Die neue «Allianz»

07. April 2017 11:25; Akt: 07.04.2017 12:13 Print

Migros sorgt für Preisdruck bei Apothekern

Diesen Sommer gibt es mehr Konkurrenz im Apothekenmarkt: Der Migros-Einstieg macht Branchenvertreter nervös.

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Onlineapotheke Zur Rose erhält Aufwind: Mitarbeiterin bereitet Medikamente zum Versand an Kunden vor. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

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Der Schweizer Medikamentenmarkt ist in Bewegung: Online-Bestellungen nehmen zu und der Einkaufstourismus hält an. Zusätzlich sorgt neben dem Börsengang von Galenica Santé vor allem der bevorstehende Migros-Einstieg für einen schnelleren Puls bei den Apothekern.

Der Grossverteiler stellt diesen Sommer erstmals der Onlineapotheke und Ärztegrossistin Zur Rose Filialflächen für eine Apotheke in Bern zur Verfügung. Verläuft der Test erfolgreich, sollen weitere Apotheken eröffnet werden. Von Marktbeobachtern wird das Potenzial auf etwa 50 Geschäfte schweizweit geschätzt. Am Rande der Bilanzmedienkonferenz vor zehn Tagen wollte Migros-Chef Herbert Bolliger allerdings gegenüber der Nachrichtenagentur sda diese Zahl nicht bestätigen. Man wisse noch nicht, wie hoch die Kundenakzeptanz sein werde, sagte er.

Zur Rose erhitzt Gemüter

«Mit gewissen Vorbehalten» hat der Apothekerverband die Ankündigung zur Kenntnis genommen. «Eine Tiefpreispraxis in Apotheken darf nicht auf Kosten der Sicherheit der Patienten durchgezwängt werden», sagt Fabian Vaucher, Apotheker und Präsident von PharmaSuisse, auf Anfrage.

Gerade Zur Rose habe sich in der Vergangenheit wiederholt «unlauterer Methoden bedient, wie verschiedene Gerichte feststellen mussten». Eine allfällige Quersubventionierung der Apotheken durch die Migros würde zudem klar gegen wettbewerbsrechtliche Vorgaben verstossen.

Gleiche Konditionen wie Versandapotheke

Die neue «Allianz» dürfte tatsächlich weiter für Preisdruck in der Branche sorgen. Laut Migros-Angaben werden beim Projekt für das gesamte Sortiment dieselben Konditionen wie in der Versandapotheke gelten. Diese Preise sind im Durchschnitt 12 Prozent günstiger als der marktübliche Preis.

Bolliger begründete die Wahl von Zur Rose damit, dass man in der Vergangenheit bereits mit den Ostschweizern zusammengearbeitet habe. Ausserdem sei Zur Rose im Versandbereich stärker als Galenica. Das gemeinsame Projekt von Migros Aare und Zur Rose von 2006 mit einem Abholservice für rezeptpflichtige Medikamente in Migros-Filialen stiess jedoch auf wenig Interesse bei Kunden und wurde eingestellt.

Für Zur Rose dürfte die angekündigte Zusammenarbeit mit Migros auf jeden Fall interessant sein. Die Versandapotheke setzt aktuell stärker auf Apotheken vor Ort, nachdem das Bundesgericht 2015 Zur Rose verboten hatte, in der Schweiz rezeptfreie Medikamente Online zu verkaufen. Im August 2016 eröffnete Zur Rose in Bern ihren ersten Flagshipstore, in dem unter anderem online bestellte Medikamente abgeholt werden können.

Online liegt im Trend

Der Aufbau des stationären Handels erscheint angesichts des Online-Trends als ein Anachronismus. Laut Angaben von Vaucher ist das Internet im Vormarsch. Kunden informierten sich dort, aber die Fachmeinung in den Apotheken sei nach wie vor gefragt. In Gesundheitsfragen spare man Online – wenn überhaupt – am falschen Platz. Der Online-Handel sei mengen- und gewinnorientiert, warnt Vaucher. Preissenkungsrunden hätten die Kostenstruktur im Versandhandel unter Druck gesetzt. Das begünstige die Tendenz, Bestellungen an unnötig grosse Mengen zu koppeln.

Steinzeitlich muten die Online-Vorteile an, die die Galenica-Apotheken Sun Store, Coop Vitality und Amavita ihren Kunden seit Kurzem bieten. Um Wartezeiten beim Abholen von Medikamenten zu verkürzen, können diese ihre Rezepte scannen, auf eine Plattform hochladen und elektronisch an eine Apotheke senden. Die Apotheke bereitet dann das Rezept zum Abholen vor.

