Eurokrise

13. September 2011 10:19; Akt: 13.09.2011 10:39 Print

Italien klopft bei den Chinesen an

Ein Griff nach dem Rettungsring: Italien versucht Medienberichten zufolge China zu überzeugen, italienische Staatsanleihen zu kaufen oder in Firmen des Landes zu investieren.

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Die Herabstufung durch Standard & Poor's im September 2011 sei angesichts der zwei Sparpakete in der Höhe von zusammen mehr als 100 Milliarden Euro ungerechtfertigt, wettert Ministerpräsident Berlusconi. Die Bewertung scheine mehr von Medienberichten als von der Realität diktiert worden zu sein. Das Urteil der Bonitätshüter ist eine Niederlage für die Regierung Berlusconi. Im September verabschiedete sie ein 54 Milliarden schweres Sparprogramm, doch Standard & Poor's glaubt nicht daran, dass Italien die Sparziele erreichen kann. Die Ratingagenturen hatten Italien unlängst den Warnfinger gezeigt. Ende September hat Standard & Poor's ernst gemacht und Italiens Kreditwürdigkeit von A+ auf A gesenkt. Geld aufzunehmen dürfte für Rom noch teurer werden. Am 4. Oktober zog Moody's nach und senkte ihr Rating von Aa2 auf A2. Italien muss seinen Gläubigern für Kredite mit einer Laufzeit von 10 Jahren 5,6 Prozent bezahlen. Würde die Europäische Zentralbank nicht ständig italienische Anleihen aufkaufen, lägen die Zinsen vermutlich bei 8 bis 10 Prozent. Als kritische Grenze gilt 7 Prozent. Eine derart hohe Zinsbelastung lässt sich nur bei ausgezeichnetem Wirtschaftswachstum tragen. Doch Italiens Wirtschaft kommt nicht vom Fleck. Die OECD prognostiziert im laufenden Jahr eine Stagnation, der Internationale Währungsfonds rechnet mit 0,5 Prozent. Die Arbeitslosigkeit beträgt in Italien rund 8 Prozent, bei den Jungen sind fast 30 Prozent ohne Stelle. Studienabgänger finden keine Jobs, wodurch kein modernes Know-How in die Wirtschaft fliesst. Die Betriebe können sich fast nicht von älteren Angestellten trennen, weil hohe Zahlungen fällig würden. Der Arbeitsmarkt überaltert. Das süsse Nichtstun bezieht sich in Italien nur auf Feriengäste. Der gesamte öffentliche Sektor gilt als ineffizient. Ein Problem Italiens ist die Bürokratie. Behörden handeln teilweise willkürlich, was ausländische Investoren abschreckt. Zwar gibt es eine zentrale Regierung in Rom, die Gesetze beschliesst, die Regionen sind in deren Umsetzung aber relativ autonom. Problematisch ist auch das italienischen Steuersystem: Die Abgaben sind dermassen hoch, dass Hunderttausende schwarz arbeiten. Ein Problem der Wirtschaft ist die internationale Konkurrenzfähigkeit. Ausser bei hochstehender Kleidung, Autos oder Lebensmitteln ist Italiens Wirtschaft international nicht konkurrenzfähig. Dadurch importiert das Land viel mehr Waren als es exportiert. Ein weiteres Problem: 90 Prozent der Firmen sind Familienbetriebe, die ihre Gewinne zu wenig in die Unternehmen reinvestieren. Italiens Schulden sind nicht erst im Zuge der Finanzkrise massiv gewachsen. Schon 1997 belief sich der Defizitberg Roms auf 121 Prozent des BIP. Dies ging lange Zeit gut, denn Italien war vor allem bei der eigenen Bevölkerung verschuldet. Seit den Neunzigern ist es aber nicht gelungen die Defizite abzubauen. Aktuell beläuft sich der Schuldenberg auf 1,8 Billionen Euro oder rund 120 Prozent des BIP. Die EU-Finanzminister sind besorgt. Italien ist nach Frankreich und Deutschland die drittgrösste Volkswirtschaft der Eurozone. Um den Staat vor der Pleite zu retten, bräuchte es viel mehr Mittel als bei Griechenland. Die Politik debattiert seit Monaten über eine Aufstockung des Euro-Rettungsschirms. Ein Problem Italiens ist der «Papi» selbst. Er regiert mehr für seine Konzerne als fürs Allgemeinwohl. Im Sommer schmuggelte er einen Passus ins erste Sparpaket, der es Unternehmen erlaubt hätte, gerichtlich verordnete Entschädigungszahlungen bis zum definitiven Urteil zurückzuhalten. Berlusconi selbst hätte am meisten von diesem Manöver profitiert, das die Opposition vereitelte. Eigentlich hätte Italien gar nie der Währungsunion beitreten dürfen. Im für den Euro-Beitritt entscheidenden Jahr 1997 lag Roms Verschuldung bei 121 Prozent des BIP. Um die Währung stabil zu halten, wäre aber nur ein Defizit von 60 Prozent erlaubt gewesen. Dass Italien dennoch zur Eurozone zugelassen wurde, hatte politische Gründe. Italien war eines der sechs EU-Gründungsländer.

