Umdenken

19. November 2014 12:29; Akt: 19.11.2014 13:46 Print

«Unsere Banken sollten dem Gemeinwohl dienen»

von I. Strassheim - Wer alles besitze, werde besessen, sagt Bankenkritiker Christian Felber. Im Interview spricht er über Wettbewerbsdenken und die Schwächen der direkten Demokratie.

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Autor des Wirtschaftsbuchs 2014: Christian Felber. (Bild: Jose Luis Roca)

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Christian Felber, in Ihrem Buch «Geld» fordern Sie demokratische Banken ohne Sparzinsen und mit sozialer und ökologischer Kreditprüfung. Sie sind radikal und haben dennoch den Preis für das Wirtschaftsbuch des Jahres 2014 bekommen. Wie das?
Weil immer mehr Menschen klar wird, dass es ein ganz neues System braucht. Der Devisenskandal ist nur der jüngste einer Endlosreihe von Bankenskandalen. Alle zeigen das Grundproblem: Die Geldhäuser verfolgen das falsche Ziel. Unsere Banken und generell alle Unternehmen sollten grundsätzlich dem Gemeinwohl dienen – wie Schulen, Universitäten oder Gesundheitshäuser.

Umfrage
Sind Unternehmen, die dem Nutzen aller dienen, realistisch?
77 %
23 %
Insgesamt 1731 Teilnehmer

Ihre Kernthese ist, dass die Wirtschaft den menschlichen Bedürfnissen dienen soll, tut sie das nicht?
Das oberste Ziel von Unternehmen ist heute der Finanzgewinn, das passt nicht mit unseren Staatsverfassungen zusammen. Diese sagen einstimmig, dass das übergeordnete Ziel der Wirtschaft das Gemeinwohl ist. Das vorrangige Streben nach Geld zerstört die Beziehungen und das Vertrauen und führt zu Konkurrenz statt zu Kooperation.

Braucht es nicht Konkurrenz und Profitstreben, um die Wirtschaft am Laufen zu halten?
Keineswegs. Das Wettbewerbsdenken ist uns Menschen nicht angeboren, es wurde uns anerzogen – von der Nationalökonomie und der sozialdarwinistischen Ideologie. Keine Philosophie und keine Religion nennt Konkurrenz als positiven Wert. Wissenschaftliche Studien zeigen zudem, dass Kooperation Menschen stärker motiviert. Wettbewerb motiviert an erster Stelle über Angst. Es ist keine intelligente Wahl, wenn wir uns 40 Jahre acht Stunden pro Tag lang von Angst antreiben lassen.

Was soll Ihre Gemeinwohlbilanz, die ethisches Verkaufen, gerechte Verteilung der Arbeit oder Nachhaltigkeit von Unternehmen bewertet?
Heute messen wir den Erfolg von Unternehmen und Staaten per Finanzbilanz und Bruttoinlandprodukt. Diese Erfolgsindikatoren messen jedoch nur das Mittel – das Geld – und nicht das Ziel. Die von uns entwickelte Bilanz misst dagegen Beziehungs- und Verfassungswerte, die das Gemeinwohl fördern. In unseren Wirtschaftsbeziehungen sollten Grundwerte belohnt werden.

Lässt sich die Gemeinwohlbilanz umsetzen?
Mehr als 200 Unternehmen haben das bereits getan, darunter auch erste aus der Schweiz. Auch öffentliche Einrichtungen zeigen zunehmend Interesse, zuletzt haben eine Hochschule aus Österreich und die Lausanne Business School die Bilanz erstellt.

Sie schlagen auch vor, das Privatvermögen auf 10 Millionen Euro zu begrenzen. Das Eigentumsrecht ist jedoch ein Pfeiler unserer Verfassung und unseres Wirtschaftssystems.
Auch die Sexualität ist heilig, und dennoch gibt es Grenzen, um die gleichen Rechte aller zu schützen. Das Grundrecht bleibt gewahrt, aber nicht grenzenlos. Wer allzu viel besitzt, wird besessen. Haben Sie schon einmal versucht, eine Milliarde Dollar auszugeben? Ab einer bestimmten Grenze macht mehr Geldbesitz keinen Sinn mehr, gefährdet aber die gleichen Freiheiten anderer.

