Trinkgeld-Debatte

13. Juli 2015 21:31; Akt: 14.07.2015 08:33 Print

Flugbegleiter können vom Lohn nur schlecht leben

von Dorothea Vollenweider - Tiefe Löhne, lange Arbeitstage, wenig Perspektive: Gewerkschafter und ehemalige Mitarbeiter wissen, warum ein Swiss-Mitarbeiter nach Trinkgeld verlangte.

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Um auf den enormen Lohndruck beim Flugpersonal aufmerksam zu machen, bat das Kabinenpersonal der Swiss vergangene Woche Passagiere um Trinkgeld. Die umstrittene Aktion wirft die Frage auf, wie es um die Arbeitsbedingungen der Flight Attendants der Swiss steht.

Umfrage
Sollen Passagiere Flugbegleitern ein Trinkgeld geben?
47 %
46 %
7 %
Insgesamt 33562 Teilnehmer

Erst vor kurzem hat die Swiss einen neuen Gesamtarbeitsvertrag mit der Kabinenpersonal-Gewerkschaft ausgehandelt. Dieser ist seit Mai 2015 in Kraft. Demnach verdient ein Flight Attendant zu Beginn 3400 Franken. Das Problem: Während langjährige Mitarbeiter früher noch Lohnaussichten von bis zu 7000 Franken pro Monat hatten, stagniert das Gehalt heute bei rund 5000 Franken. «Davon anständig zu leben, wird schwierig», sagt Harry Kreienbühl, Vizepräsident der Gewerkschaft des Kabinenpersonals Kapers, zu 20 Minuten. Einzig in einer Führungsfunktion steige das Salär höher.

Belastend für das Kabinenpersonal sind auch die unregelmässigen Arbeitszeiten. Nacht-, Schicht- und Wochenendzuschläge gibt es nicht. Und die Tage können – besonders bei Langstreckenflügen – lang sein. So summiert sich etwa die Arbeitszeit inklusive Vorbereitungen für einen Flug von Zürich nach Singapur auf über 14 Stunden. Zeit für Erholung bleibt meist keine: Bereits nach einer Übernachtung muss das Flugpersonal wieder zurück in die Schweiz fliegen.

Mehr Passagiere, weniger Personal

Mehr als eine Nacht Aufenthalt gibt es lediglich noch bei den Langstreckenflügen nach Hongkong, Bangkok, Los Angeles und San Francisco. Die Arbeitsbelastung und der Stress sind mit dem Umbau der A320-Flotte für das Kabinenpersonal nochmals deutlich gestiegen: Durch den Umbau konnte die Swiss Platz für zwölf zusätzliche Passagiere gewinnen – bei einer unveränderten Anzahl Kabinenbesatzungsmitglieder. Dafür wurde die Bordküche kleiner und die Passagiere müssen neu im Galley – also der Bordküche – anstehen, wenn sie auf die Toilette wollen. «Eine Rückzugsmöglichkeit für die Crew während der ohnehin knappen Ruhepausen gibt es nicht mehr», kritisiert Gewerkschafter Kreienbühl. Die gesundheitliche Belastung für die Crew sowie der psychosoziale Stress seien in den vergangenen Jahren klar gestiegen.

«Die Arbeitsbelastung ist gross», sagt auch Kristina Roder. Die 25-Jährige arbeitete von 2012 bis 2015 bei der Swiss. «Immer zu anderen Zeiten wach zu sein, grosse Temperaturschwankungen zu erleben und schon nur das Fliegen generell sind für den Körper eine hohe Belastung», sagt sie. Deshalb, aber auch, weil es ihr an Perspektiven fehlte, hat die studierte Medienwissenschaftlerin wieder zurück ins Büro gewechselt. So machen es viele von Roders Arbeitskollegen: «Viele hören nach zwei bis drei Jahren auf zu fliegen.»

