«Dieselgate»-Affäre

25. August 2017 20:16; Akt: 25.08.2017 20:27 Print

VW-Ingenieur zu über drei Jahre Haft verurteilt

Ein Gericht in Detroit hat den 63-jährigen Dieselexperten Robert Liang zu 40 Monate Gefängnis verurteilt. Zudem verhängte es eine Geldstrafe von 200'000 Dollar.

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Soll gewusst haben, dass VV betrügt: James Robert Lang beim Verlassen eines Gerichtsgebäudes in Detroit im September 2016. (Bild: Keystone/Virginia Lozano)

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Das erste «Dieselgate»-Urteil gegen einen VW-Mitarbeiter fällt wesentlich härter aus als erwartet. Der langjährige Konzerningenieur James Liang muss über drei Jahre ins Gefängnis. Damit geht der Richter deutlich über die Forderungen der Staatsanwaltschaft hinaus.

Ungläubiges Schweigen im Gerichtssaal, selbst der Staatsanwalt wirkt konsterniert. Richter Sean Cox kennt beim ersten Urteil gegen einen VW-Mitarbeiter im Abgas-Skandal keine Gnade und geht deutlich über die Forderungen der Strafverfolger hinaus. Der Konzerningenieur James Liang muss für 40 Monate in Haft und 200'000 Dollar (191'500 Franken) Strafe zahlen. Wie ein Häufchen Elend fällt er auf der Anklagebank in sich zusammen, die Ehefrau bricht hinter ihm in Tränen aus, daneben mit versteinerten Mienen die Töchter und der Sohn.

Liang nicht das «Mastermind»

Mit dem ersten Urteil gegen einen VW-Mitarbeiter beginnt im Abgas-Skandal ein neues Kapitel. Nachdem Volkswagen die «Dieselgate»-Affäre auf Konzernebene mit Milliarden-Vergleichen zumindest in den USA weitgehend abhaken konnte, sollen dort nun die verantwortlichen Menschen zur Rechenschaft gezogen werden. Der Fall «Vereinigte Staaten von Amerika gegen James Robert Liang» taugt dazu allerdings nur bedingt. Die Drahtzieher vermuten die Strafverfolger woanders, was Richter Cox jedoch wenig beeindruckt.

Die Staatsanwaltschaft hatte lediglich eine dreijährige Haftstrafe und 20'000 Dollar Bussgeld für den 63-jährigen Dieselexperten gefordert, der seine gesamte 35-jährige Berufskarriere lang für VW tätig war. Zugleich machte sie in ihrem Plädoyer deutlich, dass sie Liang nicht für das «Mastermind» im Abgas-Skandal hält. «Er sass weder in den Vorstandsetagen von VW, wo die Betrugs-Software diskutiert wurde, noch hat er andere am kriminellen Komplott Beteiligte im Unternehmen angewiesen oder beaufsichtigt.»

Doch Richter Cox lässt sich davon nicht abhalten, er wollte ein Exempel mit hoher Abschreckungswirkung statuieren. «Sie waren eine Schlüsselfigur bei einem sehr ernsten und bedenklichen Verbrechen», sagt er dem Angeklagten vor der Urteilsverkündung ins Gesicht. «Ich sehe Ihre Familie in der ersten Reihe und es fällt mir nicht leicht.» Doch Liang und seine Mitverschwörer bei VW hätten mit ihren Vergehen das Vertrauen der US-Konsumenten und damit das Fundament der US-Wirtschaft unterminiert. Deshalb sei die harte Strafe nötig.

Kronzeugen-Rolle

Liang hatte im September 2016 ein Geständnis abgelegt – rund ein Jahr, nachdem VW unter dem Druck der US-Umweltbehörden zugab, mit einer illegalen Software in grossem Stil Abgastests von Dieselautos manipuliert zu haben. Seitdem kooperierte der von Justizbeamten als «sanftmütig und leise» beschriebene Familienvater als eine Art Kronzeuge mit den US-Behörden.

