Geschäfte mit Kursverlusten

21. April 2017 09:16; Akt: 21.04.2017 15:00 Print

Die Börsen-Spiele mit Attentaten

von Isabel Strassheim - Mit seinem Anschlag auf Dortmunds Fussballer zielte Sergej W. auf die BVB-Aktie und nahm dafür sogar Tote in Kauf. Wetten auf einbrechende Kurse gehören zum Börsengeschäft.

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Der Anschlag auf den Car von Borussia Dortmund sollte möglichst viele Fussballer töten oder verletzen. Das Ziel: Damit sollten die Erfolgsaussichten des Clubs vernichtet werden und seine Aktie an der Börse abstürzen.

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Der Fall einer Börsenmanipulation durch einen Bombenanschlag ist einmalig. Dass der Attentäter und Anleger aber auf einen Aktieneinbruch setzte, ist normaler Börsenalltag. Mit sinkenden Kursen kann nämlich genauso Geld verdient werden wie mit steigenden. Die Anleger müssen nur auf fallende Kurse gewettet haben.

Mehr Gewinn als an der Börse möglich

Der festgenommene mutmassliche Attentäter von Dortmund Sergej W. soll zuvor einen Verbraucherkredit aufgenommen und sich mit diesem Geld 15'000 Put-Optionen auf die BVB-Aktie gekauft haben. Damit besitzt er zwar keine Aktie, aber er hat das Recht, sie innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu verkaufen. Und zwar zu einem vorher bestimmten Preis, der unabhängig vom Börsenkurs ist. Das bedeutet: Stürzt die BVB-Aktie an der Börse plötzlich ab, gewinnen die Put-Optionen an Wert und können zu einem höheren Preis verkauft werden. Je nachdem kann er so mehr verdienen, als der eigentliche Kursrückgang ausmacht. Der mutmassliche Täter hätte Berichten zufolge einen Gewinn von rund 4 Millionen Euro machen können.

Wetten auf sinkende und auch auf steigende Kurse mit Put- oder Call-Optionen sind normal. Zum Thema werden sie nur nach unvorhersehbaren Ereignissen: Vor dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 sollen am 6. September 3150 Put-Optionen auf die Aktien von United und American Airlines platziert worden sein. Als die Börse bebte und die Kurse der Fluggesellschaften dann fünf Tage später am Boden waren, liess sich so daran verdienen. Dies thematisierten Kritiker wie der US-Regisseur Michael Moore, aber auch Verschwörungstheoretiker aller Art.

Wetten auf den Zusammenbruch

Auch an der Immobilienkrise von 2007 sollen Banker vorab auf einen Kurseinbruch gewettet haben. Der Ende 2015 herausgekommene Film «The Big Short» zeigt dies akribisch auf. Der Ausdruck «Short gehen» bedeutet an der Börse, auf sinkende Kurse zu setzen.

Nach aussergewöhnlichen Ereignissen gehen Banken Optionen-Geschäften nach. Es geht um die Fragen: Wer hat sich wie vorab positioniert? Wer könnte etwas gewusst haben? Die Börsenaufsicht wird bei überdurchschnittlichen Handelsvolumen aufmerksam: «Wir beobachten den Handel sehr genau, wenn aussergewöhnliche Volumina gehandelt werden, gehen wir dem nach», sagt der Sprecher der Six Group, Stephan Meier, zu 20 Minuten.

Inzwischen zucken die Börsenkurse nach Anschlägen so gut wie nicht mehr. Zum letzten Mal stürzten die Kurse auf breiter Front nach den Bomben in London von 2005 ab. Einzelne Aktien reagieren aber noch immer auf Attentate: So sanken nach dem Terror in Paris im Dezember 2015 die Kurse der Airline-Papiere in Europa.