Wohnungsnot ausgenutzt

27. November 2012 17:12; Akt: 14.01.2013 16:26 Print

Die Tricks der Vermieter

Bei Zürcher Immobilienbesitzern herrscht Goldgräberstimmung. Die schwarzen Schafe unter ihnen zocken die Mieter ab – die Wohnungsknappheit machts möglich.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Petra Müller* traute kaum ihren Ohren: Nur wenige Wochen, nachdem ihr Ex-Partner aus der gemeinsamen 4-Zimmer-Wohnung in Zürich ausgezogen war, drohte die Verwaltung, sie auf die Strasse zu setzen. Nein, es sei nicht möglich, den Mietvertrag auf sie umzuschreiben, wurde ihr beschieden: Sie müsse den Vertrag laut Gesetz kündigen und sich neu für die Wohnung bewerben – ohne Garantie, dass sie den Zuschlag bekommen würde.

Umfrage
Hatten Sie schon mal Probleme mit einer Immobilienverwaltung?
61 %
28 %
11 %
Insgesamt 2765 Teilnehmer

Für Müller war klar, welches Spiel die Verwaltung spielte: Diese habe darauf spekuliert, die nicht gerade luxuriöse Wohnung zu einem höheren Mietzins als 1800 Franken einem neuen Mieter andrehen zu können. «Das Vorgehen war skrupellos, die Verwaltung kümmerte sich überhaupt nicht um meine Situation», sagt die Mutter eines Sohns. «Aber bei der aktuellen Wohnungssituation können sich die Vermieter ja alles erlauben.»

Tatsächlich herrscht in Zürich Goldgräberstimmung bei den Immobilien-Besitzern. Von 1000 Wohnungen stehen derzeit weniger als 6 leer, die Nachfrage übersteigt das Angebot bei weitem. Vielen Zuzügern und Leuten, die innerhalb der Stadt eine neue Bleibe suchen, bleibt gar keine andere Möglichkeit, als überrissene Mieten zu zahlen.

Nachmieter nicht mehr akzeptieren

Der beste Moment um zuzuschlagen kommt für profitorientierte Hausbesitzer bei einem Mieterwechsel. Um dann ein paar hundert Franken mehr herausschlagen zu können, haben sie sich allerlei Tricks und Kniffs zugelegt.

Einer geht so: Bei einer ausserterminlichen Kündigung muss der Vormieter mindestens einen valablen Nachfolger stellen. Doch wie der Chef einer Liegenschaftsverwaltung gegenüber 20 Minuten Online zugibt, sucht sein Unternehmen lieber selber neue Bewohner – auch wenn der Kandidat alle Anforderungen erfüllen würde.

Was wie ein unnützer Mehraufwand für die Verwaltung erscheint, hat handfeste Gründe: Ein externer Bewerber wehrt sich kaum gegen eine Mietzinserhöhung. Bei einem vom Vormieter gestellten Kandidaten wäre hingegen die Gefahr zu gross, dass er die Miete anfechten würde. Häufig kommt er ja aus dem Kollegenkreis des Vormieters und ist bestens über die Vormiete informiert.

Mehr als 10 Prozent

Beträgt der Aufschlag mehr als 10 Prozent, ohne dass die Wohnung renoviert wurde, sind die Chancen einer Anfechtung intakt – was nicht bedeutet, dass jeder Vermieter prinzipiell 10 Prozent rauf darf bei einer Neuvermietung.

Im Obligationenrecht heisst es, der Mieter könne einen Mietzins als missbräuchlich anfechten, wenn er Grund zur Annahme hat, dass der Vermieter einen übersetzten Ertrag erzielt. Und zwar vor allem dann, wenn die Kosten für den Vermieter gesunken sind. Diese Bedingung wäre aufgrund des sehr tiefen Referenzzinssatzes derzeit gegeben. Doch statt zu sinken, steigen die Zürcher Mieten weiter an.

In einem konkreten Fall schrieben die Vermieter eine Dreizimmer-Wohnung für 1790 statt 1590 Franken aus, während sie den vom Vormieter vorgeschlagenen – von vornherein chancenlosen – Nachmieter hinhielten: Es würden «noch andere Alternativen» geprüft.

