Detailhandel

09. Januar 2013 08:20; Akt: 09.01.2013 13:39 Print

Einkaufstourismus - alles nur halb so schlimm

von Sven Zaugg - Seit Jahren jammert der Detailhandel über sinkende Umsätze – weil die Schweizer immer öfter im Ausland einkaufen. Die erfreulichen Umsatzzahlen von Coop zeichnen ein anderes Bild.

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Coop reagiert auf den Einkaufstourismus mit Preisreduktionen. (Bild: Keystone/Steffen Schmidt)

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Das Stichwort Einkaufstourismus bringt den Luzerner Detailhandelsexperten Gotthard F. Wangler in Wallung: «Niemand hat sich in den Neunzigerjahren um den Einkaufstourismus geschert. Damals ging man von angeblich zwei Milliarden Franken aus, die dem Schweizer Detailhandel verloren gingen.» Und schon damals hätten die Schweizer Konsumenten im nahen Ausland eingekauft. Das Gejammere der Detailhändler sei fehl am Platz, sagt Wangler im Gespräch mit 20 Minuten Online.

Dass es um den Schweizer Detailhandel so schlecht nicht stehen kann, bestätigen unter anderem auch die aktuellen Umsatzzahlen von Coop. Der zweitgrösste Detailhändler der Schweiz konnte seinen Umsatz im vergangenen Jahr um 0,3 Prozent auf insgesamt 27,8 Milliarden leicht steigern. Der Detailhandel als wichtigster Geschäftsteil erreichte einen Umsatz von 18,5 Milliarden Franken und damit 0,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Coop-Sprecherin Denise Stadler spricht von einem «erfreulichen» Resultat – und das bei einer Preisreduktion von 1,8 Prozent.

Die Migros wird ihre Umsatzzahlen in rund vier Wochen bekanntgeben. Experte Wangler geht davon aus, dass diese ebenso positiv ausfallen werden wie jene von Mitkonkurrent Coop.

Denner mit «billiger PR-Aktion»

«Die Zahlen von Coop zeigen klar: Der Einkaufstourismus hat wohl keinen grossen Einfluss, wie alle behaupten», so Wangler. Darüber hinaus seien die Detailhändler in der Schweiz finanziell gut gepolstert. Er rät Coop und Migros sogar entschieden davon ab, die Preise zu senken.

Verheerend sei, was Denner mache, findet Wangler. Der Schweizer Discounter kauft Kinderschokolade, Nutella und Ferrero Rocher nicht mehr bei Ferrero ein. Grund: Der italienische Hersteller hatte sich geweigert, die Preise zu reduzieren und die Wechselkursvorteile weiterzugeben. Denner reagierte und kauft die Artikel ab sofort auf dem Graumarkt ein. «Das ist eine billige PR-Aktion», so Wangler. Niemand sterbe, wenn es Nutella nicht zum Sonderpreis gebe.

Zuwanderung als Chance

Der Detailhandelsexperte vertritt die Meinung, dass der Einkaufstourismus durch die Zuwanderung kompensiert werde. Ende 2011 belief sich die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz auf 7'952'555 Einwohner. Das sind 82'421 Personen mehr als Ende 2010. «Diese Mäuler müssen gestopft werden», sagt Wangler. Credit-Suisse-Ökonom Martin Neff betonte kürzlich ebenfalls, dass der Konsumeinfluss der Immigranten in der Schweiz im letzten Jahr nicht zu unterschätzen sei. Diese neuen Konsumenten würden den Detailhandel merklich stützen.

Coop-Sprecherin Stadler bestätigt zwar, dass die Zuwanderung dem Schweizer Detailhandel helfe. Den genauen Effekt zu beziffern, sei hingegen schwierig. «Das ist auch beim Einkaufstourismus so.» Schätzungen gehen davon aus, dass dem Schweizer Detailhandel zwischen fünf und acht Milliarden Franken entgehen. Gesicherte Zahlen dazu gibt es keine.

Irritiert ist Stadler ob der Aussage von Wangler, dass Preisreduktionen überhaupt nicht nötig seien: «Wir suchen laufend Chancen für Preissenkungen. Dies wäre in diesem ausgeprägten Wettbewerb mit starker Konkurrenz im In- und Ausland auch gar nicht anders möglich.»

In diesen Regionen liegt der ausländische Supermarkt gleich um die Ecke
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(Quelle: Credit Suisse)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Luar am 09.01.2013 13:27 Report Diesen Beitrag melden

    Abzocke!

    Peinlich finde ich die Abzocke in der Schweizer-Optiker Branche.Ich habe schon sehr viele Jahre eine Brille und kann das aus eigener Erfahrung beurteilen.Ich bezahle für Qualitativ gute Brillengläser,entspiegelt etc.im Ausland für eine Brille wesentlich weniger.Was ich in der CH für Brillen bezahlt habe,ist ABZOCKE....ich kaufe bestimmt keine mehr in der Schweiz und es ist mir kein bisschen PEINLICH!An jeder Ecke eröffnet ein Optiker,in der Hoffnung sich eine goldene Nase zu verdienen,diese Zeiten sind vorbei! Die meisten CH Optiker bestellen ihre Gläser in Deutschland,das kann ich auch tun!

  • riomare am 09.01.2013 12:37 Report Diesen Beitrag melden

    und ich....

    kaufe weiterhin in DE ein. 2x im Monat kaufe ich in DE ein und werde es weiterhin so machen.

  • DinChef am 09.01.2013 11:27 Report Diesen Beitrag melden

    Lebenszeit ist mehr wert

    Schnäppchenjäger find ich grundsätzlich peinlich. Ich gehöre auch nicht zu den oberen Zehntausend, aber es würde mir nie in den Sinn kommen, mein Leben darauf auszurichten, wo, wann und wie ich an "das noch günstigere Angebot" herankomme. Ich verstehe Menschen, für die es finanziell eng ist und die ihr Budget durch geschicktes Einkaufen gestalten. Die andern, welche sich aus Profitgier am Wochenende in Schlangen nach Norden bewegen und sich die Einkaufswägen im Lärm und Getümmel füllen: Die Lebenszeit, die man so achtlos verschwendet, ist alleweil mehr wert als die paar Franken, die man spart.

  • Ruedi W. am 09.01.2013 11:20 Report Diesen Beitrag melden

    Netto?

    Es ist unpassend was der Schweizer Detailhandel macht. Dem Endverbraucher vermiesen Sie den günstigeren Einkauf, mit Horrorszenarien von wegen Stellenabbau. Doch werden von überall Leute rekrutiert und angestellt, ohne sich um arbeitslose Schweizer zu sorgen. Die Detailhändler kaufen im Ausland billig ein, verkaufen es zu horrenden Preisen in der Schweiz. «Poulet Geschnetzeltes, Poulet Brust aus Deutschland, Ungarn etc.» sind preis Beispiele. Die Schweizer werden vom Detailhandel immer wieder mit billig eingekauften Artikeln ausgenommen wie eine Weihnachtsgans. Nettolohn Deutschland ist wirklich der Nettolohn, während vom Schweizer Nettolohn weder Steuern noch KK abgezogen sind, über Lebenshaltungskosten und Miete wurde noch nicht gesprochen.

  • der Seher am 09.01.2013 10:32 Report Diesen Beitrag melden

    von den Reichen lernt man sparen!

    Solange Matt-Schwarze Lamborghinis mit ZH Nummer vor deutschen Aldis stehen brauchen die Durchschnittsverdiener wohl kein schlechtes Gewissen zu haben!