Teure Krankenkassen

29. September 2017 07:59; Akt: 29.09.2017 08:46 Print

Das sind die vier grössten Prämien-Treiber

Die Gesundheitskosten steigen und steigen. Besonders teuer sind ambulante Behandlungen im Spital und Spezialärzte.

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Zu den grössten vier Kostentreibern bei den Krankenkassen-Prämien gehören die ambulanten Behandlungen im Spital. Zwischen 2006 und 2016 stiegen die Ausgaben von 2,65 Milliarden auf 5,5 Milliarden Franken. Der Anstieg macht ein Viertel des gesamten Kostenwachstums in der Grundversicherung aus. Auf Rang zwei sind die Behandlungen in der Arztpraxis mit einem Anteil von 24,3 Prozent am Kostenschub. Die Krankenkassen zahlten 2016 7,3 Milliarden Franken aus. Zehn Jahre vorher waren es noch 4,7 Milliarden Franken. Für stationäre Aufenthalte kassierten die Spitäler im letzten Jahr 6,8 Milliarden Franken. Das sind knapp zwei Milliarden Franken mehr als 2006. Der Anstieg macht 17,7 Prozent aus. Immer teurere Medikamente sind für 12,5 Prozent des gesamten Anstiegs seit 2006 verantwortlich. 2006 verkauften Ärzte und Apotheken Pillen oder Salben für 1,3 Milliarden Franken. 2016 waren es bereits 5,6 Milliarden Franken. Auch 2018 steigen die Prämien: Besonders hart trifft es die Prämienzahler in der Romandie. Die Westschweizer Kantone Waadt (6,4), Wallis (5,9), Neuenburg (5,4) und Genf (5,4) sind Spitzenreiter, was die Erhöhung der Krankenkassenprämien betrifft. Am stärksten ist der Anstieg bei den Prämien von Kindern und jungen Erwachsenen. Ein Überblick über die Prämienentwicklung der vergangenen Jahre. «Wir haben die Krankenkassen angewiesen, dem in den Prämien für 2018 Rechnung zu tragen»: Bundesrat Alain Berset spricht vor den Medien in Bern. (28. September 2017) Die Prämien seien in den letzten Jahren ausserdem weniger stark gestiegen als die Kosten – das müsse nun ausgeglichen werden: BAG-Direktor Pascal Strupler erklärt den Prämienanstieg. Berset und Strupler bei der Medienkonferenz in Bern.

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Auch im nächsten Jahr steigen die Prämien, genau gesagt um vier Prozent im Schnitt. Ein Ende der Kostenexplosion ist nicht in Sicht. Allein in den letzten zehn Jahren sind die Kosten für die Krankenkasse um rund 900 Franken pro Person in die Höhe geschossen. Das schreibt das Konsumentenmagazin «Saldo» in seiner neusten Ausgabe.

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Insgesamt sind vier grosse Prämientreiber auszumachen. Sie sind für rund 80 Prozent des Wachstums in den letzten zehn Jahren verantwortlich:

Ambulante Behandlungen im Spital
Zwischen 2006 und 2016 haben sich die Spital-Kosten mehr als verdoppelt. Sie stiegen von 2,65 Milliarden auf 5,5 Milliarden Franken. Dieser Anstieg macht damit ein Viertel des gesamten Kostenschubs in der Grundversicherung aus. Das kommt nicht von ungefähr: In Kantonen wie Luzern oder Zürich boomen ambulante Behandlungen. Sie sind als Ersatz für die teuren stationären Spitalaufenthalte gedacht. So haben die Spitäler in den letzten Jahren zwar immer mehr Patienten ambulant behandelt, doch die Zahl der stationären Behandlungen hätten sie entsprechend nicht reduziert, schreibt «Saldo». Die Spitäler würden damit die Sparbemühungen unterlaufen.

Behandlungen in der Arztpraxis
Zweitgrösster Kostentreiber sind Ärzte mit eigener Praxis. Sie sind für 24,3 Prozent des Kostenanstiegs verantwortlich. Zahlten die Kassen 2006 noch 4,7 Milliarden Franken, waren es 2016 bereits 7,3 Milliarden Franken. Besonders teuer sind Spezialärzte. Sie stellen teilweise bis zu doppelt so hohe Rechnungen aus wie Hausärzte. Möglich ist das vor allem dank lukrativen Untersuchungen wie etwa mit Magnetresonanz- (MRI), Computertomograf- (CT), Ultraschall- oder Röntgengeräten.

Spitalaufenthalte
Für stationäre Aufenthalte kassierten die Spitäler im letzten Jahr 6,8 Milliarden Franken gegenüber rund 4,8 Milliarden Franken vor zehn Jahren. Die Zunahme macht 17,7 Prozent des gesamten Kostenanstiegs aus. Um den Preiswucher einzudämmen, führte der Bundesrat 2012 eine Fallpauschale für stationäre Leistungen ein. Für bestimmte Behandlungen wie etwa eine Blinddarm-Operation erhielten die Krankenhäuser einen Fixbetrag von 6000 Franken. Doch die Spitäler wussten sich zu helfen: Um die Beschränkungen zu umgehen, wiesen sie einfach mehr Patienten für eine stationäre Behandlung ein. Ein Viertel davon waren im Jahr 2015 Behandlungen am Knie oder an der Hüfte. Solche Eingriffe seien für Spitäler finanziell besonders attraktiv, schreibt Saldo.

