Voller Tatendrang

02. Juli 2010 06:02; Akt: 02.07.2010 11:31 Print

Hayek wollte noch 100'000 Jobs schaffenHayek wollte noch 100'000 Jobs schaffen

von Othmar Bamert - Es war sein letztes Interview - und Nicolas Hayek sprühte vor Tatendrang: Der Visionär wollte mit Innovationen dem Werkplatz Schweiz zu neuer Blüte verhelfen.

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Nicolas G. Hayek wie man ihn kannte: Zigarre, zwei Uhren und der visionäre Blick. Der Bilderbuchunternehmer setzte aber auch mit Worten bleibende Erinnerungen. Nachfolgend einige seiner Aussagen zu verschiedenen Themen. «Wir brauchen Unternehmer, die mit neuen Produkten Arbeitsplätze schaffen, und nicht schneidige Manager mit glänzenden Abschlüssen von Eliteuniversitäten. Wenn man einen Esel in die Musikschule von Salzburg schickt, wird daraus kein Mozart, und wenn man ein Kamel nach Harvard schickt, wird daraus kein Henry Ford.» («Süddeutsche Zeitung» 13. 12. 2003) «Ein Unternehmer ist ein Künstler, wie ein Picasso, er produziert neue Dinge und er verkauft sie. Und was macht ein Manager? Er übernimmt eine Firma, die schon existiert und versucht, so viel Geld wie möglich zu verdienen.» («Süddeutsche Zeitung» 13.12.2003) In seiner Biographie von Friedemann Bartu: «Für mich ist ein Unternehmer auch ein Künstler, der Ideen und neue Vorstellungen kreiert und verwirklicht.» Im «Cicero» vom Juli 2010 führte er dazu weiter aus: «Der Unternehmer will etwas Neues kreieren, neue Arbeitsplätze, neue Produkte schaffen, neue Entwicklungen für alle – langfristige.» Der Bankier denkt gemäss Hayek hingegen nur daran, wie er aus Geld noch mehr Geld macht. «Analysten sind nicht in der Lage, industriell zu denken. Die lachen über mich, weil ich ihnen immer wieder sage: ‹Ich liebe Euch alle!› Die haben aus mir, der beim Kauf des Unternehmens 200 Millionen Franken Vermögen besass, einen Multimilliardär gemacht. Die Investment-Banker haben damals nicht an meine Strategie geglaubt. Heute ist das Unternehmen 100 Mal so viel wert und ich bin ein reicher Mann.» («Süddeutsche Zeitung» 13. 12. 2003) «Meistens ist es gut, genau das Gegenteil dessen zu tun, was Finanzanalysten raten.» (1. Publikation nicht bekannt) «An den amerikanischen und englischen Börsen herrscht eine Mentalität von doppelzüngigen Akrobaten, mit all ihren scheinheiligen Lippenbekenntnissen vor. All diese Finanzprediger, dieses Überangebot an Spekulanten, diese Hasardeure und geldgierigen Fondsakteure, die Pharisäer, die sogar nicht vorhande Splitter in den anderen Augen sehen und des Balkens im eigenen Auge nicht gewahr werden, sie alle helfen weder der Industrie noch der Gesamtwirtschaft – weder Amerikas noch der Welt.» («Cicero», Juli 2010) Mehr dazu sagte Hayek in der «Zeit» am 13.11.2008: «Viele Schweizer Bankiers haben nicht nur unseren Traditionen und unseren Schweizer Tugenden geschadet, sondern in den letzten Jahren die angelsächsische Finanzmentalität kopiert, nämlich so schnell wie möglich so viel wie möglich verdienen zu wollen, egal unter welchen Bedingungen. Damit haben sie ihre Industrie kaputt gemacht.» «Ich liebe und ich hasse sie. Ich hasse sie, weil die Zeit nicht zu erfassen und zu stoppen ist. Und ich liebe sie, weil sie mir viele glückliche Momente in meinem Leben beschert hat.» («Cash», 23. 11. 2001) «In Deutschland und der Schweiz glauben wir zu stark an Shareholder Value und an die smarten jungen Herren mit den Harvard-Abschlüssen. Damit haben wir unsere ganze Industrie kaputt gemacht.» («Süddeutsche Zeitung» 13. 12. 2003) «Die Aktie an der Börse stellt keinen Massstab für den Wert eines Unternehmens dar.» («Zeit», 13.11.2008) «Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen wird am World Economic Forum bloss heisse Luft kommuniziert.» (Biografie von Friedemann Bartu) «Ich bin ein Mann, der Ideen sofort realisieren möchte. In der Politik hätte ich für die Dinge, die ich bewegt habe, 100 Jahre gebraucht.» «Ich bin Mitglied dieses Volks, bin Passagier an Bord des Schweizer Schiffs. Wie Sie. Und Sie. Jeder sollte tun, was in seiner Macht steht, um schwere Gefahren vom Volk abzuwenden. Wir müssen uns verteidigen! Das ist die Aufgabe von uns allen, denn