Hohe Fluktuationsrate

«Diese hohe Fluktuation beschäftigt uns sehr», bestätigt Kreienbühl von Kapers. Bei der Swiss will man sich zur Fluktuationsrate derweil nicht äussern. Die Fluggesellschaft anerkennt jedoch, dass der Wunsch nach Weiterbildung oft zu Abgängen führt. «Das ist mitunter der Grund, warum wir seit Beginn dieses Jahres neu auch die Möglichkeit bieten, als Freelancer für uns zu arbeiten», sagt Swiss-Sprecher Stefan Vasic.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • frese am 13.07.2015 07:00 Report Diesen Beitrag melden

    Zwei Seiten

    Als Passagier nervt mich eine solche Aktion. Andererseits, mit dem nötigen Hintergrundwissen, goutiere ich den Mut dieses Maître de Cabine..

  • Werner am 13.07.2015 06:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verstehe es!

    Bin gegen Trinkgeld, aber das war nicht das Ziel, sondern das Signal ist wichtig!

  • Zoltan am 13.07.2015 06:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gewinnmaximierung ist nicht alles

    Ich glaube ich würde mir nicht diesen Stress im Flugzeug für 3300 Fränkli antun. Es gibt andere Arbeiten für das Geld. Ich würde lieben gern mehr für ein Flugticket bezahlen aber dafür verlange ich mit meinem 1,86cm auch mehr Platz. Die Fluggesellschaften müssen wohl ein bisschen nachdenken.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • bb am 15.07.2015 00:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    jammer

    tauschen mit supermarktangestelter arbeits bgin 5 morgens ohne pause bis 11uhr das einer 50 % angestelter und wärend der ferien zeit noch zuzätzlich der 80% arbeit der in d ferien abwesende arbeits mitsrbeiter wollen sie noch immer jammer?

  • Herr Schweizer am 14.07.2015 23:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht die einzigen!

    Als ETH Architekt verdient man auch nicht viel mehr als 5000.- also nicht jammern! Und verantwortung hat man da deutlich mehr..

  • Lara am 14.07.2015 23:15 Report Diesen Beitrag melden

    Dankeschön

    Trinkgeld finde ich als ehemalige Flugbegleiterin auch nicht ok. Ein Dankeschön würde reichen und enorm motivieren! :) wohlgemerkt, der Lohn ist sehr tief. Schliesslich wird eine abgeschlossene Berufsausbildung und Sprachkenntnisse gefordert. Der Lohn wohlgemerkt nur x12. Einen 13. Gibt es nicht. Die spesen machen den Braten auch nicht feiss, die Verpflegung im Ausland kostet ja auch was. Auch ein freier Tag nach Wunsch ist Fehlanzeige

  • Ehemaliger Swiss MA am 14.07.2015 23:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aussage bez. freelancer stimmt nicht ganz

    Das wegen den freelancern ist ein witz. Man muss mindestens zwei jahre dabei gewesen sein als FA, damit man in den freelancer (einzelne flüge) wechseln kann. Somit fallen hierbei die meisten aus dem raster raus, da diese nicht zwei jahre bleiben um durchbschnitt!!

  • Ex FA am 14.07.2015 23:06 Report Diesen Beitrag melden

    Darum gehts

    Vielen hier scheint die eigentliche Aufgabe von Flugbegleitern nicht klar zu sein. Der Service ist nur ein ganz kleiner Teil. Ein Flugbegleiter ist in erster Linie für die Sicherheit der Passagiere zuständig. Auch nach einem Langstreckenflug, welcher einem nach einem 12 stündigen Reservedienst (mit der Verpflichtung, innert einer Stunde auf dem Flugzeug zu stehen), muss man mental und physisch in der Lage sein, in einer Notsituation richtig zu handeln und falls nötig, das Flugzeug innert kürzester Zeit zu evakuieren. Medizinische Ausbildung, Brandbekämpfung und Sicherheit - darum gehts