Tatort Pensionskasse

09. Juli 2010 09:17; Akt: 09.07.2010 09:26 Print

So werden Sie zum Rentengeld-AbzockerSo werden Sie zum Rentengeld-Abzocker

Der aktuelle Korruptionsskandal bei der Zürcher Beamtenversicherung zeigt einmal mehr: Pensionskassen bieten sich als Spielplätze für Gauner und Abzocker an.

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Dieser Verlockung erlag dieses Jahr der Pensionskassenverwalter D.G. bei der Personalvorsorge des Kantons Zürich BVK. Von 1997 bis zu seiner Verhaftung in diesem Jahr liess er sich (mutmasslich mit sogenannten Kick-back-Geldern) dafür bezahlen, dass er das Rentengeld in dubiose Finanzkonstrukte lenkte. So verlor die BVK beim Investment in die Beteiligungsgesellschaft BT&T über 270 Millionen Franken – deren Chef Walter Meier wurde übrigens ebenfalls verhaftet. 20 Millionen gingen in die HBM-Finanzgesellschaft, Millionen flossen in ein Beteiligungsvehikel mit dem sinnigen Namen Progressnow. Eine wichtige Rolle dabei spielte der schillernde bulgarisch-schweizerische Geschäftsmann Rumen Hranov. In diesem Fall gingen die Kick-back-Gelder ‚back’, also zurück zum Besitzer: 2006 musste der entlassene Anlagechef der Siemens- Pensionskasse, Roland Rümmeli, seiner früheren Arbeitgeberin Franken Bestechungsgelder rückerstatten. Rümmeli hatte das Geld für die Investition von Pensionskassengeldern in den Hedge-Fund Auriga erhalten. Für diese Methode braucht es weniger schnelle Beine als viel mehr Unverfrorenheit und ein diskretes Umfeld. Uns so geht's: Pensionskassen investieren oft grosse Beträge auf einmal und treiben mit der Transaktion die Preise des Anlageziels in die Höhe. Anlageverantwortliche können also – bevor sie für die Kasse den Kaufauftrag auslösen –selbst privat in die Anlage investieren und vom Preisanstieg profitieren. Das ist Insiderhandel und strafbar; jedoch gelten die gesetzlichen Bestimmungen in der Schweiz noch immer als zahnlos. Die meisten Fälle blieben im Verborgenen, wird vermutet. Ans Licht kam aber ausgerechnet ein Fall, der sich danach im Sinne des Gesetzes als legal herausstellte: 2006 geriet der Verwalter der Pensionskasse der Maschinenfabrik Rieter, Jürg Maurer (Bild), in den Verdacht des Insiderhandels, weil er eine Villa und innert weniger Jahre ein Privatvermögen in zweistelliger Millionenhöhe angehäuft hatte. Ein Untersuchungsbericht wies aber seine Unschuld nach. Maurer habe lediglich geschickt und mit viel Glück angelegt. Eher Unvermögen als kriminelle Energie kann man diesen PK-Verwaltern unterstellen. So geschehen letztes Jahr bei der Freizügigkeitsstiftung Fina. Auf dubiose Weise verschwanden über fünf Millionen Franken von über 200 Versicherten, die Stiftung ging darauf Konkurs. Grund: Die Fina liess das Geld in die mutmasslich betrügerische Vermögensverwaltungsfirma Infina GmbH fliessen. Gegen deren Chefs Milan und Milos Savic läuft ein Strafverfahren; sie sollen ein Schneeballsystem mit Pensionskassengeldern betreiben. Für die Verwalter der Fina heisst das: Nicht nur den falschen Leuten vertraut, sondern auch das hart erarbeitete Rentengeld der Versicherten verpokert. Ein aktueller Fall aus dem Bernbiet: Ein ehemaliger Hochschulprofessor leitete diesen Frühling gegen die Bernische Pensionskasse Betreibung ein. Der Vorwurf: Die Kasse habe rund Franken Rentengeld nicht an ihn, sondern an dubiose Betrüger überwiesen. Im Verdacht steht dabei Paul E. Wittmer. Dieser geriet vor drei Jahren als Hochstapler und Betrüger in die Schlagzeilen. Er hatte sich im Kanton Solothurn als Anwalt ausgegeben und sich mit mehreren falschen Doktoren- und Professorentiteln geschmückt. Von seinen Klienten hatte er Gelder entgegengenommen, um diese gewinnbringend anzulegen. Doch die Gläubiger sahen nie mehr etwas davon. Ebenfalls wenig originell: Simples Klauen. In diesem Fall bedient sich ein Pensionskassen-Mitarbeiter am Geldtopf der Versicherung und leitet das Geld auf möglichst versteckte Weise auf private Konten ab. Geschehen zum Beispiel vor rund zehn Jahren bei der Pensionskasse des Bauhauptgewerbes. Ein ehemaliger Abteilungsleiter wurde verhaftet, nachdem er rund zwei Millionen Franken geklaut hatte. 2007 wurde der frühere Chef der Pensionskasse Plus verurteilt. Von den 4,2 Mio. Franken Vorsorgegeldern, welcher der Pensionskasse Plus damals anvertraut waren, gingen 3,2 Mio. durch das kriminelle Verhalten des untreuen Treuhänders verloren. Das Geld verbrauchte er in erheblichem Umfang für private Zwecke. Für das Loch von über 3,7 Mio. Franken kam in der Folge der Sicherheitsfonds der zweiten Säule auf. Sogar Gewerkschafter erliegen der Versuchung. Rund 7 Millionen Franken Pensionskassengelder veruntreute Antonio Giacchetta. Er beriet für das Patronato INCA, das der italienischen Gewerkschaft CGIL angeschlossen ist, italienische Arbeiter in Sachen Pensionskasse. Von 2002 an türkte er Vollmachtspapiere, Bestätigungsschreiben und Auszahlungsverträge. Letztes Jahr wurde Giacchetta verhaftet; nach neun Monaten Untersuchungshaft ist der Betrüger wieder auf freiem Fuss. Vom veruntreuten Geld fehlt weiterhin jede Spur. Die Opfer fürchten, dass es Giacchetta nach Italien gebracht hat. Etwas auffällig, aber manchmal erfolgreich: Klauen und abhauen. So geschehen vor zehn Jahren bei der Pensionskasse der Jean Frey AG. Ein ehemaliger Finanzchef hatte über fünf Millionen Franken an Pensionskassengeldern an eigene Offshore-Gesellschaften abgezweigt und sich Anfang 2000 in die USA abgesetzt. Kurz darauf wurde er dort aufgrund eines internationalen Haftbefehls verhaftet und in die Schweiz ausgeliefert. Das Verdikt des Zürcher Bezirksgerichts: vier Jahre Zuchthaus. Vom 800-Milliarden-Honigtopf der beruflichen Vorsorge profitieren nicht nur Gauner, sondern auch Heerscharen von Beratern, Buchprüfern und Vermögensverwaltern. Die Folge davon: Die Kosten für die Verwaltung sind in den letzten Jahren regelrecht explodiert. Laut «Bilanz» nahmen die Gesamtkosten seit 1990 um 136 Prozent zu, während die Kapitalerträge auf den Pensionskassenvermögen lediglich um 41 Prozent zunahmen. Zu den gut 4 Milliarden Franken offengelegten Kosten dürften in den Pensionskassen laut Beobachtern nochmals gegen drei Milliarden Franken an verdeckten Kosten anfallen.

