Schuldenberater

28. November 2016 16:31; Akt: 28.11.2016 16:31 Print

So viel Geld sollten Sie mindestens sparen

von S. Spaeth - Laut einer Studie kann jeder Vierte seine Schulden nicht bezahlen. Schuldenberater Sébastien Mercier über Leasing, Konsumzwang und die eiserne finanzielle Reserve.

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Die Leute sollten auch lernen, den eigenen Konsum infrage zu stellen, sagt Schuldenberater Sébastien Mercier zu 20 Minuten. Ein Kredit/Leasing kann laut Schuldenberater Mercier dann sinnvoll sein, wenn er einem Aufwand diene, der finanziell angemessen ist. Beispiel: Das alte Auto ist kaputt, jemand braucht aber unbedingt ein Fahrzeug, um zum neuen Arbeitsplatz zu fahren. «Viele Leute unterschätzen die Kosten eines Kredits oder einer Kunden- oder Kreditkarte», sagt Schuldenberater Mercier. Die Leute sollten auch lernen, ihren Konsum in Frage zu stellen und der Dauerbeschallung durch die Werbung zu trotzen. Vier Millionen Schweizer konnten schon einmal ihre Ausstände nicht begleichen, schreibt die Inkassofirma Intrum Justitia in ihrem neusten Consumer Payment Report. Viel Zeit lassen sich die Schweizer fürs Bezahlen von Arztrechnungen. Im Vergleich zu 2015 werde die Bussen aktuell schlechter bezahlt ... ... dafür die Steuerschulden etwas früher beglichen. Ein Drittel der Schweizer gibt an, eine unvorhergesehene Ausgabe von über 2200 Franken ohne geliehenes Geld nicht bezahlen zu können. Thomas Hutter ist der Chef des Inkassounternehmens Intrum Justitia in der Schweiz. «Wir haben für die Schweizer Wirtschaft im letzten Jahr 160 Millionen Franken zurückgeholt, damit die Firmen die Löhne bezahlen können», sagt Hutter zu 20 Minuten. Trotzdem würden Inkassofirmen in der Schweiz stets negativ wahrgenommen. Ein Intrum-Justitia-Mitarbeiter an der Arbeit im Callcenter. Pro Schicht sind rund zwanzig Angestellte im Einsatz. Laut dem neusten Consumer Payment Report 2016 befürchtet rund ein Drittel der Befragten, dass nach Bezahlen aller Rechnungen kein Geld mehr übrigbleibt. Fast ein Viertel aller befragten Eltern im Alter von 18 bis 35 bleibt zugunsten der Kinder und der finanziellen Situation in einer Beziehung, obwohl sie sich nicht mehr lieben. Weil vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen die nötige Disziplin für eine gute Zahlungsmoral fehlt, hat die Caritas explizit für Junge zehn wichtige Geldregeln aufgestellt. Regel 1 lautet: «Geben Sie Ihr Geld überlegt aus.» Regel 2: «Behalten Sie Ihre Kreditkartenausgaben im Griff.» Regel 3: «Sparen Sie für grössere Ausgaben.» Goldene Regel 4: «Sparen Sie für Ungeplantes.» Regel 5: «Bilden Sie sich weiter.» Regel 6: «Rechnen Sie vor dem Zügeln.» Regel 7: «Kalkulieren Sie bei einem Autokauf alle Kosten.» Regel 8: «Prüfen Sie Ihren Anspruch auf Unterstützung» - beispielsweise Prämienverbilligung bei der Krankenkasse. Regel 9: «Prüfen Sie die Risiken bei Kredit und Leasing.» Regel 10: «Lassen Sie sich frühzeitig beraten.» 2013 lebte laut dem BFS knapp ein Drittel der Bevölkerung (inklusive Kinder) in einem Haushalt mit einem Konsumkredit, einer Leasingrate oder mit Schulden bei Freunden.

Zum Thema
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Herr Mercier, laut einer Umfrage von Intrum Justitia kann jeder Vierte seine Schulden nicht bezahlen. Ist diese Zahl realistisch oder Panikmache der Inkassofirma?
Diese Aussage ist für mich ein bisschen übertrieben. Es ist auch Angstmacherei dabei und gute Werbung für eine Inkassofirma. Klar aber ist, dass man die finanziellen Probleme der Bevölkerung ernst nehmen sollte. Gemäss einer Studie des Bundes lebt in der Schweiz ungefähr eine von fünf Personen in einem Haushalt mit mindestens einem Zahlungsrückstand. Das bedeutet aber nicht, dass diese Personen den Zahlungsrückstand nicht kurzfristig verkraften können.

