Wenig Kontrollen

04. Mai 2015 22:02; Akt: 05.05.2015 11:13 Print

Firmen überwachen das Home-Office kaum

von Valeska Blank - Schweizer Firmen setzen viel Vertrauen in ihre Mitarbeiter, die von zuhause aus arbeiten. Starre Kontrollmechanismen kennen die wenigsten.

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Flexible Arbeitsmodelle verbreiten sich in der Schweiz zunehmend. Dass sie aber auch ihre Tücken haben, zeigt ein Fall bei der Grossbank UBS: In einer Abteilung hatten sich Mitarbeiter im Home-Office offenbar zu viele Freiheiten herausgenommen, waren schlecht erreichbar oder meldeten sich nicht beim Chef ab. Ein UBS-Manager erinnerte seine Angestellten darum in einem E-Mail, Home-Office sei ein «Privileg» und dürfe «nicht missbraucht» werden.

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Haben Sie das Home-Office auch schon einmal missbraucht?
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Dass viele Schweizer das Home-Office ausnutzen, verneint der Arbeitspsychologe Hartmut Schulze aber (siehe Interview). «Ich kenne nur einige wenige Fälle», sagt er zu 20 Minuten. Mehrere Studien zeigten, dass Home-Office eher den gegenteiligen Effekt habe: «Die Mitarbeiter sind in den heimischen vier Wänden deutlich produktiver.»

Wann und wo ist zweitrangig

Eine Firma mit viel Home-Office-Erfahrung ist Microsoft Schweiz. Dort dürfen ausnahmslos alle Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten (siehe Box). Ausgenutzt werde diese Möglichkeit nicht, weil die Mitarbeitenden klare Zielvorgaben hätten, sagt Sprecherin Barbara Josef zu 20 Minuten: «Insofern kann man bei uns das Home-Office gar nicht missbrauchen.» Wann und wo die Angestellten arbeiten, sei zweitrangig. «Wenn ein Mitarbeiter an einem schönen Nachmittag mit den Kindern Fussball spielt und dafür am verregneten Sonntagmorgen arbeitet, ist das für uns in Ordnung», so Josef.

Trotz allem Vertrauen geht es aber nicht ganz ohne Kontrolle. Microsoft Schweiz stellt in regelmässigen Standortbestimmungen fest, ob der Mitarbeiter gut vorankommt oder ob er Unterstützung braucht. Diese Treffen zwischen Mitarbeiter und Manager finden in der Regel alle zwei Wochen statt – «und wann immer möglich persönlich», so Josef.

Keine starren Kontrollen

Auch die SBB fördert ortsunabhängige Arbeitsformen. Damit das Modell funktioniere, müsse die Erreichbarkeit der Mitarbeitenden gewährleistet sein, sagt Sprecherin Lea Meyer. «Wir stellen diesbezüglich aber keine Probleme fest.»

Wie bei Microsoft basiert das mobile Arbeiten auch beim Bahnbetrieb stark auf Vertrauen. Das funktioniere sehr gut, sagt Meyer. Starren Kontrollmechanismen unterliegen die SBB-Mitarbeiter im Home-Office nicht. Der Output wird ganz individuell kontrolliert, etwa in Telefonkonferenzen oder im persönlichen Gespräch. «Zudem gibt es die sogenannte soziale Kontrolle über die Teammitglieder – auch ihnen will man ja zeigen, dass man im Home-Office gut arbeitet», so Meyer.

Lockere Zügel sind besser

Dass Schweizer Firmen die Zügel bei den Home-Office-Mitarbeitern eher locker lassen, findet Arbeitspsychologe Schulze richtig. «Zu viel Kontrolle wäre nur ein Zeichen des Misstrauens.» Wichtig sei vielmehr, dass Chef und Mitarbeiter regelmässig in Kontakt seien und dass über Ergebnisse und die Wege dahin diskutiert werde – und weniger über den Zeitpunkt, an dem man gearbeitet habe.

