Harte Währung

20. Juli 2011 11:12; Akt: 20.07.2011 11:24 Print

Sieben Wege gegen den starken Franken

von Gérard Moinat - Angesichts von Rekordtiefständen des Euro und des Dollars kommen immer verworrenere Ideen auf, was gegen die Frankenstärke zu tun ist. 20 Minuten Online sagt, was sie taugen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Palette der Ideen, wie Schweizer den starken Frankenkurs beeinflussen können, ist breit. Sie reicht von einigermassen durchdachten Vorschlägen über puren Populismus bis hin zu nutzlosen Hirngespinsten. Verwirrung pur.

Klar ist bisher nur eins: Handeln ist bitternötig. Der Euro tauchte in den letzten Wochen bis auf 1,14 Franken, der Dollar bis auf 80 Rappen. Die Margen der Schweizer Unternehmen schmelzen richtiggehend dahin – trotz fehlender Julisonne.

Doch welche Massnahmen helfen wirklich, welche sind kontraproduktiv? Ist gegen den starken Franken überhaupt ein Kraut gewachsen? 20 Minuten Online gibt Antworten und entlarvt die aussichtslosesten Vorschläge.

Anbindung an den Euro

Den Franken an den Euro anzubinden ist eine der populäreren Forderungen zur Abschwächung der Landeswährung. Jüngster Anhänger der Idee ist SP-Präsident Christian Levrat. Doch bereits letztes Jahr hatte die Forderung die Runde gemacht: Damals brachte sie der umstrittene Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin ins Spiel (20 Minuten Online berichtete). Ökonomen aber sind sich einig: Die Vorteile eines flexiblen Frankenwechselkurses überwiegen die Nachteile.

Bei einer Anbindung würde die Schweiz die Eigenständigkeit in der Geldpolitik aufgeben. Gerade deswegen habe sich die Schweiz bisher besser behauptet als Resteuropa, so die Ökonomen. Zudem komme eine Anbindung an den Euro faktisch einem Eintritt in die Währungsunion gleich – ohne Mitspracherecht. Würde der Franken an den Euro gekoppelt, wäre zudem ein sofortiger Zinsanstieg die Folge.

Eingriffe der Schweizerischen Nationalbank

Mit Devisenkäufen und -verkäufen kann eine Zentralbank im Markt eingreifen und das Spiel von Angebot und Nachfrage beeinflussen. So lautet zumindest die Theorie. Doch die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat ihr Pulver bereits verschossen: 2009 und 2010 erwarb sie für gut 200 Milliarden Franken Wertpapiere, um dem starken Franken Gegensteuer zu geben. 55 Prozent davon hält sie derzeit alleine in Euro. Alleine im ersten Semester dieses Jahres fuhr sie damit 13 Milliarden Franken an Wechselkursverlusten ein. Auf Dauer ist das also keine Alternative.

Künstliche Kursanpassung

Der Vorschlag, den Frankenkurs künstlich nach unten zu korrigieren, gehört zwar ebenfalls in die Sparte «Eingriffe der Nationalbank» – verfolgt aber einen alternativen Ansatz. Aufgegriffen hat ihn jüngst Jürg Brand, Verwaltungsratspräsident vonRoll Infratec. In der Sonntagspresse machte er mit dem eigenwilligen Vorschlag auf sich aufmerksam, dass die SNB den Euro künstlich auf 1,45 Franken schrauben soll. Das könnte die Nationalbank tun, indem sie den Exporteuren den Euro zum Phantasiekurs umtauscht. So soll der Effekt der Frankenstärke auf die Unternehmer abgeschwächt werden. Eine politische Mehrheit dafür finden dürfte Brand damit jedoch kaum.

100-Milliarden-Staatsfond gründen

«Eingriffe der Nationalbank» Nummer drei: Einen Staatsfonds gründen. Ein UBS-Ökonom brachte die Idee eines Staatsfonds in Höhe von 100 Milliarden Franken ins Spiel. Demnach würde der Bund das Geld durch die Ausgabe von Bundesanleihen besorgen, die dann von der Nationalbank gezeichnet würden. Die Mittel soll der Fonds schliesslich im Ausland investieren und so den Franken schwächen. Ginge die Rechnung auf, würde der Bund durch höhere Renditen Einnahmen generieren. Das Problem ist aber: Der Bund müsste sich massiv verschulden und ginge ein erhebliches Spekulationsrisiko ein. Zudem fehlt die gesetzliche Grundlage. Walter Wittmann, emeritierter Professor für Finanzwissenschaft und Wirtschaftspolitik an der Uni Freiburg, hält den Vorschlag «für die grösste Bieridee», die er je gehört habe.