Sie sind generell für basisdemokratische Entscheide. Was halten Sie von der Ecopop- und Goldinitiative?
Es sind sehr begrenzte Einzelfragen, um die es da geht, mir schweben umfassende Konvente vor, die die Geld- und Wirtschaftsordnung von Grund auf erneuern. Eine der Schwächen der jetzigen direkten Demokratie ist auch, dass immer nur über einen Vorschlag und nicht über verschiedene Varianten abgestimmt wird. Das fiel besonders bei der 1:12-Initiative auf, wo nicht auch der Vorschlag 1:20 von Klaus Schwab zur Wahl stand.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Gregor am 19.11.2014 12:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wow coole Ansichten

    Endlich mal jemand der sich Gedanken für was neues macht! Finde d Ideen toll!

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  • Wesserbisser am 19.11.2014 12:41 Report Diesen Beitrag melden

    Danke! Danke! Danke!

    Sage ich schon lange, nur hört mir keiner zu, weil sie alle damit beschäftigt sind mehr zu verdienen als ihre Mitmenschen.

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  • Reseph am 19.11.2014 13:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    War früher so!

    Das war schon mal so, als die Firmen in Familienbesitz waren und nicht an der Börse. Da ging es in erster Linie um Erhalt der Firma für die nächsten Generationen und nicht um Aktiengewinne. Da brauchte es keine Manager, welche die Firmen nach zwei Jahren optimieren ( sprich Stellenabbau) verlassen um am neuen Ort noch mehr Geld zu garnieren!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Nic Kratzer am 21.11.2014 12:43 Report Diesen Beitrag melden

    Romantiker des Sozialen

    Was das gemeine Wohl seine soll, weiss kein Mensch. Gemeinsinnprediger sind verkappte Eiferer des Sozialen. Wohin das führt, hat man ja im 20. Jahrhundert gesehen. Wenn jedes Trachtenchörli und jede Einzelmaske konsequent nur für sich selbst schaute, anstatt gütigst überall sich aufzudrängen, ginge es automatisch allen bestens.

  • Christa Birkenstock am 21.11.2014 11:16 Report Diesen Beitrag melden

    Anglo-Amerikanischer Stil auch in der CH

    "Was ist schon ein Banküberfall gegen die Gründung einer Bank?" - Peanuts! Seit die Angelsachsen das Szepter auch in der Schweiz bei CS und UBS übernommen haben gilt nur noch das Recht des Stärkeren. Reine Cowboy-Mentalität unter dem Motto: Alles ist erlaubt, was mir Boni bringt. Ich habe für ein solches System nur noch Verachtung übrig. Und die Politik schweigt dazu.

  • Daniel H. am 20.11.2014 20:31 Report Diesen Beitrag melden

    Warum

    Warum braucht wer Millionen oder Milliarden? Ohne die Gesellschaft würde keiner zu Millionen / Milliarden kommen! Aber der Gesellschaft was zurück geben, kommt nur für sehr WENIGE in Frage! Nein man Handelt sogar noch die Pauschalsteuer aus, um so weinig wie möglich an Steuern zu zahlen, was für die Gemeinschaft ist. Warum weigern sich jene Ordentliche nach Ihrem vermögen angemessene Steuern zu zahlen? Mit dem Geld wäre es möglich Kitas für ALLE Gratis anzubieten, die Schulen zu modernisieren, mehr Personal. Die Gesellschaft würde viel Profitieren.

  • René am 20.11.2014 07:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    I have a dream...

    Es scheint so, dass es mittlerweile fast jedem bewusst ist, so kann es nicht weitergehen. Wieso tun wir uns so schwer zu reagieren? Die ist sicherlich auch mit der Komplexität dieses Problems zu begründen. Nur wenige Menschen verstehen das System als ganzes und diese die das verstehen gehören meist zu den Profiteuren und möchten nicht handeln. Es braucht noch viel Aufklärungsarbeit und Kraft bis uns die Revolution gelingt. Warten bringt nichts, es wird Zeit zu handeln!

  • Clude am 20.11.2014 06:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Genossenschaften

    Hier wird wohl das Genossenschafts-Prinzip propagiert. Glücklicherweise haben wir ja wenigstens 1 einigermassen anständige Bank in der Schweiz!