SBB-Chef Andreas Meyer

17. Dezember 2011 08:10; Akt: 17.12.2011 09:51 Print

«Schon jetzt fahren weniger ohne Billet»

von Hans Peter Arnold - Seit wenigen Tagen herrscht das striktere Regime der SBB. Chef Andreas Meyer erklärt, warum sich die härtere Gangart bewährt. Und wo die Schweiz von Japan noch lernen kann.

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SBB-Chef Andreas Meyer nimmt seinen Abfall mit aus dem Zug und bringt ihn zum nächsten Kübel. (Bild: Keystone)

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Seit dem Fahrplanwechsel müssen Reisende ohne Billet 90 Franken Busse zahlen. Wie gut setzen sich Ihre Leute durch?
Die allermeisten Kundinnen und Kunden sind mit einem gültigen Billett unterwegs und verstehen durchaus, warum wir die Billettpflicht auch im Fernverkehr eingeführt haben: Damit sie nicht für diejenigen mitbezahlen müssen, die keines haben.

Keine Aggressionen gegenüber Kondukteuren?
Unsere Zugbegleiter berichten, dass die Zahl der Reisenden ohne gültiges Billet bereits sinkt. Bei denjenigen, die aus guten Gründen kein Ticket lösen konnten, wenden wir die Regelung bei den Kontrollen mit Augenmass und gesundem Menschenverstand an. Aber klar: Diejenigen, die es weiterhin drauf ankommen lassen und nun halt einen Zuschlag bezahlen müssen, sind nicht erfreut.

Der TV-Sender CNN widmete eine grosse Reportage den SBB. Macht Sie das stolz?
Und wie! Das macht die ganze SBB stolz. Die Reportage zeigt, wie die SBB im Ausland wahrgenommen wird: als sehr gut funktionierendes, pünktliches Bahnunternehmen, das jeden Tag fast eine Million Kundinnen und Kunden sicher und komfortabel ans Ziel bringt, aber auch vorausblickt und an der Bahn der Zukunft baut.

In welchem Bereich können wir vom Ausland lernen?
Wir haben vor einigen Wochen Japan besucht, um uns mit den dortigen Bahnen zu vergleichen. Bei der Sauberkeit und beim Service konnten wir einiges lernen. Das beginnt im Zug und geht in den Bahnhöfen weiter, die als moderne Dienstleistungszentren gestaltet sind, wo die Reisenden alles erhalten, was ihr Herz begehrt.

Da sind uns die Japaner also klar voraus?
Bei der Sauberkeit sind sie die Weltmeister. Da hilft auch ihre Kultur der gegenseitigen Rücksichtnahme.

Was unternehmen die SBB, um die Sauberkeit zu erhöhen?
Unsere 1300 Mitarbeiter, die für die Sauberkeit zuständig sind, sammeln pro Jahr 36 000 Tonnen Abfall ein, 5500 Tonnen sind Altpapier. Wo immer möglich, reinigen sie unsere Züge auch dann, wenn sie noch unterwegs sind – und nicht erst im Depot. Dabei achten sie vor allem darauf, dass die Sitzplätze aufgeräumt und sauber sind. Zudem reinigen sie in unseren 800 Bahnhöfen jeden Tag 2,3 Mio. Quadratmeter Fläche, 4800 Quadratmeter Toiletten und leeren 7000 Abfalleimer.

Offenbar reicht dieser Riesenaufwand aber nicht.
Leider sind sie mit zunehmendem Littering, Vandalenakten und auch gewalttätigen Übergriffen konfrontiert. Deshalb ist es wichtig, dass auch unsere Kunden und alle unsere 28 000 Mitarbeiter mithelfen. Ich selber gehe immer mit gutem Beispiel voran, nehme meinen Abfall mit aus dem Zug und bringe ihn zum nächsten Kübel.

Anderes Thema: Die riesige Trassee-Schneise vor dem Zürcher Hauptbahnhof aber auch in Spreitenbach könnten doch überbaut werden…
Wir sind an rund 80 Orten daran, Areale, die wir nicht mehr für den Bahnbetrieb brauchen, weiterzuentwickeln und anders zu nutzen. Dabei arbeiten wir eng mit den Städten und Gemeinden zusammen.

Die SBB wollen bis 2030 Fahrzeuge im Wert von 20 Milliarden bestellen. Läuft alles nach Plan?
Ja, es läuft nach Plan. Die neuen Doppelstöcker für den Regionalverkehr rollen ab Anfang 2012 auf dem Zürcher S-Bahn-Netz.

Wann kommen die anderen Strecken zum Zug?
Die Produktion der Fernverkehrs-Doppelstöcker hat bereits begonnen, sie kommen ab 2014 zwischen St. Gallen und Genf zum Einsatz. Unsere Kunden dürfen sich freuen: die Doppelstöcker haben rund 40 Prozent mehr Sitzplätze als einstöckige Züge.

Man spricht über den vernachlässigten Unterhalt.
Der Zustand unseres Schienennetzes ist insgesamt gut. Die Bahn ist weiterhin ein sehr sicheres Transportmittel, das bestätigen sämtliche Statistiken. Fakt ist aber, dass sich über die letzten zehn Jahre ein Nachholbedarf gebildet hat.

Was haben Sie vor?
Die Belastung hat stark zugenommen. Ich habe deshalb vor drei Jahren einen Netzaudit durchführen lassen und aufgrund der Resultate sofort Gegensteuer gegeben. Den Rückstand bauen wir jetzt und über die nächsten Jahre schrittweise ab.

Der Rückstand macht die Bahn unsicherer?
Nein! Wir gehen sicher keine sicherheitsrelevanten Risiken ein, im Extremfall steht ein Zug sofort still.

Stichwort Sicherheit…
…Sicherheit ist eines unserer Konzernziele, wir arbeiten ständig daran. Der Aufwand lohnt sich, das Sicherheitsniveau ist seit Jahren sehr hoch, aber manchmal haben wir auch Glück. Wir dürfen keinen Moment nachlassen, Bahnunfälle können dramatische Folgen haben. Deshalb werden wir dieser Aufgabe auch künftig höchste Priorität einräumen.

(Das Interview wurde schriftlich geführt)