Staatsrettung

10. Mai 2012 16:51; Akt: 10.05.2012 17:03 Print

Spaniens Banken stehen vor dem Abgrund

von Alex Hämmerli - Das spanische Finanzhaus Bankia ist vorerst gerettet – mit 4,6 Milliarden Euro vom Staat. Erst der Anfang? Nun wird spekuliert, dass die EU Spaniens marodem Finanzplatz helfen muss.

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Es steht schlecht um Spaniens Wirtschaft. Die nachfolgenden Bilder zeigen die Gründen für Madrids Misere. In Spanien stehen derzeit rund 1,5 Millionen Immobilien zum Verkauf. Und die Preise fallen weiter. Viele Spanier hatten sich in den Boomjahren des neuen Jahrtausends Zweit- und Drittwohnungen zugelegt, weil die Zinsen tief waren und die Preise rasant stiegen. Als die Blase platzte, sind viele kräftig auf die Nase gefallen. Davon zeugen heute dutzende Geisterstädte. Auch Spaniens Banken haben sich beim Immobilien-Poker verzockt. Sandard & Poor's befürchtet, dass Spanien dem maroden Bankensektor erneut unter die Arme greifen muss. Schliesslich schulden Immobilienbesitzer den Banken geschätzte 325 Milliarden Euro und diese Sicherheiten verlieren rasant an Wert. In Spanien sind derzeit 5,7 Millionen Menschen arbeitslos und zahlen somit keine Steuern. Die Arbeitslosenquote ist mit fast 25 Prozent die höchste in ganz Europa. Die Regierung hat im Februar eine drastische Arbeitsmarktreform verabschiedet, die Entlassungen erleichtert. Madrid hofft, dass durch die Reformen langfristig neue Jobs geschaffen werden. Denn Unternehmen stellen Mitarbeiter nur zögerlich an, wenn diesen nicht rasch wieder gekündet werden kann. Die Gewerkschaften sind davon überzeugt, dass infolge der Reform noch mehr Arbeitsplätze vernichtet werden. Standard & Poor's glaubt ebenfalls nicht, dass die Massnahmen unter dem Strich in absehbarer Zeit Jobs schaffen werden. In einem Versuch, die Wirtschaft anzukurbeln, hat Spaniens Regierung Milliarden ausgegeben. Das Haushaltsdefizit explodierte. Das aber schadet wiederum der Wirtschaft. Das Land ist gerade erst erneut in die Rezession abgerutscht. Nobelpreisträger Joseph Stiglitz glaubt, dass sich Europa mit dem Sparkurs «auf seinen Selbstmord hinbewegt». Die sozialistische Vorgänger-Regierung Spaniens versprachen sich durch die knallharte Einschränkung der CO2-Emissionen eine Flut grüner Arbeitsplätze. Eine interne Einschätzung der heutigen Regierung zeigt das Gegenteil: Spaniens Energiepreise explodierten und durch die Regulierung gingen pro geschaffenen Arbeitsplatz zwei verloren. Spanien hat mit dem Eintritt ins Euroland auch dessen tiefes Zinsniveau geerbt. Das Wirtschaftswunder war auch Folge der expansiv wirkenden Geldpolitik, wie das Wirtschaftsforschungsinstitut DIW berichtet. Das dadurch steigende Lohnniveau in Kombination mit der tiefen Produktivität hatte zur Folge, dass die Konkurrenzfähigkeit der spanischen Produkte im Ausland stark gesunken ist. Die spanischen Aktienmärkte haben wegen der schwachen Wirtschaftslage seit Beginn des Jahres um mehr als 19 Prozent an Wert verloren und stehen damit in Europa am schlechtesten da.

Daran krankt Spanien.

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Spanien übernimmt die Kontrolle über die kriselnde Grossbank Bankia. Die Regierung verstaatlicht die Muttergesellschaft BFA, zu der neben Bankia mehrere Sparkassen gehören.(20 Minuten Online berichtete).

«Diese Massnahme war längst überfällig», sagt Analystin Christine Schmid von der Credit Suisse auf Anfrage von 20 Minuten Online. In den Büchern von Bankia schlummern faule Immobilien-Kredite im Wert von über 36 Milliarden Franken. Das ist ein Sechstel der gesamten Hypothekarkredite, die die spanische Regierung als «giftig» einstuft. Dass Bankia auf Hilfe angewiesen ist, war laut Schmid daher schon seit Monaten bekannt. Dem stimmt auch Anastassios Frangulidis, Chefökonom der ZKB zu: «Spanien war zu blauäugig. Die Hilfe ist absolut notwendig, denn Bankia hat viel zu wenig Eigenkapital, um die Marktvorgaben zu erfüllen.» Spanien habe vergebens gehofft, dass der Markt das Problem von selbst in den Griff bekommt. «Es muss immer zuerst brennen, bevor sich die Regierung darum kümmert», bedauert Frangulidis.

