Neues Konzept

14. April 2018 17:34; Akt: 14.04.2018 17:34 Print

Jetzt will H&M kaputte Kleider flicken

von Dominic Benz - Wie kriegt man Kaugummi vom Pulli? Wie flickt man Jeans? Der Modekonzern gibt neu Tipps für die Kleiderpflege – und bietet einen Reparaturservice an.

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H&M setzt auf Nachhaltigkeit. Auf der Website des schwedischen Modekonzern können Kunden neu Tipps und Tricks zur Pflege und Reparatur von Kleidern finden. Mit dem Pilotprojekt dürfte der Konzern auch das Erschliessen neuer Geschäftsfelder testen wollen. Das hat H&M dringend nötig ... ... denn beim Konzern klemmts: Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahrs ist der Gewinn um rund 60 Prozent eingebrochen. Ein Problem für H&M ist das sehr dichte Filialnetz. Während die Kundschaft immer mehr ins Internet abwandert, setzte H&M bisher zu stark auf den stationären Handel. Anders ergeht es dem spanischen Konkurrenten Zara. Beim Mutterkonzern Inditex stiegen zuletzt sowohl Umsatz als auch Gewinn. Die Zahl der Filialen sei so gross, dass viele sich selber kannibalisieren würden, sagt Joachim Stumpf, Geschäftsführer der BBE Handelsberatung. Zara dagegen hält sich bei Standorten zurück und lässt sich in lukrativen Metropolen nieder. «Das Unternehmen hat eine gut ausgewählte Standortpolitik», sagt Stumpf. In Zürich hat sich Zara seit ein paar Jahren im ehemaligen Bally-Gebäude an der Bahnhofstrasse eingenistet (im Bild). Der hart umkämpfte Markt ist gesättigt. «Das Format Filiale hat seine Grenzen erreicht. Im stationären Handel herrscht ein 100-prozentiger Verdrängungswettbewerb», sagt der Experte. Ein Problem von H&M ist, dass der Konzern träge auf Modetrends reagiert. Er besitzt keine eigenen Fabriken und lässt in günstigen Ländern wie Indien, Kambodscha oder China produzieren. Das ist zwar günstiger, doch bis die Kollektion in den Läden ist, vergeht viel Zeit. Im ersten Quartal musste H&M ein viel grössere Kleidermenge als sonst in den Ausverkauf stellen. Der kalte Winter sorgte dafür, dass die Kunden warme Jacken sowie Pullis suchten und die Frühlingskleider in den H&M-Geschäften links liegen liessen.

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Mit der Wegwerfmentalität der Kunden hat H&M jahrzehntelang viel Geld verdient: Kleider, die heute billig gekauft werden, landen schon morgen wieder im Abfall. Dieser Haltung scheint der Modekonzern nun mit dem neuen Pilotprojekt Take Care entgegenwirken zu wollen.

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Auf der Website von H&M erhalten Kunden ab sofort Tipps und Tricks für die Pflege und Reparatur von Kleidern, um deren Langlebigkeit zu erhöhen. Das reicht von weissen T-Shirts mit Zitronensaft bleichen bis üble Gerüche in den Sneakers mit Teebeuteln bekämpfen. Zudem testet H&M einen Reparaturservice in gewissen deutschen Filialen, wie der «Spiegel» berichtet. Auch nachhaltiges Waschmittel und Fleckenentferner soll es bald bei H&M zu kaufen geben.

Für die Schweiz nicht geplant

«H&M Take Care ist eine Kombination aus Produkten, Anleitungen und Dienstleistungen, die die Bedürfnisse der Kunden erfüllen, um die Lebensdauer ihrer Kleidung, Schuhe und Accessoires zu verlängern, zu reparieren und neu zu gestalten», schreibt der Modekonzern auf Anfrage. Das führe zu weniger Abfall und belaste folglich die Umwelt weniger. Laut H&M ist derzeit nicht geplant, das Projekt auf die Schweiz auszuweiten.

Das Ziel der Schweden ist, bis 2030 ausschliesslich recycelte oder zumindest nachhaltig gewonnene Materialien zu verwenden. Seit 2012 sammelt H&M alte Kleider ein und vergibt dafür Kleider-Gutscheine für die eigenen Läden. Das Projekt Take Care soll gemäss H&M diese Sammel-Initiative ergänzen.

«Das ist Symbolpolitik»

David Hachfeld, Textilexperte beim Verein Public Eye, hält diese Umweltbemühungen des Konzerns für nicht sehr glaubwürdig. «Das ist Symbolpolitik», sagt er. Der Konzern wolle sich als Lösung der Wegwerfmentalität stilisieren, für die er selber mitverantwortlich sei.

Als schwierig erachtet Hachfeld etwa, dass H&M Kleider einsammelt und dafür eigene Gutscheine vergibt. «Das suggeriert den Kunden, dass sie ja gleich wieder neue Kleider kaufen sollen», so der Experte. Solange der Konzern das tue, könne er es wohl nicht wirklich ernst meinen mit der Nachhaltigkeit. Zwar seien jegliche Bemühungen in Richtung Nachhaltigkeit zu begrüssen. Doch letztlich müsse H&M grundsätzlich sein Geschäftsmodell ändern. «Ein grüner Anstrich allein kann nicht viel bewirken», so Hachfeld.