Liang habe wichtige Informationen geliefert, die bei den nächsten Schritten hilfreich gewesen seien, sagten die Ermittler. Deshalb lag die von ihnen geforderte Strafe auch deutlich unter dem theoretisch möglichen gesetzlichen Höchstmass von sieben Jahren Haft und einer Geldbusse bis zu 400'000 Dollar.

Liang, der seit 1982 beim deutschen Autoriesen angestellt ist, belastete Kollegen und Vorgesetzte zum Teil schwer – mittlerweile wurden US-Strafanzeigen gegen weitere sieben amtierende und ehemalige Mitarbeiter des Konzerns gestellt.

Liangs Aussagen lassen zudem tief in die Firmen-DNA blicken. Er habe der Regierung als Mitglied einer Verschwörung zum Betrug und Verstoss gegen Umweltgesetze «Einsichten aus erster Hand in die rechtswidrigen Grundsätze und Motivationen von VW und seinen Mitarbeitern gewährt», so die Staatsanwaltschaft.

Unternehmenskultur wurde zum Verhängnis

Beschrieben wurde demnach ein «Unternehmen, das seine ethische Verankerung verloren hat im Streben nach mehr Marktanteilen und Profit». Liangs Anwalt Daniel Nixon bezeichnete seinen Mandanten als hart arbeitenden und loyalen VW-Angestellten, dem eine Unternehmenskultur zum Verhängnis geworden sei, die «keinen Widerspruch erlaubte».

Statt sich – wie andere Kollegen – nach Bekanntwerden des Skandals in die sichere deutsche Heimat abzusetzen, sei Liang in den USA geblieben, um eine Lösung für VW zu finden.

Die Argumente konnten Richter Cox aber nicht überzeugen. Sein hartes Urteil wirft die Frage auf, welches Strafmass erst für Liangs Hintermänner vorgesehen sein mag. Zunächst bleibt es dabei: Im grössten Skandal der Konzerngeschichte muss als erstes ein relativ kleines Rädchen im VW-Getriebe dran glauben.

Denn auch wenn Liang als «Leiter Dieselkompetenz» von Volkswagens US-Tochter jahrelang beim Schwindel rund um Zertifizierung und Tests manipulierter Dieselwagen mitgeholfen hat – verglichen mit den Vorwürfen gegen andere Angeklagte wirkt seine Rolle überschaubar.

Keine Auslieferungen

Doch ob die US-Fahnder grössere Namen auf ihrer Liste – wie etwa Ex-Entwicklungschef Heinz-Jakob Neusser – je werden fassen können? Aus Deutschland droht vorerst jedenfalls keine Auslieferung. Mit Oliver Schmidt, der im Januar in Miami vom FBI festgenommen wurde und seitdem in Untersuchungshaft sitzt, erwartet neben Liang derzeit nur einen weiteren Beschuldigten ein Urteil in den USA.

Der 48-Jährige, der dort bis 2015 für Umweltfragen zuständig war, hatte Anfang des Monats ein Schuldgeständnis abgegeben. Ihm drohen bis zu sieben Jahre Haft und Geldstrafen von insgesamt bis zu 500'000 Dollar.

(nag/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Yellow Submarine am 25.08.2017 21:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Autsch

    Ein kleiner Selbstverwirklicher, dieser Cox. Hat wohl sonst keine Aufmerksamkeit. Die Schuldigen müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Aber nicht die kleinen Fische mit 100k im Jahr. Was droht denn den wirklich Schuldigen? Todesstrafe?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Yellow Submarine am 25.08.2017 21:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Autsch

    Ein kleiner Selbstverwirklicher, dieser Cox. Hat wohl sonst keine Aufmerksamkeit. Die Schuldigen müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Aber nicht die kleinen Fische mit 100k im Jahr. Was droht denn den wirklich Schuldigen? Todesstrafe?