Umfrage
Haben Sie mindestens die Höhe Ihrer Franchise sowie den maximalen Selbstbehalt von 700 Franken als eiserne Reserve?
71 %
16 %
9 %
4 %
Insgesamt 19334 Teilnehmer

Ein Drittel der Leute sagt, sie hätten Angst, dass ihnen nach dem Bezahlen aller Rechnungen nicht mehr genügend Geld bleibe. Was raten Sie solchen Personen?
Für solche Leute ist es wichtig, Abstand zu gewinnen. Betroffene sollten sich ihre finanzielle Lage in Ruhe anschauen und ein Budget erstellen. Niemals eine Vereinbarung mit einem Gläubiger treffen, ohne sicher zu sein, dass man diese auch einhalten kann. Werden Schuldner von Gläubigern unter Druck gesetzt, ist es ratsam, mit einer seriösen Fachstelle für Schuldenberatung Kontakt aufzunehmen.

14 Prozent der Schweizer sagen, sie hätten ihre finanzielle Situation nicht unter Kontrolle. Braucht es mehr finanzielle Ausbildung?
Die Schulen sollten unbedingt stärker den verantwortungsvollen Umgang mit Geld vermitteln. Mit den neuen Zahlungsmitteln ist es möglich, heute etwas zu kaufen und es in einem Jahr zu bezahlen. Diese Art von Kredit- und Kundenkarten erschweren die Kontrolle über die Finanzen enorm. Mehr finanzielle Ausbildung allein genügt aber nicht.

Was braucht es sonst noch?
Die Leute sollten auch lernen, den eigenen Konsum infrage zu stellen und der Dauerbeschallung durch die Werbung zu trotzen. Glücklicherweise stellen wir fest, dass die Schuldenprävention in den Schulen ausgebaut wird. Das gilt besonders für die Westschweiz.

Ein Viertel aller jungen Eltern bleibt aufgrund der finanziellen Situation zusammen. Sind Trennungen ein Armutsrisiko?
Eine Trennung oder Scheidung ist eine Hauptursache der Überschuldung und kann auch ein Armutsrisiko darstellen. Bei jeder vierten Person, die in eine Schuldenspirale geraten ist, spielt eine Trennung eine Rolle. Die Einkommensquellen sind fortan dauerhaft getrennt und viele Ausgaben verdoppeln sich. Dadurch kann ein zuvor ausgeglichenes Budget aus dem Ruder laufen – das gilt für jede Einkommensklasse. Haushalte mit kleinen Einkommen sind aber besonders betroffen. Zudem sind Geldprobleme Gift für eine Beziehung.

Zwölf Prozent der Schweizer sagen, es sei in Ordnung, ein Konsumgut wie PC oder TV auf Kredit zu kaufen. Ist es sinnvoll, derartige Güter oder auch Ferien auf Pump zu kaufen?
Konsum auf Pump lohnt sich niemals, es kostet einfach mehr Geld! Ein Kredit oder Leasing kann aber sinnvoll sein, so lange es einem Aufwand dient, der finanziell angemessen ist. Beispielweise wenn jemand ein defektes Auto hat, für seinen neuen Job aber unbedingt ein fahrtüchtiges Fahrzeug braucht. Wichtig ist, in solchen Fällen ein Auto zu wählen, das zum eigenen Budget passt.

Viele Befragte geben an, eine unvorhergesehene Ausgabe von 2200 Franken nicht bezahlen zu können. Wie viel Geld sollte man für Notfälle auf der hohen Kante haben?
Man sollte mindestens genug Geld auf der Seite haben, um die Franchise der Krankenkasse und den maximalen Selbstbehalt zu decken. Wegen der ständig steigenden Krankenkassenprämien entscheiden sich leider viele Haushalte für eine hohe Franchise, um das Budget zu schonen. Steht allerdings eine teure Behandlung an, können viele Haushalte die Rechnungen nicht begleichen. Wichtig ist: Wer ein Auto besitzt, sollte auch mehr Geld auf der Seite haben. Es ist dramatisch, dass sich viele Personen eine eiserne Reserve nicht leisten können.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Anonym am 28.11.2016 16:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schule

    Meiner Meinung nach sollte man dieses Thema in den Lernstoff der Oberstufe einbringen. Ein paar Lektionen würden nicht schaden.

