Basler Multi am Pranger

17. April 2013 16:41; Akt: 19.04.2013 08:35 Print

Sterben Bienen wegen Syngenta-Pestizid?

von Sven Zaugg - Greenpeace macht Syngenta für das weltweite Bienensterben mitverantwortlich und fordert ein Verbot eines umstrittenes Pestizids. Das sieht auch die EU so. Der Basler Agrar-Multi wehrt sich.

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Greenpeace: «Die Syngenta-Produkte Actara und Cruiser gehören zu den bienenschädlichsten Pestiziden überhaupt.» (Bild: Keystone/Armin Weigel)

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Syngentas Wachstumszahlen sind eindrücklich: Der Agrochemiekonzern konnte seinen Umsatz im Geschäftsjahr 2012 um 7 Prozent auf 14,2 Milliarden Dollar steigern. In den Industriestaaten betrug das Wachstum 8 Prozent, in den Schwellenländern sogar 11 Prozent. Das sind Rekordzahlen – und der Basler Konzern rechnet für 2013 mit ähnlichen Wachstumsraten. Exakte Zahlen zur Wertschöpfung einzelner Produkte gibt Syngenta auf Anfrage von 20 Minuten Online nicht preis. Doch der Anteil der Pflanzenschutzmittel am Gesamtumsatz liegt laut NZZ bei rund 70 Prozent. Dieser Milliardenmarkt ist nun gefährdet.

Denn so dynamisch das Wachstum und so rosig Zukunftsaussichten des Agrochemiekonzern auch sind, so harsch war in den vergangenen Jahren die Kritik am Basler Konzern. Am Mittwochmorgen bekletterten Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace ein Syngenta-Gebäude in Basel, und brachten ein 20 auf 10 Meter grosses Plakat an, auf dem stand: «Syngenta Pesticides Kill Bees.»

EU ringt um Verbot

Greenpeace macht Syngenta mitverantwortlich für das weltweite Bienensterben. Pestizide des Agrochemie-Konzerns vergiften ganze Bienenvölker, so der Vorwurf. Insbesondere Thiamethoxam, das zur Saatgutbeizung eingesetzt oder direkt auf die Pflanze gesprüht wird, sei eines der «bienenschädlichsten» Mittel. Bereits eine geringe Dosis führt laut Greenpeace zu Flug- und Navigationsproblemen. Zudem sei die Fortpflanzungsfähigkeit reduziert und die Bienen seien anfälliger für Krankheiten.

Grundlage für die Anschuldigung bildet eine von der Umweltschutzorganisation verfasste Studie. Sukkurs erhält Greenpeace von der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), die ebenfalls auf die Gefahren des Einsatzes von behandeltem Saatgut für Bienenvölker hingewiesen hat. Zwar gebe es noch viele Datenlücken, so EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg, dennoch habe die Untersuchung «ziemlich klare» und «beunruhigende» Schlussfolgerungen ergeben über die Auswirkungen dieser Produkte auf Nektar, Pollen und aus Pflanzen austretendes Wasser.

Bundesrat hält sich vornehm zurück

Die EU-Kommission will deshalb die Wirkstoffe Thiamethoxam von Syngenta sowie Clothianidin und Imidacloprid von Bayer verbieten. Ein erster Versuch ist am erfolgreichen Lobbying der Multis in Brüssel gescheitert. Am 1. Juli wird abermals über ein Verbot befunden. In der Schweiz hält man sich derweil vornehm zurück. Zwar prüft das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW), sich einem Verbot anzuschliessen. Der Bundesrat hält jedoch fest, dass die registrierten Bienenverluste vorwiegend Winterverluste sind und hauptsächlich durch Viren und die Varroamilbe verursacht werden.

