Lawinen oder Felssturz

23. Dezember 2016 09:44; Akt: 23.12.2016 09:44 Print

Schweizer Start-up schützt vor Katastrophen

von K. Wolfensberger - Naturkatastrophen fordern in einem Bergland wie der Schweiz immer wieder Menschenleben. Eine Firma aus Zürich möchte dies verhindern.

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Die Zürcher Firma Geopraevent überwacht die Natur, um etwaige Katastrophen zu verhindern. Auch im Ausland: Eine mit Funk angebundene Kamerastation überwacht den Gletscher am Mount Kazbeg (5033 m) in Georgien. Die Station steht auf ca. 3500m ü. M. nahe der russischen Grenze. Für die Inspektion des Geländes und die Installation der Anlage stand ein Helikopter des Typs «MI-8» bereit. Vom Gletscher unter dem Gipfel des Mt. Kazbeg (5033m) waren mehrere Millionen Kubikmeter Eis und Fels abgestürzt und hatten die über 10 Kilometer entfernte wichtigste Verbindungsstrasse nach Russland bis zu 20 m tief verschüttet. Deshalb mussten die Schweizer den Georgiern eine Überwachungsanlage liefern. Die neue Alarmstation im Tal erkennt einen Murgang nun automatisch innert Sekunden und alarmiert per Funk die Grenzpolizei, welche sofort den gefährdeten Strassenabschnitt schliesst. Im Oktober 2016 wurde die Installation vollendet. Doch auch in der Schweiz kommt die Technologie von Geopraevent zum Einsatz. Die beiden Lawinenradare in Zermatt überwachen ein Gelände von etwa einem Quadratkilometer und sperren sofort die Strasse, wenn eine Lawine entdeckt wird. Die beiden Geopraevent-Lawinenradare in Zermatt blicken quer über das Tal und erkennen Lawinen in einer Distanz von bis zu 2 Kilometern. Erkennt eines der Radare eine Lawine, wird die Strasse innert Sekunden mit vier Lichtsignalen und Barrieren automatisch gesperrt. Sie kann innert wenigen Minuten von den Verantwortlichen vom Computer oder Smartphone aus wieder geöffnet werden, falls die Lawine oberhalb der Strasse zum Stehen gekommen ist. Die Radargeräte sind auch im Einsatz, um zu erkennen, ob sich Personen in gefährdeten Gebieten bewegen. Dies ist vor allem wichtig, wenn künstlich Lawinen zur Sicherung ausgelöst werden. Im Gegensatz zu einer Kamera kann ein Radar auch in der Nacht oder bei schlechtem Wetter «sehen». Alle Stationen werden vom Geopraevent-Büro im Technopark Zürich aus überwacht. Auch wenn ein Grossteil der Arbeit im Büro erledigt wird ... ... so stehen viele Stationen in den Bergen an exponierten Standorten, die nur mit dem Helikopter erreicht werden können. Radare werden teils am Helikopter hängend eingeflogen. Und für den Bau einer Überwachungsanlage in China war gar eine mehrwöchige Expedition nötig, um den abgelegenen Ort an der Grenze zu Pakistan zu erreichen.

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Dass dies nicht geschieht, dafür möchte die Firma Geopraevent aus Zürich sorgen. Für das vor vier Jahren in Zürich gegründete Start-up arbeiten primär Elektroingenieure und Software-Entwickler. Geschäftsführer Lorenz Meier hat an der ETH Zürich Physik studiert. Mit ihrem Wissen entwickeln, bauen, installieren und betreiben die Wissenschaftler gegenwärtig etwa 60 Mess- und Überwachungssysteme für Naturkatastrophen – nicht nur in der Schweiz, sondern auch im Ausland.

System am Eiger eingesetzt

Als beispielsweise letzten August am Eiger innert 24 Stunden 20'000 Kubikmeter Eis vom Gletscher abbrachen, war die Firma Geopraevent ebenfalls mit von der Partie. Im Auftrag der Jungfraubahnen hatte die Firma ein Frühwarn- und Alarmsystem installiert. Das System besteht aus einem Lawinenradar, Webcams und einem interferometischen Radar, der das Fliessverhalten des Gletschers rund um die Uhr genaustens messen kann – und im Notfall einen Alarm auslöst.

