Novartis-Entscheid

02. April 2013 18:06; Akt: 02.04.2013 18:08 Print

«Indien wird keine grosse Rolle mehr spielen»

von Sven Zaugg - Patente haben den Pharmamultis goldene Zeiten beschert. Das ist jetzt vorbei, wie der Fall Glivec zeigt. Ein Experte sagt, wie sich Novartis & Co. für die Zukunft rüsten.

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Novartis zieht in Indien den Kürzeren und verliert den Patentstreit. (Bild: Keystone/Yannick Bailly)

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Herr Kubli, Novartis hat den Patentstreit um das Krebsmittel Glivec in Indien verloren. Was bedeutet dies für den Basler Pharmakonzern?
Oliver Kubli: Letzlich ging es um weit mehr als das Krebsmittel Glivec. Novartis wollte die Behörden zwingen, Farbe zu bekennen und einen Grundsatzentscheid herbeizuführen, inwiefern geistiges Eigentum in Indien geschützt werden kann. Das Gericht hat sich mit diesem Urteil für den Schutz der heimischen Generika-Industrie ausgesprochen. Das hat eine gewisse Logik. Ob damit die Spitzenforschung in Indien gefördert wird, bezweifle ich.

Was heisst das für die Schweizer Pharmabranche?
Für die Schweizer Pharma insgesamt wird dieser Entscheid keinen grossen Einfluss haben, da der indische Pharmamarkt mit einer Grösse von rund 25 Milliarden Dollar zurzeit noch relativ klein ist. Ebenso sehe ich keine Auswirkungen auf die Forschung von Novartis oder andere Firmen. Aber für den Markteintritt von neuen, innovativen Medikamenten in Indien darf man von einem wegweisenden Entscheid sprechen.

Mit anderen Worten: Pharmamultis wie Novartis wenden sich von Indien ab?
Indien wird für Grosskonzerne in den nächsten Jahren tatsächlich keine grosse Rolle spielen, obwohl der Markt, auch dank der zunehmenden Kaufkraft der wachsenden Mittelschicht, rund 20 Prozent pro Jahr wachsen wird.

Werden weitere Länder dem Beispiel Indien folgen?
Nein, davon ist nicht auszugehen. Das ist eine einmalige Geschichte.

Allein bis zum Jahr 2015 laufen Patente mit einem weltweiten Umsatz von rund 65 Milliarden Dollar aus. Wie geht die Industrie damit um?
Das ist Teil des Pharmageschäfts und ein Phänomen, das wir schon einige Jahre beobachten. Die Spitze erreichten wir letztes Jahr: Alleine 2012 liefen Patente mit einem weltweiten Umsatz von rund 51 Milliarden Dollar aus. Die Pharmamultis wie Novartis oder Bayer haben akzeptiert, dass sie nach Ablauf des Patentschutzes in gewissen Märkten ihre Monopolstellung verlieren und haben in den letzten Jahren ihre Geschäftsmodelle angepasst.

Wie?
Novartis hat seine Produktpalette diversifiziert und ist als globaler Gesundheitskonzern positioniert, unter anderem mit Sandoz als einem der weltweit führenden Generika-Anbieter. Die Basler haben zudem mit Gilenya, einem Medikament gegen Multiple Sklerose, einen Trumpf in der Hand. Oder Roche: Das Unternehmen hat sehr viel auf dem Feld der Krebsforschung getan. Um die Schweizer Pharmabranche muss man sich keine Sorgen machen.

Gewinner des Patentstreits sind die Generika-Hersteller. Welche Rolle wird die Branche in Zukunft einnehmen?

Das jährliche Wachstum der Branche bewegt sich bei 10 Prozent und ist damit viel höher als das der klassischen Pharmabranche. Ein Grund dafür ist das Ablaufen der Patente. Dazu kommen regulatorische Massnahmen: Die Industrie wird von staatlicher Seite aktiv gefördert, um die Medikamentenkosten zu senken. Zudem bietet die Generika-Industrie Zugang zu den stark wachsenden aufstrebenden Märkten. Davon kann Novartis über seinen Generika-Hersteller Sandoz profitieren.

Wie hoch ist das Sparpotenzial bei den Gesundheitskosten, wenn künftig vermehrt Generika eingesetzt werden?
Im Ausland sind Generika bis 70 Prozent günstiger als Originalpräparate – in der Schweiz bis 50 Prozent. In den USA sind acht von zehn Medikamente Generikaprodukte. Allerding entfallen lediglich 15 Prozent der gesamten Gesundheitskosten auf Medikamente. Das Sparpotenzial begrenzt.

Schätzung gehen davon aus, dass sich die Umsätze bei Generika bis 2018 auf 231 Milliarden Dollar erhöhen. Welche Schweizer Firmen werden von diesem Boom profitieren?

