Neue Verdächtigte

17. Mai 2018 12:53; Akt: 17.05.2018 16:06 Print

Darum sitzt Vincenz weiter in U-Haft

Längere Untersuchungshaft und weitere Verdächtigte im Fall Vincenz. Das verkündet die Staatsanwaltschaft. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

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Seit drei Monaten ist Pierin Vincenz in Untersuchungshaft. Was hat die lange U-Haft zu bedeuten? «Wenn eine Leiche am Boden liegt, ist meist schnell klar, dass es um ein Tötungsdelikt geht», sagt Peter V. Kunz, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Bern. Wenn die Indizien hingegen E-Mails oder Verträge seien, gebe es oft . Zudem könne es vorkommen, dass im Lauf der Untersuchung neue Fakten oder Verdachtsmomente auftauchen. «Aus der Länge der U-Haft kann aber nichts abgeleitet werden, was selber anbelangt», erklärt der Experte. «Nein, das ist in meinen Augen sicherlich nicht der Fall», sagt Kunz. Die Staatsanwaltschaft werde sich davor hüten, Fehler zu machen. «U-Haft ist für einen Normalbürger eine existenzielle Erfahrung – darum gibt es Leute, die sich am Anfang der Haft etwas antun wollen», sagt Benjamin F. Brägger, Experte für Freiheitsentzug. Untersuchungshäftlinge seien in der Regel . «Wenn man Glück habt, bekommt man eine Normzelle von 12 Quadratmetern, aber die meisten Zellen sind 6 bis 9 Quadratmeter gross.» Häftlinge haben Anspruch auf eine Stunde Spaziergang im Hof. Je nach Anstalt gebe es noch Sport-Angebote, so Brägger. In der Zelle habe es meistens einen Fernseher. Des Weiteren kann Vincenz sich aus der Bibliothek oder von draussen bestellen. Wenn Vincenz mit einem Computer arbeiten will, benötigt er dafür eine Bewilligung. « wird er aber wegen der bestehenden Verdunkelungsgefahr nie bekommen», so Brägger. «Zürich ist verglichen mit dem Rest der Schweiz in Sachen U-Haft eher hart», so Brägger. So herrsche zum Beispiel ein teilweise nicht zu rechtfertigen. «Die Isolation und das Nichtstun, in Kombination mit der Unsicherheit über die eigene Zukunft, stellen dar», sagt Kunz. Bei der U-Haft nimmt die Wahrheitsfindung einen höheren Stellenwert ein als die Freiheit des Einzelnen, erklärt Experte Brägger. , würde ihm finanzielle Genugtuung und Schadenersatz für entgangenen Lohn zustehen. In der Schweiz gibt es keine absolute Frist für die Dauer einer U-Haft. Solange der Haftgrund noch vorliegt, kann sie andauern. «Es gab schon Fälle, wo die U-Haft dauerte», so Brägger. Vincenz ist seit dem 2. März in U-Haft. Der Verdacht der Zürcher Staatsanwaltschaft: Vincenz könnte sich am Verkauf der zwei Firmen Commtrain und Investnet unrechtmässig bereichert haben. Die Verkaufsgeschäfte zwischen Raiffeisen und Aduno könnten Vincenz Millionen beschert haben. Der Churer war von 1996 bis 2015 bei der Raiffeisen tätig.

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Die Ermittlungen rund um Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und Ex-Aduno-Chef Beat Stocker sind ausgeweitet worden. Die Zürcher Staatsanwaltschaft teilte am Mittwoch mit, sie sei auf weitere, strafrechtlich relevante Transaktionen gestossen. Antworten auf die wichtigsten Fragen:

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Worum geht es bei den jüngsten Ermittlungen?
Die Behörden haben die Ermittlungen auf zwei weitere Personen ausgedehnt und deren Wohnsitze sowie Büros durchsucht. Gegen die beiden Verdächtigten ist ein Strafverfahren wegen «Gehilfenschaft zur ungetreuen Geschäftsbesorgung» eröffnet worden. Sie sind beide wieder auf freiem Fuss. Aufgrund der neuen Vorwürfe hat die Staatsanwaltschaft für Vincenz und Stocker eine Verlängerung der Untersuchungshaft beantragt. Das Zwangsmassnahmengericht hat dem Antrag stattgegeben. Seit Ende Februar sitzen Vincenz und Stocker in U-Haft. Ihnen wird ungetreue Geschäftsbesorgung vorgeworfen.

