Trend Zero Waste

25. Februar 2016 12:35; Akt: 25.02.2016 12:35 Print

Familie Bunk lebt ohne Plastik

von Isabel Strassheim - Anneliese Bunks Buch «Besser leben ohne Plastik» erscheint diese Woche. Vom Brot bis zum Haarshampoo zeigt sie, wie ihr Alltag funktioniert.

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Anneliese Bunk mit dem von ihr und Nadine Schubert verfassten Buch « Besser leben ohne Plastik». Den Baumwollsack für den Einkauf von Obst, Gemüse, Brot oder auch Nudeln hat sie selbst entwickelt und vertreibt ihn unter Naturtasche.de. Dies ist der gesammelte Abfall der vierköpfigen Familie in einem halben Jahr. Fürs plastikfreie Zähneputzen: Bürsten aus Holz. Wenn sie durch sind, verbrennt die Familie sie im Schwedenofen. Auch WC-Papier gibt es ohne Plastikverpackung, nämlich im Einblatt-Format, wie es auch an Flughäfen zu finden ist. Der Blick in den Kühlschrank. Milch oder Joghurt gibt es in Deutschland überall auch in Glasflaschen mit Depot. Einzig der Cheddarkäse steckt in Plastik, der ist für Bunks Mann (ein Engländer) jedoch überlebenswichtig. In den Baumwollbeuteln lässt sich Gemüse auch gut aufbewahren. Die Haltbarkeit leidet laut Bunk nicht darunter. Plastik ist nicht nur Verpackung, sondern auch das Material für viele Geräte: Beim Kauf des Mixers hat Bunk darauf geachtet, dass möglichst wenig Kunststoff drinsteckt. Der Behälter ist aus Glas. Fussballspiel der beiden Söhne und ihres Besuchs: Der Ball ist aus Stoff. Sohn Kieran steckt seinen Znüni in eine Metallbox. Wenn er nach der Schule manchmal beim Bäcker ein Quarkstückchen holt, braucht er dafür keinen Sack, sondern holt seine leere Box heraus. Die Kinder haben herausgefunden, dass statt Klebstoff in der Plastiktube auch Play-Mais prima klebt, wenn er in Wasser aufgelöst wird. An der Wursttheke des Supermarkts: Bunk hat ihren Metallbehälter dabei. Darin kann sie den Salami auch gleich zuhause im Kühlschrank aufbewahren. Getränke bekommt die Familie in Glas-Mehrwegflaschen nach Hause geliefert. Im Regal der Kinderzimmer stehen Korb- statt Plastikkästen. Sohn Kieran spielt gern auch mit Kapla-Hölzern. Plastik-Spielzeug wie Lego hat die Familie auch, sie kauft aber keine neuen mehr dazu. Den Abfall, der ab und zu noch anfällt, sammelt Anneliese Bunk in einem alten Mehlbeutel. Aus Papier natürlich. Das Waschmittel stellt Anneliese Bunk selbst her und füllt es dann in alte Plastikflaschen ab. Das Rezept: 45 Gramm Kernseife, 6 Esslöffel Waschsoda, 3 mal 1 Liter heisses Wasser und Duftöl. Ein Blick ins Gefrierfach: Einfrieren lässt es sich auch in Gläsern und Stoffbeuteln. Statt eines Plastik-Kühlpads für Verstauchungen tut es auch ein gefrorenes Kirschkernkissen. Der Vorratsschrank: Alles in Glasflaschen, Kartons oder Papierbeuteln. Das Lieblings-Müsli des Sohnes (unten rechts) ist allerdings nur im Plastiksack erhältlich. Das Müsli gibt es bei Familie Bunk homemade: Die Flocken sind mit Apfeldicksaft zehn Minuten im Ofen gebacken. Mit diesem Büchlein mit ersten Tipps zum plastikfreien Leben bedankte sich Bunk bei den Spendern ihres Crowdfundings. Sie hatte für die von ihr entwickelte Naturtasche Geld im Internet gesammelt. Die Fibel ist die Grundlage des nun erschienenen Buches.

