Video-Interview

04. Dezember 2017 19:27; Akt: 04.12.2017 19:27 Print

Bewerber müssen jetzt dem Roboter antworten

von R. Knecht - Vorstellungsgespräche bei Schweizer Firmen werden teilweise per Maschine durchgeführt. Peinlich und unangenehm, finden Betroffene.

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Viele Bewerber müssen vor einem Gespräch erst mal ein Video von sich selbst aufnehmen. Bei der UBS werden hauptsächlich zur Rekrutierung von Praktikanten und Auszubildenden zuerst Videos gemacht. Dabei wird den Bewerbern auf dem Bildschirm eine Frage gestellt, auf die sie dann in einem Video antworten sollen. Die irische Firma Sonru bietet den Videoservice. Bei Salt kommt das System von Sonru vor allem bei Bewerbungen für Stellen in Salt Stores und Call Centers zum Einsatz, wie ein Sprecher des Unternehmens sagt. Man wolle gerade von diesen Kandidaten sehen, wie sie sich in ungewohnten Gesprächssituationen wie dieser verhalten. «Der Mensch als Recruiter ist im Bewerbungsprozess ein limitierender Faktor», so Matthias Mölleney, Leiter Center für Personalmanagement an der HWZ. Mit einem automatisierten System in der ersten Vorauswahl sei es möglich, wesentlich mehr Kandidaten die Chance zu geben, sich persönlich zu präsentieren, als wenn nur Recruiter einzelne Gespräche führen würden. Laut einem UBS-Mitarbeiter fühlten sich die Kandidaten nicht wohl in diesem Prozess. Während die Digitalisierung im Bewerbungsprozess eine immer grössere Rolle spielt, verschicken viele Schüler ihre Lehrstellen-Bewerbung weiterhin per Post ab. Laut einer Umfrage der Plattform Yousty wählen 39 Prozent diesen Weg. «In der heutigen digitalen Welt ist das wenig nachvollziehbar», stellen die Experten von Yousty fest. Als Gründe für den Postweg nennen 19,9 Prozent der Schüler, dass ihnen die Eltern empfohlen hätten, ihr Schreiben auf die Post zu bringen, 17,2 Prozent erhielten vom Lehrer diesen Rat. Der am dritthäufigsten genannte Grund ist mit 13,9 Prozent, dass «ich nicht alle Dokumente auf dem Computer habe». 11,2 Prozent finden, die Online-Bewerbung sei zu kompliziert, und 6,8 Prozent wussten nicht, dass Online-Bewerbungen überhaupt möglich sind. Laut Experten hat das Festhalten am Postweg Folgen für die Job-Chancen der Schüler: Wer sich beispielsweise für eine Lehrstelle bei der Telecom-Firma Sunrise bewirbt, wird direkt auf ein Online-Formular weitergeleitet. Von einer Bewerbung per Post ist nicht die Rede. Rebecca Greter, Co-Geschäftsführerin der Coaching-Plattform Ciivii, rät darum den Schülern, sich in solchen Fällen nur online zu bewerben: «Wenn explizit Online-Bewerbungen gewünscht werden, findet das per Post eingereichte Schreiben wohl kaum Beachtung.» Weiter Tipps haben wir auf den folgenden Bildern zusammengestellt. Bei Problemen mit der Online-Bewerbung erkundigt man sich am besten bei Bekannten im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Denn viele Eltern haben sich selbst schon lange nicht mehr selber beworben und wissen daher oft nicht besser Bescheid. Akzeptiert das Online-Formular zum Beispiel die hochgeladenen Dateiformate partout nicht, kannst du die Firma ohne schlechtes Gewissen anrufen und um Hilfe bitten. Das zeigt, dass du dich um die Stelle bemühst. Ein vollständiges Dossier ist auch bei der Online-Bewerbung zwingend. Der erste Eindruck zählt. Motivationsschreiben, Zeugnisse und Lebenslauf sollten in separaten Dateien hochgeladen werden. Wer das berücksichtigt, hinterlässt bei den Personalverantwortlichen einen gewissenhaften und strukturierten Eindruck. Einfache Tricks zum Formatieren von PDFs oder Verkleinern von E-Mail-Anhängen liefert oft eine kurze Google-Suche.

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Wer bestimmte Jobs bei Firmen wie UBS oder Salt will, muss sich erst einmal bei einer Maschine bewerben. Nachdem ein Kandidat bei der Schweizer Bank etwa die nötigen Informationen und Daten versandt und verschiedene Tests bestanden hat, wird er per Link zu einem Videointerview eingeladen. Der Clou: Das Gespräch findet nicht zwischen zwei Menschen statt. Der Kandidat antwortet auf Fragen, die auf dem Bildschirm als Text erscheinen – das System erstellt Videos der Antworten.

Die irische Firma Sonru bietet den Videoservice, der bei der UBS hauptsächlich zur Rekrutierung von Praktikanten und Auszubildenden eingesetzt wird, wie eine Sprecherin der Bank mitteilt. Ein Mitarbeiter bei der Bank, der anonym bleiben möchte, schildert seine Erfahrung mit dem System. Bewerber seien oft unsicher oder nervös: «Das ist peinlich für die Kandidaten, aber auch für diejenigen, die sich diese Videos ansehen müssen», so der Mitarbeiter.

«Den meisten war es sehr unangenehm»

Von Unternehmensseite habe man dem Mitarbeiter erklärt, dass sich viele jüngere Bewerber wegen ihres Kontakts mit Online-Plattformen gewohnt seien, vor der Kamera zu stehen. Davon merkte er jedoch nicht viel: Er habe ausgewählte Kandidaten gefragt, wie sie den Prozess empfunden hätten. Die einseitigen Videointerviews seien den meisten sehr unangenehm gewesen.

