Karrierewelt

26. Oktober 2015 11:13; Akt: 26.10.2015 11:36 Print

Nicht der Lebenslauf, das Leben ist wichtig

Für das perfekte CV vergessen viele Menschen, was sie eigentlich glücklich macht. Dabei ist der Aufstieg nicht immer das Ziel, sagt ein Karriereberater.

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Manchmal haben wir das Gefühl, alles dem Lebenslauf unterordnen zu müssen - weil man es halt so machen muss. Selbst wenn die Arbeit einen unzufrieden macht. Schon die Berufswahl ist beeinflusst vom späteren Gedanken an einem mögliche Karriere mit tollen Berufsaussichten... ..mit entsprechendem Gehalt und möglichst weltumspannendem Wirkungskreis. Obwohl der ja nicht gerade so sein muss wie die Vita von Google-Co-Gründer Larry Page. «Wo will ich hin?» ist dann nicht die zentrale Frage, sondern: «Wo meine ich, dass ich hin muss?» Neusten Karriereratgebern zufolge kann die Karriereplanung aber auch ganz anders aussehen. Striktes Karrieredenken kann auch zu Überforderung führen. Der Körper meldet sich, man ist überstresst - und fühlt sich wie der Hamster im Rad. Alles nur wenn wir versuchen, es anderen recht zu machen, und darüber unsere eigenen Bedürfnisse vergessen - sagt etwa die deutsche Bestsellerautorin Petra Bock. «Wir wissen aus dem Coaching von Leistungssportlern, dass Menschen dann am lern- und leistungsfähigsten sind, wenn sie sich gedanklich nicht stören und in einem guten Kontakt zueinander stehen», sagt Petra Bock. Dann also, wenn sie entspannt, offen und neugierig sind. In diesem Zustand sind Menschen echte Lernweltmeister. Was nichts anderes bedeutet als das zu tun, was einem gut tut. Dabei muss nicht jede Position zu jeder Zeit und immer nur erfüllend sein. Der Massstab für unser Wohlbefinden ist nicht immer linear mit einem perfekten Lebenslauf.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Martin Wehrle war Manager, bevor er Karriereberater und Lohncoach wurde. In seinem Buch «Sei einzig, nicht artig!» sagt er, dass wir uns die falschen Fragen stellten. So zermartern wir unser Hirn mit der Frage: Was wäre gut für meinen Lebenslauf?, statt uns zu fragen: Was wäre gut für mein Leben? Der «Funkkontakt zum eigenen Herzen» sei abgerissen, so Wehrle.

Einer der Gründe, weshalb uns der verloren gegangen sei, sei der Fortschritt. Wir haben eine «Armada technischer Geräte erfunden, um Zeit fürs Eigentliche zu gewinnen», sagt Wehrle. Doch genau dieser Fortschritt raube uns Zeit für Reflexion. Zeit, die uns früher gegeben wurde, um nachzudenken und zu spüren, was wir wirklich wollten.

Eigene Blockaden

Manchmal sind es aber auch wir, die uns selbst blockieren. So lautet der Ansatz der deutschen Bestsellerautorin Dr. Petra Bock («Mindfuck Job: So beenden Sie Selbstblockaden und entfalten Ihr volles berufliches Potenzial»). «Viele von uns erwarten von sich Perfektion, werten sich ab, halten sich für ausgeliefert und setzen sich gleichzeitig unter Druck», erklärt sie. Es sei ein ganzes System von inneren Blockaden, mit denen wir uns immer wieder selbst ein Bein stellten. Bock hat für diese Haltung einen Begriff geschaffen: «Mindfuck» nennt sie dieses «Bündel von schlechten Denkgewohnheiten», das niemand mehr brauche.

Erfolg ist laut Petra Bock nicht nur an den Lebenslauf oder die Karriere gebunden. Erfolg bedeute vielmehr «Lebensqualität plus persönliche Entwicklung». Also: seinen eigenen Platz finden unter den Menschen und da wirken, wo man seine Talente, Fähigkeiten und Interessen am besten einbringen kann.

Angst um den Lebenslauf

Wer wissen will, wohin es weitergeht, muss also zuerst einmal wissen, wo er sich befindet. Doch genau das ist manchmal schwierig zu erkennen. Life-Coach Sabina Hediger aus Zürich, die nach der Mindfuck-Methode von Petra Bock arbeitet, erlebt in ihrer Praxis «immer wieder Klienten, die sich vermeintlich nicht von einer für sie frustrierenden, ihre Potenziale klein haltenden Arbeitsstelle lösen können». Diese Menschen seien chronisch unzufrieden und manchmal am Rande der Erschöpfung, wie sie zu 20 Minuten sagt.

