Einschätzung

09. Oktober 2012 18:01; Akt: 09.10.2012 18:18 Print

Entlässt Collardi Schweizer oder Amis?

von Lukas Hässig - 1000 Banker verlieren mit der Übernahme von Merrill Lynch International durch Julius Bär ihren Job. Wenn sich die Bär-Leute nicht wehren, werden sie von den Amerikanern ausgetrickst.

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Hire and fire bei den Schweizer Banken? In den vergangenen 15 Jahren haben die Institute immer wieder Stellen abgebaut. Die grössten Stellenstreich-Runden in einer Übersicht. Kahlschlag bei der Credit Suisse: In der Schweiz streicht CS-Boss Brady Dougan 300 Stellen, weil die personalintensive Betreuung von Kleinkunden und die Vermögensverwaltung für Wohlhabende zusammengefasst werden. Kahlschlag bei der Schweizer Privatbank Julius Bär. Wegen der geplanten Übernahme des Vermögensverwaltungsgeschäfts von Merrill Lynch ausserhalb der USA will CEO Boris Collardi 15 bis 18 Prozent der Stellen abbauen. Das entspricht 850 bis 1030 Jobs. hat die UBS die Streichung von rund 7200 Jobs bekannt gegeben. Die Credit Suisse gab im selben Zeitraum den Abbau von rund 2000 Jobs bekannt. Laut dem Bundesamt für Statistik wies der Schweizer Bankensaktor Ende 2011 die Zahl von 124 400 Vollzeitstellen aus. Den Rekorstand erreichte die Branche nach dem 3. Quartal 2011 mit 125 000 Jobs. Zum Vergelich: 10 Jahren zuvor waren es 117 100 Stellen. machte den Banken die Schuldenprobleme in der EU und in den USA zu schaffen. Die UBS gibt bekannt, in der Schweiz 400 Stellen abzubauen. Kurz zuvor hat Konkurrentin Credit Suisse gemeldet, hierzulande 500 Arbeitsplätze abzubauen. Beim Eurogipfel wird ein Rettungsschirm beschlossen. Während die krisengeschüttelte UBS ihren Mitarbeiterbestand von 65 233 auf 64 617 reduziert, baut die CS trotz Staatsschuldenkrise und Euro-Rettungsschirm ihren Personalbestand von 47 600 auf 50100 weltweit aus. Die Pleite der Lehman Brothers erschüttert das Finanzsystem. Die UBS streicht nach den Milliardenverlusten in der Finanzkrise vor allem im Investment Banking 8700 Stellen weltweit. 2500 Mitarbeitende in der Schweiz sind betroffen. Ebenfalls als Folge der Finanzkrise baut die CS 5300 Stellen weltweit ab, davon 650 in der Schweiz. Nach dem Abgang von CEO Peter Wuffli jubeln die UBS-Investmentbanker in den USA. Marcel Ospel kündigt sogar eine neue Offensive in Amerika an: Höhere Risikobereitschaft, um den Anschluss nicht zu verpassen. Ein Fehlgriff: 2007/08 muss die Bank 6100 Stellen im Investment Banking weltweit streichen. (Im Bild: Unterzeichnung des Steuer-Vertrags zwischen der Schweiz und den USA) Die CS nimmt Abschied von der gescheiterten Universalbank-Strategie. Sie verkauft den Traditionsversicherer Winterthur an den französischen Konzern Axa. Mit einem Schlag nimmt die Zahl der Beschäftigten bei der CS von 63 523 auf 44 871 ab. Ein grosser Tsunami erschüttert die Welt, ein kleiner die Grossbank UBS: Um Kosten zu sparen und in Asien zu wachsen, müssen 400 Stellen in der Schweiz gestrichen werden. Nach einem Rekordverlust von 3,3 Milliarden Franken für das Geschäftsjahr 2002 muss das Duo Oswald Grübel (CEO Credit Suisse Financial Services CSFS) und John Mack (CEO Credit Suisse First Boston CSFB) die Bank wieder auf Vordermann bringen. Bei CSFS verschwinden 1250 Arbeitsplätze, davon mehr als 350 in der Schweiz. Auch Konkurrentin UBS streicht 800 Stellen in der Schweiz. Die CS verlagert Wertschriften- und Treasury-Transaktionen nach London. Die Folge: 300 Stellen weniger in der Schweiz. Unbemerkt von der Öffentlichkeit findet ein weiterer Stellenabbau von 22 Prozent statt. Die Belegschaft der CS schrumpft von 78 457 auf 60 837 weltweit. In der Schweiz sinkt die Zahl der Bankangestellten von 21 270 auf 19 661. Auch die UBS baut 1000 Stellen in der Schweiz ab. Die CSFB streicht nach Turbulenzen um ungedeckte Swissair-Kredite und Verluste bei CSFB sowie einem schwächeren Versicherungsgeschäft weltweit 2500 Stellen. Auch die UBS baut 600 Stellen ab. Im Millenium knallen bei 900 UBS-Mitarbeitenden die Korken nicht. Ihre Stellen werden abgebaut. Nichtsdestotrotz steigt die Zahl der UBS-Mitarbeitenden im Geschäftsjahr 2000 um 45 Prozent auf 71 076. Dies wegen der Übernahme des US-Brokers Paine Webber. Die beiden Traditionsbanken Bankgesellschaft und der Bankverein fusionieren. Die neue Bank startet mit 7000 Angestellten weniger. Das neue Konglomerat beschäftigt 55 176 Angestellte weltweit, davon 36 638 in der Schweiz. Konkurrentin CS streicht derweil 700 Stellen bei CSFB in der Schweiz. Im Jahr von Klonschaf Dollys Geburt entschliesst sich die CS zu einer Neuorganisation. 3500 Arbeitsplätze in der Schweiz fallen der Optimierung zum Opfer.