Welche Konsequenz ein Verbot der umstrittenen Wirkstoffe für Syngenta haben könnte, ist schwierig zu sagen. «Das von der EU-Kommission vorgeschlagene Verbot von Thiamethoxam würde Umsatzeinbussen von weit weniger als 1 Prozent des weltweiten Konzernumsatzes zur Folge haben», sagte ein Syngenta-Sprecher im Februar zur «Aargauer Zeitung». Validieren lässt sich diese Zahl freilich nicht – aber sie dürfte weit höher ausfallen. Greenpeace vermutet, dass Syngenta mit dem Pestizid gegen 10 Prozent des Gesamtumsatzes macht. Warum würde der Basler Konzern sonst so entschlossen gegen ein Verbot kämpfen?

Das «Versäumnis» von Greenpeace

Die Ursachen des weltweiten Bienensterbens sind noch nicht komplett erforscht. Neben Parasiten und Krankheiten, Klimawandel und dem Rückgang der natürlichen Lebensräume spielen Pestizide unbestritten eine wichtige Rolle. Das stellte ein Bericht des UN-Umweltprogramms UNEP von 2011 fest.

Im April und Mai 2008 starben in der Region Oberrhein in Baden-Württemberg zehntausende Bienenvölker. Verantwortlich dafür war das Insektizid Clothianidin von Bayer. Als Saatgutbehandlungsmittel wurde ein clothianidinhaltiges Mittel zusammen mit einem Haftmittel auf die Saatkörner aufgetragen und hätte bei der Maisaussaat direkt in den Boden gelangen sollen. Der für Bienen hochgiftige Wirkstoff wurde jedoch auf benachbarte Äcker geweht und dort von Bienen aufgenommen, die kurze Zeit später in Massen starben.

Syngenta teilt auf Anfrage von 20 Minuten Online schriftlich mit: «Greenpeace hat es versäumt, die wahren Gründe für den Rückgang der Bienenvölker zu adressieren. Dazu zählen Viren, Krankheiten sowie der Verlust von Lebensraum und Nahrungsquellen.» Zu den Ausführungen der EFSA und zur Greenpeace-Studie wollte Syngenta keine Stellung nehmen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • George am 18.04.2013 13:02 Report Diesen Beitrag melden

    Betrifft uns alle

    Neben Pestiziden, die Neonicotinoide enhalten, trägt auch das Mobilfunknetz dazu bei. Diese zerstören nachweislich den Orientierungssinn der Bienen. Die Arbeiterinnen verlieren in Folge die Orientierung und finden nicht mehr zum Binenstock zurück. Gentechnisch veränderte Pflanzungen und deren Langzeitfolgen tun ein übriges. Krankheitskeime können sich dort ausbreiten, wo eine ungünstige Situation geschaffen worden ist. Viren oder Bakterien befallen vorallem geschwächte Organismen. Deswegen ist nicht die Milbe oder ein Virus verantwortlich, sondern das geschwächte Immunsystem.

  • Biene Mai Ah am 18.04.2013 17:49 Report Diesen Beitrag melden

    Pest

    Der Name sagt es schon... Pest -izide sind die Pest für alle Lebewesen... Schützt die Biene , dann schützt ihr auch alle anderen Lebewesen! Viren und Milben können sich nur ausbreiten, weil die Bienen schon geschwächt sind!

  • Walter am 18.04.2013 16:19 Report Diesen Beitrag melden

    Doku: "Summ mir das Lied vom Tod"

    Sehenswerte Dokumentation über das Bienensterben: "Summ mir das Lied vom Tod"

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Biene Mai Ah am 18.04.2013 17:49 Report Diesen Beitrag melden

    Pest

    Der Name sagt es schon... Pest -izide sind die Pest für alle Lebewesen... Schützt die Biene , dann schützt ihr auch alle anderen Lebewesen! Viren und Milben können sich nur ausbreiten, weil die Bienen schon geschwächt sind!

  • Walter am 18.04.2013 16:19 Report Diesen Beitrag melden

    Doku: "Summ mir das Lied vom Tod"

    Sehenswerte Dokumentation über das Bienensterben: "Summ mir das Lied vom Tod"

    • Sylvia am 18.04.2013 20:05 Report Diesen Beitrag melden

      Interessanter Film

      Wirklich interessanter Film. Es ist spannend zu sehen, wie die Imker über das Thema reden und wie man sie wissentlich ignoriert. Die Lobbyisten haben eine starke Position, wenn es um die Verteidigung von Konzerninteressen geht.