wir alle sind auch die Leidtragenden. Wenn die UBS pleite gegangen wäre, hätten meine Leute am anderen Tag kein Gehalt mehr gehabt. Wir hatten viel Geld auf Konten der UBS. Auch Sie hätten keinen Lohn mehr bekommen, Ihre Pensionskasse wäre zum Teufel gegangen.» («Basler Zeitung», 12.09.2009) «All die grossen Chefs, die Hunderte von Millionen an Boni kassiert haben, jede Kritik von der Hand gewiesen haben, immer mit dem Verweis darauf, dass sie Supermänner sind: Jetzt stehen sie nackt da, und jeder sieht, dass sie komplett versagt haben.» («Zeit», 13.11.2008) «Ich habe vergangenes Jahr in einem Rundfunkinterview gesagt, viele Bank-Verantwortliche der UBS von damals sind dumme, kriminelle Menschen… ich habe gehofft, dass sie mich anzeigen. Aber das konnten sie nicht.» («Cicero», Juli 2010) «Herr Blocher bringt positive Bewegung in unsere gesellschaftliche und politische Landschaft. Ich halte viel von Herrn Blocher, wenn ich auch nicht mit allem einverstanden bin, was er sagt oder wofür er einsteht.» («Persönlich», 15.06.2007) «Das sollte man nicht ernst nehmen. Auch die Banken drohen jetzt damit, woanders hinzugehen, wenn man ihnen Auflagen zu Eigenkapital oder Ähnlichem machen sollte. Natürlich werden sie die Schweiz nicht verlassen. Wo finden sie denn den starken Schweizerfranken, wo den Rechtsstaat, wo die stabile Regierung, wo all die Sicherheiten, die dazu führen, dass so viele Leute ihr Geld in die Schweiz bringen?» («Tages-Anzeiger», 03.10.09) «Für mich sind Geburtstage und Weihnachten keine magischen Daten. Ich feiere immer dann, wenn ich Lust dazu habe.» (1. Publikation unbekannt) «Ich folge nie einem Ratschlag. Denn jedes Mal, wenn ich es wagen wollte, etwas Neues zu kreieren, wurde ich beraten, dies nicht zu tun. Aber ich tat es trotzdem.» («Süddeutsche Zeitung» 13. 12. 2003) «Es ist nicht der Sinn unseres Lebens, dass wir nur Spass haben. Wir müssen auch dafür sorgen, dass es anderen besser geht.» («Süddeutsche Zeitung» 13. 12. 2003) «Deutschland hat im Moment ein riesiges Problem, das es lösen muss: Es hat Europa am Bein. […] Die Deutschen könnten wirklich weiter vorwärts marschieren. Aber sie haben einen Klotz am Bein, und sie wollen ihn behalten – von mir aus gerne. […] Die Schweiz würde zerbrechen, wenn sie der Union beiträte und würde um Jahrhunderte zurückgeworfen.» («Cicero», Juli 2010) «Die Schweiz hat schon jetzt trotz Krise erreicht, was die EU immer noch zu erreichen träumt: Trotz 1,7 Millionen Ausländern und 5,5 Millionen Schweizern kaum Arbeitslosigkeit, höchste Gehälter der Welt für unsere Arbeiter, volksnahe Demokratie, keine Streiks und sozialer Frieden und so weiter.» («Cicero», Juli 2010) «Wir leben im Paradies. Und wenn Sie im Paradies sind, werden Sie nach ein paar Jahren nicht mehr zum Kampf bereit sein, weil Ihnen alles in den Schoss fällt.» («Cash», 23. 11. 2001) «Die Behauptung, dass die Schweiz ihr Geld den Auslandskonten und dem Bankgeheimnis verdankt, ist eine Legende, die gern verbreitet wird. Speziell von neidischen Menschen, die den Erfolg der Schweiz als Modell als Gefahr für ihr eigenes Modell sehen.» Und weiter im gleichen Interview in der «Zeit» von 13.11.2008: «Die Schweiz ist ein Vorbild und kein Auslaufmodell. Nicht nur ich denke so, sondern Tausende und Abertausende kluge Deutsche, […], die Jahr für Jahr in die Schweiz auswandern. Wir sind die demokratischste Nation in Europa, die den Volkswillen voll respektiert.» «Drei Dinge sind wichtig. Man muss sich die Phantasie eines Sechsjährigen erhalten, der an das Unmögliche glaubt. Zweitens: Man darf die Gesellschaft nicht so ernst nehmen. Ich bin immer ein Rebell geblieben. Das Dritte ist: Man darf dem Druck, den die Gesellschaft ausübt, nicht nachgeben, sondern muss tun, was man für richtig hält.» («Süddeutsche Zeitung» 13. 12. 2003) Nicolas G. Hayek ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Ideen hätte er noch für 200 Jahre gehabt, wie er der «Zeit» auf die Frage antwortete, was er noch alles tun wolle. Welche es sind, wollte er nicht verraten, er habe aber vorgesorgt. «Ich habe eine Liste gemacht von all den Dingen, die ich wichtig finde. Die habe ich an meine Kinder weitergegeben.»

