Fitte Arbeitnehmer

23. Februar 2016 14:41; Akt: 23.02.2016 14:41 Print

Chefs überwachen mit App Gesundheit der Mitarbeiter

von K. Wolfensberger - Wer gesund ist, leistet mehr. Firmen möchten daher Mitarbeiter mit Gesundheits-Apps zu mehr Sport antreiben. Doch das birgt Probleme mit dem Datenschutz.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Ob Joggen mit Runtastic oder Kalorien zählen mit EBalance: Viele Schweizer setzen auf Sport- und Abnehm-Apps, um fitter zu werden. Nicht nur die Hersteller von Fitness-Anwendungen oder Gadget-Produzeten à la Fitbit hoffen durch das steigende Gesundheitsinteresse der Bevölkerung auf ein gutes Geschäft. Firmen jeder Art möchten die neuen Tools verwenden, um ihre Mitarbeiter zu mehr Bewegung zu motivieren. Die Überlegung: Wer mehr Sport macht, wird seltener krank und leistet dadurch mehr.

Umfrage
Nutzen Sie Diät- oder Fitnessapps?
33 %
33 %
34 %
Insgesamt 756 Teilnehmer

In den USA gehen Unternehmen dabei besonders weit. So sammelt der Detailhändler Wal-Mart mit Hilfe einer IT-Plattform der Firma Castlight Healthcare Daten über seine Mitarbeiter. Die Plattform, auf der die Angestellten Informationen zu ihrer körperlichen Verfassung preisgeben, soll ihnen helfen, ihren Gesundheitszustand zu optimieren. Neigt eine Person zu Übergewicht, erhält sie Tipps, wie sie ihr Gewicht reduzieren kann.

Dank Healthscore zu mehr Gesundheit

So weit wie in Amerika gehen Firmen in der Schweiz noch nicht. Doch den Trend zu mehr Gesundheitsapps gibt es auch hierzulande. Ein wichtiger Anbieter auf diesem Feld ist die Firma Dacadoo mit Sitz in Zürich. Ihr Hauptprodukt: Ein Fitness-Portal inklusive Mobiltelefon-Anwendung, auf dem die Nutzer ihre Angaben zu Geschlecht, Alter, Grösse und Gewicht eingeben. Aus diesen Daten berechnet Dacadoo einen «Healthscore», der den Gesundheitszustand des Nutzers in einem Wert zwischen 1 und 100 ausdrückt. Treibt ein Nutzer viel Sport und isst er gesund, kann er den Score verbessern. Es gilt: je höher, desto besser.

Besonders im Visier hat das 2010 gegründete Unternehmen Dacadoo das Firmengeschäft. Ein Kunde ist zum Beispiel die Recura-Kliniken-Gruppe, die in Ostdeutschland verschiedene Kliniken und Einrichtungen im Gesundheits- und Sozialbereich betreibt. Mediensprecherin Mandy Mehlitz sagt zu 20 Minuten, ihr Betrieb erhoffe sich durch den Einsatz der App mehr Aktivität der Mitarbeiter sowohl während der Arbeit als auch in der Freizeit. Dabei ermögliche Dacadoo den Mitarbeitern, sich gegenseitig zu vergleichen, was zu Höchstleistungen ansporne. Wer die App nicht nutzen möchte, sei dazu allerdings nicht verpflichtet, der Einsatz sei freiwillig.

Problem Datenschutz

Doch dürfte es vielen Verweigerern nicht nur um mangelnde Lust an der Bewegung, sondern auch um Bedenken bezüglich des Datenschutzes gehen. Der Fall Wal-Mart zeigt: Je umfangreicher die über einen Mitarbeiter gesammelten Daten, desto genauer lässt sich bestimmen, welche Erkrankungen er in Zukunft haben könnte. Nicht jeder möchte diese Informationen mit seinem Arbeitgeber teilen. Doch Mehlitz beruhigt: «Auf Dacadoo-Nutzerdaten haben wir keinen Zugriff.» Name und dazu passende Daten seien bei Dacadoo ausserdem so gespeichert, dass sie sich nicht zuordnen liessen. Die Anonymität sei somit gewahrt, es gehe einzig darum, die Angestellten mehr für Sport zu begeistern.

