Zug, Parkplätze, Skifahren

16. Oktober 2017 09:39; Akt: 16.10.2017 09:39 Print

Hier wird es bald dynamische Preise geben

von R. Knecht - Früher oder später werden dynamische Preise zur Norm werden. Wo wird es besonders schnell gehen? 20 Minuten hat Experten gefragt.

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Bei Flügen ist die dynamische Preisgestaltung längst etabliert. Doch auch in vielen anderen Handelsbereichen stehen flexible Preise vor der Tür. Kürzlich berichtete etwa «The Telegraph» darüber, dass Supermärkte in England an Systemen arbeiten, die es ihnen erlauben, Preise anhand der Nachfrage automatisch anzupassen.

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Dynamische Preise finde ich...

Experten sind sich einig: Dynamische Preise werden früher oder später zur Norm werden. Laut GDI-Forschungsleiterin Karin Frick ist es nur eine Frage der Zeit. Ihre Vermutung: Je mehr Angebote auf Individuen zugeschnitten werden, desto eher etablieren sich dynamische Preise.

In welchen Bereichen könnte es besonders schnell gehen? 20 Minuten sprach mit Emanuel de Bellis, Assistenzprofessor am Institut für Consumer Insight der HSG, und mit dem Futurologen Gerd Leonhard. Laut ihnen spielen zwei Faktoren eine besonders wichtige Rolle: der technische Fortschritt und die Akzeptanz der Konsumenten.

Zugfahren

Zugbillette könnten anhand von Strecken, Frequenz und Belastung preislich angepasst werden. Wer tagsüber in einem eher leeren Zug fährt, könnte einen besseren Preis erhalten als ein Pendler, der morgens um sieben die gleiche Strecke benutzt. Dieses Konzept hält Leonhard für machbar – und er könnte es sich bereits in der nahen Zukunft vorstellen. De Bellis geht davon aus, dass der Wille der SBB zwar da ist, ein solches System einzuführen. Allerdings verlangsamt der Widerstand von Konsumenten den Prozess, da Zugfahren in der Schweiz einen besonderen Stellenwert geniesse.
Fazit: Wenn die SBB einen Weg findet, die Idee den Kunden schmackhaft zu machen, ist die Bahn frei für dynamische Billettpreise.

Parkplätze

Denkbar wäre ein System vernetzter Parkplätze, deren Preise anhand der Nachfrage variieren. Wenn in der Umgebung sehr viele Plätze frei sind, müssen Fahrer weniger bezahlen, als wenn alle anderen Parkmöglichkeiten besetzt sind. Die Vernetzung fehlt dazu allerdings noch. «In der Schweiz sind vernetzte Parkplätze gar nicht nötig», sagt Leonhard. Je länger, je mehr werde in Schweizer Städten sowieso nicht mehr Auto gefahren. Laut de Bellis ist es hingegen denkbar, dass ein solches System punktuell schon bald zum Einsatz kommt.
Fazit: Sofern Autofahren in der Schweiz nicht ausstirbt,
wird es schon bald dynamische Preise fürs Parkieren geben.

Detailhandel

Im Detailhandel werden dynamische Preise mittels digitaler Preisschilder in verschiedenen Ländern getestet. Tageszeiten und Kundendaten können preisbestimmende Faktoren sein. In diesem Bereich gibt es laut Leonhard und de Bellis viel Widerstand seitens der Schweizer Konsumenten. Niemand wolle im Laden vor ein Produkt treten und sehen, wie der Preis plötzlich hochschnellt. Am ehesten würden dynamische Preise für ausgewählte Produkte einleuchten, etwa für verderbliche Artikel wie Lebensmittel. Solche Rabatte sind bereits heute üblich, so de Bellis.
Fazit: Getestet wird das Modell im Detailhandel bereits, bis zur Einführung wird es in der Schweiz aber noch etwas länger dauern.

Elektronik-Handel

In der Schweiz gibt es bereits digitale Preisschilder, etwa bei Media Markt. Es gehe dabei vor allem darum, Preise in allen Filialen gleich zu gestalten, versichert Martin Rusterholz, CEO von Media Markt Schweiz. Der Elektronik-Handel sei aber durchaus nah an dynamischer Preisgestaltung dran, so Leonhard. Laut de Bellis ist die Branche selbst aber weniger prädestiniert für dynamische Preise, da sowohl die Anschaffungskosten als auch die spezifischen Bedürfnisse der Kunden zeitlich weniger variieren als etwa im Detailhandel.
Fazit: Die Voraussetzungen erfüllt der Elektronikhandel, trotzdem wird es noch viel Zeit brauchen, bis dynamische Preise in der Branche zur Norm werden.