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Schon wieder zieht ein Pensionskassen-Skandal seine Kreise: Der illustre Investor Rumen Hranov soll Bestechungsgelder in sechsstelliger Höhe an seinen Amigo bei der Zürcher Beamtenversicherung BVK gezahlt haben. Begünstigter seiner grossen diskreten Zuwendungen: Der Ex-Anlagechef der Pensionskasse.

Der Fall BVK fügt eine weitere Episode in eine lange Liste von Pensionskassen-Gaunereien hinzu. Denn seit die berufliche Vorsorge in der Schweiz im Jahr 1983 für obligatorisch erklärt wurde, häuft sich bei den Pensionskassen das Rentengeld. Auf rund 800 Milliarden Franken ist das Vorsorgekapital mittlerweile angewachsen, jahrzehntelang eingezahlt von fleissigen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Entsprechend gross ist die Verlockung für Leute, die mit oder nahe an den Geldtöpfen arbeiten, sich daran selbst zu bedienen.

Verlockung: gross

Denn das Geld muss investiert werden. An der neuralgischen Schaltstelle für Anlageentscheide sitzen die Anlagechefs, oder die Pensionskassenverwalter. Dort machen sie sich zur Zielscheibe für Bestechungen. Einige sind der Versuchung des schnellen Geldes erlegen, wie die Reihe von Betrügereien zeigt, die in den letzten Jahren ans Licht gekommen sind. Die Möglichkeiten sind vielfältig. In der Bilderstrecke finden Sie eine Anleitung zum Pensionskassenbetrug, samt Praxisbeispielen.

Kontrolle: schwierig

Pensionskassenexperte Martin Janssen zeigt sich nicht überrascht von den Skandalen. «Das System der Vorsorge ist anfällig für Missbrauch, weil sehr viel Geld im Spiel ist», so Janssen gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Ausserdem sei die Distanz gross zwischen jenen, denen das Geld gehört und jenen, die damit arbeiteten. Eine Kontrolle sei schwierig: Schliesslich könne man nicht jedem Pensionskassenverwalter einen Polizisten zur Seite stellen und diesen dann durch einen weiteren überwachen lassen.

Abhilfe: langweilig

Um sich gar nicht erst Bestechungsversuchen auszusetzen, soll der Anlagechef soweit wie möglich passiv anlegen, schlägt der Experte vor. Die Pensionskasse soll also nicht in einzelne Titel, sondern in ganze Indizes wie den SMI investieren. Das mache den Job des Anlagechefs aber «sterbenslangweilig», so Janssen. Ausserdem verpasse die Kasse so die riskanten, aber renditestarken Investitionen in aufstrebende KMU. «Eine perfekte Lösung gibt es nicht», so der Experte.

(scc/oba)

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