Negativzinsen

Professor Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts und Professor für Wirtschaft an der Universität Hamburg, empfiehlt der Schweiz Negativzinsen, um der starken Währung Herr zu werden. «Eine Art Gebühr für den sicheren Hafen Schweizer Franken», sagte er in der Sonntagspresse. Sprich: Ausländische Investoren müssten Geld zahlen, wenn sie in der Schweiz Geld anlegten. So werden längerfristig weniger Franken aufgekauft, der Kurs würde sich entspannen. Mittels geldpolitischen Massnahmen – also Eingriffen durch die Nationalbank – zu reagieren, hält er hingegen für unpassend.

Arbeitnehmer in Euro entlöhnen

Ein anderer Vorschlag, diesmal von der Unternehmensseite: Den Lohn in Euro auszubezahlen und damit zumindest den Ausgabenblock Lohnkosten abzufedern. Vorreiter der Idee ist die Emmentaler Verpackungsfirma Mopac. Im Frühling band die Firma kurzerhand die Löhne ihrer 260 Angestellten an den Euro und kürzte sie um 10 Prozent. Dabei handle es sich um ein Gewinnbeteiligungsmodell, verteidigte deren Chef Rainer Füchslin die ungewöhnliche Massnahme. Sollte sich der Euro erholen, würden auch die Löhne wieder steigen. Die Mopac wälzten das unternehmerische Risiko auf die Arbeitnehmenden ab, monierten die Gewerkschaften und bezeichneten die Massnahme als unrechtmässig.

Staatshilfe

Der Exportverband Swiss Export hatte bereits im Herbst letzten Jahres Staatshilfe für exportorientierte KMU gefordert, die unter dem starken Franken leiden. Durch eine Teilbürgschaft des Staates sollen die Kredite für die Firmen billiger werden. Ins gleiche Horn stiess damals auch der Unternehmer und Luzerner FDP-Nationalrat Otto Ineichen. Der Bundesrat solle den exportorientierten Unternehmen unter anderem Bürgschaften für einen Teil der Kredite gewähren. Damit würden die Kreditkosten sinken. Ein typischer Vorschlag unter dem Vorzeichen: Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert.

Steigerung der Produktivität

Ein weiterer populärer Vorschlag: Die Produktivität im Inland steigern und so der Frankenstärke ein Schnippchen schlagen. Politiker, allen voran SVP-Präsident Toni Brunner, brachten am Wochenende den Vorschlag mit verlängerten Arbeitszeiten auf den Tisch, um die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Unternehmen zu erhalten. Ähnlich wie Kurzarbeit soll die Massnahme Firmen schützen. Die bisher markanteste Umsetzung des Vorschlags hat die Lonza unlängst unternommen — sie hat schweizweit Arbeitszeitverlängerungen angeordnet. Das spart alleine am Werk Visp 18 Millionen Franken, wie Sprecherin Sonja Mutter gegenüber 20 Minuten Online sagt. Ein Lonza-Analyst der ZKB bestätigt die Wirksamkeit der Massnahme: Gut 10 Prozent könne der Betriebsgewinn dadurch aufgepeppt werden. Allerdings: Leidtragende sind die Arbeitnehmer, die wiederum das unternehmerische Risiko auf sich nehmen müssen. Umgekehrt müssten sich die Arbeitnehmer denn auch das Recht ausbedingen, nur 38 Stunden zu arbeiten, wenn der Euro wieder steigt.

Economiesuisse: Wachstumspolitik vorantreiben

Auch der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse hat diesen Monat sechs Vorschläge zur Eurokrise publiziert. Die Arbeitszeiten zu verlängern, ist einer davon. Weitere Vorschläge aus der Warte des Verbands sind: Die Steuern und Abgaben für Unternehmen zu reduzieren, aussenwirtschaftspolitische Anstrengungen für weitere Marktöffnungen zu unternehmen, Innovation durch Investitionen in Forschung und Bildung zu fördern, mehr Wettbewerb im Binnensektor zuzulassen und die bürokratische Belastung der Unternehmen abzubauen.