Auf neue Ideen angewiesen

Auch Detailhandelsexperte Gotthard F. Wangler ist beim Flick-Konzept von H&M skeptisch: «Das halte ich für reine PR.» Der Konzern sei im Tiefstpreisegment tätig. Da ergebe es aus ökonomischer sich kaum Sinn, diese Kleider mit einem hohen und teuren Arbeitsaufwand zu flicken.

Nicht nur der Umweltgedanke dürfte H&M zu neuen Ideen bewegen. Der Konzern ist gezwungen, neue Geschäftsfelder zu erschliessen, denn die Kunden kommen längst nicht mehr in Scharen in die Läden. Auf den boomenden Onlinehandel hat H&M zu spät reagiert. Das hat Folgen: Die Gewinne sind zuletzt massiv eingebrochen.

Konzerne unter Zugzwang

Daher stehen vor allem Anbieter von Billigkleidern wie H&M unter Zugzwang. Viele Konzerne testen sowohl offline als auch online neue Konzepte, um die Kunden wieder in den stationären Handel zurückzubringen. Dabei spielt auch das Thema Nachhaltigkeit in der Branche eine wichtige Rolle.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Melanie1994 am 14.04.2018 17:42 Report Diesen Beitrag melden

    Keine schlechte Idee

    Mit dem Verkauf von Mode scheint es nicht mehr zu klappen, was mich auch überhaupt nicht wundert. War letzte Woche im H&M und bin sehr schnell wieder raus. Absolut schreckliche Kollektion. Für viele Sachen fühlte ich mich mit 23 zu alt, da viele Mode für Teenager ist (übergrosse Pullis, zerrissene Jeans und Shirts mit riesen Aufdruck). Schade, früher war viel mehr Eleganz und Klassik zu sehen.

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  • thom am 14.04.2018 17:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    einseitig

    da war wohl kein platz mehr für positives in der Umfrage.

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  • Züri Horner am 14.04.2018 17:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie soll das gehen

    Die Reparatur kostet dann mehr als die Kleider selber oder was?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • s'Mimöseli am 27.04.2018 17:40 Report Diesen Beitrag melden

    ich versteh das nicht,

    zuerst verkaufen sie kaputte Kleider, vorwiegend Hosen, und jetzt wollen sie diese gegen Entgelt wieder flicken...:-)) Habe ironisiert.

  • Kevin am 16.04.2018 09:41 Report Diesen Beitrag melden

    billigkleider

    die kleider von H&M sind schon nicht teuer, warum soll ich sie dann flicken lassen? für das Geld, was die Reparatur kostet, kaufe ich mir lieber gleich neue kleider. ist zwar eine reine wegwerf-Mentalität, aber durch diese Billigpreise wird diese gefördert. aber an sich eine gute Idee der modekette, so verdient man zweimal an den Klamotten.

    • Peter Lüthi am 16.04.2018 15:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Kevin

      Sie erwähnen es. Wegwerfmentalität von Billigware, welche oft zu Hungerlöhnen in Schwellen- oder Drittweltländer hergestellt wird. Und Sie unterstützen dies mit Ihrer Aussage. Ich würde nicht stolz darüber sein.

    • s'Mimöseli am 27.04.2018 12:35 Report Diesen Beitrag melden

      @Kevin

      die wegwerf Mentalität wird nicht durch Billigpreise gefördert, sondern durch Käufer wie Sie, denen die Herkunft solcher Kleider egal ist, Hauptsache Geiz ist geil. Habe gemotzt.

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  • Rolandö Fleckflitzer am 16.04.2018 08:17 Report Diesen Beitrag melden

    Wer nicht handelt verliert

    Wenn H&M nicht besseres zu bieten hat, wird in ein paar Jahren die Meldung sein: H&M ist pleite und ist im Konkursverfahren.

  • Heidrun am 15.04.2018 12:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    H&M bracht Secondhandabteilung

    Cool wäre es, wenn die geflickten Kleider in die Secondhand abteilung wandert und wieder verkauft wird. Der Kunde / der Bringer einen 50% Gutschein bekommt und selbst entscheiden kann ob er sein geflicktes Stück wiederhaben möchte/ kaufen oder ein Neues. Persönlich würde ich nur noch in der Secondhandabteilung was individuelles kaufen.

    • Kevin am 16.04.2018 09:37 Report Diesen Beitrag melden

      warum 2x zahlen?

      weshalb sollte ich meine Kleidungsstücke zweimal kaufen? das macht nun absolut keinen sinn. lass ich etwas flicken, dann bezahle ich das und erhalte das teil zurück.

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  • Fraz am 15.04.2018 11:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tolle Geschäftsidee...

    Das ist ja schlau! Qualitativen Billigmist verkaufen und dann auch noch daran verdienen, diesen zu flicken. Und das lustigste daran, die H&M Kunden merken es nicht mal und lassen sich gleich doppelt über den Tisch ziehen.