Kinderarbeit

23. November 2012 12:07; Akt: 23.11.2012 12:51 Print

Haselnuss-Schokolade ist nicht sauber

von Alex Hämmerli - Die Schweizer Schoggi-Industrie bezieht tonnenweise Haselnüsse aus der Türkei – und unterstützt damit die Kinderarbeit. Der Kampf gegen die Missstände ist schwierig.

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Genuss nur mit schlechtem Gewissen? Kinder werden in der Haselnussernte ausgebeutet. (Bild: Keystone)

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Die Türkei ist der mit Abstand grösste Haselnussproduzent der Welt. Rund drei Viertel der globalen Produktion kommt von dort. Entsprechend wichtig ist die Anbauregion für die Schweizer Schokoladen-Hersteller: Sie importieren jährlich zehntausende Tonnen Haselnüsse, um daraus Giandujafüllungen oder Nussschokolade zu machen.

Die Herkunft der Haselnüsse wird aber immer mehr zum Imageproblem, denn die Ernte findet zum Teil unter widrigsten Bedingungen statt. Hungerlöhne und desolate Arbeitsverhältnisse sind an der Tagesordnung. «Ich habe Missstände bei den Erntearbeiten von Haselnüssen in der Türkei gesehen», bestätigt Franz U. Schmid, Direktor der Branchenorganisation Chocosuisse der «Handelszeitung». Es gehe vor allem um Kinderarbeit, schlechte Bezahlung und die Diskriminierung von kurdischen Wanderarbeitern. Ähnlich klingt es bei den Produzenten, etwa bei Barry Callebaut, dem grössten Schokoladehersteller der Welt mit Sitz in Zürich: «Das Thema der Kinderarbeit auf Haselnussplantagen ist in der Industrie bekannt», so Sprecher Raphael Wermuth zu 20 Minuten Online. Eine Nestlé-Studie zeigt auf, dass die Arbeit von 12-Jährigen in Teilen der Türkei nicht als Kinderarbeit aufgenommen wird. «Wenn Knaben gross genug sind, um die Sträucher zu erreichen [...] könnten sie auch arbeiten», steht im Bericht.

Keine Einzelfälle

Im September und Oktober besuchten wichtige Schweizer Fabrikanten unabhängig voneinander die Ernteorte. Lindt & Sprüngli, Migros-Tochter Chocolat Frey, die den Haselnuss-Einkauf für die gesamte Migros-Industrie orchestriert, und Ragusa-Erfinder Camille Bloch - sie alle inspizierten die Produktionsbedingungen.

«Lindt & Sprüngli ist sich der Probleme der Wanderarbeiter und deren Familien, darunter auch Kinder, bei der Haselnussernte in der Türkei bewusst und nimmt diese auch ernst», sagt Sprecherin Sylvia Kälin zu 20 Minuten Online. Die direkte Verantwortung für die Missstände mag man selbst aber nicht übernehmen: Die Haselnussbrechereien und Lieferanten seien für die Einhaltung von Gesetzen und Vorschriften zuständig. Immerhin: Werde der unternehmenseigene Verhaltenskodex nicht eingehalten, führe dies zum Abbruch der Geschäftsbeziehungen. Die Lieferanten würden regelmässig sogenannten Audits unterzogen.

Rückverfolgbarkeit ist fast unmöglich

Chocosuisse-Direktor Schmid ist nun daran zu evaluieren, welche Aktionen die Schweizer Schokoladenindustrie zur Verbesserung der Verhältnisse vorantreiben kann. Alle Akteure müssten zusammen zu einem Dialog finden. Lösungsansätze sieht er neben der Durchsetzung der bestehenden Gesetze vor allem in der Rückverfolgbarkeit der Haselnüsse. Das dürfte sich allerdings als schwierig erweisen: «Eine direkte Rückverfolgbarkeit zum einzelnen Produzenten ist aufgrund der kleinbäuerlichen Struktur leider nicht möglich», gibt Raphael Wermuth von Barry Callebaut zu bedenken. «Dass es meistens Wanderarbeiter sind, welche die Haselnüsse ernten, kommt hier erschwerend hinzu, weil die Betroffenen kaum oder nur punktuell erreicht werden können», fügt Fabienne Dahinden, Sprecherin von Chocolat Frey, hinzu. Auch bei Lindt & Sprüngli klagt man über die «komplexe Situation», die leider keine vollumfängliche Transparenz der Lieferkette zulasse. Man habe aber verschiedene Pilotprojekte gestartet, um die Rückverfolgbarkeit der Haselnüsse zumindest in einzelnen Gärten zu gewährleisten, sagt Kälin.

Konsequent will man dagegen bei Nestlé sein: «Wir sind davon überzeugt, dass in unserer Versorgungskette Kinderarbeit keinen Platz hat, und sind fest entschlossen, diese Praxis aus unserer Kakao- und Haselnussversorgung zu verbannen», sagt Sprecher Philippe Aeschlimann. «Wir haben uns verpflichtet, bis 2014 die gesamte Haselnussversorgung aus der Türkei über transparente und durch Dritte überprüfte Versorgungsketten zu beziehen.»

