Individuelle Rabatte

01. August 2017 06:51; Akt: 02.08.2017 10:29 Print

Wo es überall schon dynamische Preise gibt

von K. Wolfensberger - Was die SBB prüft, ist andernorts schon Realität: Je nach Kunde, Uhrzeit oder Nachfrage wechseln die Preise. Am schwersten mit dem Konzept tut sich der Detailhandel.

Wann empfinden wir dynamische Preise als gerecht und wann nicht? Experten geben Auskunft im Video (Quelle: 20 Minuten).
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In Geschäften bezahlen alle Kunden jederzeit denselben Preis: Diese Regel des Handels ist heute nicht mehr sakrosankt. Aktuell prüft die SBB, ob die Läden in Bahnhöfen sogenannte dynamische Preise einführen sollen. Je nach Tageszeit, Wetter oder Konkurrenzsituation würden die Preise dann schwanken. In welchen weiteren Bereichen sind dynamische Preise schon Realität? Eine Übersicht.

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Insgesamt 4062 Teilnehmer

• Online-Elektronikhändler
Viele Online-Elektronikhändler passen ihre Preise teilweise mehrmals täglich an. Sie orientieren sich nicht nur an der Nachfrage auf dem Markt, sondern reagieren auch auf Preisnachlässe der Konkurrenz. Ebenfalls eine Rolle spielt die Verfügbarkeit einer Ware auf dem Markt. Die dynamische Preisgestaltung ermöglicht den Händlern bei beliebten Artikeln eine Umsatzsteigerung von bis zu 30 Prozent.

• Hotels
Wer ein Hotel über eine Plattform wie Booking.com bucht, wird bei fast jedem Besuch der Website mit anderen Preisen für ein- und dasselbe Zimmer konfrontiert. Die Plattformen achten darauf, ob ein Besucher die Website schon öfter besucht hat. Bei jedem Ansehen steigt der Preis leicht. Die potentiellen Gäste erhalten so den Eindruck, dass das Hotel schon fast ausgebucht ist.

• Uber
Taxi-Anbieter wie die amerikanische Firma Uber kennen in Momenten hoher Nachfrage das sogenannte «Surge Pricing». Bei diesem werden die Preise mit einem je nach Situation unterschiedlich hohen Faktor multipliziert, der den Kunden aber transparent angezeigt wird. «Die dynamische Preisgestaltung ist ein Weg, um die Verfügbarkeit von Fahrzeugen sicherzustellen», begründete Ex-Uber-Schweiz Chef Rasoul Jalali den Zuschlag gegenüber 20 Minuten. Dank der höheren Preise würden mehr Fahrer motiviert, arbeiten zu gehen, womit Passagiere weniger lang auf ein freies Fahrzeug warten müssten.

• Amazon
Bei den Onlinehändlern ist Amazon der Pionier der dynamischen Preissetzung. Tests unabhängiger Experten haben gezeigt, dass zum Beispiel der Preis eines iPhones innerhalb von bloss einer Stunde auf Amazon.de locker um 100 Euro variieren kann. Die maximale Preisspanne bei Elektronikprodukten im Verlauf eines Tages kann bis zu 240 Prozent betragen. Für die Änderung der Preise sind dabei oftmals komplexe Algorithmen zuständig, die für den Internet-Giganten die Marge erhöhen sollen.

• Skigebiete
Ski fahren ist ein typischer Schönwetter-Sport. Um dies zu verändern, haben sich dieGebiete Pizol und Belalp entschieden, ein Konzept mit dynamischen Preisen einzuführen. Je schlechter das Wetter, desto mehr sinken die Preise. Bei richtigem Hundewetter bezahlen die Kunden in Belalp für die Tageskarte noch 28 statt 56 Franken. Die Wetterdaten, mit denen berechnet wird, wie stark der Preis sinkt, stammen von SRF-Meteo.

• Flüge
Einer der Vorreiter von dynamischen Preisen ist die Airline-Branche. Je nach Zeitpunkt und Nachfrage ändern sich die Preise für Flüge. Laut Experten gelingt es der Branche gut, vielen Kunden das Gefühl zu geben, sie hätten ein Schnäppchen gelandet. Die schwankenden Preise sind bei den Kunden daher relativ gut akzeptiert.

• Bahnreisen
Schon lange vor der SBB bot die deutsche Bahn Sparbillette an. Bei diesen Tickets müssen im Gegensatz zu regulären Billetten Datum und Uhrzeit genau festgelegt werden. Mit grossen Werbekampagnen machte die Bahn auf die Tickets, die theoretisch ab 29.90 Euro erhältlich sind, aufmerksam und kopierte damit Airlines.

• Parkplätze
Parkieren kann die Hölle sein. Oft gibt es keine freien Parkplätze. San Francisco löst dieses Problem nun mit dynamischen Preisen. Die Belegung innenstädtischer Parkplätze wird elektronisch gemessen. Sind sie im Schnitt in mehr als 85 Prozent der Zeit belegt, steigt die Gebühr pro Stunde alle drei Monate um 25 Cent. Ist die die Belegung tiefer, sinken die Preise um denselben Betrag. Die Autofahrer erhalten einen finanziellen Anreiz, auch weniger zentral gelegene, dafür günstigere Parkplätze zu nutzen.