Zudem müsse den Firmen klar sein, dass flexible Arbeitsformen letztlich auch flexible Regeln bedingen. «Was heute funktioniert, kann schon morgen nicht mehr sinnvoll sein», so Schulze. Da viele Unternehmen noch wenig Erfahrung mit Home-Office hätten, müssten sie die Regeln immer wieder neu anpassen. Diese Erfahrung macht derzeit auch die UBS: «Die Leitplanken müssen immer wieder neu definiert werden», so eine Sprecherin.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rudolf Heimberg am 04.05.2015 22:25 Report Diesen Beitrag melden

    viel Produktiver

    Während 8,5 Stunden bin ich im Büro etwa so produktiv wie in 5 Stunden HomeOffice. Vorallem ältere Arbeitgeber die HomeOffice nie kennengelernt haben, denken meistens schlecht über diese fantastische Art zu arbeiten. Grösster Pluspunkt bei mir ist, dass ich rund 3,5 Std. meiner Freizeit nicht auf der A1 verbringe sondern zu Hause bei der Familie. Dadurch bin ich auch bereit mehr zu leisten als von mir erwartet werden könnte. Nach meiner Meinung sollten alle Mitarbeiter im HomeOffice arbeiten können. Betriebe die kein HomeOffice anbieten oder dies einschränken sind einfach nicht "up to date"

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  • Bennettoni am 04.05.2015 22:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht jeder ist für HomebOffice gemacht

    Ich bin mit dem Arikel nicht einverstanden. Ich arbeite in zwei Wochen Rythmus von daheim aus. Ich arbeite viel mehr von daheim, da ich von der Büroklatschtante mit ihren persönlichen Probleme nicht belastet. Ich arbeite viel konzentrierter als im Büro. Ich sehe viele Leute, die bei der Arbeit im Büro sehr unproduktiv arbeiten und bei Home Office sind sie genau so unproduktiv. Es ist sehr Person abhängig!

  • Lou am 04.05.2015 22:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Viel mehr!!

    Missbrauchen???? Es geht gar nicht!! Man arbeitet Zuhause viel mehr als im Büro!! Meh pünktlich zu liefern und viel leisten!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • AidWorker am 05.05.2015 14:30 Report Diesen Beitrag melden

    Home Office als Menschenrecht

    Leider habe ich schon erlebt, das Home Office immer wieder als Menschrecht angesehen wird, vor allem im Sozial- und Hilfswerkbereich. So nach dem Motto: ich verdiene zwar weniger, aber dafür nehme ich mir mehr Freiheiten.

  • Staun Ender am 05.05.2015 13:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Spannend

    Während die Personen die Arbeiten verrichten bei denen das Resultat unmittelbar sichtbar wird immer mehr "kontrolliert" werden , natürlich nur aus Kostengründen, (Reinigungsarbeiten, Gastgewerbe, Pösteler usw.) werden andere immer weniger "kontrolliert".........

  • phil am 05.05.2015 12:45 Report Diesen Beitrag melden

    wird nicht besser zu Hause

    Wenn die Arbeit nicht stimmt, so wird die nicht besser, wenn man sie als Home-Office macht, auch wenn es geht, weil man im Geschäft auch 8h und mehr vor der Kiste sitzt... Problem, wenn zu Hause nicht seriös gearbeitet wird, ist die Aufgabe, die nicht klar ist - oder ein "Puff" herrscht...

  • gelegentlicher homeofficeler am 05.05.2015 10:53 Report Diesen Beitrag melden

    missbrauch gibts doch überall

    den einen mitarbeiter, der im büro nur rumtrödelt, hat doch jede firma. und wo er das macht ist ja eigentlich wurscht. solche leute fliegen früher oder später eh auf. homeoffice sollte unbedingt stark gefördert werden. was soll das auch bringen, mitarbeiter teils lange arbeitswege machen lassen, wenn sie dann schlussendlich doch nur den ganzen tag am schreibtisch sitzen und selbständig arbeiten? es gibt leider immer noch viele firmen, die sich regelrecht dagegen sperren, dabei ist der nutzen mittlerweile offensichtlich. ich bin sehr viel produktiver und dabei deutlich weniger gestresst!

  • Peter Hunker am 05.05.2015 10:47 Report Diesen Beitrag melden

    Es kommt auf die Arbeit darauf an!

    Home Office ist nicht für jede Arbeit geeinigt. Wann es Arbeiten sind, die man lange vor dem PC sitzen muss (z.B. Unterlagen erstellen oder programmieren) 8h lang, dann macht es keinen Unterschied ob es im Büro oder Zuhause gemacht wird. Im Büro ist man zwar am Platz aber so konzentriert, dass man sich nicht mit den anderen abgibt. Zuhause hat die Flexibilität sich 8h selber zu gestalten, dass man eher effizient ist als im Büro. Also macht euch keine unnötigen Probleme, denn es gibt keine.