Stelleninserate

08. November 2016 17:48; Akt: 08.11.2016 17:51 Print

HR-Experten fordern Lohntransparenz von Bund

von Sandro Spaeth - Mit Lohnanalysen will der Bundesrat mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern erreichen. Viel effektiver wäre, wenn Bund und Kantone den Lohn ins Jobinserat schreiben würden, so Experten.

Bildstrecke im Grossformat »
Trotz Gleichstellungsgesetz gibt es in der Schweiz einen unerkläten Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern in der Schweiz. Er lag in der Privatwirtschaft gemäss Bundesamt für Statistik im Jahr 2012 bei 8,7 Prozent, was pro Monat 678 Franken entspricht. Als Massnahme gegen die Ungleichheit fordern Personalexperten vom Bund, Kantonen und Ständte, in Sachen Lohntransparenz mit gutem Beispiel voranzugehen. Ein gutes Beispiel in diesem Bereich seien die VBZ. Sie publizieren in ihren Stelleninseraten den ungefähr zu erwartenden Lohn. Einer der wenigen Arbeitgeber, der auf Lohntransparenz in Jobinseraten setzt, ist auch das Kinderspital Zürich. Der Bund äussert sich gegenüber Lohndeklarationen in Inseraten skeptisch (im Bild: Bundesrätin Sommaruga). Das Personalamt stellt sich auf den Standpunkt, dass ein transparentes und in sich stimmiges Lohnsystem sowie regelmässige Lohnanalysen die Lohngleichheit sicherstellen würden. Auch im Gesundheitswesen ist die Lohngleichheit noch nicht erreicht. Immerhin finden Ärztinnen und Ärzte direkt nach dem Studium fast immer einen Job. Die Arbeitslosigkeit ist sehr tief, wie eine neue Erhebung zeigt. Demnach sind ein Jahr nach dem Abschluss ihrer Ausbildung bloss 0,4 Prozent der Mediziner ohne Job. Als Assistenzärzte verdienen sie dann gemäss Lohnbuch 2016 7436 Franken pro Monat. Was verdienen andere Berufsgruppen - unabhängig vom Geschlecht? : Der Mindestlohn für Automechaniker in der Schweiz beträgt laut GAV 4450 Franken. Letztes Jahr waren es 4400 Franken. Das Salär eines Chefarztes beträgt laut Lohnbuch 12'824 Franken. Die Mediziner kommen in den Genuss von 13 Monatslöhnen. Laut GAV für das Coiffeurgewerbe sollen Coiffeure mindestens 3712 Franken verdienen. Das sind genau 12 Franken mehr als 2015. : Die Zahnarztgehilfinnen verdienen mindestens 3700 Franken. Diplomaten verdienen als Missionschef 13'474 Franken pro Monat. Im Bild Ex-Botschafter Tim Guldimann, der heute als Nationalrat für die SP in Bern politisiert. : Ein Elektromonteur verdient laut GAV ab dem 2. Berufsjahr mindestens 4550 Franken pro Monat. In diesem Beruf verdient man ab dem 2. Berufsjahr 3500 Franken im Monat (Brutto-Mindestlohn für Gelernte mit Berufslehre). Laut dem Lohnbuch verdienen Flugverkehrsleiter ab dem 15. Lizenzjahr 13'106Franken. : Mitarbeiter mit Berufslehre erhalten laut GAV 4108 Franken. : Köche verdienen 4108 Franken ab dem 1. Berufsjahr. : Mindestens 3186 Franken gibt es für den Job. : Verkäufer an Kiosken verdienen laut Lohnbuch 2016 3712 Franken für ein 100-Prozent-Pensum. : Lastwagenchauffeure verdienen 4500 Franken laut Astag-Vereinbarung. Lehrerinnen und Lehrer für die 1. bis 3. Klasse verdienen im Kanton Zürich laut dem Lohnbuch mindestens 6981 Franken. Ein Pensum beinhaltet 29 Wochenlektionen. Ein Captain verdient bei der Swiss auf der Langstrecke mindestens 8898 Franken. : Ein Polizeigefreiter verdient 5512 Franken pro Monat (Mindestansatz ab Beförderung zum Gefreiten). verdienen 3855 Franken pro Monat. Die Mindestlohnempfehlung für Sozialarbeiter beträgt für Leiter eines dreiköpfigen Teams 7285 Franken. Auf dem Bild von 2003: Der blinde Beat Herren kontrolliert mit seinen Fingerspitzen Braillezeilen, die er am PC mit dem Screenreader als Hilfsmittel geschrieben hat. Herren arbeitet als Sozialarbeiter im Haus Felsenau in Bern. : Detailhandelsangestellte verdienen bei Coop und Migros ungefähr 4000 Franken im Monat. Die Einstiegslöhne liegen allerdings leicht darunter. : Sie verdienen als Brutto-Mindestlohn 3686 Schweizer Franken.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Eigentlich würde das Gesetz Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau seit Jahrzehnten verbieten. Die Realität ist aber eine andere. Der unerklärte Teil des Lohnunterschieds in der Privatwirtschaft lag gemäss Bundesamt für Statistik im Jahr 2012 bei 8,7 Prozent, was pro Monat 678 Franken entspricht. Diesen Unterschieden hat der Bundesrat kürzlich den Kampf angesagt. Er will Betriebe mit mehr als 50 Mitarbeitern dazu verpflichten, alle vier Jahre eine Lohnanalyse durchzuführen. Eine externe Revisionsstelle hat die Erhebung zu überprüfen und die Firmenchefs zu informieren.