Vor- und Nachmieter trennen

Das sei ein typisches Vorgehen, sagt Walter Angst vom Zürcher Mieterverband. «Die Hausbesitzer versuchen mit allen Mitteln zu verhindern, dass Neumieter den früheren Mietzins erfahren.» Es gebe Verwaltungen, die zu diesem Zweck separate Wohnungsübergaben machten, damit sich Vor- und Nachmieter nicht mehr kennenlernen, sagt Angst. Andere verweigerten ihren Mietern einen Wechsel innerhalb einer Siedlung.

Hans EgloffHans
Egloff

SVP, ZH
Nationalrat
Profil anzeigenauf MerklisteVerbunden mit
Terra Sua AG, Alpnach
weitere Verbindungen anzeigen
, SVP-Nationalrat und Präsident des Schweizer Hauseigentümerverbands, mag nicht ausschliessen, dass es schwarze Schafe unter den Vermietern gibt. Er betont, dass nicht jede massive Mieterhöhung ungerechtfertigt sei – etwa wenn ein Mieter, bei dem die Miete praktisch gleich blieb, nach 20 Jahren auszieht und umfassende Renovationen nötig werden. «Aber die gesetzlichen Bedingungen sind klar: Eine schon korrekte Miete bei einem Mieterwechsel zu erhöhen, das ist nicht zulässig.»

In Zürich wirds für die Vermieter schwieriger

Es gehe hier nicht um moralische Fragen, betont Mietervertreter Angst: «Die Vermieter sind nicht böse – sie machen einfach, was ihnen die Rahmenbedingungen erlauben.» Diese Bedingungen haben sich im Kanton Zürich am Sonntag geändert: Spätestens im November 2013 müssen die Vermieter in einem Formular wieder die Vormiete offenlegen.

Eine entsprechende Initiative des Mieterverbands nahm das Zürcher Stimmvolk an – vor allem dank einer deutlichen Mehrheit in der Kantonshauptstadt. Die Formularpflicht nützt aber nur dann etwas, wenn die Mieter bei einem überrissenen Anfangsmietzins auch wirklich auf die Barrikaden gehen.

Nicht nachgeben lohnt sich

Erfolgreich zur Wehr setzte sich Petra Müller. Bei einer Rechtsberatung erfuhr sie, dass die Verwaltung sie zu Unrecht unter Druck gesetzt hatte: Es gibt keinen Zwang, einen neuen Vertrag aufzusetzen, wenn der Partner auszieht. Müllers Ex blieb einfach Solidarmieter, der Hausbesitzer hatte so keine Möglichkeit, sie rauszuwerfen. Müller ist sich sicher: «Diese Möglichkeit hat mir die Verwaltung bewusst vorenthalten.»

* Name geändert

Haben Sie selber schon negative Erfahrungen gemacht mit Ihren Wohnungsverwaltungen? Schreiben Sie uns auf: feedback@20minuten.ch

(rax)

Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»

Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)

«Habe ich ein Recht darauf, dass meine Kommentare freigeschaltet werden?»

20 Minuten ist nicht dazu verpflichtet, eingehende Kommentare zu veröffentlichen. Ebenso haben die kommentierenden Leser keinen Anspruch darauf, dass ihre verfassten Beiträge auf der Seite erscheinen.

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 2 Tage, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Zürich am 28.11.2012 09:24 Report Diesen Beitrag melden

    TOP Manager in günstigen Wohnungen.

    Es gibt so viele top Verdiener, die in sehr günstigen Wohnungen leben, vielleicht sollte man in diesem Bereich mal etwas machen. So könnten Studenten, klein Verdiener auch wieder einfacher Wohnraum finden.

    einklappen einklappen
  • hinter Egg am 28.11.2012 11:37 Report Diesen Beitrag melden

    Private Vermieter sind oftmals Gauner

    Unser Vermieter hat einen über 100 Jahre alten Block extrem schlecht renoviert. Grösstenteils hat der Pensionär das ganze auch noch selber gemacht. Ergebnis: Die Wohnung sieht auf den ersten Blick renoviert aus, auf den 2. Blick sieht man aber, dass überall nur gepfuscht und geschlampt wurde. Und der Mietzins ist natürlich ans oberste Limit geschraubt geworden... Kleiner Tipp von mir: Wenn ihr angeblich frisch renovierte Altbau-Wohnung anschaut: Schaut doppelt und dreifach hin, vorallem ob Bodenplatten gerade gelegt sind, Fugen sauber und dicht und dass die Heizungen richtig funktionieren.

