OVS-Mitarbeiter

07. Juni 2018 10:35; Akt: 07.06.2018 12:58 Print

«Ende Monat erhalten wir alle die Kündigung»

von R. Knecht - Die Notlage bei OVS bekommen auch die Mitarbeiter des Unternehmens zu spüren. Es gibt Gerüchte, dass gewisse Löhne nicht mehr bezahlt werden.

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Normalerweise müssen Firmen bei Massenentlassungen einen Sozialplan bieten. Im Fall von OVS-Mutter Sempione Fashion ist das jedoch nicht der Fall. Die Mitarbeiter glauben nicht, dass sie irgendeine Abfindung erhalten würden, falls ihnen gekündigt wird: «Es ist ja gar kein Geld mehr da», sagt ein OVS-Angestellter, der anonym bleiben möchte, zu 20 Minuten. Und eine Kündigung erwartet der Mitarbeiter: «Ende Monat werden wir alle die Kündigung bekommen.» Sempione Fashion muss laut der Gewerkschaft Unia an die italienische Muttergesellschaft OVS appellieren. OVS trage grosse Verantwortung «in diesem Debakel», so die Gewerkschaft. Sempione Fashion, dem OVS in der Schweiz angehört, befindet sich seit Anfang Juni in der Nachlassstundung. Wie aus einem an die Filialleiter verschickten Brief hervorgeht, der 20 Minuten vorliegt, hat dies negative Folgen für OVS-Kunden: Alle Geschenk-Karten und sonstigen Gutscheine von OVS und Charles Vögele haben ihre Gültigkeit verloren. Sie können per sofort nicht mehr in den Filialen eingelöst werden. Der Umtausch von Waren gegen andere Waren oder die Rückerstattung von Geld sind nicht mehr möglich. Dies gilt auch für Produkte, die vor dem 30. Mai gekauft wurden. Kunden mit OVS-Karte können keine Bonuspunkte mehr sammeln und einlösen. Es werden auch keine neuen Bonus-Karten ausgestellt. Mitarbeiter erhielten am Dienstag einen eingeschriebenen Brief von OVS. Der Verwaltungsrat der Schweizer OVS-Kleidergeschäfte hat beim Bezirksgericht Höfe ein Gesuch um provisorische Nachlassstundung eingereicht, wie das Unternehmen mitteilte. Die Marke OVS habe sich nicht wie gewünscht am Schweizer Markt positioniert. Die anhaltend ungenügenden Umsätze hätten daher zu massiven finanziellen Engpässen geführt, so das Unternehmen. Die rund 140 OVS-Geschäfte in der Schweiz entstanden aus den ehemaligen Filialen von Charles Vögele, die im Dezember 2016 an OVS verkauft worden waren. OVS ist an der Mailänder Börse kotiert. Damals schrieb Vögele rote Zahlen im zweistelligen Millionenbereich. Stefano Beraldo, der CEO von OVS, sagte bei der Übernahme aber, er werde das Unternehmen wieder auf Kurs bringen und wolle in der Schweiz zum Marktführer werden. Stattdessen steht der Händler hierzulande jetzt vor dem Aus. Auch der Wechsel vom Namen Vögele zu OVS war riskant: «Ein Rebranding birgt immer das Risiko in sich, dass mehr Stammkunden der alten Marke zur Konkurrenz abwandern, als dass Neukunden gewonnen werden können», erklärt CS-Experte Jucker. Um OVS war es in der Schweiz in Sachen Werbepräsenz relativ ruhig. Charles Vögele warb früher mit prominenten Markenbotschaftern wie Penélope Cruz ... ... und Til Schweiger. Zwar half das nicht direkt gegen die roten Zahlen, immerhin dürfte heute aber vielen der Name Charles Vögele noch geläufiger sein als OVS.

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OVS ist in einer finanziellen Notlage und steht kurz vor der Pleite. Das wirkt sich auch auf die Mitarbeiter aus. Am Dienstag wurde bekannt, dass Sempione Fashion, das Unternehmen hinter den Schweizer OVS-Läden, eine Massenentlassung erwägt.

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Kommt es zu einer Massenentlassung, sind Unternehmen verpflichtet, einen Sozialplan für die betroffenen Mitarbeiter zu erstellen. Eine Ausnahme gilt jedoch, wenn sich die Firma wie im Fall der OVS-Mutter Sempione Fashion in Nachlassstundung befindet. Der Charles-Vögele-Nachfolger hat das mit seinen Mitarbeitern in einem Schreiben auch explizit kommuniziert: «Es besteht keine Sozialplanpflicht.»

Ein Sprecher von Sempione Fashion bestätigt gegenüber 20 Minuten, dass es keinen Sozialplan gibt. «Angesichts der Restriktionen, die uns die Nachlassstundung auferlegt, können wir keine freiwilligen Leistungen ausrichten, zu denen wir gesetzlich nicht verpflichtet sind», so der Sprecher.