Manuel Heuer von Dacadoo bestätigt: «Partnerfirmen haben keinen Zugang und erhalten die persönlichen Mitarbeiterdaten nicht.» Wer die App nutzt, erteilt Dacadoo allerdings die Erlaubnis, die eigenen Daten weiterzugeben und zu verwenden. Das dürfte vor allem Pharmafirmen oder Krankenkassen interessieren. Die Daten der Nutzer eignen sich für die Erstellung von Prognosen über den Gesundheitszustand grösserer Gruppen. App-Betreiber wie Dacadoo können die Daten daher Konzernen für die Marktforschung verkaufen.

Silvia Böhlen, Mitarbeiterin des Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten, rät Konsumenten und Angestellten vor dem Verwenden von Gesundheitsapps dazu, sich genau zu informieren, wer Zugriff auf die Daten erhält. Von Firmen wiederum fordert sie, diese Information transparent zu kommunizieren.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rapinsel am 23.02.2016 14:50 Report Diesen Beitrag melden

    Geht's noch?!

    Sicher nicht! Wie weit wird das gehen? Soll sogar noch mein Privatleben von der Firma überwacht werde?! In Zukunft kann dann ein Kündigungsgrund in etwa so lauten; da Herr X,Y zuwenig Liegestützen gemacht hat, müssen wir ihm leider kündigen..

  • Arbeiter am 23.02.2016 14:50 Report Diesen Beitrag melden

    Jaja und die Cheffen bleiben fett

    Naa solange ich während der Arbeitszeit trainieren kann, ist das doch kein Problem ;-D

    einklappen einklappen
  • Kranker am 23.02.2016 14:59 Report Diesen Beitrag melden

    Totale Überwachung

    Und wenn die Symptome bei einer Person plötzlich auf eine ernsthafte Krankheit hinweisen, dann fliegt sie. Tolle Arbeitgeber!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Rolf am 24.02.2016 12:23 Report Diesen Beitrag melden

    Alle Jahre wieder gleicher Medien-Käse

    aus der Schublade heraus ziehen.

  • Beat am 24.02.2016 08:50 Report Diesen Beitrag melden

    Ja was jetzt?

    Dann sollten die konservativen Arbeitszeitmodelle erstmal hinterfragt werden. Pendler-Mainstream und Sport unter der Woche passen da nicht zusammen. Daumenschrauben oder Turnschuhe?

  • Jerry am 24.02.2016 07:56 Report Diesen Beitrag melden

    Brechreiz

    Der Mensch ist kein Mensch mehr, sondern nur noch Humankapital.

  • Rainer Zufall am 24.02.2016 06:49 Report Diesen Beitrag melden

    Ich hätte nichts gegen

    diese Datensammelwut, wenn das Ergebnis halbwegs sinnvoll genutzt würde. Bis jetzt dienen solche Daten leider vor allem zur Vereinheitlichung von ungleichen Menschen und zu eindimensionalen Beurteilungen, die kein Statistiker ernst nehmen kann. Auf Erkenntnisse, die über das hinausgehen, was auch jeder Spiegel verrät, warte ich hingegen noch. Wozu sollen Leute nach Kriterien beurteilt werden, die für den Job gar nicht relevant sind? Sind Professoren die Fittesten, oder beruht beruflicher Erfolg im Gegenteil darauf, sich auf seine Stärken zu konzentrieren?

  • Bonifatz am 24.02.2016 00:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Insomnia

    Sorry das geht zu weit. Wo bleibt einem Mensch noch eine Sekunde ohne irgendwelchen digitalen Kram und 24/7 Überwachung? Menschen sind Geschöpfe die auch mal Ruhe brauchen und nicht dafür da sind unter Zwang ständig immer mehr Produktivität zu erzielen.Alles hat Grenzen, und wir sollten uns Gedanken machen ob die stark zunehmenden psychischen Erkrankungen und IV Fälle nicht auch mit dem Leistungsdruck der schlaflosen Gesellschaft zusammenhängen könnten..Wir arbeiten zuviel, leben zu wenig und schlafen nicht..das muss sich ändern..

    • Zeigefinger am 24.02.2016 06:57 Report Diesen Beitrag melden

      Dann ändern Sie selbst etwas

      denn Sie sind der Einzige, der dazu berechtigt ist! Wenn Sie wirklich überarbeitet sind (und dies keine Ausrede für private Probleme ist), reduzieren Sie ihr Pensum und ihren Lohn auf 80%. Suchen Sie sich einen einfacheren, wahrscheinlich aber auch schlechter bezahlten Job. Tun Sie, was nötig ist, und tragen Sie die Konsequenzen.

    einklappen einklappen