Amag-Chef

10. März 2016 09:08; Akt: 10.03.2016 15:01 Print

«Wegen der Abgas-Krise schaffen wir 50 Jobs»

von S. Spaeth - Der Diesel-Skandal hat Morten Hannesbo viel Ärger eingebracht. Der Autoimporteur über die Umrüstungs-Aktion und den Streit mit dem Konsumentenschutz.

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«Es ist ein Paradox: Wegen der Abgas-Krise schaffen wir 50 neue Jobs in den Werkstätten. Wir brauchen vor allem Techniker», sagt Amag-Chef Morten Hannesbo im Interview mit 20 Minuten. Die Abgas-Krise hätte ihn im letzten Herbst völlig unvorbereitet getroffen. Der Dieselskandal beschert Amag enorm viel Arbeit. Bis Ende Jahr will der grösste Schweizer Autoimporteur 175'000 Fahrzeuge umrüsten. Ein Software-Update am sogenannten VW-Schummelmotor EA189 dauert rund 30 Minuten. Mit dem Update erfüllen die Fahrzeuge die erforderlichen Abgaswerte. Amag liegt wegen den Nachbesserungen mit der Stiftung für Konsumentenschutz im Clinch. Sie fordert eine Entschädigung von 1000 Franken pro betroffenen Kunden. Amag-Chef Hannesbo findet das realitätsfremd, da die Kunden keinen finanziellen Schaden hätten. Die Amag-Gruppe erzielte im letzten Jahr einen Umsatz von 4,4 Milliarden Franken. Sie ist die mit Abstand grösste Schweizer Autoimporteurin und verkaufte im letzten Jahr rund 103'000 Fahrzeuge. Die stärkste der Amag-Marken war 2015 mit rund 42'000 in Verkehr gesetzten Fahrzeugen Volkswagen. Zweitstärkste Amag-Marke ist mit rund 22'000 in der Schweiz zugelassenen Neuwagen Audi. Morten Hannesbo zeigt Bundesrätin Doris Leuthard am Auto-Salon 2010 in Genf eines seiner Fahrzeuge. «Es gibt zwei Lager in der Autobranche. Die einen glauben fest ans Roboterauto, die anderen sind eher kritisch. Ich gehöre zur zweiten Gruppe und bin der Meinung, dass vollständig autonome Autos kein Problem lösen», sagt Amag-Chef Hannesbo zu 20 Minuten.

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Herr Hannesbo, 2015 war im Frühjahr geprägt vom Frankenschock, im Herbst vom VW-Dieselgate. War das Ihr schlimmstes Jahr in der Automobilindustrie?
Früher gab es alle sieben Jahre eine Krise. Heute kommen die Schwierigkeiten fast im Stundentakt. Während wir in der Währungsthematik bereits Erfahrung hatten, traf uns die Abgas-Krise völlig unvorbereitet. Die ersten zwei Monate war ich sieben Tage pro Woche mit der Abgas-Thematik beschäftigt. Jetzt sind es noch 10 Prozent meiner Zeit.

Als Sie erstmals von Vorwürfen der US-Behörden an VW hörten, war Ihnen damals bereits klar, welche Dimensionen der Skandal annehmen würde?
Eine Woche vor Bekanntwerden des Themas Mitte September schrieb mir ein Freund aus den USA ‹I think you have a problem›. Ich schrieb zurück, dass ich nichts von dieser Thematik wüsste und die Sache nicht glauben könne.

Derzeit ist Amag mit dem Nachrüsten der Autos beschäftigt. Wie läuft es?
Bis jetzt haben unsere Garagen tausend Fahrzeuge mit einem Software-Update nachgebessert. Es dauert rund 30 Minuten, dann ist das Auto wieder gesetzeskonform. Bald kommen die volumenstarken Fahrzeuge VW-Passat und Golf an die Reihe. Bis Ende Jahr werden wir 175'000 Autos nachgebessert haben.

175'000 Mal eine halbe Stunde ist enorm viel Arbeit. Wer trägt diese Kosten?
Diese trägt die Volkswagen-Gruppe. Die Händler werden für die Nachbesserungsarbeiten pro Fahrzeug entschädigt. Die Ansätze sind je nach Land und Lohnniveau unterschiedlich.