«Es ist ja gar kein Geld mehr da»

Auch die Mitarbeiter glauben nicht, dass sie nach der Kündigung irgendeine Abfindung erhalten werden: «Es ist ja gar kein Geld mehr da», sagt ein OVS-Angestellter, der anonym bleiben möchte, zu 20 Minuten.

Der Mitarbeiter ist bereits jetzt überzeugt, dass er seinen Job nicht mehr lange haben wird: «Ende Monat werden wir alle die Kündigung erhalten», sagt er zu 20 Minuten. Er habe sogar schon gehört, dass einige OVS-Aushilfen, die auf Stundenlohnbasis angestellt sind, ihre Löhne seit 5. Juni nicht bekommen hätten. Sempione Fashion kommentierte dies auf Anfrage von 20 Minuten nicht.

Ein Fünkchen Hoffnung gibts noch

Obwohl es für die OVS-Angestellten nicht gut aussieht, besteht bei den Mitarbeitern noch Hoffnung: Ein anderes Unternehmen könnte einige Filialen übernehmen. Dies wurde auch im ursprünglichen Schreiben von Sempione Fashion erwähnt. Sollte es zu einer Übernahme kommen, könnte es sein, dass ein Teil der Mitarbeiter bei der neuen Firma weiterarbeiten könnte. «Ich schaue mir die Stellenanzeigen derzeit aber etwas genauer an», sagt ein OVS-Angestellter zu 20 Minuten.

Die Gewerkschaft Unia organisiert derzeit regionale Versammlungen, um die Mitarbeitenden zu unterstützen und sie zu informieren, wie sie sich im Konsultationsverfahren äussern können.

«Die Schweizer Angestellten sind den Italienern egal»

Sempione Fashion muss laut Unia an die italienische Muttergesellschaft OVS appellieren. OVS trage grosse Verantwortung «in diesem Debakel», so die Gewerkschaft. Sie verlangt flankierende Massnahmen wie etwa ein Job-Center und finanzielle Entschädigungen. Der OVS-Mitarbeiter sagt zu 20 Minuten jedoch, dass er da wenig Hoffnung habe: «Die Italiener ziehen sich jetzt einfach aus dem Markt zurück und das Wohl der Schweizer Angestellten ist ihnen egal.»

Bereits vor der Ankündigung der provisorischen Nachlassstundung von Sempione Fashion bemängelte die Unia, dass der Modekonzern zu wenig transparent sei. Als das Unternehmen Ende Mai dann in Nachlassstundung ging, schrieb die Gewerkschaft, es habe seine tatsächliche Situation verheimlicht und damit verhindert, dass die Angestellten die erforderlichen Massnahmen ergreifen konnten.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • michi Züri am 07.06.2018 10:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Viel Kraft den Mitarbeitenden

    1120 Arbeitslose mehr. Und dann im nächsten Artikel prahlen, die Arbeitslosenquote sei so tief wie nie..

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  • Dave am 07.06.2018 10:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Naja..

    Bei so einem schäbigen Laden würde ich mich einen Monat Krankschreiben lassen und die restlichen Mitarbeiter auch dazu motivieren.

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  • Waterpolo1s am 07.06.2018 10:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Good Luck .... smile

    Ich wünsche allen, dass sie rasch wieder einen Job finden ... Good Luck!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Era Luzern am 07.06.2018 21:58 Report Diesen Beitrag melden

    Lohn

    Ich hoffe das wenigstens die Mitarbeiter noch ihre Löhne für ihre geleistete arbeit bekommen.

  • Dario am 07.06.2018 20:21 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur ein Gerücht!

    Meine Mutter ist 20% angestellt und bekamm den Lohn vom 30. Mai auch noch nicht!

  • Dani D am 07.06.2018 20:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hmm..

    Naja dachte mir damals schon wie doof das sie bleiben als Vögele aufgelöst wurde wäre ich auch gegangen, dass kann ja nicht gut kommen. Nungut im Verkauf findet man schnell etwas. Das gibts wie sand am Meer.

    • Erich am 08.06.2018 16:03 Report Diesen Beitrag melden

      Wie Sand am Meer?

      Ja genau, weil ja Online-Stores so ungefragt sind...

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  • Brigitte am 07.06.2018 19:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bachmann

    Was für ein unglaubliches Trauerspiel !!!!In einem Markt der eh nichts hergibt nun noch sooooviele Entlassungen! Wieviele Fälle wird das wieder produzieren die an der Armutsgrenze leben müssen! Betrifft ja eh Teilzeit und Stundenjobs von Frauen!

  • Luna_cat am 07.06.2018 19:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kleiner Vorschlag

    Kleiner Tipp am Rande OVS wie wäre es mit einem total Ausverkauf mit Rabatten um alle Lager grösstenteils leer zu bekommen und allen Mitarbeitern zumindest eine kleine Abfindung zu bezahlen. Ich denke es würde so div. Menschen in die Läden locken und immerhin noch Einnahmen generieren