Das läuft schief in Italien.

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Italien ist hochverschuldet, braucht Geld und will China dazu bringen, italienische Staatsanleihen zu kaufen. Der Vorsitzende des chinesischen Staatsfonds, Lou Jiwei, habe vergangene Woche in Rom mit dem italienischen Finanzminister Giulio Tremonti entsprechende Gespräche geführt, berichteten das «Wall Street Journal» und die «Financial Times» (Dienstagsausgaben).

Wie die «Financial Times» weiter berichtet, seien vor zwei Wochen italienische Regierungsvertreter in Peking gewesen, um bei CIC und beim chinesischen Devisenamt vorstellig zu werden. Das Devisenamt verwaltet den Grossteil der 3 200 Milliarden Dollar, die China an ausländischen Devisen hält. Und Anfang August soll sich der italienische Notenbankchef Vittorio Grilli in Peking um potentielle Investoren bemüht haben.

Kolonialisierung Europas?

Grund für die Aktivitäten sind die immer höheren Renditen, die für Neuverschuldungen Italiens von den Kreditmärkten verlangt werden. Die Verschuldung wird in diesem Jahr etwa 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen. Interessant sind in diesem Zusammenhang frühere Äusserungen des Finanzministers Tremonti, der eine Kolonialisierung Europas durch China befürchtete. Aber solange Europa darüber berät, ob es den Euro-Rettungsschirm aufstocken soll und die Europäische Zentralbank warnt, sie könne nicht unbegrenzt Staatsanleihen aufkaufen, muss sich Italien nach Alternativen umsehen.

Finanzexperten wiesen aber darauf hin, bei der Bewältigung der Haushaltskrise nicht zu viele Hoffnungen in ein chinesisches Engagement zu legen. Der Anteil an Schuldtiteln, den China an den kriselnden europäischen Staaten wie Griechenland hält, schätzen sie als gering ein. Offizielle Zahlen dazu gebe es nicht.

Italien bestätigt Treffen

Ein Sprecher des italienischen Finanzministeriums bestätigte ein Treffen mit dem Vorsitzenden des chinesischen Staatsfonds, nannte jedoch keine Einzelheiten. Ob es zwischen den beiden Ländern zu einer Einigung gekommen ist, wurde nichts bekannt.

(hag/ap)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peter Silie am 13.09.2011 15:31 Report Diesen Beitrag melden

    Italienische Firmen

    funktionieren sensationell! In Corporates würde ich da auf jeden Fall investieren. Jedoch muss man einen Unterschied zwischen Corporates und Government machen... und in den italienischen Staat würde ich KEINEN Rappen investieren, denn dieser ist ganz klar zum Scheitern verurteilt. Und das hat nicht mal was mit Berlusconi zu tun, denn dieser hat wenigstens die Staatsschulden im Vergleich zu allen anderen um 3% drücken können.

  • Dersu am 13.09.2011 19:58 Report Diesen Beitrag melden

    Berlusconi kann allein das Land retten

    Anstatt bei den Chinesen zu klopfen, soll Berluskoni seine Milliarden in das Budget legen. So wäre dem italienischen Volke geholfen!

  • italo am 13.09.2011 10:38 Report Diesen Beitrag melden

    Italien ist absolut konkurenzfähig!

    nicht konkurenzfähig?? gehts noch?? egal ob besteck, autos, möbel, LEBENSMITTEL, marmor, kleidung, fast alles kommt aus italien!!!! also bitte besser kontrollieren und dann richtig schreiben!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dersu am 13.09.2011 19:58 Report Diesen Beitrag melden

    Berlusconi kann allein das Land retten

    Anstatt bei den Chinesen zu klopfen, soll Berluskoni seine Milliarden in das Budget legen. So wäre dem italienischen Volke geholfen!

