Krasser als im Mittelalter

19. Oktober 2011 13:57; Akt: 19.10.2011 14:10 Print

Noch nie war Vermögen so ungleich verteilt

von Sabina Sturzenegger - Die Schweiz hat die höchste Dichte an Milliardären weltweit. Für Ökonom Hans Kissling eine gefährliche Tendenz – nicht erst seit die «99-Prozent»-Bewegung aufgeflammt ist.

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Mehr Steuern für die Reichen: Das fordern die Finanzplatz-Besetzer rund um den Globus. (Bild: Keystone)

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Die «Occupy Wall Street»-Bewegung hat die Plätze rund um die Finanzzentren der Welt erobert. Der ganzen Welt? Nein, denn in der Schweiz scheint die Besetzung des Paradeplatzes vom Samstag noch keine grosse Wirkung zu entfalten. Es seien nur ein paar junge «Überlebenskünstler» und Sozialromantiker, die nicht arbeiten müssten und die sich der Bewegung anhängen, lautet der Grundtenor. Die weltweite Bewegung, die sich auch «Wir sind 99 Prozent» nennt und das aktuelle Finanzsystem kritisiert sowie die Ungleichverteilung des Reichtums anprangert, stösst in der Schweiz noch nicht auf grosses Echo.

Der Zahlenmensch, der richtig rechnet

Einer, der sich nicht erst seit diesem Herbst mit dem Phänomen der Ungleichverteilung beschäftigt, ist Hans Kissling. Der 68-Jährige campiert nicht auf dem Lindenhof über Zürich, wohin sich die Paradeplatz-Besetzer zurückgezogen haben. Kissling war bis 2006 der oberste Statistiker im Kanton Zürich. Doch auch als ehemaliger Spitzenbeamter interessiert sich Kissling nicht nur für die nackten Zahlenreihen, sondern auch für das, was dahintersteckt – unter anderem für die Tatsache, dass Vermögen und Reichtum in der Schweiz besonders ungerecht verteilt sind.

«Die Schweiz hat die höchste Dichte an Milliardären weltweit», sagt Kissling. In Zahlen ausgedrückt heisst das: Ein Prozent der Bevölkerung verfügt über 57 Prozent des Vermögens. Dies zeigt eine aktuelle Studie der Credit Suisse. «Damit ist die Vermögensverteilung in der Schweiz so ungleich wie noch nie und krasser als in Deutschland und in den USA», ergänzt Kissling.

Kisslings Buch ist aktueller denn je

Diesen Umstand prangert Kissling aber nicht erst seit diesem Herbst an. 2008 hat er ein Buch geschrieben mit dem Titel «Reichtum ohne Leistung. Die Feudalisierung der Schweiz». Das Buch ist heute aktueller denn je. Dennoch sagt Kissling: «Das Thema wurde bis anhin in der Schweiz nicht gross diskutiert.» Mit der «99-Prozent-Bewegung» werde es nun immerhin auch hierzulande langsam aufgegriffen.

Die Schweiz, ein Reichen-Paradies

Gründe für die unglaubliche Geldvermehrung unter den ohnehin Reichsten des Landes gibt es mehrere: Während den beiden Weltkriegen wurden in der Schweiz kaum Vermögen vernichtet. In den letzten Jahren waren zudem sehr hohe Gewinne auf Immobilien und Unternehmen möglich; gleichzeitig hat sich die Schere zwischen gut und schlecht Verdienenden weiter geöffnet. Nicht zuletzt zieht die Schweiz als Steueroase immer mehr reiche Ausländer an. Eine Erbschaftssteuer auf nationaler Ebene kennt die Schweiz – im Gegensatz zu unseren Nachbarn Frankreich und Deutschland – nicht. «Das heisst, die Vermögen durch Erbschaft steigen schneller an als anderswo», sagt Kissling.

«Na und?», könnte man jetzt fragen und die Schultern zucken. «Na und?», hätte auch Hans Kissling, der heute pensionierte Statistiker, über manche Jahre hinweg denken können. Doch Kissling mag nicht schweigen: «Die Konzentration von Vermögen auf ein Prozent bringt nicht nur die Demokratie ins Wanken, sondern auch das gesamte Wirtschaftssystem.» Der Mittelstand und die unteren Schichten würden immer kritischer gegenüber diesem System. «Die Folge ist ganz klar: Es kommt ein protektionistisches Denken auf. Das dient der Marktwirtschaft zuletzt.»

Gleiche Tendenz wie in den USA

Doch von dieser Einsicht ist in der Schweiz noch nicht viel zu spüren. Dafür ist die «Occupy»-Bewegung mit ihren wenigen Unterstützern symptomatisch. Für Kissling ist das indes keine grosse Überraschung: «In den USA ist der Mittelstand zurzeit stärker unter Druck als bei uns. Deshalb geht dort auch der Mittelstand auf die Strasse.» Zudem verfüge die Schweiz über ein besser ausgebautes Sozialsystem als die USA. Doch die Tendenz sei auch in der Schweiz bemerkbar: «Für Menschen aus dem Mittelstand wird es auch in der Schweiz zusehends schwieriger, die Pflegeleistungen im Alter zu bezahlen. Bei jüngeren Familien fressen dafür die Betreuungskosten für die Kinder das gesamte Einkommen weg.»

