Hohe Löhne

05. Juli 2018 19:50; Akt: 05.07.2018 19:50 Print

Italiener kommen für Ferienjobs in die Schweiz

von Raphael Knecht - In den Sommerferien mit einem Job etwas Geld verdienen – das tun viele Studenten. Einige junge Italiener reisen dafür extra in die Schweiz.

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Giulio (r.) und Patrizio machen momentan einen Ferienjob in der Schweiz. Giulio wohnt und studiert in Italien. Momentan arbeitet er in Zürich ... ... als Kellner. Die Schweizer Löhne machen solche Ferienjobs für Ausländer attraktiv, wie der 19-Jährige zu 20 Minuten sagt. Letztes Jahr arbeitete er für rund 1,5 Monate und hatte am Schluss netto knapp 5000 Franken. Giulios Vorteil: Er ist Halbdeutscher und spricht fliessend Deutsch. Wer motiviert sei, habe aber auch sonst Chancen: Ohne Deutschkenntnisse habe einer seiner Kollegen etwa eine Stelle als Tellerwäscher bekommen. Für eine kurzfristige Erwerbstätigkeit von bis zu drei Monaten benötigen EU-Staatsangehörige wie Giulio keine Bewilligung. Der Schweizer Arbeitgeber muss dem Staat allerdings melden, dass er einen Ausländer eingestellt hat. Das Geld spart sich Giulio grösstenteils auf. Er werde demnächst in Berlin studieren gehen – etwas Geld auf der Seite zu haben dürfte von Vorteil sein. Bei Ferienjobs sollte man auf den Lohn achten: «Wir bieten einen Stundenlohn von 10 Franken»: Ausschreibungen mit solchen Löhnen sind bei Ferienjobs keine Seltenheit, wie ein Blick auf die Stellenportale zeigt. (Bild: Screenshot einer Stellenausschreibung für den Sommer 2017) So zahlt auch eine Gartenbaufirma einem 14-jährigen Schüler 9 Franken pro Stunde. Für Thomas Zimmermann, Sprecher des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), sind solche Stundenlöhne für einen Ferienjob «ein Skandal». «Die Schüler werden durch Dumping-Löhne ausgebeutet, und die Firma maximiert auf Kosten der Jugendlichen ihren Profit.» Laut Empfehlungen des SGB sollten Firmen, die Ferienjobs anbieten, für Schüler bis 16 Jahre einen Mindestlohn von 15 Franken pro Stunde bezahlen. «Auch Schüler haben Anspruch auf einen fairen Lohn», sagt Zimmermann. Den Vorwurf, das Gewerbe beute jugendliche Ferienjobber aus, weist Werner Scherrer, Präsident des Zürcher Gewerbeverbandes, zurück: «Ferienjobs dienen dazu, erste Arbeitserfahrungen zu sammeln und etwas Sackgeld dazuzuverdienen.» Da die Schüler oft keine Arbeitserfahrung mitbrächten und bei den Firmen Betreuungsaufwand entstehe, seien 10 Franken pro Stunde durchaus angemessen. «Und für einen Schüler können ein paar hundert Franken, die er so während den Ferien verdienen kann, viel Geld sein», betont Scherrer. Er sei froh, dass es überhaupt noch Betriebe gebe, die den Aufwand für Schüler-Jobs auf sich nähmen. (Symbolbild)

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Der in Italien lebende Student Giulio Wilhelm ist diesen Sommer in die Schweiz gereist, um hier einen Sommerjob auszuüben. Momentan arbeitet er in einem Zürcher Restaurant als Kellner.

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Die Schweizer Löhne machen solche Ferienjobs für Ausländer attraktiv, wie der 19-Jährige zu 20 Minuten sagt. Da aber auch das Leben in der Schweiz teurer sei als in Italien, müsse Giulio darauf achten, während der Zeit hier möglichst spartanisch zu leben. Momentan übernachtet er in einem WG-Zimmer, zuvor war es eine Jugendherberge. «Wenn man die paar Wochen einige Abstriche macht und auf den Ausgang verzichtet, dann lohnt sich das auf jeden Fall», so der Student.

Letztes Jahr arbeitete er für rund 1,5 Monate und hatte am Schluss netto knapp 5000 Franken. Das sind rund 3300 Franken im Monat.

Ganze Gruppe von Ferienjobbern

In Giulios Freundeskreis gibt es gleich mehrere, die für Ferienjobs gemeinsam in die Schweiz reisen. «Letztes Jahr waren wir zu dritt, dieses Jahr sind noch einmal zwei dazugekommen», sagt er. Ob viele andere italienische Studenten das Gleiche tun, weiss Giulio aber nicht. Die Sprachbarriere könnte ein Hindernis sein.

Giulios Vorteil: Er ist Halbdeutscher und spricht fliessend Deutsch. «Für jemanden, der kein Deutsch oder Englisch kann, ist es schwieriger, einen Job zu finden», weiss der Student, denn ein Kollege habe das letztes Jahr versucht. Wer motiviert sei, habe aber schon Chancen: Auch ohne Deutschkenntnisse habe einer seiner Kollegen etwa eine Stelle als Tellerwäscher bekommen.