  • Peter Silie am 13.09.2011 15:31 Report Diesen Beitrag melden

    Italienische Firmen

    funktionieren sensationell! In Corporates würde ich da auf jeden Fall investieren. Jedoch muss man einen Unterschied zwischen Corporates und Government machen... und in den italienischen Staat würde ich KEINEN Rappen investieren, denn dieser ist ganz klar zum Scheitern verurteilt. Und das hat nicht mal was mit Berlusconi zu tun, denn dieser hat wenigstens die Staatsschulden im Vergleich zu allen anderen um 3% drücken können.

  • FRED am 13.09.2011 12:49 Report Diesen Beitrag melden

    Einfache Lösung

    Statt substantiellen Reformen wählt die Regierung den einfachen Weg.... die Anhäufung von Schulden. Dies ist der Beweis das Italien trotz Krise immer noch nichts gelernt hat. Wer noch immer behauptet das Berlusconi keine Schuld an der Misere hat, sollte dies nochmals überdenken. Die Aktionen zögert nur die Zahlungsunfähigkeit hinaus, löst aber keine Probleme.

  • Jörg Schluffi am 13.09.2011 12:24 Report Diesen Beitrag melden

    Korrupter Staat?

    Die Italos könnten doch zuerst bei den noblen Herren das Geld zurückholen. Da nützt doch jeder der kann den Staat aus. Bei der Mafia währen noch so einige Milliarden die man in den Staat investieren könnte. Oder ist es das Geld vom Staat? Werden wir dies je erfahren?

  • italo am 13.09.2011 10:38 Report Diesen Beitrag melden

    Italien ist absolut konkurenzfähig!

    nicht konkurenzfähig?? gehts noch?? egal ob besteck, autos, möbel, LEBENSMITTEL, marmor, kleidung, fast alles kommt aus italien!!!! also bitte besser kontrollieren und dann richtig schreiben!

    • sandro am 13.09.2011 11:40 Report Diesen Beitrag melden

      mentalität

      und trotdem hat dieses schöne land seine staatsfinanzen nicht im griff...und dies hat meiner meinung nach auch etwas mit der südländischen mentalität zu tun.

    • Micha Braun am 13.09.2011 11:54 Report Diesen Beitrag melden

      Ohne Italien schlecht machen zu wollen..

      ... Besteck? Keine Ahnung. Möbel? Keine Ahnung. Lebensmittel? Klasse, ja! Marmor? Keine Ahnung. Kleidung? Jaja, die Labels sind italienisch, aber kaum etwas davon wird in Italien produziert. Autos? Die Qualität spricht für sich (aus eigener Erfahrung). Möbel? Leider habe ich viele italienische Einrichtungsgegenstände (Möbel und Sanitär) in meiner Wohnun übernommen. Die Qualität ist schon nach ein paar wenigen Jahren zum heulen! Aber ja, so trist ist es nicht, mit Italien.

    • ben sika am 13.09.2011 12:13 Report Diesen Beitrag melden

      früher war alles besser

      ...aber sie importieren mehr als sie exportieren, dass ist das problem. Das gute alte Italien war einmal, wilkommen im 2011

    • Silver am 13.09.2011 12:46 Report Diesen Beitrag melden

      Vor lauter Stolz blind?

      Ja, ja!? Ausnahmen bestätigen die Regel: aber die qualitativ wirklich guten Bestecke, Autos, Möbel, Lebensmittel, Bekleidung kommen sicher NICHT aus Italien. Zugegeben: Italien hat teilweise gutes Design, aber brauch- und tragbar ist vieles davon nicht und zudem im Verhältnis Qualität/Nutzen/Preis schlechter als viele andere. Fragt sich, was man will und wo man sein Geld hinausschmeisst?

    • Teddy am 13.09.2011 12:57 Report Diesen Beitrag melden

      Konkurrenzfähig?

      Nur weil die italienische Wirtschaft produziert, heisst dies noch nicht das sie konkurrenzfähig ist. Wenn alles auf Pump geschieht um die tiefen Preise zu halten, ist das der beste Weg in den Abgrund. Im direkten Preis-Nutzen Vergleich schneiden italienische Produkte meist nicht sonderlich gut ab. Genau dies macht aber die Konkurrenzfähigkeit aus.

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