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  • S. B. am 18.04.2013 15:19 Report Diesen Beitrag melden

    Pestizide = Gift für alle Lebensformen

    Wenn Pestizide versprüht werden, tragen die betroffenen Personen gute Schutzanzüge und Masken. Nun die Frage an Euch, glaubt ihr wirklich die Pestizide tun uns Menschen, Pflanzen und den Tieren gut? Wohl kaum. Also erübrigt sich die Frage von selbst, ob solche "Giftmittel" gesund oder ungesund sind. Ich rede hier nicht von Dünger, wohl gemerkt! Und weil Bienen höhst empfindliche Insekten sind, machen ihnen sowohl die Milben wie auch die Giftspritzereien Probleme! Punkt.

  • George am 18.04.2013 13:02 Report Diesen Beitrag melden

    Betrifft uns alle

    Neben Pestiziden, die Neonicotinoide enhalten, trägt auch das Mobilfunknetz dazu bei. Diese zerstören nachweislich den Orientierungssinn der Bienen. Die Arbeiterinnen verlieren in Folge die Orientierung und finden nicht mehr zum Binenstock zurück. Gentechnisch veränderte Pflanzungen und deren Langzeitfolgen tun ein übriges. Krankheitskeime können sich dort ausbreiten, wo eine ungünstige Situation geschaffen worden ist. Viren oder Bakterien befallen vorallem geschwächte Organismen. Deswegen ist nicht die Milbe oder ein Virus verantwortlich, sondern das geschwächte Immunsystem.

  • Thömu am 18.04.2013 12:07 Report Diesen Beitrag melden

    Doppelmoral hoch drei!

    OK. Dass die Pharmas nicht alles sauber durchziehen ist bekannt und zum Teil haarsträubend. Aber verurteilt nicht aus Prinzip. Welche Pillen nehmt ihr bei Kopfschmerzen? Welche Creme nehmt ihr bei Ausschlägen. Und welche Pille nehmen unsere Frauen, damit sie nicht schwanger werden? Welche für die Pille danach?... Es ist nicht nur schlechtes. Denkt daran wenn ihr das nächste mal etwas benötigt. Also gebt nicht noch den Pharmas schuld, dass es Krebs etc. gibt. Es ist unser Wohlstand und jeder einzelne, der dazu beiträgt.

    • Mario Bühlmann am 18.04.2013 12:49 Report Diesen Beitrag melden

      Pestizide

      Lieber Thömu, Aber es sind vermutlich diese Pestizide, die alle Bienen töten. Und wenn es keine Bienen mehr gibt, dann gibt es auch bald keine Menschen mehr. Also ganz einfach: verbieten, und vorher halt testen ob solche Mittel schädlich sind für die Umwelt. Aber da drücken die zuständigen Behörden ja sehr gerne mal beide Augen zu wenn es um viel Geld und Arbeitsplätze geht.....Und übrigens haben die oben genannten Pillen und Mittelchen nix zu tun mit Pestiziden, gar nix!!! Gruss Mario

    • Er Win am 18.04.2013 13:38 Report Diesen Beitrag melden

      Insektizide

      Lieber Mario, Natürlich töten Insektizide Insekten. Das ist ja die Funktion dieser Mittel. Problematisch ist lediglich der falsche Umgang und Einsatz davon! Ein falscher Umgang mit einer Kettensäge kann auch dramtische Folgen haben, denoch ist dieses Werkzeug manchmal nötig.. Und würden wir Menschen unseren Nahrungskonsum besser regulieren, wäre der Gebrauch von Insektiziden u.ä. gar nicht erst nötig...

    • Verka Ufen am 18.04.2013 17:52 Report Diesen Beitrag melden

      @ Er Win :Falscher Ansatz

      Er Win, falscher Ansatz: Es geht nicht um Nahrungsregulation sondern um Verkaufszahlen. Pharmafirmen wollen, wie jede andere Firma vor allem eines: Ihre Produkte verkaufen.

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