Was tun? Kann Reichtum «umverteilt» werden? Die Reichen werden doch nichts freiwillig abgeben? «Doch, es gibt Reiche, die sich für eine gerechtere Verteilung ihres Vermögens einsetzen», sagt Kissling. In den USA gehöre es zum guten Ton, dass sich die Wirtschaftselite auch ethisch verhalte. So hat der Grossinvestor und Multimilliardär Warren Buffet selber die Forderung aufgestellt, Superreiche in den USA höher zu besteuern. Und als George W. Bush die Erbschaftssteuer abschaffen wollte, stellte sich ihm eine breite Allianz von Reichen entgegen. Für die Schweiz fordert Kissling deshalb – wie schon 2008 in seinem Buch – ebenfalls die Einführung einer nationalen Erbschaftssteuer.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hero am 19.10.2011 16:00 Report Diesen Beitrag melden

    Auswanderung der Reichen fördern

    Das ist sehr einfach, erhöht die Steuern, viele sehr reiche ausländische Personen werden danach wieder auswandern und danach ist das Vermögen wieder gerechter verteilt.

  • Patrick Müller am 17.10.2011 09:01 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Jobs?

    Haben diese Aktivisten keine Job, dass sie bis 8.30 auf dem Paradeplatz herumlungern können? Diese Leute sind ja wirklich grosse Vorbilder.

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  • Bürger am 21.10.2011 10:27 Report Diesen Beitrag melden

    Steuern anpassen

    Man müsste die Progression der Steuern drastisch ändern. Die Armen und der Mittelstand zahlen verhältnismässig viel zu viel Steuern und somit bleibt ihnen viel zu wenig von ihrem Geld, sie können einfach nicht reicher werden. Hingegen müssen die Reichen viel zu wenig Steuern abtreten im Vergleich zu ihrem Vermögen und Lohn. Von den Steuer-Begünstigungen der ganz Reichen wollen wir gar nicht mal sprechen. Kein Wunder öffnet sich die Schere immer weiter.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Trainer am 21.10.2011 11:22 Report Diesen Beitrag melden

    ETH-Studie

    googlet mal die neue eth-studie über die weltmächtigsten konzerne... sollte einigen die augen öffnen.

  • Simon B. am 21.10.2011 11:10 Report Diesen Beitrag melden

    Geld / Matcht /Recht /List

    Wer Geld hat, hat Macht. Wer Macht hat, hat Recht. Alle anderen brauchen List.

  • Pesche am 21.10.2011 10:27 Report Diesen Beitrag melden

    Neid oder was?

    Die Umverteilung ist bereits in vollem Gang (1/3 des Budesbudget wird für Soziales ausgegeben). Bei Herrn Jobs hat sich auch niemand aufgeregt warum er viel Geld hat. Ich sehe absolut nichts Verwerfliches daran dass jemand Reich ist. Es kommt doch darauf an was mit dem Geld gemacht wird. Wenn das investiert wird, und damit Arbeitsplätze geschaffen werden, sehe ich kein Problem. Wenn man das Geld den Reichen wegnimmt, wer kann dann noch Unternehmer werden? Wer erschafft neue Arbeitsplätze, der Staat?

    • Adrian Sidler am 21.10.2011 11:46 Report Diesen Beitrag melden

      Neid

      Hallo Pesche. Es kommt drauf an, wie man das Geld "macht". Ich bin kein Fan von Jobs oder Gates, aber die haben etwas geleistet. Im Gegensatz dazu die Riesen Luftblasen der gierigen Banker. Frage wieviel von diesen Abzockern investiert in Arbeitsplätze? Damit kann man keine solchen Riesensummen in praktisch null Zeit verdienen. Im Gegenteil wird der Franken kapputt gezockt und die Arbeitsplätze werden ins Ausland verlegt. Auch von Super Schweizern wie Spuhler und Co.

    • Delila am 15.11.2011 11:51 Report Diesen Beitrag melden

      Handeln!

      Hallo Adrian Immer wieder lese ich kommentare, in denen "gierige Banker", "Abzocker" und ähnliche erwähnt werden. Es stört mich, dass auf der Seite der "sozialen" Politiker und ihren anhängern einen hass auf die Reichen geschürt wird. Wenn du es soviel besser machen würdest, warum bemühst du dich dann nicht, unter die reichsten 2% der Schweiz zu kommen und als gutes Vorbild voran zu gehen? Ihr müsst den Leuten nicht sagen wie es geht. Ihr müsst es ihnen zeigen.

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  • Bürger am 21.10.2011 10:27 Report Diesen Beitrag melden

    Steuern anpassen

    Man müsste die Progression der Steuern drastisch ändern. Die Armen und der Mittelstand zahlen verhältnismässig viel zu viel Steuern und somit bleibt ihnen viel zu wenig von ihrem Geld, sie können einfach nicht reicher werden. Hingegen müssen die Reichen viel zu wenig Steuern abtreten im Vergleich zu ihrem Vermögen und Lohn. Von den Steuer-Begünstigungen der ganz Reichen wollen wir gar nicht mal sprechen. Kein Wunder öffnet sich die Schere immer weiter.

  • Realist am 21.10.2011 09:28 Report Diesen Beitrag melden

    Kommunismus

    Wer mit 20 kein Kommunist ist, besitzt kein Herz. Wer mit 30 noch Kommunist ist, besitzt keinen Verstand.