Glasfasernetze

22. Juni 2010 15:14; Akt: 22.06.2010 15:39 Print

Schweiz droht den Anschluss zu verlierenSchweiz droht den Anschluss zu verlieren

von Elisabeth Rizzi - Der Bau neuer Glasfasernetze ist zum Kampf aller gegen alle ausgeartet. Der weitere Ausbau ist gefährdet. Selbst Bulgarien und Litauen sind weiter als wir.

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(Bild: Keystone)

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Der Aufbau einer Glasfaserinfrastruktur in der Schweiz ist in den letzten Wochen zu einem veritablen Kampf ausgeartet. Jeder bekriegt jeden Der ehemalige Swisscom-CEO Jens Alder sowie der Noch-Sunrise-Chef Christoph Brand warnen öffentlich, das geplante Netz könne nie und nimmer rentabel sein. Swisscable, der Verband der Fernsehnetzbetreiber, hat bei der Wettbewerbskommission eine Anzeige gegen die Swisscom und ihre Kooperation mit den städtischen Werken eingereicht und kämpft darum, selbst als Infrastruktur-Mitbewerber angesehen zu werden. Und Openaxs, ein Verband verschiedener Elektrizitätswerke, nutzt die Situation, um TV-Kabelnetzbetreiber ins Boot zu holen. Openaxs will auf demselben Netz wie die Swisscom ein Konkurrenzangebot zum Telecomriesen schaffen.

Worum geht es? Die Telefonnetze geraten an ihre Kapazitätsgrenzen. Deshalb will Branchenleaderin Swisscom die alten Kupferleitungen möglichst rasch durch Glasfasernetze (Fiber To The Home, FTTH) ersetzen. Im letzten Jahr einigten sich die unterschiedlichen Telecom-Akteure an einem runden Tisch auf die Koordination beim Bau der neuen Infrastruktur: Es soll schweizweit ein Netz mit vier Fasern gebaut werden.

Die Swisscom arbeitet dabei mit den Elektrizitätswerken zusammen und beansprucht überall eine Faser für sich selbst. Das Ziel des Mehrfasernmodells: ein offener Zugang zur Technologie für alle Telecomanbieter. Die Swisscom-Mitbewerber fürchten dennoch zunehmend, das Unternehmen könnte seine heutige Monopolstellung missbrauchen und sich einen unzulässigen Wettbewerbsvorteil verschaffen.

Mehrfasernidee einzigartig

«Wir sind nicht gegen den Ausbau des Netzes als solches. Aber Swisscom sichert sich einen Netzzugang zu markant tieferen Investitionsrisiken», warnt Swisscable-Geschäftsführerin Claudia Bolla. Sie befürchtet konkret eine Quersubventionierung des Swisscom-Netzes durch die städtischen Werke. Derweil müssten die rund 250 vorwiegend privat oder genossenschaftlich organisierten TV-Kabelnetzbetreiber ohne staatliche Hilfe ihre Infrastruktur ausbauen.

Angst vor Wettbewerbsnachteilen haben auch die anderen Telecom-Anbieter. Insbesondere Sunrise-Chef Christoph Brand wettert: «Der Kunde wird nicht bereit sein, für mehrere Glasfaseranschlüsse eine Anschlussgebühr zu zahlen. Auch aus Kapazitätsgründen ist es nicht nötig, mehr als eine Glasfaser in jeden Haushalt zu verlegen.» Am Ende würde immer nur eine Glasfaser genutzt, die anderen würden ungebraucht bleiben.

«Der Mehrfasern-Ansatz ist in der Tat eine 'Schweizer Idee'», weiss Hartwig Tauber von der Interessenvereinigung FTTH Council Europe. Multi-Faser-Verlegungen würden vielfach diskutiert. Jedoch sei – ausser in der Schweiz – kein Fall bekannt, in dem sie in grossem Stil umgesetzt wurden.

«Aus heutiger Sicht würde eine Faser tatsächlich reichen», bestätigt Gregor Eugster vom Unternehmen Broadband Networks. Aber während Sunrise-Chef Christoph Brand 30 Prozent Mehrkosten für die Verlegung von mehreren Fasern in Umlauf bringt, beschwichtigt Eugster: «Das Teure bei der Verlegung von Glasfasern ist das Graben der Leitungen. Die Zusatzkosten für zusätzliche Glasfaserstränge in einer Leitung betragen je nach Standort nur zwischen 5 und 25 Prozent.»

Schweiz droht Anschluss zu verlieren

Der FTTH-Experte Tauber warnt die Schweiz derweil davor, sich zu sehr in politischen Streiterein zu verstricken. Insbesondere den kritischen Stimmen zu Rentabilität und Amortisierbarkeit der Glasfasernetze entgegnet er: «Die Tatsache, dass es alleine in Europa über 240 FTTH-Projekte gibt die auf einem tragfähigen Businessplan aufbauen, zeigt deutlich, dass sich Investitionen in FTTH sehr wohl amortisieren. Da FTTH die einzige Technologie ist, die auch in mittlerer und ferner Zukunft die Bandbreitenanforderungen der Unternehmen und Haushalte erfüllen kann, ist eine Investition in Glasfaser eine zukunftssichere Entscheidung.»

Er gibt zu bedenken, dass die Schweiz mit ihren Querelen den Anschluss an die moderne Welt verlieren könnte. So gehört sie noch immer nicht zu den Staaten, in denen mindestens 1 Prozent aller Haushalte mit FTTH ausgerüstet ist. Südkorea, Japan und Hongkong haben dagegen schon längst weit über 30 Prozent der Haushalte mit Glasfasern erschlossen. Aber auch Litauen, Schweden, Norwegen und Schweden liegen inzwischen bei 5 bis 10 Prozent. Und sogar osteuropäischen Staaten wie Tschechien und Bulgarien haben eine höhere FTTH-Dichte als die Eidgenossenschaft.

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