Dialog unter türkischer Führung

Auch auf europäischer Ebene laufen Arbeiten. «Wir sind an der Initiative des europäischen Süsswarenverbandes Caobisco, die auf die Etablierung eines breit angelegten Stakeholder-Dialogs unter der Führung der türkischen Regierung fokussiert, beteiligt und engagieren uns», sagt Schmid gegenüber der «Handelszeitung». Im Juli fand in Ankara eine Konferenz mit der Beteiligung von Regierung, Produzenten und Nichtregierungsorganisationen statt. Dabei wurde entschieden, eine Arbeitsgruppe mit allen Beteiligten zu etablieren. Diese soll laut dem türkischen Arbeitsministerium Anfang 2013 zum ersten Mal tagen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rüedu am 23.11.2012 13:02 Report Diesen Beitrag melden

    Mir kommen gleich die Tränen!

    Was soll das Geschrei? Diese Missstände sind seit jeher bekannt. Coop und Migros wissen ganz genau, was für Ware sie im Regal haben. Wer nun aber glaubt, dass man deswegen bereit wäre, auch nur 1 Rappen mehr für "saubere" Ware zu bezahlen, der glaubt noch an den Storch. Willkommen in der richtigen Welt.

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  • AUF DERWELT am 23.11.2012 12:47 Report Diesen Beitrag melden

    ÜBERALL

    Kinderabeit in: CHINA INDONESIEN TSCHECHIEN RUSSLAND AGYPTEN THAILAND INDIEN ... na partakisch jedes land hat kinderarbeit...

  • nussknacker am 23.11.2012 12:18 Report Diesen Beitrag melden

    nicht sauber, aber...

    ...gut

Die neusten Leser-Kommentare

  • guntern georg am 26.11.2012 01:48 Report Diesen Beitrag melden

    ein Kind darf doch beschränkt arbeiten?

    Ich habe als Kind auch oft im Sommer bei der Heuernte geholfen. Bei uns werden Kinder bestraft, indem sie mal was putzen müssen. Ich weiss nicht ob dies eine Straffe ist oder einfach den Kindern auch gut tun würden, dann brauchten wir vermutlich weniger Prävention wenn es darum geht, nicht alles auf den Boden zu werfen??

  • Mimimi am 24.11.2012 11:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und der Rest?

    Im rest der schoggi steckt auch viel kinderarbeit. Der rest der welt hat nunmal nicht die gleichen sozialen einrichtungen und vorstellungen wie die schweiz.... Man stelle sich chinas ahv vor... Es liegt an diesen ländern den schritt zu machen und sich gegenseitig mit respekt zu behandeln.

  • Lena Nurse am 23.11.2012 16:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wischen wir vor der Türe bei uns ...

    Hört endlich auf, immer wieder solche Angelegenheiten auszuschlachten! Das Land hat Gesetze, wenn sie nicht greifen ist das nicht unser Problem! Lieber Arbeit als gar nichts - keine Schulbildung, keine Arbeit, nix zu essen! Besser noch: Zahlen wir doch endlich die Preise für Produktion in unserem Land oder achten mehr noch auf Herkunft! In einem Land wo Kinder mit 15 verheiratet werden, muss man damit rechnen, dass sie auch arbeiten müssen! Kümmern wir uns um unsere Kinder, unsere Arbeitslosen und Alten!

    • A.C. am 25.11.2012 17:05 Report Diesen Beitrag melden

      Bravo!

      Diese Aussage ist durchdacht und völlig richtig - Hut ab.

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  • Patrick Z am 23.11.2012 15:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hmm 2seiten

    eigentlich ja schliem richtig, nur würden doch viele famielien ohne die kinderarbeit verhungern...

    • David am 23.11.2012 16:51 Report Diesen Beitrag melden

      @Patrick Z

      ...hat was. Nur gäbe es bestimmt 100 andere Möglichkeiten ohne dass eine Familie verhungern muss. Daher müssen wir darauf schauen, dass wir sowas nicht unterstützen, damit andere Möglichkeiten in betracht gezogen werden können.

    • Mark Strahl am 24.11.2012 01:02 Report Diesen Beitrag melden

      @David

      100 ist etwas viel aber ich nenne mal ein paar andere Möglichkeiten. Keine Nüsse mehr= Mehr Armut. "Fair Trade" Nüsse= Nicht Konkurrenzfähig oder einfach zu teuer um überhaupt gekauft zu werden=Mehr Armut. Lebensmittel- und andere Hilfe aus dem Westen=Abhängigkeit und Armut durch die Zerstörung der lokalen Wirtschaft. "Lokale" Hilfe=Zerstörung der lokalen Wirtschaft durch einen verfälschten Markt-> Abhängigkeit und Armut... noch Fragen? Ich sehe als einzigen "guten" Weg den natürlichen, den auch wir mal gegangen sind. "Wenn sie kein Brot haben sollen sie doch Kuchen essen" Weltfremd.

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  • N.B. am 23.11.2012 15:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arrrrg!

    Ich kann mich nur noch für uns Schweizer schämen, wenn ich manche Beiträge lese! Das sind genau solche Eltern die zum Lehrer rennen wenn Ihre Kinder Schoggithaler verkaufen sollten. Es ist kein Brifileg, dass wir in der CH leben dürfen, sondern nur Zufall. Mir tuen diese Kinder in der Tuerkei leid.

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