Dank des Warnsystems wurde etwa zehn Tage vor dem Abbruch bemerkt, dass sich die Geschwindigkeit des Gletschers markant veränderte – von den üblichen 5 auf mehr als 60 Zentimeter Bewegung pro Tag. Aufgrund dieser Daten wurde dann ein gefährdeter Bereich bei der Station Eigergletscher gesperrt, darunter auch mehrere Wanderwege. Dank der Massnahmen, die aufgrund der Überwachung von Geopraevent getroffen wurden, hielten sich zum Zeitpunkt des Abbruchs keine Personen im gefährdeten Bereich auf.

20 Minuten hatte noch vor dem Gletscherabbruch ein Video von der Szenerie oberhalb von Grindelwald gedreht.

Beim Bau von Alarmsystemen wie demjenigen auf dem Eiger setzt Geopraevent auf sogenannte Fernerkundungsmethoden. Lorenz Meier erklärt: «So können wir über mehrere Kilometer hinweg Gletscher oder Felswände überwachen.» Dabei sei wichtig, dass die Anlagen auch bei schlechtem Wetter wie Nebel, Regen oder Schneefall funktionierten. Zum Einsatz kommen daher keine Kameras oder Laser, sondern spezielle Radaranlagen, die permanent laufen. Denn: «Ein Gletscher bricht auch bei schlechtem Wetter ab», so Meier.

Am Eiger und andernorts misst Geopraevent aber nicht nur die Geschwindigkeit des Gletschers, sondern überwacht mit einem eigenen Lawinenradar auch die Schneemassen, die auf dem Berg liegen. «Geht eine Lawine los, können wir reagieren und automatisierte Gegenmassnahmen wie Strassensperrungen ergreifen», so Meier. In Zermatt, wo Geopraevent auch einen Lawinenradar betreibt, werden im Fall eines Lawinenabgangs innert wenigen Sekunden sofort mithilfe von fünf Ampeln und vier Barrieren die gefährdeten Strassenabschnitte gesperrt.

Engagement im Ausland

Stolz ist das Jungunternehmen aus Zürich aber auch auf seine Verpflichtungen im Ausland: So überwacht es beispielsweise den Gletscher des georgischen Mount Kazbeg (5033 Meter über Meer) mit einer per Funk angebundenen Kamerastation. Die Inspektion des Geländes und die Installation der Anlage wurden mit einem russischen Militärhelikopter durchgeführt. Grund für den Bau der Anlage war ein Eis- und Felssturz, der die wichtige Verbindungsstrasse von Georgien nach Russland 2014 verschüttet hatte.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • B Eobachter am 23.12.2016 09:55 Report Diesen Beitrag melden

    Hightech!

    Super Idee. Sie könnten zB auch den Flimserstein überwachen....

  • Markus Müller am 23.12.2016 11:54 Report Diesen Beitrag melden

    Gratuliere!

    Sehr spannender Artikel! Gratuliere zu der neuartigen Technologie.

  • Marta am 23.12.2016 13:31 Report Diesen Beitrag melden

    Technologie!

    Was mit Technologie alles möglich ist! Wünsche dem Start-up weiterhin viel Erfolg.

Die neusten Leser-Kommentare

  • geolie_student am 24.12.2016 07:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    erklärung

    Durch diese Systeme kann ein Absturz vorausgesagt (über Bewegungsbeträge usw.) und Leute in der Gefahrenzone dann evakuiert werden. Und keine Sorge, es sind auch Messsysteme am Flimserstein installiert ;)

  • Marta am 23.12.2016 13:31 Report Diesen Beitrag melden

    Technologie!

    Was mit Technologie alles möglich ist! Wünsche dem Start-up weiterhin viel Erfolg.

  • Chrigi Breitebach am 23.12.2016 13:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    GSoA

    Super! Dann kan man die Armee ja bald abschaffen ;)

  • Markus Müller am 23.12.2016 11:54 Report Diesen Beitrag melden

    Gratuliere!

    Sehr spannender Artikel! Gratuliere zu der neuartigen Technologie.

  • The Bilbo am 23.12.2016 11:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wenn ein Quadratmeter reicht?

    Intressant das dieses Radarsystem in Zermatt nur einen Quadratmeter überwacht... ich vermute mal da kommt man nicht weit...

    • Adrian am 23.12.2016 11:56 Report Diesen Beitrag melden

      Quadratkilometer...

      Das wären wohl eher Quadratkilometer: Lorenz Meier erklärt: «So können wir über mehrere Kilometer hinweg Gletscher oder Felswände überwachen.»

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