Spanien benötigt 120 bis 160 Milliarden Franken

Bei den zugesicherten 5,5 Milliarden Franken dürfte freilich es nicht bleiben, sind sich die Analysten einig. Viele gehen davon aus, das die Regierung noch mindestens weitere 12 Milliarden Franken in die Bank stecken muss, damit sie nicht Pleite geht. Zudem gilt als praktisch sicher, dass weitere Regionalbanken vor dem Untergang gerettet werden müssen. Die drei grössten Banken des Landes, Santander, BBVA und Banco Popular Español, hätten zum Glück verhältnismässig wenig faule Kredite im Portfolio und seien aufgrund ihrer Geschäfte im Boommarkt Südamerika gut aufgestellt.

Dennoch: Bankexperten berichten, dass Spanien 10 bis 12 Prozent des Bruttoinlandprodukts dafür ausgeben müssen wird, um seinen Finanzmarkt mit den nötigen Kapital zu versorgen. Das wären rund 120 bis 160 Milliarden Franken. «Diese Summe könnte Spanien kaum selber aufwerfen», so Frangulidis. Denn Spanien befinde sich bereits jetzt in einer schwierigen Finanzlage – «und dazu kommt die Belastung durch die erneute Rezession.»

Bald spanische «Bad Bank»?

Frangulidis sagt voraus, dass Spaniens Finanzplatz unter den europäischen Rettungsschirm kommen wird. Damit das möglich ist, muss dieser aber in seinen Grundsätzen umgekrempelt werden: Bislang ist es nämlich nur möglich, dass ganze Staaten in den Genuss der Hilfsgelder kommen. Und das hätte für Spanien die Konsequenz, dass das Land in seiner Wirtschaftspolitik bevormundet würde.

Spaniens Premier Mariano Rajoy hat angekündigt, am Freitag seinen Masterplan zur Stabilisierung des darbenden Finanzsektors vorzustellen. Analystin Schmid geht davon aus, dass Rajoy weitere Gelder für die maroden Banken sprechen wird. Sie schliesst zudem nicht aus, dass es zur Gründung einer «Bad Bank» kommen könnte, zu der die faulen Immo-Kredite ausgelagert werden könnten.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Wayne E Trigger am 13.05.2012 13:55 Report Diesen Beitrag melden

    Peinlich; die Spanier!

    Und ausgerechnet Barroso will der Schweiz sagen, wie sie ihren Finanzplatz zu gestalten hat?! Ich lach' mich echt krum!

  • Michel am 10.05.2012 17:00 Report Diesen Beitrag melden

    Traurig

    Hauptsache, dass Messi, CR7 und Co. auch noch von der EU Finanziert werden ! Dann ist alles okay... Die Banken haben kein Geld, geben aber den meisten Clubs immer noch Kredite für die Fussballer !

    einklappen einklappen
  • Samuel Ferreira am 10.05.2012 17:31 Report Diesen Beitrag melden

    Kettenreaktionen

    Das Problem liegt nicht nur an der geplatztenImmo- Blase sondern an der fast 25 Prozentigen Arbeitslosigkeit in Spanien! Klar dass die Hypotheken nicht mehr bezahlt werden können! Kettenreaktionen einer kranken EU-Wirtschaft!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Wayne E Trigger am 13.05.2012 13:55 Report Diesen Beitrag melden

    Peinlich; die Spanier!

    Und ausgerechnet Barroso will der Schweiz sagen, wie sie ihren Finanzplatz zu gestalten hat?! Ich lach' mich echt krum!

  • Roger S. am 10.05.2012 17:45 Report Diesen Beitrag melden

    Die Sozialisten und die Kapitalisten

    haben Europa gemeinsam zu Grunde gerichtet

  • Samuel Ferreira am 10.05.2012 17:31 Report Diesen Beitrag melden

    Kettenreaktionen

    Das Problem liegt nicht nur an der geplatztenImmo- Blase sondern an der fast 25 Prozentigen Arbeitslosigkeit in Spanien! Klar dass die Hypotheken nicht mehr bezahlt werden können! Kettenreaktionen einer kranken EU-Wirtschaft!

  • P. Dias am 10.05.2012 17:23 Report Diesen Beitrag melden

    Genauso

    wird es bald auch hier sein denn jeder denkt ja bei uns in der Schweiz passiert dass ja nicht. wartet es einmal ab was noch so alles kommt und Nein, das machen die Spanier bestimmt nicht, Milliarden irgendwelchen Abzockern in den Rachen schieben.

  • Nexor am 10.05.2012 17:22 Report Diesen Beitrag melden

    Griechen, Spanien, Portugal, Italien....

    Bin ich eigentlich der einzige, dem auffällt, dass hier etwas extrem schief läuft? Die EU hat schon grosse probleme Griechenland zu stützen, welches aber im gegensatz zu Spanien oder Italien winzig ist. Nimmt mich ja mal wunder, wie Europa 2015 aussieht.... Gott sei Dank ist die Schweiz nicht in der EU und muss das Fass ohni Boden nicht auch noch stopfen