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Bei Familie Bunk gibt es keinen Streit darüber, wer den Abfall hinausbringt. Denn es gibt praktisch keinen. Anneliese Bunk hebt einen locker gefüllten 35-Liter-Sack hoch: Seitdem sie ihre Wohnung zur plastikfreien Zone erklärt hat, fällt bei ihr in einem halben Jahr so viel Kehricht an wie früher in einer Woche.

«Meine Philosophie ist einfach, nichts zu kaufen, was ich wegschmeissen muss», sagt die 42-jährige Grafik-Designerin zu 20 Minuten. Sie lebt mit Mann und zwei Kindern (6 und 9 Jahre) mitten in München. Diese Woche ist ihr Buch «Besser leben ohne Plastik»( zusammen mit Co-Autorin Nadine Schubert) erschienen. Es ist der erste deutschsprachige Ratgeber mit Tipps und Tricks, wie sich diese Idee tatsächlich umsetzen lässt (Beispiele finden Sie auch in der Bildstrecke).

Der Boxen-Trick

Anneliese Bunk ist weder Bio-Freak noch Moralapostel und verbringt auch nicht gerne viel Zeit mit Haushalt und Einkauf.
Ihr Geheimnis ist kein auf die Basics reduziertes Leben, sondern der Verzicht auf Verpackungen. Und das sieht so aus: Bunk steht an der Fleischtheke und hält der Verkäuferin ihre Metallbox mit mehreren übereinander gestapelten Lagen hin. Die Verkäuferin zuckt erst überrascht, sagt dann aber: «Ich finde das echt toll, was Sie da machen.» Und legt Salami und Schinken ohne Plastiktrennfolien, Plastikwickel und Plastiksack einfach lose in Bunks Box.

Wichtig ist beim Einkauf wegen des Lebensmittelgesetzes, dass die eigens mitgebrachte Box oder der Beutel die Schranke der Theke nicht überschreitet. «Das funktioniert überall, ich habe es für das Buch extra ausprobiert», sagt Bunk.

Im Brotsack steckt Plastik

Einer der ersten Schritte der Familie ins plastikfreie Leben vor zwei Jahren war das plastikfreie Essen. Dies nicht nur wegen des Abfalls. Denn durch den Abrieb haben laut der Universität Bonn 90 Prozent der Menschen Plastik im Blut. Brot, Früchte und Gemüse kauft Bunk deswegen lose und legt sie in den mitgebrachten Baumwollsack. Den hat sie selbst entwickelt und vermarktet ihn seit knapp einem Jahr unter dem Namen Naturtasche.de. Auch beim Bäcker oder Gemüseladen verzichtet sie auf die dortigen Säcke. Der Grund: Auch wenn sie aus Papier zu sein scheinen, enthalten sie oft Plastikanteile.

Anders als in Deutschland, wo in den Regalen der normalen Supermärkte Milch, Joghurt und Ketchup nicht nur in Plastik-, sondern auch in Glasflaschen stehen, ist im PET-Land Schweiz eine Umstellung schwieriger. Aber auch hier lassen sich Geschäfte oder Bauernläden mit loser Ware zum Abfüllen finden. «In Bio-Läden allerdings gibt es noch kaum etwas ohne Plastik», sagt Bunk.

Einblattpapier auf dem WC

Mehr Geld – oder auch Zeit – kostet Annliese Bunk die Plastikvermeidung nicht. Im Gegenteil. «Seit der Umstellung geben wir rund 20 Prozent weniger für Lebensmittel und Drogerieartikel aus.» Und sie muss zwar in andere Geschäfte zum Einkaufen, dafür aber deutlich weniger oft. WC-Papier oder Haarshampoo kauft sie einmal pro Jahr für die ganze Familie: ein Karton mit dünnem Einblattpapier, wie es sich auch an Flughäfen findet, und acht spezielle Seifenstücke, die sich stapeln lassen.

Bei normalen Shampoos, Duschgels oder Waschmitteln besteht nicht nur die Verpackung aus Plastik, sondern zum Teil auch der Inhalt selbst. Der Mikroplastik dient als Füllmittel oder Hilfsstoff. Deshalb findet sich Plastikabfall nicht nur in den Weltmeeren, sondern auch in unseren Seen und Flüssen. Der Rhein gehört zu den Flüssen, die weltweit am stärksten mit Plastikteilchen belastet sind, wie eine Studie der Universität Basel 2015 zeigte.