  • roman Thailand am 28.11.2012 03:46 Report Diesen Beitrag melden

    wohnen in Thailand

    ich wohne in meinem Haus in Thailand für 40.- Chfr. es ist gross mit grossem Garten was wollt ihr mehr

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ich+ich am 28.11.2012 17:28 Report Diesen Beitrag melden

    Gibt auch faire Vermieter

    Irgendwie wird hier vergessen, dass viele Vermieter äusserst fair sind. Wir ziehen soeben um. Der Mietzins für die neue Wohnung wurde um 7.5% erhöht, ohne Renovierungsarbeiten. Die Vormieterin hat jedoch 30 Jahre in der Wohnung gewohnt, womit der Mietzins noch immer auf einem sehr fairen Niveau bleibt.

  • Markus W. am 28.11.2012 13:28 Report Diesen Beitrag melden

    jammern ist leicht

    Ich weiss nicht, warum hier alle (oder viele) gegen Vermieter wettern, meiner Meinung nach darf der Eigentümer sein Eigentum gewinnbringend vermieten und logischerweise holen viele das Maximum heraus (geht mal zu Eurem Chef und sagt ihm, dass Ihr WENIGER verdienen wollt). Die Nachfrage bestimmt den Preis und keiner von Euch würde billiger vermieten, wenn er ein Dutzend Mieter vor der Türe stehen hätte die auch mehr bezahlen würden. Seid doch einfach mal froh, dass es noch Vermieter gibt, wo würdet Ihr wohnen, wenn die Eigentümer alle Wohnungen leer stehen lassen würden?

    • Manuel Oder am 28.11.2012 15:03 Report Diesen Beitrag melden

      So einfach ist es nicht

      So kann auch nur jemand reden, der noch nie eine Wohnung unter diesen Umständen suchen musste. Wir reden hier vom Wohnungsmarkt und nicht von einem Kuhhandel. Ja, es gibt Angebot und Nachfrage - aber der Markt müsste auch TRANSPARENT sein. Es ist nicht so, dass man halt auf eine Wohnung verzichten kann, weil die Preise gerade hoch sind. Entsprechend ist es auch um so verwerflicher, wenn Vermieter diese Situation absichtlich ausnutzen. Hoffen wir mal, dass das Ihnen nie passiert Herr W., sonst wären Sie ganz schnell unter den Jammerern.

    • Ein Mieter am 28.11.2012 16:24 Report Diesen Beitrag melden

      Unqualifizierte Aussage

      So spricht nur einer der selbst vermietet oder mehr als genug Kohle hat. Ihre Aussage dürfte wohl am Ziel vorbei schiessen

    • Fridolin H. am 28.11.2012 16:30 Report Diesen Beitrag melden

      Charakter

      Du würdest dich noch wundern wie viele Vermieter lieber an eine junge Familie als an ein ausländisches Doppelverdiener-Ehepaar vermieten (ja auch in Zürich). Es gibt zum Glück immer noch Leute mit Charakter, die nicht nur die eigene Gewinnmaximierung im Sinn haben. Und ja ich bin ach so froh, dass die Eigentümer uns ihre leerstehenden Wohnungen vermieten. Die reinsten Samariter sind das...

    einklappen einklappen
  • Henry am 28.11.2012 12:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Foesen Tricks der Mieter

    Wie wärs mit einem Beitrag "die fiesen Tricks der Mieter"? Da wüsste ich auch noch Geschichten zu erzählen.

  • Lukas B. am 28.11.2012 12:46 Report Diesen Beitrag melden

    ganz schön frech....

    2009 wars auch schon so: 3-Zi. Whg in Zürich an bester Lage (nähe Kreutzplatz), 1640.-. Nach 10 Jahren habe ich den Mietvertrag bei einer bekannten Immobilienfirma gekündigt. Es wurde nichts renoviert, trotzdem verlangten die Vermieter vom neuen Mieter 2400.- für die Whg. (Natürlich wurde dies auch bezahlt!) Ich habe dem neuen Mieter den alten Mietzins genannt...

  • P. Morell am 28.11.2012 12:33 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Erbarmen

    Das Schweizer Stimmvolk hat kürzlich 2x Nein gesagt zur Wohneigentumsförderung. Also hört auf zu jammern. Ihr wollt Mieter sein. Ihr wolltet es so, nun habt ihr es so. Ich habe kein Erbarmen.