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Boris Collardi ist ein Salami-Taktiker. Nach dem Kauf von Merrill Lynch International (ohne US-Kunden) vor zwei Monaten sagte er gar nichts zu einem Stellenabbau. Vor einigen Wochen liess er dann eine erste Grössenordnung von 900 abzubauenden Jobs durchsickern. Damit war das Feld für Hiobsbotschaften präpariert. Die Ankündigung vom Dienstagmorgen mit dem Jobkahlschlag von rund 1000 Stellen – was jedem fünften Job entspricht – hatte damit ihr Schockpotenzial verloren.

Auch an der Börse verfehlte die Nachricht, die normalerweise für gute Stimmung sorgt, ihre Wirkung. Nach einem kurzen Aufwärtssprung tauchte die Bär-Aktie im Tagesverlauf in den roten Bereich.

Wenn nicht einmal ein radikaler Jobabbau zu einem Kursanstieg führt, scheint der Wurm von grundsätzlicher Natur zu sein. Offensichtlich zweifeln die Investoren am Gelingen der Operation. Die 1000 abzubauenden Stellen auf ein Total von 5700 Jobs könnten als das wahrgenommen werden, was sie vermutlich sind: als Zeichen für den Sanierungsbedarf bei der US-Bank.

1000 Jobs - Halbierung des Personalbestands

Dieser schrieb zuletzt leichte Verluste und zog keine frischen Vermögen mehr an. Die Begründung von Collardi&Co. beim Kauf lautete, dass die bisherige Besitzerin des Geschäfts, die riesige Bank of America, kaum mehr in ihre Tochter investiert hätte. Ein blühendes Business sei verdorrt und brauche lediglich genügend Wasser, um wieder zum Spriessen zu kommen.

Das bisschen Wasser entpuppt sich als Verniedlichung gravierender Probleme. Setzt man die 1000 Stellen dem Total von 2200 auf Merrill-Lynch-Seite gegenüber, handelt es sich praktisch um eine Halbierung des gesamten Merrill-Personalbestands.

Um eine vergleichbar massive Sanierung im Swiss Banking zu finden, muss man zwölf Jahre zurückgehen, als die Credit Suisse den US-Broker DLJ erworben hatte und am Ende fast nur der Name der Amerikaner übriggeblieben war. Während bei der CS-DLJ-Affiche die Amerikaner auf Jobsuche mussten, ist dies im aktuellen Fall von Julius Bär und Merrill Lynch nicht so klar.

An insgesamt 12 Standorten, in Europa, Middle East, Asien und Lateinamerika, werden die Bär- und die Merrill-Aktivitäten zusammengelegt. Je nach Grösse machen die Schweizer oder die Amerikaner das Rennen. Ob am Ende mehr Amerikaner oder mehr Schweizer auf der Strasse landen, ist offen. Bär-Chef Collardi liess sich an einer Konferenz für Analysten und Investoren in London nicht in die Karten blicken. Im direkten Kampf mit den Angelsachsen ziehen die Eidgenossen aber erfahrungsgemäss den Kürzeren.

Frühere Versprechen nicht eingelöst

Collardis macht mit dem Merrill-Kauf grosse Versprechen. Die Sanierung werde sich für die Investoren ab 2015 durch eine schlanke, effiziente und fokussierte Privatbank mit höherem Gewinn pro Aktie bezahlt machen. Das hat die Bär-Bank schon bei früheren Übernahmen versprochen, ohne entsprechende Resultate zu liefern. Im Gegenteil: Heute steckt der Vermögensverwalter mit der vermeintlich hohen Marge in der Kostenfalle.

Von Januar bis Ende August war die Kosten-Ertrags-Relation «etwas höher im Vergleich zu derjenigen für die ersten sechs Monate 2012», meldet Bär zum heutigen Investorentag. Mit 70 Prozent war die wichtige Kennziffer bereits zur Jahresmitte deutlich über der selbst gesetzten Obergrenze.

