Ausstieg aus der Atomenergie

01. September 2011 12:02; Akt: 03.09.2011 20:52 Print

Unser Stromnetz ist überfordert

von Elisabeth Rizzi - Die Schweiz will aus der Atomenergie aussteigen. Doch Experten warnen: Unser Stromnetz ist noch gar nicht fit, um genug erneuerbare Energien zu speichern.

storybild

Wind, Sonne und Wasser sind gute Stromlieferanten. Aber unser Stromnetz benötigt bessere Speicher- und Steuermechanismen. (Bild: Keystone)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Schweiz will sich nach der Natur-Katastrophe von Fukushima vom ungeliebten Atomstrom verabschieden. Diese Woche hat im Vorfeld die Energiekommission (Urek) des Ständerats einen mittelfristigen Ausstieg mit Einschränkungen empfohlen. Nach dem Nationalrat wird am 28. September dann auch der Ständerat über den Ausstieg aus der Atomenergie debattieren.

Der Drang zu erneuerbaren Energien ist in den eidgenössischen Räten gross. Doch ein Problem zeichnet sich bei der Umstellung auf Alternativ-Energien ab. Unser Stromnetz ist schlicht nicht für sie ausgelegt. Was sich bei uns abspielen könnte, zeigt das Beispiel Deutschland, wo Sonnenenergie stark gefördert wird. «Schon heute müssen in Deutschland Fotovoltaik-Anlagen bei Sonnenschein vom Stromnetz abgekoppelt werden. Es fehlt nämlich schlicht die Kapazität, diesen Strom aufzunehmen oder zu speichern», sagt Dominique Reber. Er ist Energie-Experte beim Wirtschaftsverband Economiesuisse.

Viel mehr Speicher nötig

In der Schweiz stehe es ebenso schlecht um die Stromspeicherkapazitäten. Heute könne man hierzulande vier Wochen Strom speichern. Bei einem Atomausstieg seien jedoch Speicherkapazitäten von vier Monaten nötig, um die Schwankungen im Stromverbrauch auszugleichen so Reber. Denn Wind, Wasser und Sonne produzieren nicht immer gleichbleibend Strom, weil hier die Energiegewinnung vom Wetter abhängt.

Um die fehlende Konstanz bei der Stromproduktion zu kompensieren, wären so genannte Smart Grids nötig. Das sind intelligente Stromnetze, die Stromerzeugung, Speicherung, Verbrauch und Netzbetriebsmittel koordinieren.

Grosser Investitionsbedarf

Doch was einfach klingt, ist aufwendig und teuer. «Der Investitionsbedarf für solche Stromleitungen ist in der Schweiz zwei bis dreimal so hoch wie jener für drei neue Atomkraftwerke», warnt Michael Kaufmann, Stiftungsrat der Schweizer Energiestiftung und ehemaliger Vizedirektor des Bundesamtes für Energie. Er schätzt, dass die Schweiz in den nächsten 30 Jahren 50 Milliarden Franken für die entsprechende Aufrüstung ihrer Stromnetze aufwerfen muss.

Für Reber ist nebst diesen hohen Kosten auch fraglich, ob Smart Grid überhaupt rechtzeitig aufgebaut werden kann. «Grösstes Hemmnis in der Schweiz sind nämlich die Baueinsprachen», warnt er. Zudem sei derzeit noch gar nicht klar, wie die Smart Grids konkret ausgestaltet werden sollen.

Tatsächlich laufen hierzulande erst einige Pilotprojekte (vgl. Box). Bislang investierte der Bund bloss zwei Millionen Franken jährlich in das Themenfeld. In Ländern wie den USA oder China dagegen werden heute schon jährlich über sieben Milliarden Franken in die Erforschung und Umsetzung von Smart Grids eingesetzt.

Immerhin findet langsam ein Umdenken in der Schweiz statt. So ist das Land jetzt dem Übereinkommen für ein kooperatives Smart-Grid-Programm der Internationalen Energieagentur beigetreten.