Home-Office-Gesetz

01. Februar 2018 11:23; Akt: 01.02.2018 11:23 Print

«Immer an Arbeit denken fördert Schlafstörungen»

von V. Sadecky - Der Arbeitszeitrahmen für Home-Office soll auf 17 Stunden erhöht werden. Ein Psychologe verrät, wie man an seiner Work-Life-Balance festhält.

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Arbeitspsychologe Hartmut Schulze von der Fachhochschule Nordwestschweiz erklärt im Interview, wie sich ein flexibleres Home-Office auf die Psyche auswirken kann. Viele Firmen ermöglichen es ihren Mitarbeitern, teilweise im Home-Office zu arbeiten. FDP-Nationalrat Thierry Burkart hat darum eine parlamentarische Initiative eingereicht mit dem Titel «Mehr Gestaltungsfreiheit bei Arbeit im Home-Office». Laut Burkart trägt das heutige Arbeitsgesetz den Bedürfnissen von Angestellten im Home-Office zu wenig Rechnung. Es sei auf die Arbeit in einem Industriebetrieb ausgerichtet. Burkart will mit der Gesetzesänderung, dass Mitarbeiter im Home-Office ihren Arbeitszeitrahmen von 14 auf 17 Stunden ausweiten. Laut geltendem Recht müssen Firmen ihren Angestellten zwischen zwei Arbeitstagen eine Ruhezeit von elf Stunden gewähren. «Ein Arbeitnehmender, der um 22 Uhr noch eine kurze E-Mail schreibt, darf am nächsten Tag seine Arbeit frühestens um 9 Uhr aufnehmen. Das sei realitätsfremd», schreibt Burkart in seinem Vorstoss. Über ein Viertel der Schweizer arbeitet laut einer Studie des Beratungsunternehmens Deloitte schon jetzt mindestens einen halben Tag pro Woche von zu Hause aus. Die Gewerkschaft Unia positioniert sich klar gegen die Anpassung des Arbeitsgesetzes: «Die Arbeitszeit wird dadurch noch mehr zerstückelt», sagt Sprecherin Leena Schmitter zu 20 Minuten. Damit wird die Verfügbarkeit der Angestellten noch grösser. «Der SGB wird solche Wildwest-Verhältnisse für Home-Office-Arbeitnehmende bekämpfen. Statt Abbau braucht es einen besseren Schutz dieser Arbeitnehmenden», heisst es bei der Gewerkschaft. (Im Bild: SGB-Präsident Paul Rechsteiner) Was sagen die Arbeitgeber zum Vorstoss von FDP-Mann Thierry Burkart? «Für einige Branchen ist das durchaus legitim», sagte Fredy Greuter vom Arbeitgeberverband. (Im Bild: Valentin Vogt, Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes) Das neue Gesetz würde den Arbeitnehmerschutz extrem aufweichen, sagte Corrado Pardini, SP-Nationalrat und Unia-Gewerkschafter bereits 2016. «So kommt es so weit, dass die Angestellten bald auch am Sonntag arbeiten müssen.» Beraterin und Coach Andrea Ruh Woodtli sagt: «Wichtig ist, sich Grenzen zu setzen. Es besteht die Gefahr, dass man sich mehr auflädt oder aufladen lässt, nur weil man mehr Zeit zum Arbeiten zur Verfügung hat.»

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Mehr als ein Viertel der Schweizer arbeitet laut einer Studie des Beratungsunternehmens Deloitte mindestens einen halben Tag pro Woche von zu Hause aus. Vom Gesetz her ist das nicht immer einfach. So ist Sonntagsarbeit nur im Spezialfall möglich. Eine Initiative von FDP-Nationalrat Thierry Burkart will das nun ändern.

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Hartmut Schulze, Professor für Arbeitspsychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz, erklärt, was er darüber denkt.

Herr Schulze, Angestellte sollen neu 17 statt 14 Stunden Zeit haben, ihre Arbeitsstunden im Home-Office zu erledigen. Was sagen Sie dazu?
Ich finde es gut, Home-Office zu fördern. Das kann die Work-Life-Balance verbessern. Es kommt aber auch darauf an, wie die Regelung in der Praxis umgesetzt wird. Es sollte niemand zum Home-Office gezwungen werden, und es ist wichtig zu protokollieren, wie viel man effektiv zu Hause arbeitet, damit man danach eine ununterbrochene Ruhezeit einplanen kann.

Im Initiativtext steht, dass gelegentliche Arbeitsleistungen von kurzer Dauer die Ruhezeit gar nicht unterbrechen. Stimmt das?
Aus psychologischer Sicht ist das nicht ganz korrekt. Auch kurze Unterbrechungen können den Erholungsprozess gravierend stören: Man denke nur an eine ärgerliche E-Mail kurz vor dem Schlafengehen. Studien zeigen ausserdem, dass regelmässige Unterbrechungen der Ruhezeit zu einem deutlichen Anstieg von Stress- und Erschöpfungssymptomen führen.