Plastikfreier Fussball

Die Welt plastikfreier macht aber auch schon, wer seine Kulis nicht wegwirft, sondern die Mine austauscht. «Man kann Schritt für Schritt umsteigen und entscheiden, wie weit man gehen möchte.»

Bunks gehen sehr weit. Die beiden Kinder Noah (9) und Kieran (6) kicken im wohnlich eingerichteten Esszimmer mit dem Fussball. Der ist allerdings nicht aus Schaumgummi oder Nylon, sondern aus Stoff. Auch keine neuen Lego-Steine gibt es mehr, sondern Kieran spielt auch gerne mit Kapla-Hölzern. Auch auf Chips, Schokoriegel oder Eis am Stiel verzichten die Jungs. «Vieles gibt es nicht mehr», sagt Noah. Scheinbar ist das kein Problem für ihn. Denn: «Wenn ich bei Freunden zum Beispiel Joghurt aus dem Plastikbecher esse, dann schmeckt mir der gar nicht mehr, er ist so bitter.» Im Plastik sind Bitterstoffe enthalten, die aber nur schmeckt, wer sie nicht täglich konsumiert.

Was steckt in Ihrem Kehrichtsack? Bitte nicht ausleeren, der Blick in den Beutel von oben reicht. Schicken Sie uns ein Foto an
wirtschaft@20minuten.ch.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Päse am 25.02.2016 12:40 Report Diesen Beitrag melden

    Mars

    Hoffentlich haben die nicht kürzlich ein Mars gegessen :D

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  • cassandra am 25.02.2016 12:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Immer diese Versprechungen

    Immer eure irreführenden Titel, Leben ohne Plastik, hat mich echt interessiert, weil fast unmöglich, wenn man nicht grade in der Wildniss, ohne jegliche Errungenschaft der Moderne, lebt. Und dann die Ernüchterung, schon im ersten Bild sieht man, den vor Plastik strotzenden Kühlschrank. Schreibt doch einfach das sie bestrebt sind den Plastik Müll zu minimieren.

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  • Frau A.W. am 25.02.2016 12:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Übertrieben

    Ich bin auch dafür, dass man der Umwelt Sorge trägt aber man kann es auch übertreiben. Was ist das für ein Leben, wenn sich das ganze Leben nur noch darum dreht!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Cleo am 25.02.2016 16:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toll

    Finde ich super! Dass braucht Zeit und Nerven! Der Umweltschutz fängt bei jedem Einzelnen an. Danke dass ihr den Anfang macht.

  • Beobachter am 25.02.2016 16:22 Report Diesen Beitrag melden

    Alter Wein in neuen Schläuchen

    Das Mantra "Jute statt Plastik" wurde vor 35 Jahre erdacht und geistert seither durch die Köpfe. Frau Bunks mag es gut meinen, neu ist das alles aber nicht und daher auch kaum ein Buch oder einen Bericht wert.

  • Gabriela Meyer am 25.02.2016 16:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schultasche aus PET Flaschen

    Grundsätzlich cool, allerdings nicht konsequent! Die Schultasche des Jungen besteht aus PET Flaschen! Viel Spass beim Nachmachen!

  • Eko Fritz am 25.02.2016 16:11 Report Diesen Beitrag melden

    mit Vorsicht zu geniessen

    super, ohne Plastik leben und das geld in deutschland ausgeben. Das passt. 2000 Watt gesellschaft adee.

    • Artussi am 26.02.2016 07:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Eko Fritz

      Äh, ja. Wenn die Familie in München lebt, wird sie wohl dort auch einkaufen.

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  • Clair am 25.02.2016 16:09 Report Diesen Beitrag melden

    Doku gesehen

    Ich habe auch schon eine Doku über Plastik-zero Menschen gesehen. Die hatten einfach im Geschäft div. Artikel ausgepackt oder in ihre Boxen umgefüllt und den Plastikmüll im Laden gelassen.