Was wird jetzt ermittelt?
Die Staatsanwaltschaft nennt keine Details zum laufenden Verfahren. Wie der «Tages-Anzeiger» gestützt auf Aussagen eines Insiders schreibt, geht es bei den neuen Ermittlungen «mit ziemlicher Sicherheit» um den Kauf der Firma Eurokaution durch Aduno. Eurokaution vermittelt die Versicherungen von Mietkautionen. 2014 zahlte Aduno, der Vincenz damals als Präsident vorstand, für Eurokaution 5,6 Millionen Franken. Gemäss «Tages-Anzeiger» hatte die Firma aber einen tieferen Wert. Der Grund: In der Bilanz schlummerte ein Verlust. Eine von Aduno in Auftrag gegebene Studie kam allerdings zum Schluss, Eurokaution habe einen Wert von 7 Millionen Franken.

Wer sind die zwei neuen Verdächtigten?
Namen nennt die Staatsanwaltschaft nicht. Mit Ermittlungen rund um Eurokaution käme aber eine Person neu ins Visier der Behörden: Ferdinand Locher. Dieser war zwischen 2011 und 2014 über seine Luxemburger Beteiligungsgesellschaft Great Star Finance Mehrheitsaktionär der Eurokaution. Unbekannt ist Locher nicht: Er gehört zu den Investoren, denen das Stadion des FC Thun gehört. Während der Krise des Klubs machte er sich für diesen in den Medien stark. Locher war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Wie viel länger müssen Pierin Vincenz und Beat Stocker jetzt noch sitzen?
«Ohne Kenntnis des konkreten Dossiers ist es nicht möglich, das abzuschätzen», sagt Peter V. Kunz, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Bern. Sollten die neuen Verdächtigten blosse Gehilfen von Vincenz gewesen sein, würden Einvernahmen erfolgen, die das Verfahren weiter verzögern würden, so der Experte. Der Umstand allein, dass neue Personen involviert werden, spreche allerdings nicht automatisch dafür, dass die Verdächtigten länger sitzen müssen.

Kann die U-Haft unbegrenzt verlängert werden?
Grundsätzlich gilt: Solange die Haftgründe andauern, bleiben die Verdächtigten in U-Haft. Dazu kommt aber, dass sie nicht länger dauern darf als die allenfalls in Zukunft zu erwartende Inhaftierung. Wie lange diese im Straffall wäre, lässt sich laut Kunz aber nicht seriös einschätzen. Ein Richter muss alle drei Monate oder auf Antrag auf Entlassung erneut entscheiden, ob die U-Haft verlängert wird.

Was bedeutet die lange Untersuchungshaft?
Sie deutet auf die Komplexität des Falls hin. «Wenn eine Leiche am Boden liegt, ist meist schnell klar, dass es um ein Tötungsdelikt geht», sagt Kunz zu 20 Minuten. Wenn die Indizien hingegen E-Mails oder Verträge seien, gebe es oft mehr Möglichkeiten zur Interpretation. Zudem könne es vorkommen, dass im Lauf der Untersuchung neue Fakten oder Verdachtsmomente auftauchen. «Aus der Länge der U-Haft kann aber nichts abgeleitet werden, was die konkreten Vorwürfe selber anbelangt», betont der Experte.

Wie schlimm ist U-Haft?
U-Haft ist oft härter als die normale Inhaftierung. Vincenz dürfte 23 Stunden am Tag eingeschlossen sein. Die meisten Zellen sind 6 bis 9 Quadratmeter gross. «Der Kanton Zürich hat zudem den Ruf, eher zu den strengsten Kantonen zu gehören – es wurde auch schon der Vorwurf von Menschenrechtsverletzungen vorgebracht», sagt Kunz. Die Isolation, das Nichtstun und die Unsicherheit über die Zukunft stellen laut dem Experten schwere Belastungen dar.

