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Nestlé lädt zum Schwatz
14. Januar 2012 20:59; Akt: 16.01.2012 16:24 Print
Stelldichein der Bonzen, Bosse und Bundesräte
von Sandro Spaeth - Heute lädt der Lebensmittel-Multi Nestlé die Einflussreichsten aus Politik und Wirtschaft nach Vevey. Ist die jährliche Rive-Reine-Tagung mehr Klassentreffen oder «Geheimkonferenz»?
Bilder der Rive-Reine Tagung im Jahr 2011.
Limousinen mit getönten Scheiben, die Männer in dunklen Anzügen vor dem Eingang des Nestlé Hauptsitz in Vevey abladen: Kurz vor 16 Uhr werden sie eintreffen, die Edelkarossen der Zürcher Banken, Basler Pharma-Multis und Genfer Rohstoffhändler. Firmenaufschriften wird man vergeblich suchen. Bei der «Geheimkonferenz» Rive Reine trifft die Classe politique auf die Classe écomomique – Bundesräte auf Konzernchefs, Parteispitzen auf Verwaltungsräte und Verbandsbosse.
Die Rive-Reine-Tagung am Genfersee ist so etwas wie der kleine Halbbruder des Davoser Weltwirtschaftsforums WEF, nur diskreter. Verschwiegenheit ist hier Pflicht. Über die Ergebnisse der Tagung dringt nichts an die Öffentlichkeit. Teilnehmerlisten wie Traktanden sind geheim. Oder waren es zumindest bislang.
Themen: Schuldenkrise und Personenfreizügigkeit
Seine Teilnahme bestätigt haben gegenüber 20 Minuten Online einzig FDP-Präsident Fulvio Pelli
Fulvio
Pelli
FDP-Liberale, TI
NationalratVerbunden mit
Casram SA, Caslano
weitere Verbindungen anzeigen und CVP-Chef Christophe Darbellay
Christophe
Darbellay
CVP, VS
NationalratVerbunden mit
Robert Gilliard SA, Sion
weitere Verbindungen anzeigen. Nicht dabei sind SP-Fraktionschefin Ursula Wyss
Ursula
Wyss
SP, BE
NationalratVerbunden mit
Förderverein Waldstadt Bremer, Bern
weitere Verbindungen anzeigen und BDP-Präsident Hans Grunder
Hans
Grunder
BDP, BE
NationalratVerbunden mit
Grunder Ingegnieure AG, Hasle-Rüegsau
weitere Verbindungen anzeigen. Die anderen schweigen: privater Anlass, Diskretion. Man solle sich doch direkt beim Veranstalter erkundigen, sagen etwa UBS und Nationalbank. Letztere wird wegen der Hildebrand-Affäre – obwohl offiziell kein Traktandum – wohl zu Diskussionen Anlass geben. Die Presse ist von der Tagung ausgeschlossen – bis auf die NZZ, die aber traditionellerweise über die Inhalte schweigt.
Die Einladung zur privaten Tagung unterzeichnet hat laut Recherchen von 20 Minuten Online der ehemalige Nationalbank-Präsident und heutige Nestlé-Verwaltungsrat Jean-Pierre Roth. Die eineinhalb Tage dauernde Konferenz folgt einem strikten Ablauf. Zuerst wird am Nesté-Hauptsitz in Vevey über die Ergebnisse der letzten Tagung informiert, dann folgt eine rund zweistündige Diskussion. Wie Nestlé auf Anfrage überraschenderweise mitteilt, geht es in diesem Jahr um die Auswirkungen der europäischen Schuldenkrise auf die Schweiz. Zudem soll laut «Wochenzeitung» über die Personenfreizügigkeit debattiert werden, was Nestlé aber nicht bestätigen wollte.
Rive-Reine-Tagung – ein Geheimrat?
Nach Einbruch der Dunkelheit verschieben die rund 50 Teilnehmer ins nahe Nestlé-Tagungszentrum Rive Reine im Vorort La Tour-de-Peilz. Auserwählte, wie Hausherr und Nestlé-Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck, werden im privaten Luxuswagen vorfahren. Der Rest nimmt für die 10 Minuten Fahrt den Reisecar, wie auf dem Klassenausflug. Im ehemaligen Luxushotel (seit 1969 im Besitz von Nestlé) werden die Einflussreichen dinieren, an der Bar plaudern und später todmüde ins Bett fallen. Offizielle Beschlüsse werden keine gefasst – aber womöglich die Strategie der Schweiz für die Zukunft aufgegleist.
