Schuldenkrise ohne Ende

16. August 2011 17:29; Akt: 17.08.2011 13:11 Print

Letzter Ausweg Eurobond

von S. Spaeth - Noch wehren sich Deutschland und Frankreich gegen europäische Anleihen. Doch der Widerstand bröckelt. Laut Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar ist die Einführung nur eine Frage der Zeit.

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«Der Bond fürs Leben»: Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy (links) wohl dafür, Bundeskanzleirn Angela Merkel (rechts) dagegen. (Bild: Keystone)

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Angela Merkel und Nicolas Sarkozy waren sich der Bedeutung ihrer Krisensitzung vom Dienstag im Elysée-Palast bewusst. Sie informierten erst nach Börsenschluss, wie sie die schlingernde Eurozone zu stabilisieren gedenken. Ihr Ziel sei eine gemeisame Wirtschaftsregierung im Euroraum, sagte Merkel; Sarkozy regte eine festgeschriebene Schuldenobergrenze an.

Beide Spitzenpolitiker lehnten Euro-Bonds - also die gemeinschafltiche Haftung für Schulden - offiziell ab. Es gehe darum, die Krise Schritt für Schritt zu lösen. «Ich glaube nicht, dass uns Euro-Bonds helfen», sagte die Kanzlerin. Beobachter vermuten aber, dass insbesondere Sarkozy bei Merkel für gemeisame Anleihen warb. Der französische Präsident erklärte, Euro-Bonds könnten möglicherweise erst am Ende eines europäischen Integrationsprozesses stehen.

Rettungschirm reicht bald nicht mehr

Immer mehr Politiker und Ökonomen sehen Eurobonds als einzigen Weg aus der Krise. Italiens Finanzminister Guido Tremonti hatte sich am Wochenende klar dafür ausgesprochen und auch Eurogruppen-Chef Jean-Claude Junker und EU-Währungskommissar Olli Rehn stehen hinter den gemeinsamen Anleihen. Klar ist: Der heutige Rettungsschirm reicht bald nicht mehr aus, um weitere pleitegefährdete Staaten mit Krediten zu versorgen. Die eine Möglichkeit wäre, den Rettungsschirm weiter auszubauen, die Alternative hiesse Eurobonds.

Das würde bedeuten, dass die Eurozone gemeinsame Anleihen für Mitgliedstaaten herausgibt. In Schieflage geratene Länder wie Griechenland oder Portugal, die derzeit auf dem Markt horrende Zinsen für neue Kredite bezahlen müssen, könnten damit von der guten Bonität Deutschlands profitieren. Die Kosten für die hochverschuldeten Staaten würden tiefer, denn der Ruf des «Schuldners Eurozone» ist insgesamt intakt. Im Gegenzug dürfte die Einführung von Eurobonds in Deutschland zu Mehrkosten führen.

Eurobonds als einzige Lösung

Klar für Eurobonds spricht sich auch Thomas Straubhaar, Direktor des hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), aus. «Von den noch verbleibenden schlechten Lösungen ist der Eurobond die beste – und jene mit der grössten politischen Unterstützung», sagt der Schweizer Professor im Gespräch mit 20 Minuten Online. Eine andere Möglichkeit sieht Straubhaar, seit auch Italien in Schieflage geraten ist, nicht mehr.

Wichtig ist laut dem Professor aber die Ausgestaltung der gemeinsamen Anleihe. Es gehe darum, den europäischen Rettungsschirm umzubauen und möglichst viel davon in den Eurobond-Mechanismus zu übernehmen. «Die gemeinsame Kapitalaufnahme sollte nur im Krisenfall zu tragen kommen», erklärt Straubhaar. Ziel müsse es trotz europäischer Anleihe bleiben, dass sich die Staaten längerfristig national finanzierten.

Angst vor der Transferunion

Mit der Ankündigung von Eurobonds dürfte sich die Lage an den Finanzmärkten beruhigen. «Die Börsen sind auch darum so volatil, weil sie die Politik ständig vor sich hertreiben», sagt Straubhaar. Gegen die gemeinsamen Anleihen wehrt sich aber insbesondere Deutschland. Man fürchtet die Transferunion wie der Teufel das Weihwasser und will die Pleitestaaten mit dem «Freikaufen» nicht noch für ihre Schuldenwirtschaft belohnen.

Straubhaar sieht es pragmatisch: «Die Transferunion ist für Deutschland bereits Tatsache. Eine Gratis-Lösung gibt es keine mehr.» Der Schuldenkrise über Eurobonds beizukommen sei günstiger, als beispielsweise den Rettungsschirm immer weiter aufzustocken. Die Mehrkosten für Eurobonds (Deutschland müsste statt 2,5 Prozent vermutlich 5 Prozent Zins zahlen) könnte die deutsche Volkswirtschaft laut Straubhaar bei kluger Umsetzung in Form gemeinsamer Krisenhilfe verkraften. Der Experte fordert aber, dass Länder bei in Anspruchnahme von Eurobonds ihre eigenständige Fiskalpolitik aufzugeben hätten und sich den Sparbedingungen eines europäischen Gremiums unterziehen müssten.