Umfrage
Befürworten Sie die Lohntransparenz?
66 %
30 %
4 %
Insgesamt 5761 Teilnehmer

Diese Massnahme ziele vor allem auf private Unternehmen ab, sagt der HR-Berater und Buchautor Jörg Buckmann. «Dabei könnten Bund, Kantone und Städte in Sachen Lohntransparenz sehr pragmatisch und schnell mit gutem Beispiel vorangehen», schreiben Buckmann und Matthias Mölleney, Leiter des Centers für HRM & Leadership an der HWZ, in einem gemeinsamen Positionspapier, das 20 Minuten vorliegt. Die beiden HR-Experten fordern den Bund dazu auf, die für einen Job bewilligte Lohnsumme ins Stelleninserat zu schreiben. Transparenz in Stelleninseraten sei ein wichtiges Element, um endlich Lohngleichheit zu erreichen, so Matthias Mölleney.

Lohn als wichtiger Grund für Jobwechsel

Das vorgesehene Lohnband in ein Stelleninserat zu schreiben, ist für die öffentlich-rechtlichen Arbeitgeber verhältnismässig einfach, da sie ohnehin über klare Lohnsysteme verfügen. Zu den ersten grösseren Arbeitgebern, die diesen Schritt getan haben, gehören die Zürcher Verkehrsbetriebe (VBZ) und das Kinderspital Zürich. So steht dort beispielsweise in einem aktuellen VBZ-Jobinserat für einen Fachspezialisten für Information- und Records-Management: «Ihr Lohn liegt zwischen 105'000 und 124'000 Franken.» Dass nicht mehr Betriebe das Salär offen deklarieren, ist aus Sicht des Personalmarketings erstaunlich, zumal der Lohn laut Umfragen eines der wichtigsten Argumente für einen Jobwechsel ist.

Viele Firmen verheimlichen die Lohninformationen in einem ersten Schritt, weil Chefs in den Bewerbungsgesprächen laut Buckmann gern Lohnpoker spielen. Sei die vom Bewerber geäusserte Lohnvorstellung tiefer als die budgetierte Summe, würden viele gern einschlagen. Und weil Männer in Lohngesprächen höher pokern würden als Frauen, kämen sie auch zu höheren Salären, vermutet Buckmann. Deswegen propagieren die HR-Experten transparente Lohnsysteme: Die Einreihung der Aufgaben und in die Lohnstufen sei zentral, gerade bei typischen Frauenberufen, so Mölleney.

Kaufmännischer Verband begrüsst Forderung

Beim Kaufmännischen Verband bezeichnet man Lohntransparenz als wichtigen Schritt in Richtung Lohngleichheit. Der Ansatz sei aber nicht für alle Stellenprofile gleichermassen anwendbar, so
Stephan Alexander, Experte Wirtschaftspolitik beim Kaufmännischen Verband. «Insbesondere bei Profilen, die neben dem Basissalär auf einer Leistungslohnkomponente basieren, bestehen nach wie vor Möglichkeiten der ungerechtfertigten Diskriminierung.» Der Grund: Firmen könnten lediglich das Basissalär mit einem Hinweis auf eine variable Komponente publizieren.

Seine Skepsis gegenüber der Lohndeklaration in Inseraten äussert der Bund. Das Personalamt stellt sich auf den Standpunkt, dass ein transparentes und in sich stimmiges Lohnsystem sowie regelmässige Lohnanalysen die Lohngleichheit sicherstellen würden. «Die Publikation von Lohnbandbreiten in den Stellenanzeigen ist gemäss unserer Auffassung kein geeignetes Vorgehen zur Gewährleistung von Lohngleichheit», sagt Anand Jagtap, Kommunikationschef beim Eidgenössischen Personalamt, zu 20 Minuten. Die Bundesverwaltung habe 2011 bis 2015 bereits eine Lohnanalyse durchgeführt und könne die Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern aufzeigen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 2 Tage, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Troll am 08.11.2016 18:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Durchschnittslohn?

