurrenz erwächst Facebook von Twitter. Das Interesse bei Google am 140-Zeichen-Netzwerk steigt stetig. Einen kometenhaften Aufstieg legte in den letzten Monaten Pinterest hin. Die Nutzer können Bilder von allen erdenklichen Produkten mit Beschreibungen an virtuelle Pinnwände heften. Nach dem Hype um Pinterest gehen die Suchanfragen bei Google aber bereits wieder zurück.

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Fehler gesehen?

Nach dem pannenreichen Börsenstart von Facebook hat das Soziale Netzwerk informierten Kreisen zufolge Gespräche über einen Umzug seiner Aktien von Nasdaq zur Konkurrenz New York Stock Exchange (NYSE) aufgenommen. Die NYSE äusserte sich zunächst nicht dazu. Der mit Spannung erwartete Beginn des öffentlichen Handels mit Facebook-Aktien am Freitag konnte wegen eines Softwarefehlers erst mit einer Verspätung von einer halben Stunde beginnen. Es habe «ganz klar Fehler» gegeben, räumte auch Nasdaq-Chef Robert Greifeld ein.

Wegen des verpatzten Börsenstarts geraten Facebook und seine Partner auch juristisch unter Druck. Medienberichten zufolge reichten drei US-Investoren am Mittwoch bei einem Bundesgericht in Manhattan Klage gegen das soziale Online-Netzwerk sowie die Banken ein, die den weltgrössten Börsengang eines Internetunternehmens eingefädelt hatten. Auslöser seien Berichte gewesen, die Investmentbanken Morgan Stanley und Goldman Sachs hätten unvorteilhafte Änderungen an Analysen zu Facebook nur unzureichend veröffentlicht, meldete das «Wall Street Journal».

Aus demselben Grund leitete die Aufsichtsbehörde der Finanzindustrie (FINRA) eine Untersuchung ein. Die Angelegenheit bereite «aus Regulierungssicht Sorge», sagte FINRA-Chef Rick Ketchum. Die US-Börsenaufsicht SEC kündigte ebenfalls Untersuchungen an. Es gebe viele Gründe, den Märkten und ihrer Funktionsweise zu vertrauen, sagte SEC-Chefin Mary Schapiro. «Aber es gibt einige Probleme, die wir uns anschauen müssen, vor allem im Zusammenhang mit Facebook.»

Unterdessen kündigte der Bankenausschuss im US-Senat an, den hoch gehandelten Börsenstart von Facebook unter die Lupe nehmen zu wollen. Hintergrund sind Anschuldigungen, wonach bestimmte Kunden von der mit dem Börsenstart vertrauten Bank eine negative Bewertung des sozialen Netzwerks bekommen hätten.

Talfahrt wirft Fragen auf

Die Talfahrt des Aktienkurses bis einschliesslich Dienstag hatte bei Investoren ernste Fragen über den Wert des Unternehmens aufgeworfen. Der Kurs war am dritten Handelstag um weitere 8,55 Prozent oder 2,91 Dollar auf einen Schlusswert von 31,12 Dollar (24,44 Euro) abgestürzt. Im Vergleich zum Ausgabekurs von 38 Dollar am Donnerstag ist das ein Verlust von über 18 Prozent. Lag der Börsenwert des Unternehmens am Freitag noch bei 104 Milliarden Dollar, so betrug er am Dienstag noch rund 85 Milliarden Dollar. Der Suchmaschinenbetreiber Google ist fast 200 Milliarden Dollar wert.

Das Börsendebüt ist zumindest mit Blick auf die ersten drei Handelstage das miserabelste für ein Unternehmen dieser Grössenordnung in den vergangenen fünf Jahren. Das geht aus Daten des US-Anbieters Dealogic hevor, die das «Wall Street Journal» veröffentlichte. Unter den 24 Börsengängen seit 2007, die jeweils über eine Milliarde Dollar einsammelten, hätten nur acht die ersten drei Tage in der Verlustzone geendet und keines so tief wie Facebook.

Morgan Stanley als Konsortialführer für das Facebook-Aktiendebüt teilte nach Bekanntwerden der Vorwürfe mit, man habe sich so verhalten wie bei anderen Börsengängen auch. Vorschriften seien dabei nicht verletzt worden, betonte die Investmentbank.

Erstmals im Plus

Die Facebook-Aktie hat derweil ihre rasante Talfahrt zumindest vorübergehend stoppen können. Die Aktie schloss 23 Cent über dem Ausgabewert von Donnerstagabend. Nach einer weiteren Talfahrt am Montag und Dienstag erholte sich der Kurs am Mittwoch leicht und die Aktie schloss mit einem Preis von 32 Dollar. Damit ergibt sich allerdings immer noch ein deutlicher Abschlag zum Ausgabekurs von 38 Dollar.

(ap)