Ein Mann der klaren Wote: Zitate von Nicolas G. Hayek.

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Am 29. Juni um 18 Uhr sollte das Interview, das Nicolas Hayek dem Journalisten Oliver Fahrni für die Gewerkschaftszeitung «Work» gegeben hatte, abgesegnet sein. Doch dazu kam es nicht mehr. Der Uhrenpatriarch starb an diesem Tag. «Nicolas Hayek wirkte im Gespräch auf mich noch enthusiastischer als früher», erzählt Fahrni, der den Swatch-Übervater schon vor 30 Jahren regelmässig zu Gesprächen traf. «Beim Abhören der Gesprächsaufzeichnungen erschien mir seine Stimme sogar noch stärker und optimistischer als früher», so der Journalist gegenüber 20 Minuten Online.

Es wurde ein langes Gespräch. Der 82-jährige Industrievisionär hatte wie immer viel zu erzählen. Nicht von der glorreichen Vergangenheit, sondern über die Zukunft. Hayek steckte voller Pläne und Überraschungen.

Zukunftsprojekte sollen Jobs schaffen

Im Interview enthüllte er, dass verschiedene zukunftsweisende Projekte kurz vor dem Durchbruch stünden: so etwa eine revolutionäre Brennstoffzelle, hochwertige Solarzellen mit einem Wirkungsgrad von bisher unerreichten 40 Prozent oder eine effiziente Batterie für Elektroautos. Für diese Innovationen hatte Hayek mit viel Geld aus der eigenen Tasche die Belenos-Holding gegründet. «Läuft das, wie wir es denken, kauft die Autoindustrie der Welt bald bei uns den Brennstoffzellen-Antrieb. Das wird 100 000 neue Arbeitsplätze schaffen», so Hayek, optimistisch wie immer.

Dass dies keine leeren Versprechen waren, sondern bereits real existierende Prototypen, entstanden aus Erfindungsgeist und Fertigungsgeschick talentierter Menschen, demonstrierte Hayek gleich in seinem Büro an einer kleinen Brennstoffzelle. Und zwar «erfolgreich», so Journalist Fahrni.

Den Werkplatz Schweiz im Herzen

Auch dass Hayek sein letztes Interview einer Schweizer Gewerkschaft gab, scheint geradezu bezeichnend für den patriotischen Welt-Industriellen. «Der Werkplatz ist wichtiger als der Finanzplatz», verteidigte er einmal mehr die Realwirtschaft, also die Menschen in den Entwicklungsbüros und Produktionsstätten der Industrieunternehmen, gegen die sterile Finanzwirtschaft. «Sie sind der wichtigste Aktivposten, ihr handwerkliches Können, ihr Sinn für die innere Harmonie eines Produkts, für die Schönheit», so der Patriarch voller Bewunderung, «die Schweiz ist immer noch ein Industrieimperium».

Verachtung für die Geldmenschen

Kurz vor seinem Tod brachte Hayek nochmals deutlich zum Ausdruck, was ihm am meisten missfiel, nämlich die Zerstörung des Werkplatzes durch die gierigen Banken sowie die Verachtung, die Geldmenschen der produktiven Arbeit entgegenbringen. Geldmenschen schöpften keinen Wert.

Ebenfalls geisselte Hayek die professionellen Kostensenker, die Unternehmensberater: «Die sind jung, sehen gut aus, reden amerikanisch und haben eine Menge Diplome von Harvard oder St. Gallen. Aber sie haben eines nicht gelernt: Unternehmer zu sein.»

Das Interview erscheint heute in der aktuellen Ausgabe von «Work – der Zeitung der Gewerkschaft».

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