Zankapfel Selbstdispension

Als Stachel im Fleisch der Apotheker steckt zudem immer noch die Medikamentenabgabe durch die Ärzte. Laut PharmaSuisse zerstört sie das Apothekennetz. Da viele Arztpraxen zudem aufgrund des Hausärztemangels ihre Nachfolge nicht regeln könnten, werde sowohl die medizinische als auch die pharmazeutische Versorgung gefährdet, glaubt Vaucher.

Zahlreiche Gesundheitsprobleme lassen sich nach Ansicht des Apothekerverbandes ausserdem direkt, ohne einen Arztbesuch, in der Apotheke abklären und mit rezeptfreien Medikamenten behandeln. Apotheker trügen so dazu bei, die Kosten in der Grundversicherung zu bremsen.

(kat/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ruth am 07.04.2017 12:28 Report Diesen Beitrag melden

    Preisdruck - für wen

    Wir Kunden müssen masslos überteuerte Medikamentenpreise "schlucken". Selbst bei 10% Vergünstigung sind sie immer noch überbezahlt. Herrlich wie jetzt mit Argumenten wie "Patientensicherheit" argumentiert wird. Es zählt nur eines, Macht und Gewinn!

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  • Ruedi am 07.04.2017 12:36 Report Diesen Beitrag melden

    Zitat:

    «Eine Tiefpreispraxis in Apotheken darf nicht auf Kosten der Sicherheit der Patienten durchgezwängt werden». I mag echt den Humor des Aphotekerverbandes....wäre es nicht viel ehrlicher einfach zu sagen, die Abzockerei muss weitergehen?

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  • Ela neuer am 07.04.2017 12:54 Report Diesen Beitrag melden

    Riesen Marge

    Ich kenne fast keine Branche die eine höhere Marge fährt. Ein Apotheker verdient satte 30% auf den Produkten. Richtig dass da endlich was geht.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Swissgirl am 09.04.2017 17:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Medis künstlich verteuert

    Tiefpreise auf Kosten der Sicherheit des Patienten, bei gleichen Medikamenten? Da geht es doch nur darum sicherzustellen, dass die Profite nicht schwinden. Medikamente sind in der Schweiz sinnlos überteuert. Medis die seit Jahren auf dem Markt sind, deren Entwicklungskosten eingespielt wurden, sollten von Gesetzes wegen günstiger werden müssen. Denn wenn die Nutzschwelle überschritten ist, ist jeder Franken reines! Vergleich: Abilify kostete mal 227, mal 253, mal 158 die Packung, und auch beim tiefsten Preis ist noch Profit drin!!!

  • Save am 09.04.2017 10:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Na klar Sicherheit

    Habe nur den 1 Satz gelesen und klar war ABZOCKE! Sicherheit des Patienten ... kostet für das gleich Produkt 500% mehr? Hhahaha

  • MM am 09.04.2017 08:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Preise....

    In einer Drogerie haben wir auf Medikamente höchstens eine 30iger Marge. Die Preise sind höher als in DE, jedoch sollte beachtet werden, dass bei uns schon der Einkaufspreis oftmals höher ist als im Ausland! Zudem muss ein Geschäft auch noch irgendwie Löhne bezahlen können... zusätzlich zu Miete ect.

  • Typhoeus am 08.04.2017 23:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Vergleich: Supermarkt, Online und Apotheke

    Apotheken sind Fachgeschäfte mit individueller Beratung und nicht mit Selbstbedienung oder Päckliverkauf zu vergleichen. Gerade heute und zukünftig mit ständiger Neuerscheinung von Medikamenten und Generika mit verschiedenartigster Nebenwirkungen je nach individuellem Krankheitsbild, Therapie und Verträglichkeit. Nur Mediziner und Apotheker (beiden Geschlechts) zusammen mit den Patienten können erfolgreiche Anwendungen vermitteln. Online- oder Selbstbedienungsverkauf können zwangsläufig durch Fehlgebrauch von Medikamenten zu gesundheitlichen Schäden führen.

    • C. Gyr am 09.04.2017 11:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Typhoeus

      Sie sollten andere Leute nicht für dümmer halten, als man selber ist! Die Leute können wohl sich selber informieren und die VerkäuferIn werden geschult. Bravo Migros!

    • Typhoeus am 09.04.2017 17:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @C. Gyr

      Hier geht es um Krankheiten, nicht um Brötchen zu verkaufen.

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  • Toni Seppä am 08.04.2017 22:11 Report Diesen Beitrag melden

    Qualität hat seinen Preis

    Der Apotheker verkauft nicht nur, sondern er überprüft und beratet auch. Ich bin schon verschiedentlich in Apotheken recht gut beraten worden. Und wenn ich dies mit meiner monatlichen Krankenkassenprämie vergleiche zudem recht günstig.