    Wenn 678 Fr. 8,7% entsprechen, reden wir von Löhnen über 7'000 Fr.

    einklappen einklappen
  • Reto aus Bern am 08.11.2016 18:40 Report Diesen Beitrag melden

    Das wird lustig

    Das gäbe Mord und Totschlag wenn der Bund publizieren würde was man dort verdient. Mein Kollege verdient dort in der IT rund 50% mehr als er in der Privatwirtschaft verdienen würde.

    einklappen einklappen
  • Heinz Maier am 08.11.2016 20:14 Report Diesen Beitrag melden

    bringts nichts

    wow super. dann steht im inserat für den lohn eines ingenieurs 80-120k. eine spanne also von 40k. zudem steht bei der vbz im kleingedruckten, dass der lohn je nach erfahrung auch unter der angegebenen lohnspanne sein kann... völlig unnötiger bürokratieaufwand.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Dr.Spock am 09.11.2016 23:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frage

    Wie findet ihr den Lohn 4100fr. Brutto für ein 22 Jährigen?

  • Verzichti am 09.11.2016 19:21 Report Diesen Beitrag melden

    Kostet nur, bringt nix

    Trotz hoher Lohnkosten kommt die Schweiz im europäischen Vergleich relativ gut weg, weil die Lohnnebenkosten (Sozialversicherungen, Kündigungsschutz, Ferien etc.) relativ tief sind. Zusätzliche Bürokratie bezüglich der Löhne steigern die Lohnnebenkosten - ob sie höhere Löhne für Frauen bringen, bleibe dahingestellt. Auf dieses Vorhaben, das ganz sicher Kosten, aber nur vielleicht das erwünschte Ergebnis bringt, ist unbedingt zu verzichten.

  • Noldi Schwarz am 09.11.2016 11:56 Report Diesen Beitrag melden

    Interessant, aber da fehlt noch viel

    Eine sehr gute Idee. Der heutige durchschnittliche Beamtenlohn liegt jetzt schon über 100,000 CHF. Nur da fehlen noch viele weitere Angaben. Pensionsalter, Möglickeit der Frühpensionierung, Arbeitgeberanteil an die Sozialabgaben, Ferienansprüche, wöchentliche Arbeitszeit, Zulagen, Boni, Firmenwagen, Verpflegung, Vergünstigungen, usw. All das macht die Endsumme schlussendlich aus.

  • Rolf Kielholz am 08.11.2016 23:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Falsche Grundaussage

    Es ist mir völlig unklar, wie und auf welcher Basis diese Lohnvergleiche mit dem Anspruch auf Genauigkeit vorgenommen werden. Als ehemaliges GL-Mitglied einer CH-Grossunternehmung (7000 MA) weiss ich, dass auf jeder Stufe Lohnungleichheiten bestehen, genauso unter Männern wie nur unter Frauen. In anderen Worten: die präsentierte Genauigkeit ist vorgetäuscht, kann nicht ernst genommen werden und wird demzufolge - leider - politisch missbraucht!

    • Werner am 09.11.2016 07:21 Report Diesen Beitrag melden

      Oder anders ausgedrückt

      Es braucht eine gewisse Range in der man Lohnverhandlungen führen kann und es gibt immer welche, die besser verhandeln als andere ob nun Männlein oder Weiblein. Rolf, das sehe ich genauso und danke dir für deinen Kommentar.

    • reto am 09.11.2016 15:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Rolf Kielholz

      und wenn du die ungleichheiten bei den männern und den frauen mittelst und dann miteinander vergleichst, merkst du, dass die frauen immer noch drunter sind. weisst du das nicht oder lügst du? wie auch immer, gl eines grossunternehmens wird man -wie us präsident- nicht mit fähigkeiten, sondern mit eimem dominanten auftreten

    • Sepp am 09.11.2016 15:39 Report Diesen Beitrag melden

      sehe ich auch so

      Leider habe ich noch nie von einer Richt-Statistik nur rein unter Männer oder nur rein unter Frauen gehört, welche wohl einige Klarheit bringen würde. Ich bin überzeugt davon, dass dieselben Unterscheide auch zwischen dem gleichen Geschlecht bestehen!

    einklappen einklappen
  • Clara R. am 08.11.2016 22:19 Report Diesen Beitrag melden

    Verjährbarkeit von Lohnforderungen

    Wichtig wäre noch, dass die Verjährbarkeit der Lohnforderungen auf 10 - von heute 5 - Jahren angehoben wird. Ist doch interessant, dass gem. OR heute die meisten arbeitsrechtlichen Forderungen innert 10 Jahren nach Entstehung angeklagt werden können, aber die Lohnforderung nicht. Obwohl das Lohnsystem extrem kohärent bleibt und auf 10 Jahre zurück sehr gut nachvollziehbar ist.

    • Sepp am 09.11.2016 16:23 Report Diesen Beitrag melden

      wie bitte?

      Sie wollen im nachhinein einen Vertrag anfechten, den Sie damals unterschrieben haben? Lohnforderungen im Nachinein gehen gar nicht, meiner Meinung nach. Sonst kann man ja gleich jeden Vertrag in den Abfalleimer werfen!

    einklappen einklappen