Ein Login für alles

30. Dezember 2016 13:15; Akt: 30.12.2016 13:15 Print

Digitale ID – Estland ist der Schweiz weit voraus

Bei der Umsetzung für eine digitale ID, die für Steuererklärungen, E-Banking oder Online-Shopping genutzt werden kann, harzt es in der Schweiz. In Estland ist diese bereits Realität.

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In Estland verfügt fast die gesamte Bevölkerung über eine digitale Identität. Auf der estnischen ID sind dabei Informationen wie Name, Geschlecht, Geburtsort und ein Code für die persönliche Identifikation verschlüsselt gespeichert. Die digitale ID, mit der sich etwa Dokumente unterschreiben lassen, wurde 2002 eingeführt. Im Bild: Die neue ID wird bei einer Präsentation im Januar 2002 vorgestellt. In Estland kann die ID fürs Authentifizieren beim E-Banking, Online-Shopping, Unterschreiben von Verträgen oder im Gesundheitswesen genutzt werden. Im Bild: Die estnische Hauptstadt Tallinn. Der ÖV in Tallinn wird über eine separate Karte abgewickelt, die sich mit der digitalen ID verknüpfen lässt. Der ÖV ist für die Bewohner der Stadt gratis. Allerdings birgt die fortgeschrittene Digitalisierung auch Gefahren: Als 2007 die Sowjetstatue des Bronze-Soldaten (Bild) vom Zentrum Tallins auf einen Friedhof verschoben wurde, fühlten sich Teile der russischstämmigen Bevölkerung Estlands provoziert. Eine russische Jugendorganisation legte anschliessend während Wochen Banken, Telekommunikation und Behördendienste mit Cyber-Attacken lahm. Das Nato-Mitglied Estland baute in der Folge seine Cyber-Infrastruktur aus. In Tallinn ist zudem der Nato Think-Tank, der sich mit Fragen zur Cyber-Sicherheit beschäftigt, ansässig. Im Bild: Eine Soldatin während einer Nato-Übung in Littauen Anfang Dezember, woran Truppen aus Littauen, Lettland, Estland, Deutschland, Luxemburg, Kanada, Rumänien, Polen, Grossbritannien und den USA teilnahmen. In der Schweiz gibt es mit der SuisseID ebenfalls einen Versuch, eine digitale Identität zu lancieren. Im kommenden Jahr solle eine neue Version erscheinen. Während die vom Bund unterstützte SuisseID bisher kaum Verbreitung fand, machen sich nun die Grossbanken UBS und Credit Suisse zusammen mit der Swisscom daran, selbst eine digitale ID auszuarbeiten. Frühestens 2018 sollen erste Anwendungen zur Verfügung stehen.

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Erik Tamm fühlt sich nicht gut, er hat starke Ohrenschmerzen. Der junge Este sitzt deshalb im Tram in der Hauptstadt Tallinn und ist auf dem Weg zum Arzt. Bezahlen muss er für die Fahrt nichts. Der ÖV ist für alle Einwohner Tallinns gratis. Damit er bei einer Kontrolle belegen kann, dass er tatsächlich Einwohner Tallinns ist, ist die ÖV-Karte mit seiner persönlichen ID verknüpft.

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Als Erik wenig später beim Arzt ankommt, sieht dieser mit einem Blick die gesamte Krankenakte von Erik. Sie ist in einer zentralen elektronischen Datenbank erfasst. Nach einem kurzen Untersuch stellt der Arzt ein digitales Rezept aus, das Erik jederzeit von überallher einsehen kann.

30 Prozent stimmen online ab

Erik Tamm ist eine fiktive Person. Real sind hingegen die genannten Beispiele, die in Estland digital abgewickelt werden können. Der kleine baltische Staat mit rund 1,3 Millionen Einwohnern gilt als digitales Vorzeigeland. Als erstes Land weltweit führte es E-Voting ein. Bei den Parlamentswahlen 2015 wurden 30 Prozent der Stimmen online abgegeben.

Während in Estland rund 94 Prozent aller Bürger eine digitale Identität besitzen, steht die Schweiz in dieser Hinsicht noch ganz am Anfang. Zwar gibt es die vom Bund, der Post und von der Swisscom mitentwickelte SuisseID, doch in der breiten Bevölkerung ist die kostenpflichtige digitale ID kaum verbreitet.

Nun aber gibt es gleich drei Projekte, die der Idee neuen Schub verleihen sollen: Kommendes Jahr will der Trägerverein der SuisseID eine neue Version vorstellen, die für die Anwender kostenlos sein soll. Zudem gab die Post bekannt, zusammen mit der SBB 2017 eine neben der SuisseID zusätzliche digitale ID lancieren zu wollen.

UBS und Credit Suisse mit neuem Projekt

Auch die Grossbanken hegen ähnliche Pläne: Wie der «SonntagsBlick» kürzlich berichtete, haben sich die Credit Suisse und UBS sowie die Swisscom für ein Pilotprojekt zusammengeschlossen. «Wir möchten, dass sich Kunden dereinst mit dem Bank-Login etwa bei Online-Shops, Ämtern oder für die Steuererklärung anmelden können», erklärte Andreas Kubli, Head Multichannel Management & Digitization der UBS, der Zeitung.

