Heikler Trend

14. September 2014 08:32; Akt: 14.09.2014 08:32 Print

Mit Fett, aber ohne Gluten – die neue Diät

von C. Landolt - Auch Gesunde kaufen zunehmend glutenfreie Nahrungsmittel – weil sie das für besser halten. Auch in der Schweiz. Ein teurer und fragwürdiger Trend.

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Schauspielerin Gwyneth Paltrow leidet an einer Gluten- und Laktose-Intoleranz und ernährt sich ausschliesslich von Gemüse. das verschaffe ihr ein besseres Körpergefühl, sagt sie. Der Verzehr von Gluten (in Weizen, Roggen, Dinkel u.a. Getreidesorten enthalten) kann Unverträglichkeiten auslösen und zu einer Autoimmunerkrankung führen. Rund 1 Prozent der Schweizer Bevölkerung ist davon betroffen. In Hollywood ist die glutenfreie Ernährungauch bei Models wie Miranda Kerr schwer angesagt. verzehren nur Produkte von Tieren, nicht aber die Tiere selbst. So finden sich zwar Eier, Milch und Honig auf ihren Teller, aber nicht Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte. Neben den klassischen Vegetariern gibt es zudem noch die Ovo-Vegetarier, die auf Milchprodukte verzichten, und die Lacto-Vegetarier, die keine Eier konsumieren. verzichten auf Nahrung tierischen Ursprungs. Dazu gehören Eier, Tiermilch und Honig genauso wie die daraus hergestellten Lebensmittel. Zudem lehnen sie auch die Nutzung tierischer Produkte ab. Das reicht von Daunen über Lederschuhe bis zum Wollpullover. Auch Seifen aus tierischen Fetten sind tabu. gehen noch einen Schritt weiter als die Veganer. Sie wollen mit ihrer Lebensweise verhindern, dass auch Pflanzen ihretwegen leiden. Deshalb essen sie nur solche pflanzlichen Produkte, deren Gewinnung die Pflanzen nicht schädigen. Dazu zählen Fallobst, Nüsse und Samen. Bei Honig machen manche Frutarier eine Ausnahme. lehnen Fleischkonsum ab, essen aber Fisch. Auch Honig, Eier und Tiermilch sind erlaubt. Punkto Krebs- und Weichtiere gehen die Meinungen von Pescetariern auseinander: Einige essen sie, andere nicht. sind der Meinung, dass ab und an ein Stück Fleisch schon erlaubt ist. Allerdings geht es den meisten bei dieser Ernährungsweise weniger um den Erhalt tierischen Lebens als um ihre eigene Gesundheit. konsumieren grundsätzlich alle Arten von Lebensmitteln - vorausgesetzt sie wurden während der Verarbeitung nicht über 40 Grad erhitzt oder sind roh. Auf diese Weise sollen die lebenswichtigen Vitamine und Enzyme erhalten bleiben. essen, was andere wegwerfen. Dies nicht aus der Not heraus, sondern aus Überzeugung. Weiter essen sie Selbstangebautes, Geschenktes und Gefundenes. Mit dieser Ernährungsweise wollen sie auf das Konsumverhalten ihrer Mitmenschen hinweisen. verzichten der Gesundheit zuliebe weitgehend auf Kohlehydrate. Auf dem Speiseplan stehen vor allem viel Gemüse, Salate, Früchte und reichlich eiweisshaltige Nahrung wie Fleisch, Geflügel und Fisch, Milchprodukte und Nüsse sowie Hülsenfrüchte. Ebenfalls konsumiert werden hochwertige Fette und Öle. Logi steht für «Low Glycemic and Insulinemic» (deutsch: «niedriger Blutzucker- und Insulinspiegel»). essen ausschliesslich solche Lebensmittel, von denen angenommen wird, dass sie schon in der Steinzeit verfügbar waren: vor allem (Wild-)Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte, Schalentiere, Eier, Obst, Gemüse sowie Kräuter, Pilze, Nüsse, Esskastanien und Honig. Zu vermeiden sind Milch und Milchprodukte, ausserdem Getreide und Getreideprodukte. Auch industriell verarbeitete Nahrungsmittel sind tabu.

