Zwei Monate U-Haft

28. April 2018 12:06; Akt: 28.04.2018 12:06 Print

Pierin Vincenz darf nicht einmal telefonieren

von R. Knecht - Einzelzelle, Telefonverbot und Internetsperre: Pierin Vincenz sitzt seit Wochen in Untersuchungshaft. Was macht er den ganzen Tag?

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Seit Wochen ist Pierin Vincenz eingesperrt. Was hat die lange U-Haft zu bedeuten? «Wenn eine Leiche am Boden liegt, ist meist schnell klar, dass es um ein Tötungsdelikt geht», so Peter V. Kunz, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Bern. Wenn die Indizien hingegen E-Mails oder Verträge seien, gebe es oft . Zudem könne es vorkommen, dass im Lauf der Untersuchung neue Fakten oder Verdachtsmomente auftauchen. «Aus der Länge der U-Haft kann aber nichts abgeleitet werden, was selber anbelangt», so der Experte. «Nein, das ist in meinen Augen sicherlich nicht der Fall», sagt Kunz. Die Staatsanwaltschaft werde sich hüten, Fehler zu machen. «U-Haft ist für einen Normalbürger eine existenzielle Erfahrung – darum gibt es Leute, die sich am Anfang der Haft etwas antun wollen», sagt Benjamin F. Brägger, Experte für Freiheitsentzug. Untersuchungshäftlinge seien in der Regel . «Wenn man Glück habt, bekommt man eine Normzelle von 12 Quadratmetern, aber die meisten Zellen sind 6 bis 9 Quadratmeter gross.» Häftlinge haben Anspruch auf eine Stunde Spaziergang im Hof. Je nach Anstalt gebe es noch Sport-Angebote, so Brägger. In der Zelle habe es meistens einen Fernseher. Des Weiteren kann Vincenz sich aus der Bibliothek oder von draussen bestellen. Wenn Vincenz mit einem Computer arbeiten will, benötigt er dafür eine Bewilligung. « wird er aber wegen der bestehenden Verdunkelungsgefahr nie bekommen», so Brägger. «Zürich ist verglichen mit dem Rest der Schweiz in Sachen U-Haft eher hart», so Brägger. So herrsche zum Beispiel ein teilweise nicht zu rechtfertigen. «Die Isolation und das Nichtstun, in Kombination mit der Unsicherheit über die eigene Zukunft, stellen dar», sagt Kunz. Bei der U-Haft nimmt die Wahrheitsfindung einen höheren Stellenwert ein als die Freiheit des Einzelnen, erklärt Experte Brägger. , würde ihm finanzielle Genugtuung und Schadenersatz für entgangenen Lohn zustehen. In der Schweiz gibt es keine absolute Frist für die Dauer einer U-Haft. Solange der Haftgrund noch vorliegt, kann sie andauern. «Es gab schon Fälle, wo die U-Haft dauerte», so Brägger. Vincenz ist seit dem 2. März in U-Haft. Der Verdacht der Zürcher Staatsanwaltschaft: Vincenz könnte sich am Verkauf der zwei Firmen Commtrain und Investnet unrechtmässig bereichert haben. Die Verkaufsgeschäfte zwischen Raiffeisen und Aduno könnten Vincenz Millionen beschert haben. Der Churer war von 1996 bis 2015 bei der Raiffeisen tätig.

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Der ehemalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz sitzt seit bald zwei Monaten hinter Gittern. Die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich hatte den Manager am 27. Februar in Gewahrsam und kurz darauf in Untersuchungshaft genommen. Was bedeutet die lange Haft? Und wie muss man sie sich überhaupt vorstellen? Peter V. Kunz, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Bern, und Benjamin F. Brägger, Experte für Freiheitsentzug, beantworten diese Fragen.

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• Warum dauert die Haft so lange?
Wirtschaftsfälle sind laut Kunz besonders komplizierte Angelegenheiten. «Wenn eine Leiche am Boden liegt, ist meist schnell klar, dass es um ein Tötungsdelikt geht», sagt der Professor zu 20 Minuten. Wenn die Indizien hingegen E-Mails oder Verträge seien, gebe es oft mehr Möglichkeiten zur Interpretation. Zudem könne es vorkommen, dass im Lauf der Untersuchung neue Fakten oder Verdachtsmomente auftauchen. «Aus der Länge der U-Haft kann aber nichts abgeleitet werden, was die konkreten Vorwürfe selber anbelangt», so der Experte.

• Lässt man Vincenz extra schmoren?
«Nein, das ist in meinen Augen sicherlich nicht der Fall», sagt Kunz. Die Staatsanwaltschaft werde sich hüten, Fehler zu machen, die ihr vorgeworfen werden könnten. Zudem sei ja nicht die Staatsanwaltschaft, sondern das Zwangsmassnahmengericht für die Verlängerung oder Aufhebung der U-Haft zuständig.

• Wie sieht die U-Haft aus?
«Man spricht ja immer von Hotelvollzug, aber U-Haft ist für einen Normalbürger eine existenzielle Erfahrung – darum gibt es Leute, die sich am Anfang der Haft etwas antun wollen», sagt Experte Brägger. Untersuchungshäftlinge seien in der Regel 23 Stunden am Tag eingeschlossen. «Wenn man Glück hat, bekommt man eine Normzelle von 12 Quadratmetern, aber die meisten Zellen sind 6 bis 9 Quadratmeter gross», so Brägger.