Dass Gespräche mit der Maschine als unangenehm empfunden werden, könnte im Rekrutierungsprozess für die Arbeitgeber aber auch von Vorteil sein: Bei Salt kommt das System von Sonru vor allem bei Bewerbungen für Stellen in Salt-Filialen und Call Centern zum Einsatz, wie ein Sprecher des Unternehmens sagt. Man wolle gerade von diesen Kandidaten sehen, wie sie sich in ungewohnten Gesprächssituationen wie dieser verhalten.

Die Videos sind kein Ersatz für das Vorstellungsgespräch

Die Videointerviews sind allerdings Bestandteil des Auswahlprozesses und ersetzen nicht das klassische Vorstellungsgespräch. Bei der UBS etwa werden die Videos in der Personalabteilung gesichtet, und die Personaler senden daraufhin eine Auswahl an Videos und Unterlagen zum zuständigen Mitarbeiter. Dieser entscheidet dann, welche Kandidaten zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch eingeladen werden.

Diese Art von Bewerbungsvideo soll mehr Menschen die Möglichkeit geben, einen persönlichen Eindruck zu hinterlassen, erkärt Matthias Mölleney, Leiter Center für Personalmanagement an der Hochschule für Wirtschaft Zürich. «Der Mensch als Recruiter ist im Bewerbungsprozess ein limitierender Faktor», so Mölleney. Mit einem automatisierten System in der ersten Vorauswahl sei es möglich, wesentlich mehr Kandidaten die Chance zu geben, sich persönlich zu präsentieren, als wenn nur Personaler einzelne Gespräche führen würden.

Das System biete auch Vorteile für die Kandidaten, wie eine Sprecherin der UBS sagt. Die Interviews könnten zeit- und ortsunabhängig erfolgen, was gerade bei jungen Kandidaten ein Bedürfnis sei.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Df. am 04.12.2017 19:45 Report Diesen Beitrag melden

    Consultant

    Jenseits von gut und böse ! Wie weit sind wir gekommen, dass Menschen, was Bewerber übrigens sind, Rede und Antwort vor einem Roboter stehen zu müssen. Nein Danke, bitte solche Firmen boikotieren, sie sollen sich Ihre Mitarbeiter unter den Robotern suchen !

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  • realist am 04.12.2017 19:42 Report Diesen Beitrag melden

    rhetorikgenie

    ...zum glück muss sich hr. schneider-ammann nicht mehr bewerben... per video ;-)

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  • Susi Sorglos am 04.12.2017 19:40 Report Diesen Beitrag melden

    Toll!!!

    Ja, also...ääähm....Dass die so genannten "Chefs" immer schlechter werden, wissen wir schon (natürlich nicht alle, aber die muss man immer mehr suchen, finde ich). Wenn man es so macht, kann man dan dem Roboter die Schuld geben, wenn was schief läuft. Achja, und wer kauft am Schluss die Ware, wenn niemand mehr was verdienen kann wegen den Robots? Grundloses Einkommen darf es auch nicht geben...wer Studiert, findet die Antwort :D

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Personalfachfrau am 05.12.2017 23:39 Report Diesen Beitrag melden

    wo sind meine BerufskollegInnen?

    Masse statt Klasse?? Ich bin entsetzt.Eine redegewandte Person auf einem Video zeigt doch nicht, ob der Bewerber ins Team passt, ob er die Interessen des Arbeitgebers teilt etc.? Liebe Bewerbende, wendet Euch an Arbeitgeber mit Personalabteilungen, die ihr Handwerk noch verstehen. Unsere Berufung als Personaler ist es, den Menschen mit Respekt, Wertschätzung und Empathie zu begegnen! Sie sind doch keine Nummer, und wollen auch während Ihrer Anstellung nicht so behandelt werden? Liebe Firmen, bitte beruft Euch auf Eure Grundsätze, auf Eure Aussenwirkung, auf Eure Qualität. Danke

  • M.G. am 05.12.2017 22:15 Report Diesen Beitrag melden

    Genau das stand am Anfang

    der Informatik als es noch gar keinen Computer gab. Alan Turning, der die theoretischen Grundlagen schuf beschrieb auch gleich noch einen Test für künstliche Intelligenz. Die ist dann vorhanden wenn ein Mensch via Tastatur und Bldschirm mit einem Gerät frei nach Schnauze kommuniziert und dabei nicht mehr erkennen kann ob ihm ein Mensch oder ein Computer antwortet.

  • Lukas W. am 05.12.2017 17:11 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Lust

    Ganz ehrlich, bei so einer Firma will ich gar nicht arbeiten.

  • Bewerber xy am 05.12.2017 15:49 Report Diesen Beitrag melden

    Persönlicher eindruck

    Ich dachte immer bei einem Bewerbungsgespräch geht es hauptsächlich um den persönlichen eindruck. wenn es rein der informationsgewinnung dient, kann das ja auch schriftlich gemacht werden. dann bräuchte man in zukunft einfach noch ein file welches man ins internet hochlädt und die roboter der firmen grasen dann das web nach passenden files (bewerber) ab. wäre einfach und effizient. momentan stecken wir aber noch so in einer zwischenlösung fest, so wie damals die tasten handys mit internetbrowser

  • Marie am 05.12.2017 14:21 Report Diesen Beitrag melden

    Zu grosser Aufwand?

    Was, jetzt soll eine UBS-Bewerbung noch länger dauern?!! Für einen Schulabgänger ist das ja gut und recht aber für diejenige mit viel Erfahrung ist es bereits jetzt eine Zumutung. Ich finde Bewerber sollen sich durchaus ins Zeug legen aber ab mehreren Stunden ausfüllen muss man sich schon überlegen ob es wert ist.