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  • Marc Monopoly am 28.11.2016 16:42 Report Diesen Beitrag melden

    Inkasso Firmen gehören verboten

    Verschont uns bitte mit diesen unseriösen Studien. Ausgerechnet Intrum Justitia wird hier genannt. Die gehören zur selben Kategorie wie die Banken welche Konsumkredite vergeben. Abschaffen der Werbung für Kredite. Leasing nur wenn min. 1/3 des Fahrzeugs selbst finanziert werden kann. Ein Fahrzeug darf nicht mehr als ein Jahresnettogehalt kosten. Und überhaupt gehören die Betreibungsämter mal unter die Lupe genommen, sowie die Rechtsprechung für Betreibungen. Unerhört was in unserem Land zu Gunsten von unseriösen Kredithaien alles möglich ist!

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  • Peter am 28.11.2016 16:40 Report Diesen Beitrag melden

    Bessere Schulbildung ist definitiv nötig

    Ich kenne einige junge Leute, welche über Schulden klagen. Allerdings sind die meines Erachtens nicht ganz unschuldig. Jeder braucht eine eigene Wohnung für sich alleine. Jeder braucht ein eigenes Auto. Jeder braucht immer das neuste Handy. Dass man dies als Lehrabgänger nicht alles auf einmal haben kann, fällt ihnen erst auf wenn die ersten Betreibungsandrohungen ins Haus flattern. Es gilt das alte Sprichwort "Wer Luxus will muss ihn sich verdienen" und mit 20 hat sich das noch keiner ehrlich verdient

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Rico am 29.11.2016 18:58 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht Glaubwürdig.

    Der Mercier ist eh ein Schnorri ! Die Justitia ein Abzock Unternehmen !!

  • denis am 29.11.2016 18:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Denken hilft

    Unglaublich gewisse Kommentare. Dann soll also jeder auf Pump leben können und seine Schulden nicht bezahlen müssen? Jeder, der mal ein bisschen was von Betriebsökonomie gehört weiss, dass Liquidität die Lunge einer Unternehmung ist. Wie bezahlt das Unternehmen die Löhne und ihre eigenen Rechnungen, wenn die Kunden nicht mehr zahlen und man keine Rechtsmittel hat? ja ja, immer die armen Schuldner, aber der Automechaniker, der keinen Lohn erhält, an den denkt niemand...mal weiter denken

  • Al Bundy am 29.11.2016 16:14 Report Diesen Beitrag melden

    Bei mir ist das regelmässig so:

    Am Ende des Geldes ist noch zu viel Monat übrig! Ach ja, ich bin AHV-Rentner! Alles klar??

  • Schlauer, Fux am 29.11.2016 16:10 Report Diesen Beitrag melden

    Gratis-Tipp

    Eine Kreditkarte ist in der heutigen Zeit einfach nötig wenn man im Internet etwas kaufen will. Nun aber mein Gratis-Tipp: Eine Prepaid-Kreditkarte, die kann aufgeladen werden und zwar per Rechnung. Wenn nichts mehr drauf ist kann auch nichts mehr gekauft werden. Schuldenfalle Kreditkarte ist also nicht mehr möglich. Wenn kein Geld zur Verfügung steht kann auch keine Überweisung auf die Kreditkarte erfolgen. Mit einer normalen Kreditkarte kann hingegen "unlimitiert" gekauft werden und am Schluss flattert die Rechnung ins Haus.

    • Alex am 29.11.2016 17:42 Report Diesen Beitrag melden

      Doppelte gebühren

      Alleine Durchs aufladen der Karte geht wieder Geld verloren, und durchs bezahlen dann nochmals. Kein Win-WIn

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  • R.A.Barbara am 29.11.2016 15:06 Report Diesen Beitrag melden

    Nur Bares ist Wahres

    Wenn man sein Geld in die Hand nehmen muss, um etwas zu kaufen, d.h. in bar bezahlen, überlegt man mehr, ob man sich das Gewünschte leisten kann, als wenn man mit "Plastikgeld" bezahlt. Ist eine kleine aber effektive Hilfeleistung, um sein Konto im Griff zu haben.