Der Vergleich der verschiedenen Branchen und Unternehmen zeigt: Die dynamische Preisgestaltung funktioniert unterschiedlich. Sie lässt sich aufgrund der Tageszeit, als Reaktion auf das Verhalten der Konkurrenz, nach Wochentag, nach Wetter oder aufgrund von Veränderungen bei der Nachfrage anwenden. Auffällig ist auch: Ausser im Rahmen von Pilotversuchen wird das Konzept im Detailhandel und im Convenience-Markt bisher nicht oder kaum angewandt. Die SBB wären bei einer definitiven Einführung in ihren Bahnhofsläden also Vorreiter in dem Bereich.

Kunden haben kein Verständnis

Für den Wirtschaftspsychologen und Hochschuldozenten Christian Fichter ist der Grund klar: Im Gegensatz zu anderen Branchen werden individuelle Rabatte und dynamische Preise von den Kunden im Detailhandel als unfair erachtet. Der Konsument frage sich: «Wieso soll das Zahnbürstchen hier mehr kosten als anderswo?»

Auch Führungskräfte aus dem Detailhandel stehen einer Einführung von dynamischen Preisen im Detailhandel eher kritisch gegenüber, wie eine aktuelle Studie des Beratungsbüros Fuhrer & Hotz zeigt. Nur ein Viertel der befragten Fachleute befürwortet eine Einführung im Convenience-Markt. Umgekehrt lehnen 30 Prozent der befragten Experten dynamische Preise in dieser Branche dezidiert ab.

Kebab ist spätabends teurer

Sollte es trotzdem zu einer Einführung dynamischer Preismodelle im Convenience-Handel kommen, sehen die Experten primär Anwendungsmöglichkeiten nach Tageszeit. Ein Beispiel, das es schon heute gibt und von Kunden relativ gut akzeptiert wird: In gewissen Kebab-Läden kostet der Döner spätabends mehr als zu normalen Tageszeiten.

Beinahe jeder Dritte der befragten Experten kann sich ausserdem gut dynamische Preisanpassungen als Reaktion auf das Preisverhalten der Konkurrenz vorstellen. Eher wenig Anklang findet dagegen die Idee, Preise gewisser Produkte bei Sonnenschein beziehungsweise Regen anzupassen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Cogito ergo sum am 01.08.2017 07:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vorbereitung ist schon im Gange

    Das wird also der wahre Grund sein, dass der Preis einer Ware nicht mehr auf der Packung angeschrieben ist. Nur so können dynamische Preise ohne grossen Aufwand durchgezogen werden.

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  • Amina123 am 01.08.2017 07:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    anpassung?

    leider hab ichs befürchtet...30% mehr gewinn...und der konsument wird so ein weiteres mal über den tisch gezogen... bei lebensmitteln sollte das generell nicht eingeführt werden.fände es auch sehr fragwürdig,für ein glace bei 30crad mehr zu bezahlen als wenn ich lust auf ein glace habe bei 20crad. immer nur kunden ausbeuten,so kommts mir vor...

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  • Quasi Modo am 01.08.2017 07:09 Report Diesen Beitrag melden

    Der grosse Unterschied

    Bei Freizeit, Spass und Unterhaltung hat man Entscheidungsfreiheit im Gegensatz zu Notwendigem wie ein Zugbillet z.B. zu einem Vorstellungsgespräch oder einem Regenschirm wenn's regnet. Bei den erstgenannten funktioniert es eben auch in die andere Richtung, man kann kaufen wenn's billiger ist.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Orlando am 02.08.2017 16:52 Report Diesen Beitrag melden

    Betrug am Kunden ist vorprogrammiert

    Ein Preis ist am Gestell angeschrieben und auf dem Weg zur Kasse wird schnell mal 30% aufgeschlagen. Nur noch Abzocke überall.

  • Peter S am 01.08.2017 13:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tankstellen

    haben dynamische Preise schon seit Jahr und Tag.

  • Dr. Stolte am 01.08.2017 13:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wenn ich herausfinde

    dass ich beim Laden X mehr bezahlen soll als beim Laden Y hat mich Laden X als Kunde verloren. Sieger ist immer der Günstigste. So einfach ist das.

  • J. Dee am 01.08.2017 13:29 Report Diesen Beitrag melden

    Dynamik

    In 30 min. mit dem Auto von der Stadt Zürich nach Deutschland zur EDEKA.... wenn die Grossverteiler dynamische Preise haben, haben die Konsumenten dynamische Einkaufsorte.

  • oekh am 01.08.2017 13:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    viel mehr Food Waste mit flexiblen Preisen!

    Leute würden gewisse Artikel dann kaufen, wenn sie gerade günstig sind - nicht weil sie es sofort brauchen! Ein Konsument bräuchte dann mehr Platz für seine Hamsterkäufe, Produkte mit Haltbarkeitsdatum werden demzufolge vermehrt entsorgt, weil zu viel eingekauft wurde! Tolle Sache, wenn sich die Händler zum einen gegen Food Waste einsetzen wollen und zum anderen solche Spielchen treiben!