Nun ist sie also noch höher. Das heisst: Einerseits wächst Bär unter ihrem CEO Collardi immer stärker. Die verwaltete Vermögen liegen bereits bei 184 Milliarden Franken, das sind 14 Milliarden mehr als Ende 2011. Andererseits trüben die hohen Kosten das beeindruckende Wachstum.

In zwei bis drei Jahren wird sich zeigen, ob Collardi Herkules oder Ikarus ist. Bis dahin lassen die Resultate wegen den vielen Übernahmen und Restrukturierungen keine klaren Rückschlüsse zu. Solange dürfte Collardi sicher im Sattel sitzen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • VONNICHSKOMMTNICHTS am 09.10.2012 20:24 Report Diesen Beitrag melden

    BSBJB

    Ich wünsche BJB alles schlechte. Sie wird durch eine andere schweizer Bank ersetzt werden.

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  • Poodel am 09.10.2012 09:16 Report Diesen Beitrag melden

    Endlich!

    Gibt es weniger von den ach so bösen "Bankern". Sind jetzt alle Linken zufrieden?

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  • c.müller am 09.10.2012 08:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    1000stellen werden gestrichen

    super....die obere etage kassiert millionen und die kleinen müssen gehen wann hört das auf????immer das gleiche

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Der Kritiker am 10.10.2012 09:34 Report Diesen Beitrag melden

    Collardi wäre dumm

    wenn er die Amis den Schweizern vorziehen würde. Wohin uns die Ami-Banker getrieben haben, können wir an den letzten Finanz- und Wirtschaftskrisen sehen. V. a. im Private Banking haben Schweizer ein vollständig anderes Verständnis von Privatsphäre, Diskretion und Kundendienst. Während beim US-WM die W-Manager stark nach Provisionen entlöhnt werden, ist dies im CH-PB anders, womit der Kunde betreffend Risiken besser geschützt wird.

    • Supermario am 12.10.2012 09:57 Report Diesen Beitrag melden

      Ja, aber noch was kleines dazu

      Die Frage ist dann einfach, ob die US-Kunden mit Renditen von 1, 2 oder wenns gut geht 3% zufrieden sind? Meines Wissens war es bis vor 4 Jahren "state of the art" im US-VV-Geschäft mehr oder weniger 10% Jahresrendite zu fordern; ansonsten man als Nichtskönner abgestempelt wurde. Zum Glück hat der Madoff aufgezeigt, dass auch nicht alles Gold ist, was glänzt.

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  • Guido T. am 10.10.2012 09:20 Report Diesen Beitrag melden

    Völlig egal

    Völlig egal ob Schweizer oder Amerikaner entlassen werden. Collardi wird dort Leute entlassen, wo es sie nicht braucht. Wenn es in der Schweiz ist, wird er keine Rücksicht nehmen. Der Profit steht klar im Vordergrund.

    • Supermario am 12.10.2012 09:53 Report Diesen Beitrag melden

      Part of the game

      Ja und, Banken sind nun keine "Non-Profit"-Organisationen. Die gibts mehrheitlich eher staatsnahe!

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  • Stefan P. am 10.10.2012 09:07 Report Diesen Beitrag melden

    Invasion der Angelsachsen

    Aus irgendwelchen Gründen setzen sich leider immer die Angelsachsen durch. Der Beweis, dass man mit viel heisser Luft im Leben weiterkommt, während die stillen und arbeitsamen Schweizer verlieren.

  • Maria Garcia am 10.10.2012 08:48 Report Diesen Beitrag melden

    An alle die jetzt motzen!

    Nach 2008 war der Aufschrei riesig! Banken sollen kleiner werden, TBTF-Problematik, mehr Eigenkaptial halten müssen und bitte mit mehr und strengeren Regulatorien "beglückt" werden. Auch keine unversteuerten Gelder sollen auf Schweizer Banken liegen (lieber alles in an anderen Orten). Das führt nun dazu, dass sich Banking massiv verteuert hat, die Margen sanken und um überleben zu könnnen müssen die Firmen fusionieren und verschlankt werden. Das wurde von vielen so gewünscht, nun fängt es an einzutreffen. Der Aufschrei ist heuchlerisch.

    • nobion am 10.10.2012 16:58 Report Diesen Beitrag melden

      Danke

      Danke für diesen sehr guten Kommentar!

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  • Anton Keller am 10.10.2012 08:43 Report Diesen Beitrag melden

    weniger Schweizer

    Es werden weniger Schweizer entlassen, als wenn die Übernahme nicht stattgefunden hätte. Das höhere Volumen liefert Deckungsbeiträge an die Supportabteilungenm in der Schweiz.