Simulation am WEF

23. Januar 2014 13:24; Akt: 23.01.2014 13:36 Print

Mit den Topmanagern im Flüchtlingscamp

von Yves Hollenstein - Schüsse, Demütigungen und Hunger: In einer Simulation können die WEF-Teilnehmer das Elend von Flüchtlingen am eigenen Leib erfahren. 20 Minuten hat sich an die Fersen eines Managers geheftet.

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Lockere Stimmung in einem Zimmer der Berufsfachschule Davos. Sichtlich gelassen und guter Dinge tritt Topmanager um Topmanager in das Empfangszimmer des Refugee Run, einer Simulation, die WEF-Teilnehmer das Elend der syrischen Flüchtlinge erfahren lassen soll. Die Wirtschaftselite lässt sich Kaffee servieren und den Mantel abnehmen. Nach ein paar Minuten gilt es dann aber ernst.

David Begbie, der Initiator des Projekts, bittet die Anwesenden, ihre Wertsachen und Handys abzugeben. So wie die meisten Flüchtlinge sollen sie nichts ausser Kleidung auf sich tragen. Die Simulation beginnt.

Dunkelheit und Schüsse

Die Topmanager, die nun «Flüchtlinge» sind, quetschen sich durch einen langen, schmalen Gang. Es ist stockfinster. Ein paar Meter weiter betreten sie einen schummrigen Raum. Ein Mann befiehlt ihnen, sich auf den Boden zu setzen. Sie sollen leise sein, damit das Militär sie nicht finde. Der Untergrund ist dreckig, auf die Designer-Anzüge wird keine Rücksicht genommen. Plötzlich ertönen Schüsse und Soldaten stürmen den Raum. Es grenzt schon fast an Brutalität, wie die mit Gewehren bewaffneten Männer die «Flüchtlinge» durch einen weiteren Gang in das Flüchtlingslager treiben.

Dort angekommen, müssen die Teilnehmer sich ausweisen und in einer Reihe aufstellen. Es folgen weitere Demütigungen, den temporären Flüchtlingen werden Gewehre an den Kopf gehalten, sie müssen um Essen betteln. Wer sich nicht korrekt verhält, wird geschlagen (natürlich nicht richtig) oder eingesperrt. Auch picken sich die Soldaten wahlweise Frauen heraus, in der Realität würden diese vergewaltigt werden.

Die ganze Szenerie gleicht einem Actionfilm. Immer wieder ertönen Schüsse. Die Soldaten treiben die Flüchtlinge von einer Ecke in die andere. Ein Flüchtling möchte Essen, der Soldat verlangt 20 Dollar für ein Stück Brot und ein wenig Wasser. Dem Teilnehmer bleibt nichts anderes übrig, als zu hungern. Weil eine Frau keine Identitätskarte mehr besitzt, wird sie erschossen.

«Völlig ohne Kontrolle»

Nach 30 Minuten ist der Spuk vorbei. Die Teilnehmer können wieder in ihre bekannte Rolle schlüpfen. Doch der Schreck sitzt manchem Manager noch tief in den Knochen. «Ich fühlte mich hilflos, völlig ohne Kontrolle», sagt beispielsweise Keith Weed. Im normalen Leben ist er Chief Marketing Officer des weltweit zweitgrössten Konsumgüterkonzerns Unilever. Kurz zuvor habe er noch ein exklusives Frühstück im Luxushotel genossen und jetzt das Ähnlich ergeht es dem Sicherheitschef des belgischen Königshauses. Er musste vorsondieren, das Königspaar Philippe und Mathilde soll später ebenfalls an der Simulation teilnehmen.

Dass die Simulation so authentisch rüberkommt, ist nicht etwa der Leistung von Schauspielern zu verdanken. Alle Protagonisten, ob Soldaten oder solche, die selber Flüchtlinge spielen, greifen dabei auf ihre persönlichen Erfahrungen in einem Flüchtlingslager zurück. Sei es als Mitarbeiter eines Hilfswerks oder als ehemalige Flüchtlinge. So beispielsweise Raphael Mandou, der sechs Monate von kongolesischen Rebellen festgehalten wurde.

Mandou und seine Kollegen berichten den Teilnehmern nach der Simulation über ihre Erlebnisse in Krisengebieten. Es sind emotionale Erzählungen, bei denen die Redner den Tränen nahe sind. Die Teilnehmer goutieren dies mit Applaus. Trotz allem: Es bleibt der fahle Nachgeschmack, dass so mancher Topmanager daraufhin zwar Geld spendet, wenige Stunden später das Erfahrene aber wieder vergessen haben wird.

Bleibender Eindruck

Der Refugee Run wird heuer bereits zum sechsten Mal durchgeführt, zum ersten Mal ist er aber Teil des offiziellen WEF-Programms. Vor Kurzem erhielt Initiator Begbie eine E-Mail von einem CEO eines Weltkonzerns, der vor zwei Jahren an der Simulation teilgenommen hatte. «Er schrieb mir, dass drei Dinge sein Leben entscheiden geprägt hätten: die Ehe, die Geburt seines Sohnes und der Refugee Run», sagt Begbie.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • De Kadent am 23.01.2014 17:41 Report Diesen Beitrag melden

    Zwischendurch gibts Kaviar auf Toast?

    Oder ein Cüpli? Wie makaber ist das denn? Da laufen krawatierte CEO's durch ein simuliertes Camp? Wozu? Um einen Stempel im Besucher-Büechli zu bekommen? Oder einen Tweet loszulassen, im Sinne von "I was there"?

  • Markus am 23.01.2014 21:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hilflos und ohne Kontrolle !

    Wenn sich bei einer Simulation schon jemand hilflos fühlt, wie muss es dann echten Flüchtlingen gehen ? Die WACHSTUMSLÜGE von Wofgang Sipinski, kein Mensch müsste verhungern, wenn man nur wollte. Also, lasst euren Worten Taten folgen, die Mächtigen haben die Fäden in der Hand !

  • Tom B. am 23.01.2014 17:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hab ich auch schon mitgemacht

    Obwohl man weiss, dass es nicht echt ist, eine recht intensive Erfahrung.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Sarkas Mus am 25.01.2014 07:49 Report Diesen Beitrag melden

    Dschungelcamp für Superreiche

    Denen ist nur langweilig

  • Markus am 23.01.2014 21:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hilflos und ohne Kontrolle !

    Wenn sich bei einer Simulation schon jemand hilflos fühlt, wie muss es dann echten Flüchtlingen gehen ? Die WACHSTUMSLÜGE von Wofgang Sipinski, kein Mensch müsste verhungern, wenn man nur wollte. Also, lasst euren Worten Taten folgen, die Mächtigen haben die Fäden in der Hand !

  • abcdefg am 23.01.2014 20:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ....

    Heuchelei vom Feinsten!

  • t.g. am 23.01.2014 19:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    damit lässt sich kein geld verdienen

    und wenn von den damen und herren interessierts am nächsten tag noch? keinen, dann gehts wieder darum geld zu schäffeln. ich glaube diesem "verein" erst wenn taten folgen.

  • De Kadent am 23.01.2014 17:41 Report Diesen Beitrag melden

    Zwischendurch gibts Kaviar auf Toast?

    Oder ein Cüpli? Wie makaber ist das denn? Da laufen krawatierte CEO's durch ein simuliertes Camp? Wozu? Um einen Stempel im Besucher-Büechli zu bekommen? Oder einen Tweet loszulassen, im Sinne von "I was there"?