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In Hollywood tun es fast alle: Jessica Alba, Miley Cyrus, Miranda Kerr, Karlie Kloss. Auch Victoria Beckham, Gwyneth Paltrow und Nicole Richie schwören auf ihr besonderes Diätregime, das sich «Hollywood gluten-free» nennt. Der Verzicht auf Gluten, das in Brot, Nudeln, Guetsli, Suppen und Saucen enthalten ist, verschaffe ihr einen flacheren Bauch, eine bessere Haut und mehr Energie, sagt beispielsweise die für ihre rigiden Ernährungsprinzipien bekannte Schauspielerin Gwyneth Paltrow. Sie ist nicht die Einzige: Schon gibt es Internetportale wie glutenista.com, die eine Ernährung ohne das Klebereiweiss als «fabelhaft» darstellen.

Laut der US-Marktforschungsfirma Hartman Group halten rund 60 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten dieselbe Lifestyle-Diät wie die Stars. Die meisten davon, obwohl sie es aus gesundheitlichen Gründen nicht müssten. Ist die glutenfreie Ernährung ein Trend? Die Präsidentin der Interessengemeinschaft Zöliakie (so heisst die Gluten-Unverträglichkeit in der Fachsprache), Silvia Baumann, wehrt sich: «Zöliakie ist kein Trend, sondern eine Krankheit.» Sie betrifft immer mehr Menschen: Die IG verzeichne einen steten Zuwachs an Mitgliedern und registriere eine Zunahme von diagnostizierten Betroffenen.

Offiziellen Zahlen zufolge ist in der Schweiz aber nur für einen von Hundert das Klebereiweiss, dass unter anderem Brot zusammenhält, ein echtes Gesundheitsrisiko. Die Betroffenen bekommen von Getreide schlimme Verdauungsstörungen, der Verzehr von Gluten löst die Autoimmunerkrankung Zöliakie aus, und die Darmschleimhaut entzündet sich.

Krankheit? Nein, Zeitgeist

Weil es noch kein Medikament gibt, bleibt den Betroffenen nur, sich glutenfrei zu ernähren. Getreidesorten wie Weizen, Roggen, Dinkel oder Hafer sind deshalb tabu. Herkömmliche Teigwaren sind verboten, ebenso Bier und der Löwenanteil der Produkte der Lebensmittelindustrie, die Gluten als Stabilisator oder Geliermittel verwendet. Alternativen sind Mais-, Kartoffel-, Reis-, Soja-, Buchweizen- und Hirsemehl.

Besonders Gesundheitsbewusste verzichten aus Angst vor einer möglichen Glutenintoleranz auf Weizenprodukte. Gerade dieser Verzicht kann aber allergieähnliche Symptome wie Bauchschmerzen oder Durchfall verursachen. Einbildung oder Entwöhnung? Wer ohne medizinische Indikation länger auf Gluten verzichtet und es dann plötzlich zu sich nimmt, bemerkt plötzliche Beschwerden, die es vorher nicht gab.

Grosse Nachfrage

Die Nachfrage nach glutenfreien Produkten in der Schweiz steigt stetig. Laut «Kassensturz» wächst der Markt jährlich um 10 Prozent.Ob dies an einer Zunahme der Zöliakie-Patienten liegt, ist wissenschaftlich nicht belegt. Sicher ist aber, dass die immer bessere gesundheitliche Aufklärung der Konsumenten damit zusammenhänge, betont Baumann von der IG Zöliakie.

Mittlerweile sind ganze Onlineshops auf den Verkauf von Produkten ohne Gluten spezialisiert. Der Pizza-Kurier liefert glutenfreie Pizza. Detailhändler bieten entsprechende Produkte an. Migros etwa lancierte 2012 eine glutenfreie Linie, die sie selbst produziert. Auch glutenfreie Süssigkeiten sind sehr gefragt. Die Schweizer Reformhaus-Kette Egli Bio vermerkte allein in den Monaten Januar bis Juli 2014 eine 46-prozentige Steigerung an verkauften glutenfreien Produkten gegenüber dem Vorjahr.

Glutenfreie Ernährung geht ins Geld: Die glutenfreien Produkte sind gut dreimal so teuer wie herkömmliche Lebensmittel.