Wer zahlt, wenn Vincenz unschuldig ist?
Ein Freispruch käme die Steuerzahler teuer zu stehen. Ein solcher wäre für die Staatsanwaltschaft nicht nur peinlich, sondern Vincenz hätte auch Anspruch auf eine finanzielle Entschädigung. Laut der «SonntagsZeitung» könnte diese aussergewöhnlich hoch ausfallen: 2000 Franken pro Tag Haft, plus ein Teil der Anwaltskosten, die sich auf etwa 100'000 Franken pro Monat belaufen dürften.

(dob/rkn)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • giorgio1954 am 17.05.2018 13:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kriminell?

    Offensichtlich ist der Staatsanwalt überzeugt, dass Vincenc kriminell tätig war. Bin gespannt, ob er es auch beweisen bzw. den Richter überzeugen kann.

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  • Remo am 17.05.2018 13:15 Report Diesen Beitrag melden

    Unersättlich

    Es soll gründlich untersucht werden, ob Herr Vincenz und weitere Beteiligte sich mit ungetreuen Geschäften persönlich finanziell bereichert haben. Es kann ja nicht sein, dass Firmenchefs mit ihren Super-Gehältern, jenseits der Entlohnung jeglicher Fachkräfte, die den hauptsächlichen Mehrwert in Firmen generieren, ihre Positionen missbrauchen, um sich zusätzlichen noch persönlichen zu bereichern. Etwa durch "front-running" oder sonstiger unlauterer Machenschaften.

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  • Walter Meier am 17.05.2018 13:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und die FINMA??

    Was für eine Rolle spielt eigentlich die FINMA im Falle Vinzenz? Warum hat dieFINMA nicht Anzeige gegen Vinzenz erstattet statt dessen Vinzenz nur mit Ämterverbot belegt??...(Wie heisst es schon wieder: Eine Krähe....)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dani am 18.05.2018 17:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gierig

    Richtig so. Die sollen diesen Kerl nur behalten und auch seine Kumpanen. Alles nur Geldgierige Leute. Verdienen ein Millionen Sälär und es langt Ihnen immer noch nicht. Da gibt es Rechtschaffene Bürger die mit einem Sälär von 50'000.- Jahreseinkommen leben müssen. Eine Frechheit was sich diese Gauner erlauben.

  • Motzimuus am 18.05.2018 11:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie lange noch..

    Also ich finde dass Vincenz schon lange in U-Haft ist, ich hoffe dass er nicht unschuldig ist,denn dann zahlen wir Steuerzahler enorm viel Geld.Und wieso muss er denn noch in Haft bleiben,andere die schlimme Verbrechen begehen bleiben nicht solange sind sie schon wieder frei.Aber einer muss wahrscheinlich über die Klinge springen,denn dass kann nicht sein dass der Direktor und Verwaltungsrat nichts mitbekommen haben.

  • Bürger am 18.05.2018 07:19 Report Diesen Beitrag melden

    Pierin Vincenz hat viele

    Arbeitsplätze geschaffen. Staatsanwälte ruinieren das

    • Zuger Bürger am 18.05.2018 07:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Bürger

      Ja durch Betrug? Na toll. Stimmen sie besser heute noch für die Vollgeldinitiative, um solche Betrügereien zu verhindern. Ende Geld drucken für Private.

    • Mitdenker am 18.05.2018 14:42 Report Diesen Beitrag melden

      Vollgeld schützt vor Betrug?

      Dann erklären Sie uns doch bitte, wo hier die Vollgeldinitiative helfen könnte?

    • Xeno72 am 18.05.2018 17:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Zuger Bürger

      Dass hier ein Zusamnenhang zur unsäglichen Vollgeld-VI herbeigeplodert wird, spricht Bände.

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  • Mario Theus am 18.05.2018 07:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das ist nur der Anfang

    Das ist erst die Spitze des Eisberges. Finde die Spesenuntersuchungen legitim, habe ich doch PV mal in einem Etablissement in Zürich gesehen. Die Frau wird sich bestimmt freuen.

  • hst am 18.05.2018 04:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    unsaubere Sache

    Komisch, Persönlichkeiten werden, zum Beispiel Sportler, werden vor allem vom Staat in den Himmel gehobenen. Denn man profitiert ja davon. Kaum hören sie auf sucht man nach Verfehlungen. Denn man kann ja wieder profitieren.