Aus Schweizer Sicht profitiert die Generika-Tochter von Novartis, Sandoz, am meisten. Zudem ist die Schweizer Tochter von Teva, Mepha, speziell in Afrika gut positioniert. Mepha und Sandoz, die zwei grössten Player in der Schweiz sind, teilen 80 Prozent des Marktes unter sich auf. Man muss leider festhalten, dass der Generika-Markt in der Schweiz nicht besonders gross ist. Grund dafür ist - zumindest teilweise - der politische Widerstand.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • toschi am 03.04.2013 10:37 Report Diesen Beitrag melden

    Pharmapolitik

    Kleines Beispiel für die Politik der Pharmas. Eine Bekannte von uns musste spezielle Mittel nehmen. Sie war in Brasilien und hatte dort ein Kinderhilfswerk aufgebaut. Da das Patent für dieses Mittel ablief, entwickelte die Pharmafirma ein neues, ganz nah am ursprünglichen Patent. So nah, dass niemand das alte Medikament nachmachen konnte, durfte. Folge davon: Sie vertrug das neue Medikament nicht, musste wieder in die Schweiz kommen. Man konnte ihr aber nicht helfen. Das alte Medikament wurde nicht mehr hergestellt. Leider lebt sie nicht mehr.

  • Hannes Krauer am 03.04.2013 09:20 Report Diesen Beitrag melden

    Dafür Enteignung

    Ob die Inder eine Zwangslizensierung dafür verlangen, steht auf einem anderen Blatt. Für die Pharma-Firmen bedeutet es, dass die Rechtslage um Eigentum in Indien nach wie vor sehr unsicher bleibt.

  • Laborant am 02.04.2013 18:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Lösung

    Wären neue, wirksame Medikamente auf den Markt zu bringen. Leider blieb der grosse Durchbruch in den letzten Jahren aus. Generikas sind übrigens nur so billig, weil Forschungen in milliardenhöhen nicht mehr nötig sind.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • P. Atent am 03.04.2013 11:22 Report Diesen Beitrag melden

    Augen auf oder Ihr werdet ausgenommen!

    Das ganze Interview ist reine Branchenpropaganda. Fakt ist: Ausser in der Pharma kann keine Branche dieses "Evergreening" betreiben. Ich betreue einige Patente im Technologiesektor, wenn wir eine solche "Erweiterung" wie bei Glivec patentieren möchten, würde diese wegen "mangelnder Erfindungshöhe" abgelehnt. Ein Patent muss auf eine komplett neue Erfindung laufen, nicht auf eine Verbesserung eines bestehenden Patents. Auch im .ch Recht. Nur die Pharma-Lobby schafft es regelmässig sich da eine Ausnahme "herbeizuzaubern"...

  • toschi am 03.04.2013 10:37 Report Diesen Beitrag melden

    Pharmapolitik

    Kleines Beispiel für die Politik der Pharmas. Eine Bekannte von uns musste spezielle Mittel nehmen. Sie war in Brasilien und hatte dort ein Kinderhilfswerk aufgebaut. Da das Patent für dieses Mittel ablief, entwickelte die Pharmafirma ein neues, ganz nah am ursprünglichen Patent. So nah, dass niemand das alte Medikament nachmachen konnte, durfte. Folge davon: Sie vertrug das neue Medikament nicht, musste wieder in die Schweiz kommen. Man konnte ihr aber nicht helfen. Das alte Medikament wurde nicht mehr hergestellt. Leider lebt sie nicht mehr.

  • Srdjan Matejic am 03.04.2013 10:19 Report Diesen Beitrag melden

    Indien soll Beispiel werden!!

    Das gleiche Wirkstoff abgeändert "einzupacken" und dann als "Spitzenforschung" zu verkaufen, und damit Millionen Krebskranke auszuschliessen, das ist hier das eigentliche Skandal. Neue und innovative Medikamente soll man schützen. Aber die Gewinnmaximierung auf Kosten der Ärmsten?!

  • Simon Lehner am 03.04.2013 10:18 Report Diesen Beitrag melden

    Hohe Kosten

    Interessant wie es hier einige Verfechter der hohen Medikamentenpreise gibt, und diese der Forschung zuschreiben. Solange Novartis einen Reingewinn von 2.5 Mia Franken macht, ist an den zu hohen Preisen was Faul.

    • Realist am 04.04.2013 21:06 Report Diesen Beitrag melden

      Viel mehr Gewinn

      Lieber Simon, wenn Novartis nur 2,5Milliarden machen würde, währe da die Hölle los.....selbst pro Quartal....

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  • peter am 03.04.2013 09:33 Report Diesen Beitrag melden

    was macht alles so teuer?

    was die Forschung unter anderem so teuer macht sind die rechtlichen, moralischen, ethischen umstände. sollten die firmen jetzt noch ihr Patentrecht verlieren oder einschränken müssen, dann wird die Forschung vermutlich in länder ausgelagert werden, wo die kosten weniger hoch sind, und auch die Gesetze "mehr" erlauben (ich denke da an Tierversuche, versuche an menschen etc) werden. dann haben wir die Entwicklung nicht mehr im griff!!