Outdoor-Aktivitäten

In einigen Schweizer Skigebieten gibt es bereits heute wetterabhängige Preise. Kunden erhalten Rabatte, wenn Petrus nicht mitspielt. Ähnliches wäre denkbar für Darbietungen im Freien, wie etwa Konzerte oder Theatervorstellungen. Leonhard findet den Vorschlag etwas weit hergeholt. Nur weil gerade die Sonne scheine oder eben nicht, seien Konsumenten nicht bereit, andere Preise zu bezahlen. Für de Bellis ist das Problem hier vor allem die Vorhersehbarkeit des Wetters.
Fazit: Weil das Wetter kein guter Grund für Preisänderungen ist, wird es bei Outdoor-Aktivitäten standardmässig noch länger keine dynamische Preise geben.

Medizin

Im medizinischen Bereich wäre es für Leonhard denkbar, dass bezogene Dienstleistungen und Medikamente anhand von Kundendaten preislich angepasst werden. Technisch sei man nicht mehr weit von personalisierter Medizin entfernt. Pharma-Konzerne müssten allerdings noch ein Modell finden, das für alle Konsumenten passt. Dies dürfte noch lange dauern, so de Bellis. Allerdings gibt es bereits heute erste, nicht weniger kontroverse Ansätze – etwa die Idee, Krankenkassenprämien zu senken, wenn der Kunde einen Fitness-Tracker trägt.
Fazit: In der Medizin wird es lange dauern, bis Dienstleistungen und Medikamente zu dynamischen Preisen verrechnet werden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Querdenker am 16.10.2017 09:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    und rechtlich?

    Und welcher Preis gilt, wenn sich zwischen dem Herausnehmen des Produktes aus dem Regal und der Kasse der Preis ändert? Ich finde diese Entwicklung eine absolute Katastrophe und dient lediglich dazu, dem Normalbürger noch mehr das Geld aus der Tasche zu ziehen.

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  • Stefan W. am 16.10.2017 09:48 Report Diesen Beitrag melden

    Klartext

    Dynamische Preise sind eine Frechheit und pure Abzockerei. Ich werde jeden CH-Detailhändler meiden und nur noch im WWW einkaufen wenn diese Praktik flächendeckend in unserem Hochpreisland eingeführt wird.

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  • Conny am 16.10.2017 09:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Abzocke perfektioniert

    Ganz einfach ausgedrückt die Hochpreisige Abzocke wird perfektioniert um den Bürger mehr und besser abzuzocken.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Verfasser am 17.10.2017 12:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gierig, gieriger am gierigsten

    Das ist eine Bestrafung, derer die es sich nicht leisten können im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein. Es wird die treffen die ohnehin schon wenig haben.

  • R.T. am 17.10.2017 08:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und die Bauern

    Wie funktioniert denn dass beim Bauern. Wenn die nachfrage nach Milch gross ist, bekommt der Bauer dann 50 Rp pro liter statt 20 Rp. Oder fliesst das überige Geld einfach wieder nur in die Kassen der Detailhändlern, dass Sie noch mehr umsatz machen können.

    • ORCH_IDEE am 17.10.2017 09:15 Report Diesen Beitrag melden

      nichte mehr übrig für steuern zahlen

      lustig wirds für steueramt wenn nichts mehr übrigbleibt für den staat, weil alles an die privatwirtschaft abgezogen wird.das gibt dann lustige steuererklärungen. vorallem wenn fixe abzugsbeschränkungen immer mehr eingeführt werden. das wird entgültig zum kollaps führen. wer hat sich da was gedacht?

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  • C. Derung am 16.10.2017 23:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Skepsis

    So lange es mit dynamischen Preisen billiger wird bin ich sofort dafür, befürchte aber genau das Gegenteil. An Stosszeiten wird so alles teurer und ein normaler Arbeitnehmer kommt nur noch in den Genuss des Höchstpreises. Das nennt sich Abzocke, ist aber die logische Weiterentwicklung das kapitalistischen Systems - nehmt sie aus wie Weihnachtsgänse ...

  • Marco von der Mühll am 16.10.2017 22:34 Report Diesen Beitrag melden

    Das bedeutet

    Du nimmst eine Ware aus dem Regal, der Preis zeigt 9.95. Bis du bei der Kasse ankommst, hat der Preis mind. 5mal gewechselt. Wenn du Glück hast, bist du an der Reihe und zahlst plötzlich weniger. Dafür kostet etwas andres dann 2mal mehr. Also, gleicht sich alles wieder aus. Mehr od. weniger!

  • Ueli am 16.10.2017 22:03 Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Danke der "Ich-hab-ja-nixzu-verbergen"-Mentalität.