Eine Frage der Zeit

Dass Merkel und Sarkozy am Dienstagabend das gemeinsame Ja zu Eurobonds verkünden, ist eher unrealistisch. Es ist aber davon auszugehen, dass die beiden Spitzenpolitiker sehr wohl darüber gesprochen haben. «Es wissen alle, dass es letztendlich doch auf die Lösung Eurobonds herausläuft», sagt der Wirtschaftsprofessor Straubhaar. Für ihn ist es höchstens noch eine Frage der Zeit.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Henri Wyler am 16.08.2011 22:31 Report Diesen Beitrag melden

    Vorzeitige Neuwahlen in Deutschland ?

    Für die Deutsche FDP wäre die Zustimmung Merkels zu einer Eurobond-Lösung ein Grund aus der derzeitigen Regierung auszutreten. Da die FDP momentan zwischen 3 und 4 Prozent liegt, wäre dies ein geschickter Schachzug, um bei vorzeitigen Neuwahlen vielleicht im Januar 2012 zu punkten, die 5 Prozent-Hürde zu erreichen, wählerwirksam als Bewahrer der wirtschaftlichen Stabilität. Dass sich Merkel unter dem Druck der EU, sprich von Sarkozy und Italiens Tremonti, mit Hilfe oder unter Druck der SPD, nachträglich doch noch für eine Eurobond-Lösung entscheidet, ist nicht unwahrscheinlich.

  • Chris am 16.08.2011 18:55 Report Diesen Beitrag melden

    Ruf des Euroraums als Schuldner ist inta

    Tut mir leider aber diese Aussage ist der blanke Hohn. Aktuell ist wohl die gesamte Eurozone als gefährdet zu betrachten. Bin gespannt ob sich die Politiker zu einer gemeinsamen Lösung durchringen und sämtliche persönlichen Interessen hinter sich lassen können.

  • Michel am 16.08.2011 21:17 Report Diesen Beitrag melden

    Eurobonds ist der falsche weg !!!

    Eurobonds beteutet AAA für alle Länder in der EU, auch für die hoch verschuldeten Länder ! Dass heisst, Länder wie Spanien und Portugal und andere, machen Schulden und alle müssen dafür gerade stehen in der EU ! Nein danke !!!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Manuel Cardoso am 24.11.2011 06:53 Report Diesen Beitrag melden

    triple AAA

    Die Gier der Grossen Staaten im Euroland hat es bewusst zu dieser Krise gefürt. Eurobonds waren schon von anfang an die einzige lösung. Das jetzt Merkel und Sakorzy es noch verzögern wollen kann ja jede klardenkende Person verstehen. Doch sollte es zur eine Weltweite Rezession kommen wegen diese verzögerung, können beide Länder Ihre triple AAA als Souvenir behalten

  • Thor Sax am 23.11.2011 20:40 Report Diesen Beitrag melden

    Straubhaar

    diese Art Wirtschaftweise hat uns dahin gebracht wo wir jetzt sind. Und ich hoffe das die EU endlichuntergeht, möglichst bevor sie den Deutschen Schulden für die kommen tausend Jahre aufgeladen haben. Weil das was dann kommt haben wir 33 gesehen.

  • Pesche am 17.08.2011 11:42 Report Diesen Beitrag melden

    Spiel auf Zeit

    Das ist nur ein Spiel auf Zeit. Spätestens wenn Deutschland Zahlungsunfähig ist, bricht das ganze Kartenhaus zusammen. Was Länder, die vor dem Euro hohe Zinsen bezahlen mussten, machen, wenn sie "billige" Schulden machen können, hat man bereits bei der Einführung vom Euro gesehen. Mit den Eurobonds wird das Problem einfach vor sich hergeschoben bis es schlussendlich so richtig Krachen wird. Das ist typisch Politiker. Nur der nächste Wahltermin zählt. Deshalb bis zu diesem Zeitpunkt die Probleme mit Scheinlösungen überbrücken.

  • Dagobert Duck am 17.08.2011 00:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja, aber

    Die deutsche Exportwirtschaft profitiert schliesslich am stärksten vom schwachen Euro. Also Eurobonds ja-aber die Zinsmehrkosten sollen dann über Steuererhöhungen dann bitte auch die Unternehmer tragen

  • René Dugal am 16.08.2011 22:35 Report Diesen Beitrag melden

    Super

    Somit sinken die Zinsen für viele Euroländer, was die Situation beruhigt