Ist eine Trennung von Beruf und Freizeit wichtig für die Psyche?
Anstrengung und Erholung sind einfach zwei Seiten einer Medaille. Ein Befund aus einer unserer Studien an der FHNW lautet: Menschen entwickeln häufiger Schlafstörungen, wenn sie die ganze Zeit an die Arbeit denken. Sie können nicht mehr abschalten und brennen leichter aus.

Denken Sie, dass mit der angestrebten Regelung die Vereinbarkeit von Beruf und Familie einfacher wäre?
Wenn man im Home-Office wirklich ungestört und selbstbestimmt arbeiten kann, also nicht ständig ungewollt unterbrochen wird, dann sicher.

Was raten Sie Menschen, die im Home-Office arbeiten?
Die geleistete Arbeitszeit für sich selbst zu protokollieren und die ununterbrochene Ruhezeit danach wirklich einzuhalten. Wenn das Home-Office neu ist, würde ich es zuerst für drei Monate ausprobieren. Auch ist es gut zu wissen, dass den meisten Festangestellten ein bis zwei Tage Home-Office pro Woche genügen, weil sie sonst den Kontakt mit Arbeitskollegen vermissen.

Sonntagsarbeit will die Initiative auch fördern. Was halten Sie davon?
Das hängt von der Interpretation ab. Wenn jemand am Sonntag arbeiten möchte und sich an einem anderen Tag erholen kann, ist das hervorragend. In der Realität tut das schon ein Viertel derjenigen, die regelmässig im Home-Office arbeiten. Wird man allerdings zur Sonntagsarbeit gezwungen, wird sich das negativ auf das Wohlbefinden auswirken.

Wieso?
Wenn man beispielsweise bis spät abends Mails beantworten muss, unterbricht dies das Abschalten und den Erholungsprozess. Es kommt darauf an, selbst entscheiden zu können, ob man in der Freizeit arbeiten will. Diese Freiwilligkeit kann negative Effekte abfedern.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • alfmir am 01.02.2018 11:46 Report Diesen Beitrag melden

    kranke Gesellschaft....

    Erst das grosse Theater von wegen Burnout wegen Überlastung und jetzt der Trend zum länger Arbeiten.....!! Ein an sich schon kranker Trend, um die KK-Prämien noch weiter in die Höhe zu treiben...

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  • Rr am 01.02.2018 12:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Herrscher dieser Welt

    Liebe Leute erkennt ihr nicht. Wir sind alles Wirtschaftssklaven, solange wir teil davon bleiben, wird sich nie was ändern. Ausser das die Mächtigen mehr Macht erlangen..und uns selbst bleibt nur das bittere kriechen.

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  • Payne am 01.02.2018 12:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nein

    Um Himmelswillen nein stimmen! Wir Sklaven müssen uns wehren!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Die Pessimistin am 02.02.2018 20:43 Report Diesen Beitrag melden

    Und vor dem Nichts stehen

    Keine Geschenke mehr ab die gierige Wirtschaft!

  • Die Pessimistin am 02.02.2018 20:42 Report Diesen Beitrag melden

    Und vor dem Nichts stehen

    Kein Arbeit haben als 50plus fördert ebenfall Schlafstörungen.

  • Nur so am 02.02.2018 19:51 Report Diesen Beitrag melden

    Nur so

    Nie und nimmer würde ich ein Homeoffice wollen. Sobald ich zur Bürotüre raus bin, ist Feierabend und Freizeit. Auch will ich nicht, dass dies durchmischt wird. Arbeit ist Arbeit und Freizeit ist Freizeit, Punkt. Homeoffice wird einfach den Leuten als ideale Möglichkeit verkauft, dabei ist es der erste Schritt einer Erwartungshaltung, die nahe der Sklaverei ist!!!

  • Der Ironiker am 02.02.2018 17:27 Report Diesen Beitrag melden

    Erst die Politiker

    Bitte erst die unbezahlte 161 Stunden-Woche bei den Politikern einführen. Danke!

  • Oliver am 02.02.2018 15:10 Report Diesen Beitrag melden

    Aristoteles

    Aristoteles (384 322 v. Chr.) wusste bereits damals, dass mit Homeoffice keine Büroflächen mehr vermietet werden können und es darum zu einer Immobilienkrise kommen wird.

    • Fred D., Rümlang am 02.02.2018 16:05 Report Diesen Beitrag melden

      Good News für Wohnungsmieter?

      Gemäss Prognose werden in 10 Jahren 82% aller Büroflächen nicht mehr beansprucht, was aber heisst, dass diese Flächen in billige Wohnungen umgebaut werden müssen, wenn man noch Mieter finden will. Das Problem wird sein, dass auch diese für den Durchschnittsbürger nicht mehr bezahlbar sein werden.

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