Kritiker sehen in der Rive-Reine-Tagung einen Geheimrat: eine unheilige Allianz von Firmenbossen und Politikern, die den Wählerwillen desavouiert. Der Autor Viktor Parma behauptet in «Machtgier – Wer die Schweiz wirklich regiert», dass der verschwiegene Kreis in strategischen Schlüsselfragen immer wieder Lösungen gefunden habe, beispielsweise im Ringen mit der EU um die Bilateralen Verträge II.
Hildebrands Todesstoss gegen Ospel
Einer, der vor vier Jahren einst für viel Wirbel gesorgt hatte, wird am Montag fehlen: Philippe Hildebrand, brillanter aber gescheiterter Präsident der Schweizerischen Nationalbank. 2008 hatte er der Wirtschaftselite zum ersten Mal aufgezeigt, mit wie wenig Eigenkapital die Schweizer Grossbank UBS damals unterwegs war – mit gefährlichen 1,5 Prozent.
Für den damaligen UBS-Präsidenten Marcel Ospel war das eine Schmach, der «Todesstoss» wie der «Tages-Anzeiger» schrieb. Zum Abendessen war Ospel nicht mehr erschienen. Rund drei Monate und eine Milliardenabschreiber später musste der einst mächtigste Banker der Schweiz seinen Sessel räumen.
An der Geheimnistuerei um die Rive-Reine-Tagung stört sich auch der SVP-Nationalrat Oskar Freysinger
Oskar
Freysinger
SVP, VS
NationalratVerbunden mit
Aucun lien d'intérêt
weitere Verbindungen anzeigen. In einer Interpellation an den Bundesrat vom 23. Dezember 2011 fragte er: «Zieht der Bundesrat eine Teilnahme an der Rive-Reine-Tagung 2012 in Betracht?» «Wer wird den Bundesrat vertreten?». Mit demselben Anliegen gelangte auch 20 Minuten Online an die Bundeskanzlei. Die Antwort: Wenn der Bundesrat nicht als ganzes Kollegium eingeladen worden sei, könne man keine Auskunft geben. Für persönliche Einladungen der Bundesräte seien die Departemente zuständig.
Wie 20 Minuten Online erfahren hat, wird einzig Wirtschaftsminister Schneider-Ammann bei der Rive-Reine-Tagung anwesend sein. «Der Dialog zwischen Wirtschaft und Politik sei wichtig», betont Schneider-Ammanns Sprecher Rudolf Christen.
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Alle 38 Kommentare

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Tagung
Hier werden unsere ach so unabhängigen Politiker auf Wirtschaft und Banken eingeseift, um nicht den härteren Ausdruck korrumpiert zu brauchen. Die Schweiz ist das einzige Land, wo diese vom Volk gewählt aber, von Wirtschaft und Banken bezahlt werden.
Wir sind nicht alleine
wäre mir da nicht so sicher ob wir das einzige land sind mit solchen umständen
"Einseifen" macht sauber
Eine Regierung hat zu tun, was das Volk will. Die (CH)-Konzerne mit all ihren Mitarbeitern sind auch ein Teil des Volkes. Also ist das alles halb so wild. Besser so, als wie z.B. in Nordkorea, wo nur ein kleiner Regierungs-Klüngel das Sagen hat, und alles kurz und klein schlägt, was nicht regelmässig zum Applaus antritt.
Welchen Zweck verfolgen Nestlé - Meeting
Brauchen wir solche Geheim-Tagungen, organisiert durch Nestlé? Nachdem SVPVertreter dort prominent vertreten sein dürften, muss man mit der nächsten Destabilisierung-Welle rechnen. Nestlé täte gut daran, solche Fêten ein für allemal zu beenden. Die Zeit dafür ist längstens abgelaufen. Charles A. Tan
Eher nicht...
Dies glaube ich eher nicht. SVP`ler sind in der Wirtschaft nicht unbedingt beliebt. FDP und CVP kommen da wohl besser weg.
@Baslerbebbi
Aber bei den Banken, siehe Abschuss Hildebrand
Tja...
Volksvertreter vertreten das Volk genau so wenig, wie Zitronenfalter Zitronen falten. Wir brauchen Vorbilder, keine Wasserprediger, die selber Wein trinken!
hehe
:) träumen darf man zum glück noch