Wie der «Tages-Anzeiger» berichtet, rechnet die UBS frühestens 2018 mit ersten marktfähigen Anwendungen. Die Grossbanken verfügen mit E-Banking bereits heute über Technologien, die auch für die digitale Identität benötigt werden. Deshalb müsse, so die UBS, hierzulande auch keine zentrale Infrastruktur – wie sie etwa in Estland besteht – aufgebaut werden. Laut der Grossbank ist die nötige Infrastruktur bei den hiesigen Firmen bereits vorhanden. Hunderttausende Schweizer Kunden nutzen E-Banking bei Credit Suisse und UBS. Das würde es den involvierten Firmen erleichtern, ihre Lösung zu etablieren.

Steuererklärung in fünf Minuten

Wenn Erik in Estland seine Steuererklärung ausfüllt, dauert das nur wenige Minuten. Laut den estnischen Behörden beträgt der Zeitaufwand im Schnitt drei bis fünf Minuten. Alle nötigen Informationen werden während des ganzen Jahrs automatisch zusammengetragen. Erik muss sich lediglich mit seiner digitalen ID auf der Steuerplattform anmelden und die Daten überprüfen. Mit der auf der ID digital hinterlegten Unterschrift wird die Steuererklärung abgeschlossen, allfällige Steuergutschriften erhalten die Bürger innerhalb von wenigen Tagen. Über 95 Prozent aller Steuererklärungen werden in Estland gemäss offiziellen Zahlen online ausgefüllt.

Ob die Akzeptanz für Online-Steuererklärungen in der Schweiz gleich gross wäre, ist allerdings fraglich. Vor allem wenn fürs Ausfüllen der Steuererklärung ein Login von privaten Firmen wie Credit Suisse, UBS oder Swisscom benötigt wird, dürfte das auf Skepsis stossen.

Doch die grössten Vorbehalte gegenüber digitalen Identitäten und zentral erfassten Daten, betreffen die Sicherheit. In Estland legten Cyber-Attacken im Frühling 2007 während mehrerer Wochen Behördendienste, Banken und Telekomfirmen lahm. Die vom Kremel gegründete Jugendorganisation Naschi bekannte sich später zur Attacke. Auslöser war die Verschiebung eines sowjetischen Kriegsdenkmals in Tallinn. Das baltische Land investierte anschliessend viel in die Cyber-Sicherheit und setzte sich auch erfolgreich dafür ein, dass das Cooperative Cyber Defence Center of Excellence der Nato in Tallinn entstand. Seit der Cyber-Attacke 2007 gab es in Estland keine vergleichbaren Angriffe mehr.

(lin)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • I.P.S am 30.12.2016 13:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hoi-Tech

    Hat denn jemand wirklich das Gefühl dass die Schweizer immer die Nase vorn haben? Unsere Politiker haben andere Prioritäten als zum Schweizer Volk und deren Organisation zu schauen.

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  • Stefan H. am 30.12.2016 13:33 Report Diesen Beitrag melden

    Dünkel à la Schweiz

    Wir dürfen ja auch nicht meinen, wir seien irgendwie etwas besonderes. Viele Länder - auch weit weg in Osteuropa, wo wir meinen, sei nichts als Pampa - haben uns sehr viel voraus!

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  • Snowden am 30.12.2016 13:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    na toll

    ein weiterer schritt in richtung totale überwachung, alle findens' toll und keinen kümmerts, wir werden schon noch sehen was wir davon haben

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Globetrotter am 31.12.2016 22:58 Report Diesen Beitrag melden

    EU-Premiumnet & EU-ID?

    Warum neben dem offenen Internet (für jeden Quatsch) ein EU-Qualinet einführen, bei dem sich jeder ausweisen muss - dann gibt es auch keine Hacker mehr bei eBanking, eBusiness & Co. Wer dann bei Amazon bestellen will, darf ja gerne das Internet einschalten. (Quasi Analog zum öffentlichen, privaten Schrott TV und Premium TV Sendern).

  • Ruedi am 31.12.2016 21:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweizer im Ausland

    Die Schweizer sind verkorkt. Nur die Texte wo mann liest sagen alles aus. Komische Volk.

  • Oliver am 31.12.2016 19:27 Report Diesen Beitrag melden

    identität weg

    und wenn dann eimem mal seine digitale Identität "geklaut" wurde , dann wirds "lustig" ...

    • EMM am 31.12.2016 20:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Oliver

      Dafür gibt es noch den RFID Chip. Deswegen wird die ID nie verloren gehen. Ironie aus

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  • jch am 31.12.2016 18:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Chip!

    Das beste wäre alle Menschen zu Chipen, da hätte man alles unter "Kontrolle" besonders auch welche nicht "gut tun"!

  • Herrmann G. am 31.12.2016 18:13 Report Diesen Beitrag melden

    Warum in der Ferne suchen

    Auch in Deutschland gibt es schon sehr lange den elektronischen Ausweis. Aber die Schweiz ist immer etwas hinterher, siehe automatische Passkontrollen am Flughafen!