Keine Bewilligung nötig

Für eine kurzfristige Erwerbstätigkeit von bis zu drei Monaten benötigen EU-Staatsangehörige wie Giulio keine Bewilligung. Der Schweizer Arbeitgeber muss dem Staat allerdings melden, dass er einen Ausländer eingestellt hat.

Ab mehr als 3 Monaten bräuchte es dann eine Aufenthaltsbewilligung. Für Giulio ist das aber kein Thema: «Die Idee ist ja, nur ein bis zwei Monate im Sommer hier zu arbeiten.»

Nur Fachkräfte erhalten Bewilligungen

Für jemanden, der nicht aus der EU kommt, sind die Regeln strenger: Solche Arbeiter brauchen in jedem Fall eine Arbeitsbewilligung. Diese seien kontingentiert und würden darum nur an Fachkräfte vergeben, sagt eine Sprecherin des Zürcher Amts für Wirtschaft und Arbeit zu 20 Minuten.

Steuern werden Giulio bereits vom Lohn abgezogen. Das nennt man Quellensteuer – sie gilt für die Einkünfte ausländischer Arbeitnehmer, die weder einen Wohnsitz noch eine Niederlassungsbewilligung für die Schweiz haben.

«Einfach rumlaufen und fragen»

So kommt Giulio an die Jobs: «Ich bin vor einem Jahr einfach rumgelaufen und hab in Restaurants gefragt, ob sie jemanden suchen», sagt der Student. Nach einer Weile komme er so relativ einfach an einen Job. Auch Online-Ausschreibungen würden die Suche erleichtern.

Schnappen die ausländischen Studenten Schweizern die Ferienjobs weg? Die wenigen Ausländer, die die Sprache können, hätten zwar gute Chancen auf einen Job, so Giulio. «Es gibt aber genügend offene Stellen, als dass es für die Schweizer Studenten knapp werden würde», findet der 19-Jährige.

Inländervorrang bei Küchenpersonal

Bei Jobs, deren durchschnittliche, schweizweite Arbeitslosigkeit mindestens 8 Prozent beträgt, gilt zudem der Inländervorrang. Das bedeutet, dass Arbeitgeber die Stellen als Erstes fünf Arbeitstage lang exklusiv dem RAV melden müssen. Sollte ein Ausländer während dieser Frist anfragen, ob eine Stelle offen ist, dürfte der Arbeitgeber nicht über die vom Inländervorrang betroffenen Jobs, etwa für Küchenpersonal, informieren.

Giulio kann wegen des Inländervorrangs aber nicht belangt werden, da der Arbeitgeber allein dafür verantwortlich ist, dass die Regeln eingehalten werden. Es könnte also höchstens sein, dass der Student deswegen eine Stelle nicht angeboten bekommt.

Das Geld spart sich Giulio grösstenteils auf. Er werde demnächst in Berlin studieren gehen – etwas Geld auf der Seite zu haben dürfte von Vorteil sein.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Stefan am 05.07.2018 20:07 Report Diesen Beitrag melden

    Würde ich auch machen

    Ein anderes Land sehen und dabei viel Geld verdienen. Wer kann ihnen Vorwürfe machen?

  • Daensono am 05.07.2018 19:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und.......

    Nicht nur Italiener..

    einklappen einklappen
  • Ferdi am 05.07.2018 20:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arbeitgebervertreters Wahrheit

    Dasselbe ch nicht lache, Aufwand für die Einweisung? Ich wurde drei Minuten eingeführt und dann kam jeden Tag noch einer kurz vorbei, um mitzuteilen, wir sollten noch einen Zahn zulegen. Und das für CHF 7. für reine Fliessbandarbeit!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Leo65 am 06.07.2018 20:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nicht immer USA verurteilen

    Warum Trump? Wenn die gewissen Staaten den USA entgegengekommen wären wäre es nie soweit gekommen! Ich meine die Schuldigen sind China EU Kanada und andere.

  • Ramos am 05.07.2018 21:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es sind nicht die Italiener...

    Es sind nicht die Italiener die den Schweizern die Stellen wegnehmen sondern die Deutschen insbesondere bei Banken und Versicherungen. Arbeiten für weniger Geld und pflegen kein Soziales Umfeld!

  • Elizabeth am 05.07.2018 20:59 Report Diesen Beitrag melden

    Arbeitsbewilligung

    Wieso brauchen EU Bürger nach 3 Monaten eine Arbeitsbewilligung ? Macht doch keinen Sin. Wir Schweizer Staatsbürger brauchen ja im EU Ausland auch keine Arbeitsbewilligungen und wird dürfen solange dort bleiben wie man will und arbeiten und dies ohne Bürokratie. War 1 Jahr in Österreich.

  • Paolo Francesca am 05.07.2018 20:59 Report Diesen Beitrag melden

    Optische Aufwertung

    Solche feschen Jungs dürfen gerne hier arbeiten kommen für den Sommer... dann merken die Schweizer Männer vielleicht auch wieder mal, dass es noch was anderes als den Bürstenschnitt und das hellblaue Hemd gibt... Aber wahrscheinlich überwiegt am Schluss dann wieder der Neid...

  • Simi am 05.07.2018 20:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gute Sache

    Ich finde das toll. Ein anderer Ort, andere Sprache und bisschen Geld verdienen.