Falsche Höflichkeit

31. Dezember 2017 15:07; Akt: 01.01.2018 04:48 Print

Darum sind Schweizer im Job nicht ehrlich

In hiesigen Büros zögern die Angestellten mit offener Kritik. Das macht das Lästern beliebt – und vergiftet das Arbeitsklima.

Wie geht man gegen Gerede und Geläster im Büro vor? HR-Experte und Buchautor Jörg Buckmann gibt im Video Tipps. (Video: 20M)
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Die Schweizer sind für ihre Zurückhaltung und Höflichkeit bekannt. Das zeigt auch der Blick ins Büro: Meinungsdifferenzen werden selten direkt ausgetragen. Höflich nicken und lächeln – das ist die Devise. Gestänkert wird später per Mail oder hinter vorgehaltener Hand mit den gleichgesinnten Arbeitskollegen auf dem Gang.

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Das Phänomen ist Business-Knigge-Beraterin Susanne Abplanalp bekannt: «Das kommt sehr häufig vor», sagt sie zu 20 Minuten. Zwar sei Lästern für die eigene Psychohygiene gut. Doch es sorge für ein schlechtes Klima im Büro und belaste die Moral. «Lästern ist ein No-go», so Abplanalp. Scheinbar seien die Schweizer so harmoniebedürftig und machten lieber gute Miene zum bösen Spiel.

«Freundschaftliches Ausweichverhalten»

Laut der Personalexperten-Plattform «HRtoday» steckt hinter diesem «freundschaftlichen Ausweichverhalten» in erster Linie die Angst, das eigene Gesicht zu verlieren oder andere blosszustellen. Heikle Themen würden daher an Sitzungen oder anderen Situationen mit mehreren Personen bevorzugt unter den Teppich gekehrt.

Das sorge jedoch für latente Spannungen und Konflikte, so der Bericht weiter. Eine ehrliche Feedback-Kultur sei so nicht möglich, das Vertrauen im Team über kurz oder lang dahin.

«Einen Knoten im Bauch»

Eine solche Erfahrungen machte auch ein Bankangestellter: Er wurde für seine Arbeit kritisiert. Gesagt hat man ihm das aber nicht ins Gesicht. «Die Person, die neben mir arbeitet, hat mir sogar gesagt, dass meine Vorschläge gut seien», zitiert ihn «HRtoday». Gleichzeitig habe sie aber ein Mail an den Chef geschickt, um sich über seine Arbeit zu beschweren. «Wenn ich jetzt in die Firma komme, habe ich einen Knoten im Bauch», so der Angestellte.

Für das Unternehmen hat solches Verhalten finanzielle Folgen: Motivations- und Produktivitätsverlust belasten die Arbeit. Mitarbeiter würden ihre Zeit nämlich damit verbringen, Hinterlistigkeiten zu entlarven und das Verhalten der Kollegen zu entschlüsseln. Irgendwann würden die besten Mitarbeiter kündigen, andere seien plötzlich öfters krank.

«Sachliches aufeinander Einprügeln»

Wie es anders gehen kann, zeigt das Beispiel Deutschland. Dort sind die Umgangsformen zwar ruppiger und rauer. Doch auch dem Chef getrauen sich Mitarbeiter schon mal die eigene Meinung zu sagen. Das kann dann durchaus zu heftigen Diskussionen führen. «HRtoday» spricht dabei von einem «sachlichen aufeinander Einprügeln». Doch am Ende würden die Beteiligten sich gegenseitig auf die Schulter klopfen und gemeinsam ein Feierabendbier geniessen.

So empfiehlt auch Knigge-Expertin Abplanalp, Probleme und Kritikpunkte offen und direkt anzusprechen. Und damit sollte man nicht zu lange zuwarten. «Denn je länger man wartet, desto intensiver ist die Missstimmung.»

Wie Schweizer über ihre Arbeitskollegen stänkern


(dob)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • lady72 am 31.12.2017 15:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ehrlichkeit?

    meine Ehrlichkeit, die im übrigen gerechtfertigt war, führte zu meiner Kündigung. was habe ich daraus gelernt: mach dir deine Gedanken aber sage kein Wort.

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  • Solala am 31.12.2017 15:18 Report Diesen Beitrag melden

    Falsch

    Nun, es ist nicht mehr gerne gesehen von Vorgesetzten, dass man ehrlich ist. Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken. Aber wieder sind die Mitarbeiter schuld... wie immer.

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  • Bern am 31.12.2017 16:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lokführer

    Wenn ich unserem Management sage was ich ehrlich von ihrer Arbeit halte, werde ich gemobbt und bald stehe ich au def Strasse...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Frank N. am 05.01.2018 13:02 Report Diesen Beitrag melden

    Unbedingt ehrlich

    Als Cheffin/Chef muss man nicht alles können und alles wissen, denn dafür hat man ja die MA´s. Und genau die MA´s sind es, die ein Unternehmen am Ende ausmachen. Ergo bin auch ich für jede konstruktive Kritik der Mitarbeiter/Innen froh und dankbar, denn sie zeigen somit auch Engagement und bringen sich ins Unternehmen ein, was demselbigen zugute kommt.

  • Seeland am 04.01.2018 13:43 Report Diesen Beitrag melden

    CH - ultramontan

    Offene Kritik wird am Arbeitsplatz vom Chef drakonisch bestraft. Die Schweiz ist nicht so weit in der Arbeitsklima wie die Nordeuropa: Schweden, Finnland oder Norwegen. Schweiz ist in diesem Bereich nur noch ultramontan

  • Chnusti am 04.01.2018 12:08 Report Diesen Beitrag melden

    Der Unterschied

    Offene und konstruktive Kritik wird von vielen Führungsverantwortlichen als ein Scheitern/Zweifel an Ihrer Person sprich Kenntnissen wahrgenommen. Deshalb gilt es zu unterscheiden: "Vorgesetzte", die einfach wie eine Dose Ravioli vorgesetzt werden und Chefs die Kritik vertragen können.

  • Frau Chef am 03.01.2018 12:56 Report Diesen Beitrag melden

    selbst schuld...

    Das Hauptproblem liegt darin, dass viele Chef-Zeitgenossen nicht wissen wie mit Kritik umgehen - mir selber ist es wichtig zu wissen, was meine Mitarbeiter denken, resp. was sie anders machen würden....wenn sie dies nicht mehr aussprechen dürfen, pinkle ich mir selbst ans Bein - nämlich damit, dass ich weniger engagierte MA's habe.

  • A. R. Beiter am 03.01.2018 12:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jeder Chef hat die Mitarbeiter die er verdient

    und umgekehrt auch: Jede/r hat den Chef, den er/sie verdient. Wenn es nicht mehr passt da wo du bist, dann such das Weite.

    • S.M.O.S am 03.01.2018 23:18 Report Diesen Beitrag melden

      nicht immer

      Wenn es so einfach wäre....

    • Liberatat am 04.01.2018 13:45 Report Diesen Beitrag melden

      @A.R.Beiter

      Typisch "Chef", der mit der offenen Kritik nichts am Hut hat...

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