• Was macht Pierin Vincenz den ganzen Tag?
Häftlinge haben Anspruch auf eine Stunde Spaziergang im Hof. Je nach Anstalt gebe es noch Sport-Angebote, so Brägger. In der Zelle habe es meistens einen Fernseher. Wenn Vincenz mit einem Computer arbeiten will, benötigt er dafür eine Bewilligung. «Internetzugang wird er aber wegen der bestehenden Verdunkelungsgefahr nie bekommen», so Brägger. Des Weiteren kann Vincenz sich Bücher und Zeitungen aus der Bibliothek oder von draussen bestellen. Zudem haben die Häftlinge Anspruch auf Besuch, der allerdings überwacht wird. Das Gleiche gilt für den Schriftverkehr. «Alles, was rausgeht oder reinkommt, wird gelesen», so Brägger.

• Wie hart ist die U-Haft im Kanton Zürich?
«Zürich ist verglichen mit dem Rest der Schweiz in Sachen U-Haft eher hart», sagt Brägger. So herrsche zum Beispiel ein generelles Telefonverbot. Die strengen Bedingungen sind laut der nationalen Folterkommission teilweise nicht zu rechtfertigen. «Es wurde auch schon der Vorwurf von Menschenrechtsverletzungen vorgebracht», sagt Kunz von der Uni Bern.

• Wie geht es Vincenz psychisch?
«Die Isolation und das Nichtstun, in Kombination mit der Unsicherheit über die eigene Zukunft, stellen schwere psychische Belastungen dar», sagt Kunz. Diesen dürfte auch Vincenz ausgesetzt sein, denn Kunz bezweifelt, dass es für den Manager eine Sonderregelung gibt.

• Beisst sich U-Haft nicht mit der Unschuldsvermutung?
Bei der U-Haft nimmt die Wahrheitsfindung einen höheren Stellenwert ein als die Freiheit des Einzelnen, erklärt Experte Brägger. Wenn die Staatsanwaltschaft U-Haft beantrage, müsse bereits ein dringender Tatverdacht vorliegen und zudem noch ein besonderer Haftgrund wie etwa Verdunkelungsgefahr. Sollte Vincenz trotzdem für unschuldig befunden werden, würden ihm finanzielle Genugtuung und Schadenersatz für entgangenen Lohn zustehen.

• Wie lange muss Vincenz noch sitzen?
In der Schweiz gibt es keine absolute Frist für die Dauer einer U-Haft. Solange der Haftgrund noch vorliegt, kann sie andauern. «Es gab schon Fälle, wo die U-Haft mehrere Jahre dauerte», so Brägger. Das seien aber Ausnahmen. Meistens dauere sie in der Schweiz nur einen bis zwei Tage lang.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tux am 28.04.2018 12:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wieso ist die Post Chefin nicht!

    Finde ich nicht fair. Wieso ist die POST Chefin Frau Ruoff nicht auch in Untersuchungshaft?!

    einklappen einklappen
  • Pit Z. am 28.04.2018 12:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Absolut richtig

    Er soll nicht die Möglichkeit zur Vertuschung bekommen. Gesetze sollen für alle gleich sein.

    einklappen einklappen
  • Ex Raiffeisler am 28.04.2018 12:18 Report Diesen Beitrag melden

    Kaiser Vincenz

    Der Blender ist genau am richtigen Ort, er hat mit seinen Königen bei Raiffeisen die Genossenschafts-Idee zerstört!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Frau Meier am 30.04.2018 06:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Konsequenzen

    Selber schuld - wer sich auf dünnes Eis begibt, muss auch Konsequenzen tragen können.

  • Lzürich am 28.04.2018 21:13 Report Diesen Beitrag melden

    U-Haft

    Der Staatsanwaltschaft kann sie so lange es will drin behalten ob was wierklich getan haben oder nicht.Er geht selten nach Strafprozess Verfahren nach Schweizer gesetz obwohl er genau weisst das nicht erlaubt ist aber er weiss auch 100prozentig ihm oder den Polizei kann nicht passieren.Er wird irgwndwelche artikeln befassen :Fluchtgefahr,Kollisiongefahr etc und wird ihnen einem falschen beschluss erfassen zusammen mit dem Untersuchungsbeamten,zwangsmassnahmegericht etc das ist nur eine Form sache.Es gibt Menschen wo Monaten lang oder Jahre drin gehalten nur wegen eine Aussage......

  • Peter Meier am 28.04.2018 20:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weiss genau was er da tat.

    Herr P.V. weiss genau was er da tat, seine Frau natürlich auch. Deshalb sollte er eine saftige Strafe inkl. Berufsverbot erhalten. Diese Strafe sollte eine Signalwirkung haben, speziell in der Bankbranche, hoffe ich zu mindest. Einen solchen Menschen wie Herr P.V. kann ich nicht verstehen da er aus sehr gutem Haus ist. Es fehlt ihm ja gar nichts. Mit dieser Voraussetzung würde ich von einem gebildeten Mann eher Zurückhaltung zeigen. Aber diese Spezies von Bankmanager sind einfach nur Geldgeil und Grössenwahnsinnig.

  • Andre am 28.04.2018 20:17 Report Diesen Beitrag melden

    Unschuldsvermutung vs U-Haft

    Erschreckend wie viele Kommentatoren davon ausgehen, dass die U-Haft eine die Schuld beweist und dabei soll diese doch nur dem Staatsanwalt die Zeit verschaffen, den Fall zu verstehen und vermutlich auch etwas Druck aufzubauen. Handkehrum erhöht jeder Tag mehr, den Druck auf den Staatsanwalt dem Verdächtigen eine Schuld nachzuweisen.

  • Krieger am 28.04.2018 20:16 Report Diesen Beitrag melden

    Ein gutes Zeichen

    Langsam geht's auch den grossen Fischen an den Kragen. Die sollten sich also nicht zu sicher sein...