Wird das nun zum Geschäft für Garagen, weil die Werkstätten voll ausgelastet sind?
Es ist kein grosses Geschäft für die Händler. Die Werkstätten sind ja schon ohne die Rückrufarbeiten gut ausgelastet. Aber der Händler kann neue Kunden kennenlernen.

Amag will Kunden nicht entschädigen, die Verhandlungen mit Konsumentenschützern sind gescheitert. Sie stellen sich quer ...
Wir stellen uns nicht quer. Die Forderungen der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) sind nicht gerechtfertigt. Unsere Gesetzgebung lässt eine Nachbesserung zu. Die Fahrzeuge sind danach gesetzeskonform und so gut wie vorher. Die Kunden haben auch keinen finanziellen Schaden. Dennoch fordert die SKS eine Entschädigung von 1000 Franken pro Kunde. Das ist realitätsfremd. Zudem kamen bei Rückrufen anderer Marken, beispielsweise einer Nachbesserung eines Airbags, nie derartige Ansprüche auf.

Wie wird sich der Diesel-Skandal auf die Verkaufszahlen der Dieselautos bei Amag auswirken?
Bisher hatte die Abgas-Krise keine Auswirkung. Wir konnten die Verkaufszahlen in den ersten zwei Monaten halten. Wie im Vorjahr beträgt unser Diesel-Anteil 40 Prozent. Insgesamt rechne ich fürs Gesamtjahr aber mit einem leichten Rückgang des Absatzes. Wir sind stark mit der Problemlösung und dem Wiederaufbau des Vertrauens beschäftigt, der Fokus liegt nicht voll auf den Verkäufen.

Die Amag hat im letzten Jahr wegen der Frankenstärke auf die Sparbremse gedrückt – auch beim Personal. Werden Sie in diesem Jahr erneut Jobs abbauen?
Nein, im Gegenteil. Es ist ein Paradox: Wegen der Abgas-Krise schaffen wir fünfzig neue Jobs in den Werkstätten. Wir brauchen vor allem Techniker. Ende 2016 werden wir voraussichtlich den Personalbestand des Jahres 2014 erreichen. Anders als früher gehen heute aber alle Stellenanträge über meinen Tisch.

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Sie haben die letzten Tage am Auto-Salon in Genf verbracht. Schauen Sie eigentlich, was die Konkurrenz anbietet?
Die ersten zwei Tage habe ich nie Zeit. Am dritten Tag gehe ich aber sehr früh an die Messe und schaue mir die Fahrzeuge der Mitbewerber an. Man sollte nicht nur den eigenen Garten bestaunen. Ich gehe mit dem Amag-Badge auf Konkurrenz-Visite und die Leute erkennen mich, aber das ist kein Problem.

Haben Sie etwas Spektakuläres gesehen?
Gut gefallen hat mir der Alfa Romeo Giulia. Ich bin mir aber nicht sicher, ob die Qualität mit einem Audi mithalten kann. Zudem fasziniert mich der Maserati Levante. Das ist der erste SUV der Sportwagenmarke. Der Versuch ist gelungen.

Die von Ihnen erwähnten Autos sind PS-Monster. Von selbstfahrenden Autos sieht man auf dem Salon fast gar nichts. Was sagt das über die Branche aus?
Es gibt zwei Lager in der Autobranche. Die einen glauben fest ans Roboterauto, die anderen sind eher kritisch. Ich gehöre zur zweiten Gruppe und bin der Meinung, dass vollständig autonome Autos kein Problem lösen. Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch richtig. Für völlig autonomes Fahren müssten wir Europas Städte umbauen – und das ist nicht realistisch.

Ihre Ansicht stimmt nicht mit jener von VW überein. In fünf Jahren sollen VWs ohne Lenkrad und Pedale kommen …
Ich denke nicht, dass ich das vor meiner Pensionierung noch erlebe – und ich habe noch über zehn Jahre im Berufsleben vor mir. Technisch wären völlig autonome Autos schon möglich, das Problem sind die hohen Kosten. Ein solches Fahrzeug kostet im Moment rund eine Million Franken. Relevant werden sie erst, wenn sie viel günstiger sind. Und es gibt noch viele technische und rechtliche Fragen.