Frage man dann nach den Gründen, weshalb sie denn nicht wechseln können, komme meistens der Satz: «Ich muss doch mindestens zwei Jahre da bleiben, sonst sieht das in meinem Lebenslauf nicht gut aus.» Und: «Ich muss da durchhalten.» Oft höre sie auch Sätze wie: «Wer A sagt, muss auch B sagen» oder «Das Leben ist kein Wunschkonzert», die Menschen an einer für sie nicht förderlichen Position verharren liessen.

Neuer Fokus

Sabina Hediger rät dann zu einem anderen Fokus. Weg von den negativen Denkkomplexen: «Nicht jede Position muss zu jeder Zeit und immer nur erfüllend sein. Das wäre eine übertriebene, unrealistische Erwartungshaltung. Aber die Lebensqualität – und damit einhergehend auch eine berufliche Erfüllung – ist ein wichtiger Massstab für unser Wohlbefinden. Und dieser Massstab ist nicht immer linear mit einem perfekten Lebenslauf.»

(cls)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • AntonMeier am 26.10.2015 11:34 Report Diesen Beitrag melden

    Und dann bekommt man die gute Quali

    Schade ist, dass dann genau diese Chefs über die Mitarbeiter urteilen und richten. Wie will ein Chef, der kein Privatleben hat und keine Freude am Leben, verstehen dass ein Mitarbeiter dies hat und nicht nur für die Firma lebt?

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  • P.D. am 26.10.2015 15:22 Report Diesen Beitrag melden

    Genug gehört

    Wenn ich solche Sachen lesen, kriege ich so einen Hals!! Ich bin selbst seit laaanger Zeit auf Stellensuche. Habe gute Qualifikationen aber in meinen jungen Jahren bin ich viel gereist und habe viel temporär gearbeitet. Heute, 20 Jahre später, muss ich bei Interviews immer noch erklären wieso ich damals mit 21 nur 3 Monate bei einem AG gearbeitet habe (es war ein befristeter Job) und wieso ich mit 23 lieber nach Australien gereist bin anstatt mehr Berufserfahrung zu sammeln!! Als würde das Leben nur aus Arbeit Arbeit Arbeit bestehen! Was für eine kranke Arbeitswelt!!

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  • Daniel am 26.10.2015 11:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auferzwungen

    Das System zwingt uns ja, das zu tun, was verlangt wird. Von wem auch immer. Wer das tut, was ihm zusagt und wo er seine Talente hat, wird abgestraft. Wenn es nicht gerade Ingenieur oder Informatiker ist...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • s.k am 27.10.2015 10:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    lebenslauf angaben

    jajaaa klar! schafft erst mal die altersangabe wie auch foto im lebenslauf, ab, leider auch eine extrem starke kritik die personalchefinnen und chefen! fotos neigen zu unsymphatie und das alter über 30 sind nicht mehr willkommen!

  • Beobachter am 27.10.2015 10:13 Report Diesen Beitrag melden

    Papier ist so Geduldig.

    Ein Lebenslauf ist wie ein TV Spot. Entweder man versteht das Handwerk oder eben nicht. Viele Top Leute koennen sich schlecht verkaufen. Dafuer brillieren die Nieten.

  • Bergli am 27.10.2015 08:43 Report Diesen Beitrag melden

    schön geredet

    schön geredet - und was bringt die Firmen dazu Leute über 50 wiede reinzustellen? Wisst ihr es nciht? Dann fragt mal den Besserwisser Schneider-Ammann in Bern der sicher eine Rezept hat weil er 'arbeiten bis 70' propagiert.

    • Beobachter am 27.10.2015 10:15 Report Diesen Beitrag melden

      Bedingungsloses Grundeinkommen

      Bei diesem Gehalt wuerde er wohl bis 100 arbeiten. Wein trinken und Wasser predigen, dass ist eigentlich nichts neues, da sind wir uns doch einig.

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  • Gabri22 am 27.10.2015 06:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nur der style zählt

    was lebenslauf und leben...nur die Kleider eines menschen sind wichtig! Nur das zählt' Kleider machen Menschen!

  • Frau, 29 am 27.10.2015 06:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Von nichts kommt nichts

    Das ist ja alles gut und recht Aber von nichts kommt nichts Ich würde mir nichts sehnlicher wünschen, als das zu machen, was mir wirklich gefällt, aber ich muss auch meine Rechnungen zahlen können Das Leben ist nun mal keine Buchwunschvorstellung Zum Glück denken wir Schweizer so, darum läuft unsere Wirtschaft