Medikamente
Pillen oder Salben sind der viertgrösste Treiber des Kostenwachstums der vergangenen zehn Jahre. Sie machen 12,5 Prozent aus. Oft ersetzt die Pharmaindustrie alte durch sehr teure neue Medikamente. Der Zusatznutzen ist allerdings umstritten. Das Resultat: 2015 verkauften Apotheken und Ärzte Medikamente für 5,6 Milliarden Franken. Das sind 1,3 Milliarden mehr als 2016.

Für Matthias Maurer vom Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie ist der Fall klar. «Das Hauptproblem ist die steigende Zahl an Untersuchungen und Behandlungen», sagte er zu 20 Minuten. Er fragt sich, ob all diese zusätzlichen Behandlungen gerechtfertigt sind.

Maurer sieht in der Verkleinerung des Leistungskatalogs in der Grundversicherung eine Lösung, um die Kosten einzudämmen. Ebenso müssten die Patienten mehr in die Pflicht genommen werden: Sie sollten weniger schnell zum Arzt gehen und für Behandlungen stärker zur Kasse gebeten werden.

(dob)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Büezer am 29.09.2017 08:53 Report Diesen Beitrag melden

    CH-Arbeitsmarkt

    Ich muss meinem Arbeitsgeber ab dem 2. Tag Krankheit ein Arztzeugnis vorweisen. Vielleicht sollte die Politik da mal ansetzen. Wenn ich meinen Job nicht verlieren will, bin ich ja gezwungen zum Arzt zu gehen!

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  • Sergio am 29.09.2017 08:50 Report Diesen Beitrag melden

    Der grösste fehlt

    Der grösste Prämientreiber fehlt hier aber. Das sind die Boni der Versicherungsbosse und den Einkommen der dortigen Angestellten sowie die Einkommen der Ärzte und deren Vergünstigungen die sie von den Krankenkassen bekommen wie Reisen, Autos, etc.. Das ist der grösste Prämientreiber. Gehalt eines Arztes auf 175'000.- pro Jahr beschränken bei einem Chefarzt und das Einkommen des teuersten Versicherungsbosses ebenfalls auf 175'000.- beschränken pro Jahr und die Gesundheitskosten sind plötzlich nur noch 40% so hoch.

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  • Eulea am 29.09.2017 08:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    aus alt mach teuer neu?

    und es stört niemanden, dass sich unsere heimischen Pharmakonzerne auf Kosten der Prämienzahler und Krankenkassen noch mehr bereichern???

Die neusten Leser-Kommentare

  • Chiquita Wurst am 30.09.2017 16:05 Report Diesen Beitrag melden

    Bünzlisalat statt Wurstsalat

    Bitte einen Teil der Krankenkassenkosten Europaweit in die ungesunden Lebenmittel auf den Preis aufschlagen. Die Triglyceridewerte und die Krankenkassenkosten werden sofort runtergehen wenn die Leute keinen Chabis mehr Essen.

  • sina am 30.09.2017 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    alles zusammen

    ich möchte mal ein Beispiel aufzeigen, ich bin seit langer zeit auf ein Medikament angewiesen. zuerst musste ich für eine 100 Packung,(hält 3 Wochen) 267 Fr.- bezahlen. nun sind ist die 10 Jahresfrist um und das Medikament kostet nun mehr 127Fr.-, was mehr als die hälfte weniger ist. klar bin ich dankbar das dieses Medikament erfunden wurde, aber die Pharmaindustrie verdient auch jetzt noch an diesem Medikament und das für die nächsten x Jahren. dazu kommt noch das nun nach Ablauf der Frist man plötzlich auch 200 Packungen erhält die nochmals etwas billiger zu stehen kommen.was soll das ganze?

  • KingKevin am 30.09.2017 13:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bevölkerung

    2006 7,4 mio Menschen in der Schweiz 2016 8,4 mio Menschen in der Schweiz Natürlich steigen die Gesundheitskosten. Dann noch die Einführung der DRGs wo nachher die Ambulanten Stationen wie Pilze aus dem Boden geschossen sind.

  • KingKevin am 30.09.2017 13:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wachstum

    2006 7.4 mio Menschen in der Schweiz 2016 8.4 mio Menschen in der Schweiz. Natürlich steigen die Gesundheitskosten!!!!

  • Maloku am 30.09.2017 10:49 Report Diesen Beitrag melden

    Selbstbehalt bei Notfall

    Um es billiger zu machen ist es besser "vorschlag": Wenn ein Patient ins Notfall geht wegen einer Erkältung oder änliches soll er 50-100Chf. Bar selbst bezahlen dann gehen sie nicht mehr ins Notfall sondern zum Hausartzt aber ja der Bund und die Kantone ist auch schuld.