Fazit: Nichts zu machen

«Auf kurzfristigen Interventionismus muss hingegen verzichtet werden», resümiert der Branchenverband in seinem Ideenkatalog. Insbesondere weil es sich bei der Frankenstärke um ein längerfristiges Phänomen handle, sei nicht schlagzeilenträchtiger Aktionismus, sondern eine entschlossene Wachstumspolitik gefragt.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Marcs am 20.07.2011 11:49 Report Diesen Beitrag melden

    Viele haben das Konzept nicht verstanden

    Exportiert die Schweiz weniger als Sie importiert führt das dazu, dass die Schweiz bald ärmer ist als alle umliegenden Länder und die Arbeitslosenzahl extrem ansteigt! Es ist Propaganda, dass der Franken uns noch irgend etwas bringt... ihr verliert alle wenn es so weiter geht! Übrigens geht es allen Firmen im Ausland rund um die Schweiz sehr gut... das ist die Realtität und nicht die Träumerei das wir eine Chance hätten gegen 160 Millionen Europäer die mit dem Euro bezahlen... denen sind wir egal.

    einklappen einklappen
  • Peter Fürst am 20.07.2011 11:22 Report Diesen Beitrag melden

    Gar kein Handeln nötig!

    Warum überhaupt etwas machen? Es sind ja nur gewisse Branchenverbände die darunter zu leiden haben! Es gibt auf der anderen Seite jedoch ganz viele Wirtschaftsbereiche die durch den "starken" Franken zur Zeit endlich mal entlastet werden, was mehr als nur bitternötig gewesen ist!!! Wirtschaft hat immer zwei Seiten, und wenns es einem schlecht geht freut sich ein anderer dafür um so mehr, drum bitte nicht handeln wo gar keine Handlung vonnöten ist, alles wird sich von ganz alleine wieder Regulieren!!!

    einklappen einklappen
  • Schwiz am 20.07.2011 13:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hopp

    Ja klar, wie dürfen wieder das ausbaden, was die Amis und Europa verbockt hat!!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Markus Müller am 20.07.2011 16:02 Report Diesen Beitrag melden

    Mehr schulden machen?

    etwas fehlt hier... wir könnten uns ja genau so verschulden wie der Rest der Europäer... bauen wir doch noch mehr Infrastrucktur und senken unser Rentenalter :)

  • Dejan am 20.07.2011 15:40 Report Diesen Beitrag melden

    Kauf EIN

    Schweizer Firmen/Private erwerb Vermögensgüter im Ausland. Ich weiss nicht wieso Ihr jammert! Jetzt ist der Zeitpunkt. So kommt auch der Schwiezer Franken in Umlauf dazu habt Ihr noch Vermögen erworben. Es sollte zusätzlich den Schwiezer Franken schwächen.

    • Smiley am 23.07.2011 11:43 Report Diesen Beitrag melden

      The world is no enough

      Super Idee und es würde zusätzlich noch den CHF stärken :-)

    einklappen einklappen
  • Beobachter am 20.07.2011 15:28 Report Diesen Beitrag melden

    Ein gutes Menu braucht vieles

    Ich denke ein gut gewichteter Mix aus einzelnen Massnahmen könnte etwas bringen. Eine Portion Negativzinsen + etwas mehr Geld im Umlauf scheint mir ein vielversprechender Mix zu sein.

  • Kudde am 20.07.2011 15:15 Report Diesen Beitrag melden

    Geldmenge erhöhen

    Zwei Fliegen auf einen Streich. Geld drucken und damit Griechische und von anderen Schuldenländern Schuldpapiere kaufen. Der Franken sinkt und die Schuldenkrise wir gemindert, worauf der Franken zusätzlich verliert.

  • Hans-Jörg Müller am 20.07.2011 15:11 Report Diesen Beitrag melden

    Wehklagen in Bern Ende 2011

    Wir sprechen schon längst nicht mehr von geschmolzenen Margen. Für die meisten KMU's sind es bereits Verluste. Es geht um die Existenz. Der Grossteil der Politiker sieht das offensichtlich nicht so. Das 2. Halbjahr 2011 wird zeigen wie ein Betrieb um den andern hopps geht. Was wird dann für ein Wehklagen sein in Bern. Wetten?